Schlagwort-Archiv: Kriminalroman

Women in Crime: „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi

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„Dies ist die Geschichte von Bella, die eines Morgens beim Erwachen merkte, daß sie es satt hatte.“ Ein Satz brauchte „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und schon hatte mich das Buch. Ein Satz, er mag schlicht erscheinen, aber er trifft das genau das Gefühl, dass ich an manchen Morgen habe. Und hier geht es nicht um eine identifikatorische Lesart, hier geht es darum, dass mit diesem Satz ein Buch anfängt, das stark, provokativ und kompromisslos das Leben einer Frau in der Gesellschaft einfangen wird. Eine Gesellschaft, die sie ständig sexualisiert und bewertet, eine Gesellschaft, in der sie verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Deshalb ist der Titel auch eine fiese Abwandlung dessen, was er verspricht: Ein ‚schmutziges Wochenende’ meint für viele zwei Tage voller Sex. Hier aber umfasst es 48 Stunden, in denen sich eine Frau gegen die Gewalt zur Wehr setzt, die ihr angetan wird. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Cutter und Bone“ von Newton Thornburg

Richard Bone ist ein Mann, der sich seiner eigenen Stärken und Schwächen sehr bewusst ist, deshalb weiß er, dass er mühelos Frauen ins Bett bekommt, aber an den meisten interessiert ihn lediglich das Geld. Also verbringt er einige Nächte mit ihnen, lässt sich aushalten und kehrt dann auf das Sofa in Alex Cutters Haus zurück, auf dem er schläft. Einst war er ein erfolgreicher Werber, hat dann Frau, Kind und einen lukrativen Job verlassen, weil er überzeugt war, es müsse mehr im Leben geben – aber gefunden hat er nichts. Stattdessen bildet er sich ein, er sei in Cutters depressive Frau Mo verliebt und könnte mit ihr vielleicht doch eine Chance haben. Sein Freund Cutter ist ein eloquenter Wahnsinniger, der durchs Leben torkelt, seit er im Vietnamkrieg verletzt wurde. „Was für ein Anblick der Mann bot, was für ein groteskes Schauspiel: das dünner werdende Raggedy-Ann-Haar, das verwüstete Falkengesicht, das wegen des Narbengewebes zu vieler Rekonstruktionen glänzte, die schwarze Augenklappe über dem fehlenden Auge und sein unveränderlicher Existenzialistenlook, der aus engen schwarzen Hosen und einem schwarzen Rollkragenpulli bestand, dessen linker Ärmel auf Höhe des Ellbogens verknotet war, nicht hochgesteckt oder festgenäht, sondern verknotet, eine Zurschaustellung, ein Schlag ins Gesicht.“ Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Havarie“ von Merle Kröger

(c) Ariadne

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Das Mittelmeer ist der Ort, an dem sich alle Handlungsstränge und Schicksale in Merle Krögers „Havarie“ kreuzen, auf vier Schiffen sind die Figuren unterwegs:
Auf dem Kreuzfahrtschiff „Spirit of Europe“ vergnügen sich ordinäre Pauschalurlauber, belächelt von wohlhabenden Kabinenurlaubern mit eigenem Bereich und umsorgt von einer internationalen Crew. Die Passagiere fühlen sich sicher, dafür sorgt die perfekte Maschinerie des Dampfers, die die Arbeitssklaven in Wäscherei und anderen Orten sorgsam vor den Augen der Passagiere verbirgt. Sicherheitschef Nikhil Meta liefert ordentliche Arbeit und Ergebnisse mit Ausbeutung und Erpressung, unterdessen himmelt seine Untergebene Lalita – eine Gurkha – den Sänger des Bordband an, der aber nach einem Annäherungsversuch verschwunden scheint und der erste Offizier Léon Moret denkt an seine Freundin.
Auf einem Schlauchboot schmuggelt der Algerier Karim Landsleute in einem Schlauchboot nach Europa. Er kennt die Gefahren dieser Tour, hofft auf weiteres Glück – und eine Zukunft mit Zohra Hamadi, die schon in Europa ist.
Der Frachter Shiobhan of Ireland liegt im Hafen von Oran und Chief Engineer Oleksij Letschenko denkt an die Heimat. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Abpfiff“ von Dominique Manotti

