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Gelesen – Februar 2014

Der Februar war gesundheitsbedingt kein guter Lesemonat, stattdessen habe ich einige Serienfolgen und Filme mehr gesehen. Aber immerhin sechs Bücher sind es geworden:

GelesenFeb14

Achim Forst: „Das Kino des Lars von Trier”
Eine Einführung zu Lars von Trier, die nur bis „Idioten“ geht und von dem Versuch geprägt ist, die Bedeutung dieses Filmemachers herauszustellen. Aber Achim Forst hat viele interessante Interviews geführt und widmet sich auch von Triers Fernseharbeit recht ausführlich.

Jan Costin Wagner: „Tage des letzten Schnees”
Ein sehr schöner, melancholischer Kriminalroman, über den ich hier etwas geschrieben habe.

Nick Hornby: „A Long Way Down”
Anlässlich des Kinostarts habe ich diesem Buch eine zweite Chance gegeben, nachdem ich es vor Jahren bereits angefangen und nicht fertig gelesen habe. Aber so richtig begeistern kann mich Hornby immer noch nicht.

Jonas T. Bengtsson: „Submarino”
Eine packende Geschichte von zwei Brüdern in Kopenhagen, die von Tobias Lindholm verfilmt wurde. Den Film muss ich noch sehen, aber das Buch hat mich sowohl sprachlich als auch von der Handlung her sehr überzeugt.

Daniel Woodrell: „In Almas Augen”
In kurzen Kapiteln erzählt Daniel Woodrell von einem verheerenden Brand in einer Tanzhalle in den Ozark Mountains. Großartig. Ein Beitrag folgt.

Ross Thomas: „Gelbe Schatten”
Als ich vor einiger Zeit mit Ross Thomas angefangen habe, bekam ich auf Twitter von einem Kollegen die Rückmeldung, er beneide mich darum, dass ich diesen Autor neu entdecken darf. Schon nach dem ersten Band wusste ich, warum – und „Gelbe Schatten“ ist ebenso raffiniert und spannend wie „Kälter als der Kalte Krieg“

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Krimi-Kritik: „Shining Girls“ von Lauren Beukes

Von dem Leuchten in ihren Augen wird Harper Collins magisch angezogen. Er hat es bei Kvirby gesehen, als er sie im Jahr 1974 das erste Mal besuchte, und 15 Jahre später kehrte er zurück, um sie zu ermorden. Jedoch misslingt ihm das Vorhaben, Kvirby überlebt schwerverletzt und ist fortan von dem Gedanken besessen, ihren Mörder zu finden. Deshalb fängt sie bei einer Zeitung an und versucht, den Kriminalreporter Dan zur Mithilfe zu überreden. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche. Mit einem haben beide allerdings nicht gerechnet: Ihr Serienmörder reist durch die Zeit.

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Die Ausgangsidee eines zeitreisenden Serienkillers ist interessant, zudem spiegelt sie sich in der Erzählstruktur wider: Die kurzen Kapitel spielen in verschiedenen Jahren zwischen 1929 und 1993 und sind aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Harper, Kvirby und Dan treten mehrfach in Erscheinung, aber auch ihre Entwicklung verläuft nicht chronologisch, sondern die Erzählung springt ebenso wie Harper durch die Zeit. Dadurch kommen Harpers andere Opfer zu Wort und beim Lesen erlebt man Chicago in den verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Perspektiven. Außerdem bekommt Harper die Gelegenheit, vermeintliche Fehler wieder auszugleichen – und setzt damit die Regel außer Kraft, dass jeder Mörder früher oder später einen Fehler macht.

Sofern man sich auf die Grundidee des Buches einlassen kann, die fantastischen Elemente akzeptiert und damit leben kann, dass Lauren Beukes nicht alles erklärt, ist „Shining Girls“ ein spannender und unterhaltsamer Thriller, der voller kleiner Ideen steckt und ein tolles Cover hat. Leonardo DiCaprio hat sich bereits die Filmrechte gesichert.
Lauren Beukes: Shining Girls. Übersetzt von Karolina Fell. Rowohlt 2014.

