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Jüdisches Leben – Über „Sangre Kosher“ von María Inés Krimer und „Get – Der Prozess der Viviane Amsalem“

Manchmal gibt es großartige Zufälle. Bereits im Oktober letzten Jahres habe ich einen Screener zu dem israelischen Film „Get – Der Prozess der Viviane Amsalem“ bekommen, den ich für kino-zeit.de besprechen sollte. Aber dann wurde der Starttermin verschoben, also lag der Film (wie so oft) einige Wochen hier, bevor ich ihn Anfang Januar tatsächlich gesehen habe. In derselben Woche las ich dann das Buch „Sangre Kosher“ von María Inés Kirmer, das ebenfalls schon einige Zeit auf meinem Lesestapel verbracht hat. Das eine ist nun ein formal strenger Film, das andere ein trockenhumoriger Kriminalroman, in ersteren geht es um eine Verhandlung vor drei Rabbinern, in zweitem um eine verschwundene junge Frau. Beide thematisieren jedoch auf höchst unterschiedliche, aber ähnlich nachdrückliche Art und Weise die Stellung der Frau im Judentum.

Die Macht des Mannes

Viviana Amsalem (Ronit Alkabetz) (c) Salzgeber Film

Viviana Amsalem (Ronit Alkabetz) (c) Salzgeber Film

Ausgangspunkt des Films der Geschwister Ronit und Elkabetz ist der Versuch von Viviana Amsalem, den Get, den Scheidungsbrief zu bekommen. In Israel gibt es keine staatliche Ehe, deshalb gelten bei einer Scheidung allein religiöse Gesetze, die eine Zustimmung des Ehemanns zwingend vorsehen. Obwohl Viviane schon längere Zeit von ihrem Ehemann Elisha getrennt lebt, verweigert er ihr diese Zustimmung. Also versucht Viviane ihn mittels einer Anhörung vor drei Rabbis zu überzeugen, der Trennung zuzustimmen. Anfangs sind die Rabbis eher daran interessiert, den jüdischen Haushalt aufrechtzuerhalten, sie sehen im Verlauf des fünfjährigen Prozesses aber ein, dass diese Ehe geschieden werden sollte. Jedoch scheitern auch sie an der Starrsinnigkeit des Mannes. Damit untermauert der Film eindrucksvoll, welche unvorstellbare Machtposition der Mann in dieser Situation hat – und erzählt von dem Kampf einer Frau um ihre Freiheit.

Die Stellung der Frau

(c) diaphanes

(c) diaphanes

Letztlich erringt Viviana Amsalem ihre Freiheit nur, indem sie einen Teil ihrer Selbstbestimmung aufgibt. Dabei steht der Film eindeutig auf ihrer Seite, verweigert sich aber einer Schwarzweiß-Zeichnung, sondern weist auf die Auswirkungen dieser Regelung hin. Ähnlich differenziert beleuchtet María Inés Krimer das jüdische Leben in Buenos Aires. Die pensionierte Archivarin und Hobby-Detektivin Ruth Epelbaum wird von dem Juwelier Chiquito Gold beauftragt, dessen Tochter Debora zu suchen. Ruth befürchtet, das schöne Mädchen könnte von der Zwi Migdal entführt worden sein, einer Geheimgesellschaft, die sich in den 1930er Jahren mit Menschenhandel und Prostitution von Frauen aus den osteuropäischen Schteteln finanzierte und deren Aktivitäten eigentlich als beendet gelten. Jedoch hat Ruth schon länger den Verdacht, dass die Zwi Migdal weiterhin im Verborgenen agiert. Sie recherchiert, fragt nach und entdeckt schließlich, was und wer hinter dem Verschwinden von Debora steckt. Dabei sinniert sie unter anderem über die Natur der Männer der Zwi Migdal. „Dass die Zuhälter keinerlei Hemmungen zeigten, Frauen aus ihrer eigenen Gemeinschaft auszubeuten, musste auch mit der Stellung der Frau in ihrer Religion – in der Synagoge – zu tun haben.“ Im orthodoxen Judentum agieren Frauen und Männer getrennt, beim Gottesdienst sitzen die Frauen auf der Empore – und um die Scheidung zu erlangen, ist die Zustimmung des Mannes erforderlich.

Maria Inés Krímer (c) Alejandro Guyot

Maria Inés Krímer (c) Alejandro Guyot

Mit Ruth Epelbaum hat María Inés Krimer eine wunderbar unaufgeregte Hauptfigur mit einer Schwäche für Bonbons und Kontaktanzeigen geschaffen, die ihre Fälle bei einem Tee mit ihrer Haushälterin überdenkt – und dennoch alles andere als betulich ist. Sie macht sich keine Illusionen mehr vom Leben, stattdessen stürzt sie sich mit trockenem Humor und recht viel Glück in die Nachforschungen, durch die in „Sangre Kosher“ ein Kriminalfall mit Überlegungen zur Geschichte und Gegenwart der jüdischen Gemeinde in Argentinien verbunden werden. Dabei werden in diesem Roman – ungeachtet ihrer offiziellen Stellung – alle wichtigen Hinweise und Handlungen von Frauen gegeben bzw. durchgeführt. Die Männer hingegen agieren meist im Verborgenen oder sind ein One-Night-Stand. Denn ebenso wie Viviana Amsalem hat auch Ruth Epelbaum die Regeln verinnerlicht, sich aber innerhalb dieses Rahmens einen eigenen Raum geschaffen. Und von ihrem Mann ist sie schon lange getrennt.

„Get – Der Prozess der Viviana Amsalem“ startet am 15.01. in den Kinos.

María Inés Kirmer: Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal. Übersetzt von Peter Kultzen. Diaphanes 2014.

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