„Die erste Salve erwischt den Mann und die Frau von hinten, die Körper stürzen auf den menschenleeren Platz vor dem Einkaufszentrum.“ Mit diesem Satz beginnt Dominique Manottis grandioser Kriminalroman „Abpfiff“. Nach zwei Seiten steht fest, dass einer der Toten ein Polizist ist. Nach sechs Seiten sind die Täter überführt. Und nach 230 Seiten habe ich mehr über Drogenhandel, Geldwäsche, Korruption, Schwarzarbeit, Profifußball und, ach ja, einen Doppelmord erfahren als in manchen Büchern auf 500 oder 800 Seiten. Denn Dominique Manotti braucht keine Schnörkel, keine seitenlangen Ausführungen über politische Zustände oder die Seelenlage ihre Figuren. Ihr reicht ein kurzes sexuelles Intermezzo von Commissaire Daquin, um dessen Innenleben deutlich zu machen. Oder ein Moment des Aufwachens seines Kollegen im Kreis der Familie, um dessen Seelenzustand zu zeigen.

(c) Ariadne

(c) Ariadne

Schon immer hat Dominique Manotti eine klare Prosa geschrieben, aber in „Abpfiff“ sind ihre Sätze präziser und schnörkelloser als jemals zuvor. Sie spiegeln den Willen Daquins wider, diesen Fall unbedingt aufzuklären, das Adrenalin, das sein Körper antreibt – und die Anspannung, unter der alle Beteiligten stehen. Manottis Ermittler wollen das Richtige, akzeptieren aber, dass sie es nicht immer bekommen. Ihre Figuren werden von ihrem Ehrgeiz bis zur Impotenz getrieben, daneben wird viel Espresso gekocht, der der Ermittlungsarbeit dient und fast symbolisch die kurze, prägnante Arbeitsweise zusammenfasst, mit der die Drogenfahnder vorgehen. Aber Manotti braucht keine Symbole, denn sie hat diese Sprache, diesen Stil, diese Sätze, die einen unerbittlich voranjagen. „Apfiff“ ist ein bitterer, scharfsinniger Rausch, in dem nur kurze Stelldichein mit Daquins Geliebten für einen Moment der eruptiven Ruhe sorgen.

Die oben zitierte Ermordung von Daquins Lieblingskollegen Romero ist nämlich nur der Ausgangspunkt dieses Romans. Er wurde zusammen mit einer jungen Frau erschossen, die die Schwester des Platzwarts vom FC Lisle-sur-Seine ist, einem Club am Rand eines Banlieue, der gerade auf dem Weg zur französischen Meisterschaft ist. Zu verdanken hat der Club seinen Aufstieg dem ruchlosen Ehrgeiz des Präsidenten Monsieur Reynaud, zugleich Bürgermeisters des Orts und Bauunternehmer. Nach und nach enthüllen sich immer mehr schmutzige Verbindungen und Machenschaften, die nur Romantiker verschrecken, die immer noch glauben, es gebe kein Doping im Fußball und eigentlich seien dort elf Freunde auf dem Platz, die nur ein wenig kicken wollen. Dennoch würde ich „Abpfiff“ zu gerne das Etikett „Fußball-Krimi“ aufdrücken, wohlwissend, dass noch kürzer greift als Etiketten ohnehin. Aber vielleicht lesen diesen fantastischen Kriminalroman dann einige der Fußballfans da draußen oder bekommen ihn geschenkt. Das wäre großartig, denn dieses Buch ist eindeutig einer der Krimi-Höhepunkte des Jahres.

Dominique Manotti: Abpfiff. Übersetzt von Andrea Stephani. Ariadne 2015.