Andere:
Krimi-Welt

Verlosung:
Nachdem ich zwei Leseexemplare dieses Buch erhalten habe, darf ich mit freundlicher Erlaubnis des Rowohlt Verlags eines hier im Blog verlosen. Wenn ihr Lauren Beukes‘ Thriller gerne lesen möchte, hinterlasst bitte bis zum 14. März 2014 unter diesem Beitrag einen Kommentar mit kurzer Begründung, warum ihr das Buch gewinnen möchtet. Der Gewinner wird ausgelost. Nur eine Teilnahme pro Haushalt.

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KrimiZeit-Bestenliste März 2014 – Ein Abgleich

Nachdem ich im Februar den Abgleich versäumt habe, steige ich nun im März wieder ein. Hier ist sie, die KrimiZeit-Bestenliste (Platzierungen in Klammern geben den Vormonat an):

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

1 (-) David Peace: „GB84“
2 (7) Jan Costin Wagner: „Tage des letzten Schnees“
3 (3) Jesper Stein: „Unruhe“
4 (6) Zoë Beck: „Brixton Hill“
5 (-) Daniel Woodrell: „In Almas Augen“
6 (8) Dennis Lehane: „In der Nacht“
7 (5) Martin Cruz Smith: „Tatjana“
8 (10) Uta-Maria Heim: „Wem sonst als Dir.“
9 (4) Friedrich Ani: „M“
10 (-) Karim Miské: „Entfliehen kannst Du nie“

Immerhin fünf Titel habe ich bereits gelesen, der sechste – „Unruhe“ – wird voraussichtlich am Wochenende folgen. Sehr gefreut habe ich mich über den ersten Platz für David Peace, von dessen „GB84“ ich schlichtweg begeistert bin. Deshalb kann ich nur wiederholen: Ja, der Anfang ist mühsam, ja, die Nebenhandlung auf der Seite ist sehr klein gedruckt, ja, es ist alles ein wenig schwierig zu lesen. Aber alleMühe lohnt sich ungemein! Über Jan Costin Wagner, Zoë Beck und Dennis Lehane habe ich bereits etwas geschrieben, sie gehören auch für mich eindeutig zu den besten Krimis der letzten Monate.

Daniel Woodrells „In Almas Augen“ hat mir ebenfalls sehr gut gefallen (Beitrag folgt), als Krimi würde ich das Buch nicht unbedingt sehen, aber da war ich bereits bei Carl Nixons „Rocking Horse Road“ strenger als die Jury. Es geschieht zwar in beiden Büchern ein Verbrechen, allerdings steht für mich die Aufklärung zu wenig im Vordergrund.

Von den anderen vier Titeln hat mich vor allem der Satz der Jury neugierig gemacht, dass in Karim Miskés „Entfliehen kannst du nie“ „Wut, Drogen, Freud und Ellroy“ stecke. Von Uta-Maria Heim habe ich bisher nur „Feierabend“ gelesen, das Buch konnte mich nicht überzeugen. Aber schön ist, dass immerhin zwei Frauen und vier deutschsprachige AutorInnen auf der Liste stehen.

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„Carl Theodor Dreyer – My Metier“ – Dokumentation von Torben Skjødt Jensen

(c) Studicanal

(c) Studicanal

„Vampyr“ ist ein Klassiker des Horrorfilms, „La passion de Jeanne d’Arc“ eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte; „Gertrud“ und „Vredens Dag“ haben dem personalisierten Kamerastil den Weg geebnet und seine Blicke in die Psyche einer weiblichen Hauptfigur sowie die Strukturen einer geschlossenen Gemeinschaft sind bemerkenswert – der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1898-1968) hat die Filmgeschichte maßgeblich mitbestimmt und bis heute großen Einfluss auf Filmemacher wie Lars von Trier. Mit seiner Dokumentation „Carl Theodor Dreyer – My Metier“, die in der Criterion Collection und der ARTHAUS-Dreyer-Collection enthalten ist, ermöglicht Torben Skjødt Jensen nun einen Einstieg in Dreyers Werk.

