Krimi-Kritik: „Ein Licht im Zimmer“ von Matthias Wittekindt

Merkwürdige Dinge geschehen in der kleinen Hafenstadt Bauge in der Bretagne: Ein abgetrenntes Bein wird gefunden, später wird eine Frau im Park überfallen. Für die Anwohner stehen schnell die Chinesen als Verdächtige fest, die an der Küste das verhasste Strömungskraftwerk bauen. Und da die Leiterin des Reviers gerade in einer psychiatrischen Klinik behandelt und eine Eskalation der Situation befürchtet wird, landet Sergeant Ohayon aus Fleurville in der trüben Stadt am Meer. Die drohende Depression bekämpft er mit Orangensaft, gegen die Kälte kauft er sich einen roten Blouson, und dann versucht er in aller Ruhe den Beziehungen und Verbindungen in dieser kleinen Stadt nachzuspüren.

(c) Edition Nautilus

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Dort ist es grau, meist nieselt es – und ebenso leise, langsam und schwer zu durchschauen ist dieser Roman. Scheint Ohayon anfangs nach einem Serienmörder zu suchen, bekommt er es schon bald mit einem Buchclub, verschwundenen Jugendlichen und einem Unfall mit Fahrerflucht zu tun. Dabei sind die Taten ebenso wie die Ermittlungen unspektakulär, fast beiläufig fügen sich Details zusammen. Die Familien, denen Ohayon während seiner Nachforschungen begegnet, scheinen austauschbar, die Perspektiven wechseln, nicht alles wird bis ins letzte auserzählt. Teilweise passt es ganz gut – insbesondere bei dem Handlungsstrang um die Mädchen –, bei anderen verbleibt es bei Beobachtungen und Details, die dann letztlich doch keine Bedeutung haben. Die Sicht ist ein wenig verstellt, fast als versuche man durch eine Brille bei Nieselregen zu schauen. Aber ebenso wie Ohayon entwickelt man beim Lesen ein Interesse an den Vorgängen dieser Stadt, an der Komplexität der Verbindungen und Beziehungen. Deshalb ist es letztlich nicht wichtig, dass die Suche nach dem Hammermörder nur ein kleiner Nebenhandlungsstrang ist und die Aufklärung recht unspektakulär vonstattengeht, vielmehr verweilt man einfach an diesem Ort an der französischen Küste.

„Ein Licht im Zimmer“ ist der dritte Roman mit Sergeant Ohayon, für mich war es die erste Begegnung mit ihm. Dabei erinnerte er mich ein wenig an Kommissar Adamsberg, seine Verlorenheit in scheinbar unbedeutenden Details, an die Wolkenschaufelei des Kollegen – allerdings hat Ohayon ein funktionierendes Privatleben und eine Art Pragmatismus, die dem berühmteren Kollegen fehlt, er ist zudem weniger intellektuell und genial veranlagt hat.

Matthias Wittekindt: Ein Licht im Zimmer. Edition Nautilis 2014.

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