Ohne Risiko – Über „Dein finsteres Herz“ von Tony Parsons

Dieses Buch ist ein Schmöker, der sich in mehr oder weniger einem Rutsch durchlesen lässt. Es gibt einen Ermittler, der sich um seine kleine Tochter und einen Welpen kümmern muss und außerdem seine Ehefrau nicht vergessen kann; eine Gruppenvergewaltigung an einem englischen Elite-Internat in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Mordserie an ehemaligen Schülern und heutigen Stützen der Gesellschaft.

(c) Lübbe

(c) Lübbe

Internate in Kriminalromanen waren schon immer Orte sadistischer Gewalt und Horte des Bösen. Das gilt insbesondere für Elite-Internate, in denen viele Schüler aufgrund des verkommenen Reichtums ihrer Familie ganz besonders gewissenlos sind. Tony Parsons Roman ist hier keine Ausnahme, ohnehin bleibt er stets innerhalb der Grenzen standardisierter Krimi-Unterhaltung. Aber immerhin spiegelt sich die Verbindung aus Vergangenem und Gegenwärtigen nicht nur in den Taten des Mörders, sondern auch in anderen Plot-Elementen wider: Protagonist Max Wolfe wurde gerade aufgrund seines beherzten Eingreifens bei einem terroristischen Anschlagsversuchs in die Mordkommission versetzt, hadert mit den Herausforderungen eines alleinerziehenden Vaters, der Sensationsgier von Zeitungen und Internet. Daneben gibt es Verweise auf die britische Kriminalgeschichte und Wolfe findet wichtige Hinweise in Scotland Yards Black Museum. Davon erzählt Tony Parsons in seinem ersten Kriminalroman routiniert, gelegentlich etwas zu ausführlich und mit einigen mal mehr und mal weniger leicht zu durchschauenden falschen Fährten. Durchweg gelungen sind hingegen die privaten Szenen des Ermittlers mit seiner Tochter, in denen er dieser persönlichen Tragödie einfühlsam nachspürt. Nur diese eine Affäre hätte nicht sein müssen.

Alles in allem ist Tony Parsons Kriminalroman somit solide Krimi-Unterhaltung mit wenig Ärgerlichem und viel Bekanntem, bei dem die Krimi-Komfortzone niemals verlassen werden muss.

Tony Parsons: Dein finsteres Herz. Übersetzt von Dietmar Schmidt. Lübbe 2014.

Sechs Krimi-Empfehlungen zum Indiebookday 2015

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Morgen ist Indiebookday! Dahinter steckt der Gedanke, dass ein jeder am 21. März 2015 ein Buch aus einem unabhängigen Verlag kauft – am besten in einer unabhängigen Buchhandlung. Damit morgen die Entscheidung vielleicht etwas leichter fällt, hier sechs Empfehlungen für gute Kriminalliteratur aus unabhängigen Verlagen:

„Lichtschacht“ von Anne Goldmann (Argument Ariadne)
Dieser spannende Roman über eine junge Frau, die glaubt einen Mord beobachtet zu haben, ist seit letztem Jahr das von mir meist empfohlene und meistverschenkte Buch. Es eignet sich hervorragend sowohl für Krimi- als auch Nicht-Krimi-Leser, ist überhaupt nicht blutig und noch dazu unterhaltsam und gut geschrieben.

„Umweg zur Hölle“ von Ross Thomas (Alexander Verlag)
Die Geschichte beginnt mit einem Stolperer über einen toten Pelikan am Strand und mündet in einem irrwitzigen Geflecht aus Geheimdiensten und anderen geheimnisvollen Akteuren. Ross Thomas ist schlichtweg ein toller Autor, seine Geschichten sind raffiniert, klug, witzig und sehr unterhaltsam. Eignet sich auch für Nicht-Krimileser, die gerne James Bond gucken. Aber Vorsicht: Ross Thomas macht süchtig!