Gut 90 Minuten lang folgt Torben Skjødt Jensen chronologisch Dreyers Leben und Filmschaffen, in dem er Interviews mit Weggefährten mit Filmausschnitten und Zitaten verbindet. Dabei sind die Einsichten und Geschichten seiner Gesprächspartner unterhaltsam und informativ, insbesondere über Dreyers Umgang mit Schauspielern ist durch die Gespräche mit Clara Pontoppidan (Hauptdarstellerin in „Blade af Satans bog“), Hélène Falconetti (Tochter von Jeanne-Darstellerin Maria Falconetti), Lisbeth Movin (Hauptdarstellerin in „Vredens Dag“), Preben Lerdorff-Rye („Vredens Dag), Baard Owe und Axel Strøbye („Gertrud“) viel zu erfahren. Jedoch fehlen tiefere Einsichten in das Werk Dreyers, in seine kompositorische und bildnerische Arbeit sowie den Stil seiner Filme. Das ist insbesondere angesichts der Interviews mit dem Kameramann Henning Bendtsen („Ordet“, „Gertrud“) sowie dem Kameramann und Regisseur Jørgen Roos zu bedauern, die gute Einsichten in Dreyers Arbeitsweise hatten. So war Roos der einzige, der ein Filmporträt von Dreyer zu dessen Lebzeiten drehen durfte. Jedoch zieht Torben Skjødt Jensen hier Anekdoten einer tiefergehenden Beschäftigung vor. Diese Oberflächlichkeit erlaubt aber auch eine einfache erste Annäherung an diesen Filmemacher, daher ist „Carl Theodor Dreyer – My Metier“ insbesondere als Einstieg zu empfehlen – und für alle Dreyer-Fans, die Interesse an Interviews mit Zeitzeugen haben.

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Oscar 2014 – Ein Rückblick und alle Gewinner

Nett. Mit diesem Wort lässt sich die diesjährige Oscarverleihung zusammenfassen. Und damit meine ich nicht die kleine Schwester von ihr-wisst-schon, sondern die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: Es war ein netter Abend ohne große Höhepunkte und Ausfälle. Gewonnen haben mehrheitlich die Favoriten, es gab launige Witze von Moderatorin Ellen DeGeneres und keine peinlichen Aussetzer auf der Bühne. Die schönsten Kleider trugen Cate Blanchett und Lupita Nyong’o; die besten Dankesreden hielten Jared Leto und Cate Blanchett und die unterhaltsamsten Dankesreden waren von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez sowie Spike Jonze. Pharell Williams hat mit Meryl Streep getanzt und Robert de Niro war tatsächlich lustig, aber mir hat eine große Musiknummer gefehlt. Auch hätte ich mir von Ellen mehr Moderation gewünscht, sie war sehr viel im selben Teil des Zuschauerraums unterwegs – und der Pizza-Gag wurde überstrapaziert. Doch insgesamt war es eine unterhaltsame Veranstaltung.

Bei den Preisen habe ich mich am meisten über den Drehbuch-Oscar für Spike Jonze gefreut, am meisten aufgeregt über den Dokumentarfilm-Oscar, der nicht an „The Act of Killing“, sondern „20 Feet to Stardom“ ging. Aber selbst damit hatte ich fast schon gerechnet – „The Act of Killing“ ist zu komplex und zu schwierig, um eine Mehrheit der Mitglieder zu überzeugen. Erleichtert bin ich hingegen, dass „American Hustle“ keinen Oscar erhalten hat. Dadurch konnte ich mir für die kommenden Jahre noch den winzigkleinen Rest Optimismus bewahren, dass die Academy nicht immer auf Oberflächlichkeit hereinfällt. Klar, es sind die Oscars, da geht es nicht um richtig oder falsch (auch wenn viele das so sehen), noch nicht einmal um gut oder schlecht (sonst würden nicht so oft die ‚richtigen‘ Schauspieler für mäßige Rollen gewinnen), sondern es ist eine Abstimmung, bei der sich meist diejenigen Filme durchsetzen, die der Mehrheit gefallen. Und das sind in der Regel eben keine kontroversen oder gar visionären Werke. Doch damit komme ich schon zur letzten Erkenntnis des Abends: David O. Russell reimt sich auf „American Hustle“.

Alle Gewinner im Überblick: Weiterlesen

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Oscar 2014 – Wer wird gewinnen?

Bisher habe ich mich ja mit meiner Oscar-Berichterstattung gepflegt zurückhalten, aber auf den obligatorischen „Wer wird gewinnen“-Beitrag will ich nicht verzichten. In den letzten Jahren habe ich es meist in der „wird/könnte/sollte“-Form gemacht, aber in diesem Jahr ist das Feld in vielen Kategorien so ausgeglichen und einige meiner Favoriten fehlen schon unter den Nominierten, deshalb habe ich es mir manchmal etwas leichter gemacht. (Eine Übersicht über alle Nominierten findet ihr hier.)