„Die Wut“ von Gene Kerrigan (Polar Verlag)
Irische Kriminalliteratur ist im Kommen, wer eine Abwechslung zu versoffenen Privatdetektiven sucht und noch dazu ein kluges Buch über die Auswirkungen der Finanzkrise in Irland lesen möchte, liegt bei „Die Wut“ von Gene Kerrigan richtig. Noch dazu ist Kerrigans Hauptfigur Bob Tidey eine der gelungensten Ermittlerfiguren der letzten Jahre. (Offenlegung: Ich stehe mit dem Polar Verlag in geschäftlichen Verbindungen.)

„Die Suche nach Tony Veitch“ von William McIlvanney (Kunstmann Verlag)
Seit letztem Jahr erscheinen im Kunstmann Verlag die „Laidlaw“-Bücher von William McIlvanney in neuer Übersetzung. Noch mehr als der erste Teil um den zweifelnden schottischen Polizisten Jack Laidlaw hat mich „Die Suche nach Tony Veitch“ überzeugt, in dem er versucht, einen Mord aufzuklären, der vielleicht gar keiner war – und der niemanden interessiert. Bisher mein Krimi-Highlight des Jahres. (Außerdem ist es aktuell, also ist die Wahrscheinlichkeit etwas höher, dass es in Buchhandlungen auch zu bekommen ist.)

„GB84“ von David Peace (Liebeskind)
Mein Lieblingsbuch des letzten Jahres war „GB84“ von David Peace, in dem er sich den Verwicklungen rund um den Bergarbeiterstreik in Großbritannien 1984 in typischen stakkatohaften Sätzen und dichten Handlungssträngen widmet. Dieses Buch erfordert sehr aufmerksames Lesen, ich habe mir zwischendurch eine Zeichnung gemacht, damit ich den Beziehungen folgen kann – aber es lohnt sich ungemein.

„Killer“ von Dave Zeltserman (Pulp Master)
14 Jahre hat der Ex-Auftragsmörder Leonard March im Gefängnis gesessen, nun ist er wieder auf freiem Fuß. Aber seine alten Mafia-Kumpane und die Angehörigen seiner Opfer wollen ihn lieber heute als morgen tot sehen. Deshalb fällt ihm seine Rückkehr ins normale Leben äußerst schwer. „Killer“ ist eine Kriminalliteratur-Perle mit einem hinreißenden Ende.

Natürlich gibt es noch sehr viel mehr gute Kriminalliteratur aus unabhängigen Verlagen. Falls ihr noch Anregungen oder Tipps braucht, immer her mit den Fragen. Ich mache ja kaum etwas lieber als Krimis zu empfehlen (und ja, es gibt den passenden Krimi für jeden!).

Krimi-Kritik: „Schwarzblende“ von Zoë Beck

Manchmal ist Kriminalliteratur sehr nah an der Wirklichkeit. Als Zoë Beck ihren Roman „Schwarzblende“ geschrieben hat, waren die Anschläge in Paris noch nicht geschehen. Und doch stellt sie die Frage, die seither viele beschäftigt: Was passiert mit einer westeuropäischen Gesellschaft, wenn der Terror auf einmal vor der eigenen Haustür stattfindet?

(c) Heyne

(c) Heyne

Eigentlich wollte Dokumentarfilmer Niall nur Recherchen für einen Film über die unterirdischen Flüsse Londons betreiben, als ihm auf einer Brücke zwei Männer mit Macheten auffallen. „Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.“ Niall kann kaum glauben, was er sieht – und da es anscheinend niemandem anders auffällt, zweifelt er schon an seiner Wahrnehmung. Also geht er den jungen Männern hinterher, filmt sie und verfolgt sie bis in einen Park. Gerade als er glaubt, alles sei ganz harmlos und weggehen will, hört er Angstschreie. Niall sieht – und filmt – wie beiden Männer einen anderen jungen Mann mit der Machete malträtieren, schließlich auf ihn einhacken. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass Niall sie dabei filmt, sie sprechen sogar mit ihm und bekennen sich in seinem Film als Angehörige des Islamischen Staats. Schließlich kommen Sicherheitskräfte zum Tatort, überwältigen die beiden Attentäter und Niall. Es dauert über 24 Stunden, bis er wieder frei gelassen wird. In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie England Terrorverdächtige behandelt, sondern sein Video hat sich längst im Internet verbreitet. Er kommt zu seinen 15 Minuten Ruhm – und erhält das Angebot, einen Dokumentarfilm über die Attentäter zu drehen. Und bei seinen Recherchen stößt Niall auf unangenehme und gefährliche Wahrheiten.