Film:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Wird gewinnen: „Gravity“
Könnte gewinnen: „12 Years a Slave“
Sollte gewinnen: „Gravity“

Diese Kategorie fällt mir sehr schwer, vor allem habe ich „Her“ bisher leider nicht gesehen. Ich schätze Spike Jonze sehr, daher vermute ich, dass mir dieser Film am besten gefallen wird – aber ich weiß es nun einmal nicht. Abgesehen von „American Hustle“ wäre ich mit jedem Gewinner einverstanden, allerdings glaube ich, dass „Gravity“ unter den Nominierten der Film ist, der langfristig das Filmemachen verändern wird.

Regie:

Alfonso Cuarón (c)  Warner Bros.

Alfonso Cuarón (c) Warner Bros.

Wird gewinnen: Alfonso Cuarón, „Gravity“
Sollte gewinnen: Alfonso Cuarón, „Gravity“
Könnte gewinnen: Steve McQueen, „12 Years a Slave“

Trost aller Sympathie für Steve McQueen, ist in meinen Augen Alfonso Cuaróns Leistung in „Gravity“ herausragend. Deshalb ist er mein Favorit.

Hauptdarsteller:

Matthew McConaughey (c) Ascot Elite

Matthew McConaughey (c) Ascot Elite

Wird gewinnen: Matthew McConaughey, „Dallas Buyers Club“
Könnte gewinnen: Bruce Dern, „Nebraska“
Sollte gewinnen: Robert Redford, „All is lost“ 😉

Diese Kategorie ist so ausgeglichen und ich bin immer noch fassungslos, dass Redford nicht nominiert wurde, dass es mir im Grunde genommen egal ist, wer gewinnt. Es sind alles typische Oscar-Rollen, allerdings hat Matthew McConaughey den Karriereschub und das Momentum auf seinerSeite. Allerdings habe ich das leise Gefühl, dass bei den vielen älteren Academy-Mitgliedern Bruce Derns „jetzt gebt mir endlich einen Preis“-Kampagne größeren Erfolg hat als bei anderen Preisen, deshalb sehe ich ihn – und nicht Leonardo DiCaprio – als größte Konkurrenz für McConaughey.

Hauptdarstellerin:

Cate Blanchett (c) Sony Pictures Classics/Merrick Morton

Cate Blanchett (c) Sony Pictures Classics/Merrick Morton

Wird gewinnen: Cate Blanchett, „Blue Jasmine“
Sollte gewinnen: Cate Blanchett, „Blue Jasmine“
Könnte gewinnen: alle anderen

Als ich „Blue Jasmine“ gesehen habe, war mein erster Gedanke, dass Cate Blanchett hierfür einen Oscar erhalten wird. Sie ist in diesem Film schlichtweg sensationell. Die Frage ist lediglich, ob ihr die Diskussionen über Woody Allen schaden. Sollte das geschehen sein, ist das Rennen sperrangelweit offen.

Nebendarsteller:

Jared Leto (c) Ascot Elite

Jared Leto (c) Ascot Elite

Wird gewinnen: Jared Leto, „Dallas Buyers Club“
Sollte gewinnen: Jared Leto, „Dallas Buyers Club“
Könnte gewinnen: Barkhad Abdi, „Captain Phillips“

Weit mehr als McConaughey hat mich Jared Leto in „Dallas Buyers Club“ beeindruckt, der im Gegensatz zu seinem texanischen Kollegen völlig in der Rolle verschwunden ist. Mich stört im Allgemeinen bei McConaughey etwas, dass seine viel und auch von mir gelobten Rollen der letzten Jahre mehr oder weniger Variationen eines Typus sind. Jared Leto spielt weniger, daher ist es für ihn vielleicht auch leichter, aber er hat mich tatsächlich umgehauen. Barkhad Abdi ist allerdings eine recht typische Oscar-Wahl: Er kam aus dem Nichts und überzeugte alle.

Nebendarstellerin:

Lupita Nyong´o (c) Tobis

Lupita Nyong´o (c) Tobis

Wird gewinnen: Lupita Nyong’o, „12 Years a slave“
Sollte gewinnen: Lupita Nyong’o, „12 Years a slave“
Könnte gewinnen: Jennifer Lawrence, „American Hustle“

Lupita Nyong’o ist in „12 Years a slave“ herzzerreißend gut, sie macht bisher bei allen Preisverleihungen eine gute Figur, deshalb kann ihr eigentlich nur noch die grenzenlose Begeisterung der Academy für Jennifer Lawrence diesen Preis streitig machen. So sehr ich Jennifer Lawrence mag, würde ich mir wünschen, sie nimmt sich erst einmal eine kleine Auszeit und folgt einem allgemeinen Rat Emma Thompsons und lebt ein wenig. Sonst wird dieser Hype kippen – und ein zweiter Oscar könnte genau das bewirken. Rein schauspielerisch wäre für mich übrigens Sally Hawkins die eigentliche Konkurrentin für Lupita Nyong’o, deren Rolle im Vergleich weitaus weniger hergibt, aus der Sally Hawkins aber unglaublich viel herausholt.

Adaptiertes Drehbuch:

John Ridley (c) Todd Wawrychuk / ©A.M.P.A.S.

John Ridley (c) Todd Wawrychuk / ©A.M.P.A.S.

Wird gewinnen: „12 Years a Slave“, John Ridley
Sollte gewinnen: „Philomena”, Steve Coogan, Jeff Pope
Könnte gewinnen: „Before Midnight“, Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke

Nicht erst seit ich die Vorlage gelesen habe, ist „Philomena” mein heimlicher Favorit in dieser Kategorie. Das Drehbuch von Steve Coogan und Jeff Pope ist schlichtweg sehr gut – und gewinnt im Vergleich zu Martin Sixsmith’ Buch noch mehr an Qualität. Aber das Drehbuch zu „12 Years a Slave“ das literarischste und deshalb glaube ich, es wird gewinnen.

Originaldrehbuch:

David O. Russell (c) Courtesy of Sony Pictures Releasing/Francois Duhamel

David O. Russell (c) Courtesy of Sony Pictures Releasing/Francois Duhamel

Wird gewinnen: „American Hustle“, David O. Russell
Sollte/könnte gewinnen: „Her“, Spike Jonze

Wie „American Hustle“ ausgerechnet zum Favoriten in der Drehbuch-Kategorie geworden ist, wird mir ein noch größeres Rätsel bleiben als die generelle Begeisterung für diesen Film. (Ja, ich weiß, die Dialoge! Aber mehr?). Auch sollte man Woody Allen in dieser Kategorie immer auf der Rechnung haben. Aber „Blue Jasmine” ist erzählerisch zu konventionell, außerdem glaube ich nicht, dass er ausgerechnet in diesem Jahr persönlich einen Preis erhalten wird. Aber abgesehen davon fand ich die Ausschnitte, die ich von „Her“ kenne, sehr überzeugend und die Grundidee hinreißend, deshalb bin ich für Spike Jonze.

Dokumentarfilm:

(c) Neue Visionen

(c) Neue Visionen

Wird gewinnen: „The Act of Killing“, Joshua Oppenheimer und Signe Byrge Sørensen
Könnte gewinnen: „20 Feet from Stardom“

Nachdem „Stories we tell“ nicht nominiert wurde, ist für mich „The Act of Killing“ der klare Favorit. Allerdings ist „20 Feet from Stardom“ die thematisch ‚leichteste‘ der Nominierten und gilt laut Gold Derby auch als Favorit.

Fremdsprachiger Film:

(c) DCM

(c) DCM

Wird gewinnen: „La grande bellezza“
Sollte gewinnen: „Broken Circle Breakdown”
Könnte gewinnen: „Jagten“

Eine sehr starke Kategorie in diesem Jahr, in der ich „La grande bellezza“ leicht vorne sehe, obwohl „Broken Circle Breakdown“ der emotionalere und zugänglichere Film ist. Die spannendere Frage ist eigentlich, wie „Jagten“ das Feld verändert, der im letzten Jahr klarer Favorit geworden wäre, aber erst dieses Jahre nominiert werden konnte. Mads Mikkelsen ist bekannt in den USA, deshalb würde ich den Film noch nicht abschreiben. Auch ich habe meine “sollte”-Angabe hier einige Male verändert, da ich sowohl „La grande bellezza“ als auch „Broken Circle Breakdown“ sehr schätze – und habe mich nun für den leicht manipulativen, aber mitreißenden belgischen Film entschieden.