Gleich drei Themen widmet sich Zoë Beck in ihrem Kriminalroman: den innenpolitischen Folgen der Angst vor dem Terror und den Fragen, wie aus Engländern Islamisten werden bzw. welche Verantwortung ein Einzelner trägt. Dabei findet sie überzeugende Szenarien, in denen die Wirkung von Frustrationen, Desillusionierungen und Angst bis hin zur bloßen Machtgier spürbar werden. Aber sie macht es sich niemals zu einfach: Nicht alle Polizisten in diesem Roman sind böse, nicht alle Medienleute gierig nach Schlagzeilen, nicht alle Gläubige verblendete Radikale. Vielmehr zeigt sie sehr eindringlich, wie schwierig es gerade für die gemäßigten Gläubigen ist, zu ihrer Religion zu stehen, aber beständig Ablehnungen ausgesetzt zu sein; wie schwierig es ist, über die Vergewaltigungen von englischen Mädchen durch pakistanische Männer zu berichten, ohne dass Hass zu schüren oder die Vorfälle zu ignorieren; und wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn man selbst von Angst erfüllt ist. Weiterlesen

Finnland – Im Gespräch mit Seppo Jokinen

Sakari Koskinen ist die Hauptfigur in Seppo Jokinens Krimi-Reihe, die in Finnland sehr popular ist. Hierzulande ist mit „Gefallene Engel” der erste Band bei arsVivendi erschienen.

Seppo Jokinen (c) crimetime

Seppo Jokinen (c) crimetime

Welches sind die Eigenheiten von finnischer Kriminalliteratur?
Ein finnischer Kriminalroman ist oft sozialkritisch und aktuell, normalerweise wird er von einer starken psychologischen Spannung bestimmt. Die meisten Bücher sind Polizeiromane, die von gewöhnlichen Verbrechen und Verbrechern handeln. Die Erzählweise ist realistisch und die Polizisten sind keine Superhelden. Ihre eigenen Beziehungen mit Höhen und Tiefen sind üblicherweise Teil der Erzählung. Typische Whodunit-Geschichten werden hingegen weniger in Finnland publiziert.

Und was ist der Unterschied zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?
Die finnische Kriminalliteratur ist ‘weicher” als die anderer nordischer Länder, die Gewalt wird weniger brutal beschrieben. Die Kriminellen rutschen meist ins Verbrechen und sind oft selbst Opfer der Umstände. Auch organisiertes Verbrechen spielt in finnischer Kriminalliteratur eine geringere Rolle.

Warum ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht sind finnische Kriminalromane immer noch ein wenig „home-made”. Vielleicht ist das Milieu immer noch ein wenig zu exotisch für die Europäer.

„Gefallene Engel” ist Ihr sechster Roman über Sakari Koskinen, aber für deutschsprachige Leser ist es der erste. Können Sie mir etwas über seinen Hintergrund erzählen?
Sakari Koskinen ist geschieden und lebt alleine. Er hat einen erwachsenen Sohn und einen vierjährigen Enkel. Seine Hobbies sind Radfahren und Marathonläufe.
In den ersten beiden Büchern war er Sergeant. Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass ich entschieden habe, ihn zum Inspektor zu befördern. Aber dieser sture Mann hat Schwierigkeiten mit seiner neuen Position. Inspektoren sind übergeordnete Beamte, ihre Aufgaben sind administrativ, und normalerweise ermitteln sie nicht mehr vor Ort. Aber Sakari Koskinen ist hier eine Ausnahme: Er will die Verbrechen selbst lösen. Zwar vertraut er seinen Kollegen, aber er verabscheut Papierarbeit und Computer. Gelegentlich sagt er sich deshalb, dass ein Polizist nicht hinter einem Schreibtisch sitzen soll.