Kamera:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Wird/sollte gewinnen: „Gravity“, Emmanuel Lubezki
Könnte gewinnen: „Nebraska“, Phedon Papamichael

Die Bilder von Phedon Papamichael sind in „Nebraska“ großartig, aber die Kamera in „Gravity“ ist technisch brillant. Deshalb wird Emmanuel Lubezki gewinnen.

Schnitt:

Wird/sollte gewinnen: „Gravity“, Alfonso Cuarón, Mark Sanger
Könnte gewinnen: „Captain Phillips”, Christopher Rouse

Für mich ist „Gravity“ hier der klare Favorit, „Captain Phillips die etwas konservativere Entscheidung. Sollte „American Hustle“ aber zum Abräumer des Abends werden, gewinnt der Film auch in dieser Kategorie.

Originalsong:

Frozen (c) Walt Disney Studios

Frozen (c) Walt Disney Studios

Wird gewinnen: „Let it go“ aus „Frozen“
Könnte gewinnen: „Ordinary Love“ aus „Mandela: Long Walk To Freedom“
Sollte gewinnen: „The Moon Song“ aus „Her“

An „Frozen“ führt in diesem Jahr wohl kein Weg vorbei – selbst für U2 nicht.

Nun zu den Kategorien, in denen ich keine eigenen Favoriten habe:

Produktionsdesign:

(c) Warner Home

(c) Warner Home

„The Great Gatsby“ wird gewinnen, leichte Außenseiterchance sehe ich für „Gravity“. Aber im Zweifelfall siegt Pomp über Technik.

Kostümdesign:

Auch hier glaube ich, dass die überbordende Fülle von „Great Gatsby“ letztlich erfolgreich ist – die besten Kostüme hatte für mich in diesem Jahr nicht nur angesichts des Budgets allerdings „Dallas Buyers Club“. Aber der Film wurde nicht nominiert.

Makeup and Hairstyling

Ohne „American Hustle“ wird „Dallas Buyers Club“ hier gewinnen.

Es folgt der „Gravity“-Preisregen:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Originalmusik Dass „All is lost“ hier nicht nominiert ist, halte ich für skandalös. Gewinnen wird „Gravity“.
Sound Mixing: „Gravity“
Sound Editing: „Gravity“ – wenngleich es die einzige Kategorie ist, in der „All is lost“ nominiert ist.
Visuelle Effekte: „Gravity“ – wer sonst?

Zuletzt zu den Kategorien, in denen ich keinen der nominierten Filme gesehen habe, und rein nach Trailern entscheide:

Animationsfilm: „Frozen“
Kurzfilm (Animation): „Get a Horse!“
Kurzfilm (Live Action): „Helium“
Kurzfilm (Dokumentation): „The Lady in Number 6: Music Saved my Life“

Unter oscars.nils-becker.com gibt es übrigens ein schönes Twitter-Tippspiel für die Oscars, außerdem gibt es auf der offiziellen Seite wieder ein schönes Tipp-PDF zum Ausdrucken.

Und: Welches sind eure Favoriten?

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Krimi-Kritik: „Tage des letzten Schnees“ von Jan Costin Wagner

(c) Galiani

(c) Galiani

Am Anfang von „Tage des letzten Schnees“ steht ein Unfall, bei dem die zwölfjährige Anna Ekholm ums Leben kommt. Kimmo Joentaa kennt Anna und ihre Eltern, seine verstorbene Frau hatte im Architekturbüro des Vaters gearbeitet. Deshalb versucht er, den Eltern und insbesondere Lasse Ekholm so gut es in dieser Situation möglich ist beizustehen und behilflich zu sein. Das bedeutet bei Kimmo Joentaa aber nicht, sich wie viele seiner fiktionalen Kollegen blind in die Ermittlungen zu stürzen, sondern er kümmert sich tatsächlich um die Leidtragenden, die Eltern. Dabei ist er niemals aufdringlich, sondern einfach nur da, wenn er glaubt, er könne ihnen helfen. Daneben sorgt er sich um seine Geliebte Larissa, deren wahren Namen er nicht kennt, und ermittelt in einem weiteren Mordfall, in dem zwei Menschen tot auf einer Parkbank gefunden wurden. Doch auch diese Unternehmungen werden von der ruhigen Gewissheit getragen, dass sich schon alles aufklären wird.