Warum lebt Sakari Koskinen in Tampere?
Tampere ist ein guter Ort für Kriminalromane: Tampere ist einerseits groß genug, um alle Elemente für eine realistische, alltägliche Storyline zu bieten, andererseits ist es nicht zu groß, um es beim Schreiben nicht unter Kontrolle halten zu können. Außerdem ist wichtig, ein Umfeld zu wählen, in dem sich der Autor auskennt. Ich bin in Tampere geboren und lebe fast mein ganzes Leben hier.

Ihre Reihe ist in Finnland sehr erfolgreich – was glauben Sie, welche Gründe hat es?
Vielleicht liegt es daran, dass meine Polizisten und Verbrecher so gewöhnliche Menschen mit Freuden und Sorgen sind, dass sich die Leser leicht mit ihnen identifizieren können. Außerdem spielt die Handlung auch in einer alltäglichen Umgebung, die leicht wiederzuerkennen ist.

In einigen finnischen Kriminalromanen geht eine Figur nicht zur Armee, sondern macht Zivildienst – und darüber machen sich immer alle lustig. Woher kommt das?
Viele Finnen sind argwöhnisch und haben Vorurteile gegen Zivildienstleistende. “Sind das überhaupt Männer? Sind sie nicht bereit, unser Land zu verteidigen?”. Das hängt vielleicht mit unserer Geschichte zusammen. Ich wollte mich über diese Vorurteile lustig machen.

Krimi-Kritik: „Freakshow“ von Jörg Juretzka

(c) Unionsverlag

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Eigentlich hat Kryszinski mehr als genug zu tun: Er will den flüchtigen Kindervergewaltiger Benjamin Peelaert aufspüren, einen Bugatti finden, seinen Hund Struppi aus einer Klinik freikaufen und herausfinden, warum er den sprachgestörten Alfred, bekannt aus „Fallera“, in einem Waldstück zwischen Mülheim und Duisburg völlig verstört aufsammeln musste. Eigentlich sehnt er sich deshalb nach „einem Bier, einer Zigarette, einem Tag Schlaf“, allerdings hat er mal wieder keine Wohnung und kein Geld, deshalb nimmt er noch einen Job als Nachtwächter – Objektschützer! – an, der ihm von der guten Frau Dr. Marx, ebenfalls aus „Fallera“ bekannt, vermittelt wird. Er soll verhindern, dass von der Großbaustelle rund um die Einrichtung für betreutes Wohnen in Duisburg-Mündelheim noch mehr Baumaterialien gestohlen werden. Schon bald stellt Kryszinki fest, dass diese ganzen Fälle miteinander in Verbindung stehen – und gerät mal wieder bis zum Hals in der Gülle steckt.

Zahllose Handlungsfäden laufen in „Freakshow“ parallel, wer Juretzka kennt, ahnt allerdings, dass sich schon bald Überschneidungen ergeben. Außerdem ist Kryszinski im Verlauf der Reihe immer mehr zum Kämpfer der Schwachen und Ausgestoßenen geworden – und so setzt er sich auch dieses Mal für jugendliche Ausreißer und Behinderte ein, legt sich mit Pädosexuellen und christlichen Fundamentalisten an, bekommt ordentlich „auf die Fresse“ und steht immer wieder auf. Dabei behält Jörg Juretzka stets die Kontrolle über die verschiedenen Handlungsstränge, ja, es gelingt ihm sogar, dass wir ihm glauben, dass sich Kristof Kryszinski mit Sekten, pädosexuellen Sadisten, Frau Spirititolu von der Tierklinik und privaten Sicherheitsdiensten gleichzeitig anlegen kann. Es ist indes kein Wunder, dass Kryszinski am Ende dieses Romans im Spiegelbild nur noch einen „hageren Serienkiller mit manisch, schwarz umrandeten Augen“ entdeckt. Denn die bitterste Pille kommt am Schluss, dann zeigt sich, was der Titel eigentlich bedeutet.