Die stille Traurigkeit und einsame Ruhe der Figuren fasst Jan Costin Wagner in eine präzise und klare Sprache, die niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich in aller Lakonie den Seelenzuständen der Charaktere widmet. Sein Roman ist durchzogen von stummen Schmerz und leiser Melancholie, seine Welt ist voller Grautöne, in denen die hellen, strahlenden Momente umso deutlicher zu erkennen sind. Dabei zeigt Jan Costin Wagner, wie stark und prosaisch ein Kriminalroman sein kann: Obwohl ein Unfall und ein Mord geschehen und sich ein Amoklauf ankündigt, obwohl seine Hauptfigur ein Polizist ist, geht es hier niemals nur um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um große menschliche Themen wie Verlust, Trauer, Hoffnung und vor allem Einsamkeit. Deshalb steht nicht die Frage des „Wer hat’s getan“ im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten der Ereignisse und die Ursprünge des Geschehens, innerhalb derer Jan Costin Wagner wie nebenbei wichtige und gesellschaftspolitisch aktuelle Themen behandelt.

Mit „Tage des letzten Schnees“ hat Jan Costin Wagner somit einen ganz eigenen Roman geschrieben. Er liest sich sehr ruhig, wirkt nahezu bedächtig und strahlt – wie seine Hauptfigur – eine große Ruhe aus. Beim Lesen fühlte ich mich gut aufgehoben, ohne dass es in dieser betörenden Mischung aus Traurigkeit und Alltag allzu behaglich wurde. Deshab wird meine erste Begegnung mit Kimmo Joenta, der bereits in dem fünften Kriminalroman ermittelt, sicher nicht die letzte bleiben.

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees. Galiani 2013.

Zur Autorenseite von Jan Costin Wagner.

Andere:
Ein Interview mit Jan Costin Wagner und eine Besprechung sind auch bei der Klappentexterin zu lesen.
Die Krimilady hat sich einige Gedanken zu diesem Buch gemacht.

Jan Costin Wagner ist auf Lesereise:

28. 2. Nordenham
Amtsgericht

3. 3. Karlsruhe
KOHI Kulturraum
20 Uhr

11. 3. Friedrichshafen
Buchhandlung Ravensbuch
mit Stefan Moster

12. 3. Herrsching am Ammersee
Krimifestival München
Kurparkschlösschen

13. 3. Leipzig
Kriminacht im Landgericht

18. 3. Köln
Lit Cologne

20. 3. Friedberg (Bayern)
Buchhandlung Lesenswert

21. 3. Pforzheim
Buchhandlung Uwe Mumm
Hirsauer Straße 122

27. 3. Mainz
Buchhandlung Ruthmann
Alte Mainzer Straße 4
20 Uhr

3. 4. Dortmund
Mayersche Buchhandlung
Westenhellweg 37 – 41

4. 4. Langen
Stadthalle

6. 4. Nidderau
Buchmesse Main-Kinzig
17 Uhr

9. 4. Alsfeld
Marktcafé
20 Uhr

10. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

11. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

24. 4. Den Haag
Deutsche Bibliothek

17. 6. Berlin
Dorotheenstädtische Buchhandlung

18. 6. Berlin
Kulturhaus Karlshorst

19. 6. Berlin
Buchhandlung Ferlemann

25. 9. Kassel
Buchhandlung am Bebelplatz
Friedrich-Ebert-Straße 130

26. 9. Bleckede
Walmsburger Kriminacht
Schloss Bleckede
mit Andrea Maria Schenkel
18.45 Uhr

16. 10. Heusenstamm
Hinteres Schlösschen

22. 10. Bad Berleburg
Reihe Literaturpflaster
20 Uhr

23. 10. Hattingen
Stadtbibliothek
Reschop Carré 1
19.30 Uhr

28. 10. Bielefeld
Bielefelder Literaturtage
in Kooperation mit der Deutsch-Finnischen-Gesellschaft

6. 11. Mosbach
Mosbacher Buchwochen

7. 11. Frankfurt-Sossenheim
Bücherei Sossenheim

8. 11. Bad Arolsen

12. 11. Wiesbaden
Wiesbadener Krimiherbst

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