Jörg Juretzka: Freakshow. Rotbuch 2011. Taschenbuchausgabe im Unionsverlag.

„Die Verlobung“ von Chloe Hooper

„Es begann mit einem Brief, den er mir schrieb, abgeschickt in jenem April an die Adresse der Immobilienagentur meines Onkels. Ein dicker elfenbeinfarbener Umschlag mit meinem Namen darauf in eleganten Typen. Seine Annäherungsversuche hatten immer etwas zu Förmliches, als würde dieser Mann seine Absichten sogar vor sich selbst verbergen.“

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Alexander Colquhoun umgibt etwas Geheimnisvolles, das anziehend und beängstigend wirkt. Bereits seit einigen Monaten trifft sich Liesel – die Erzählerin – mit ihm in wechselnden Wohnungen, zu denen sie als Immobilienmaklerin Zugang hat. Sie lässt ihn in dem Glauben, sie sei eine Prostituierte, es ist für sie Teil ihres erotischen Spiels – und mit dem Geld kann sie ihre Schulden abbezahlen. Vielleicht gelingt ihr dann endlich der Neuanfang, von dem sie bei ihrem Umzug von England nach Melbourne geträumt hat. Dort hat sie im Zuge der Finanzkrise ihren Job verloren, außerdem wollte sie in einer neuen Umgebung alten Schwierigkeiten aus dem Weg gehen. Doch auch in Melbourne wird sie nicht sesshaft und will weiter nach Shanghai ziehen. Als Alexander von ihrer bevorstehenden Abreise erfährt, lädt er sie auf sein verlassenes Landhaus ein. Es grenzt an einen Nationalpark und erinnert mit seinem verfallen-verwunschenen, morbiden Charme an Manderley – und Bates Motel. Auch Alexander hat sowohl Seiten von Maxim de Winter als auch Norman Bates. Je länger Liesel dort bleibt, desto gefangener fühlt sie sich. Sie spürt die Schatten anderer Frauen und von Alexanders Mutter, und ihr dämmert, dass Sex doch nicht so ein guter Weg ist, sich kennenzulernen, wie es nach ihrer Aussage andere Leute glaubten. Schon bald weiß sie nicht mehr, ob sie sich in ihrer Rolle befindet oder das Spiel längst in die Realität übergangen ist.

In „Die Verlobung“ inszeniert Chloe Hooper ein faszinierendes Spiel zwischen zwei Charakteren, in denen der Leser von Anfang an Liesels Perspektive unterworfen ist und sich somit auf ihre Wahrnehmung und Einschätzung verlassen muss. Anfangs erscheint die Ausgangslage klar, jedoch stellen sich bald erste Störungen ein, die zunächst an Alexander, dann an Liesel zweifeln lassen. Mal ist Alexander ein unbeholfener Farmer, dann schlachtet er bestialisch einen Schwan ab. Vielleicht ist er schizophren oder ein Soziopath. Doch lässt sich Liesel sehr bereitwillig immer wieder auf ihn ein, auch ihre Wahrnehmung scheint getrübt. Sie könnte eine Prostituierte oder Nymphomanin sein, die sich ihre Sucht nicht eingesteht. Wohl dosiert sind die Wendungen, die die Handlung nimmt, dadurch gerät zudem aus dem Blickwinkel, dass sich ja alles doch als das Spiel entpuppen könnte als das es einst angefangen hat. Die Frage ist nur – wann genau. Sicher ist daher am Ende dieses raffinierten Romans rein gar nichts.

Chloe Hopper: Die Verlobung. Übersetzt von Michael Kleeberg. Liebeskind 2014.