Psycho-Spiele

(c) Penguin Verlag

Kriminalromane, die im Gefängnis spielen, handeln sehr häufig von einem Ausbruch: der Planung, der Durchführung, der Hetze danach. Dagegen konzentriert sich Debra Jo Immergut in „Die Gefangenen“ am Anfang auf ein Zusammentreffen im Gefängnis: der Psychologe Frank Lundquist erkennt in seiner neuen Patientin Miranda Greene das Mädchen wieder, für das er einst in der Highschool geschwärmt hat. Nun ist sie Anfang 30 und wurde zu einer sehr langen Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt Milford Basin verurteilt. Sie scheint ihn nicht zu erkennen – und er verpasst den Moment, diese Bekanntschaft aufzuklären. Es ist der erste von vielen Momenten, die Frank verpassen wird – oder nicht der erste, je nachdem, wie man sein bisheriges Leben bewertet.

Frank Lundquist hatte einst eine gutgehende Praxis in New York, er ist der Sohn eines berühmten Psychologen-Vaters und erzählt in „Die Gefangenen“ aus der Ich-Perspektive insbesondere von verpassten Chancen. Er weiß selbst nicht genau, wann sein Leben die falsche Richtung nahm, findet aber immer wieder eine Erklärung darin, dass er nicht wirklich anders konnte. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Passivität und fast schon verzweifeltem Handeln, das ihn charakterisiert. Natürlich verliebt er sich abermals in Miranda und will ihr helfen. Aber sein Wunsch übersteigt fast das klassische Helfersyndrom, denn es geht ihm nicht nur darum, als Mirandas Retter dazustehen, sondern er will auch sicherstellen, dass er sich in ihrer Nähe aufhalten kann.

Miranda Greene hingegen ist anfangs in einer stumpfen, wasserglockigen Passivität eingeschlossen. Zwei Wochen musste sie in Isolationshaft verbringen, weil sie zu viele Regelverstöße hatte, dort hat sie beschlossen, dass sie sich umbringen will. Aus diesem Grund ist sie überhaupt ins Beratungszentrum gegangen und hat einen Psychologen aufgesucht. Die Kapitel, in denen es um sie geht, sind aus einer personalen Perspektive erzählt, die es ermöglicht, gewisse Dinge zurückzuhalten und erst später preiszugeben. Früh werden bestimmte Aspekte angedeutet: sie hat ihre Schwester verloren, wurde für eine Tat besonders hart verurteilt, hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, stammt aber aus einer gutbürgerlichen Familie. Nach und nach ist über sie und ihr Leben zu erfahren – und tatsächlich ist Miranda Greene weitaus interessanter als Frank Lundquist und vor allem weitaus schlauer, als er glaubt.

Debra Jo Immergut (c) Stephan Lewis

Es sind insbesondere die Nuancen, die diesen Roman spannend machen: Frank ist jemand, der glaubt, er habe die Kontrolle – obwohl ihm eigentlich seine Erfahrung sagen müsste, dass er sie nicht hat. Die Momente, in denen der Kontrollverlust offensichtlich ist, führen bei ihm zu Panik. Er genießt die Oberhand, die er gegenüber Miranda hat, dabei kommt es ihm nicht in den Sinn, dass er Grenzen überschreitet. Vermutlich würde Frank von sich sagen, er sei ein guter Kerl oder zumindest, dass er gute Absichten hat. Tatsächlich aber nutzt er seine Macht aus. Miranda indes scheint das lange hinzunehmen – und in diesem feinen Spiel liegt ein beträchtlicher Reiz. Allerdings wäre es noch spannender gewesen, wenn mehr über Miranda zu erfahren gewesen wäre. Sicherlich ist die Gegenüberstellung von Franks Vorstellung von ihr, die hauptsächlich auf der Fantasie eines Teenagers beruht, die damals schon falsch war, mit Miranda in der Gegenwart spannend – aber es dauert sehr lange, bis Miranda zu einem aktiven Part wird. Das ist intendiert, aber nicht immer gut ausbalanciert.

Es sind die psychologischen Details, die Debra Jo Immerguts „Die Gefangenen“ auszeichnet. Sie spürt den familiären Dynamiken sowohl bei den Lundquists als auch den Greenes nach. In beiden Familien haben die Eltern die Kinder in gewisser Weise verraten: Lundquists Vater hat ihn zu einem berühmten Forschungsobjekt gemacht, dem Maßstab, an dem jedes andere Kind gemessen wird. Dennoch ist sein Vater kein Monster, sondern zumindest in Franks Perspektive ist das Bemühen des Vaters aufrichtig. Mirandas Eltern hingegen haben sich auf einen Deal eingelassen, um die Karriere des Vaters nicht zu beschädigen – und damit ihre Schwester verraten. Miranda kann ihnen das nicht verzeihen, dennoch kümmern sich die Eltern um Miranda und versuchen ihr zu helfen.

Diese Nuancen sind es, die über gewisse Längen in diesem Roman hinweghelfen, der schon mit seiner erzählerischen Struktur Erwartungen unterläuft. Wichtige Ereignisse werden ebenso beiläufig erzählt wie unwichtige; das Erzähltempo insbesondere von Mirandas Part ist dem eintönigen Rhythmus im Gefängnis angepasst. Es gibt keine strikte chronologische Order, keine sichtbare Reihenfolge, obwohl zumindest die zeitlichen Überschriften vor Mirandas Passagen das andeuten. Das führt zu manchen Enthüllungen, bei dem ich einige Seiten zurückgeblättert habe, weil ich mir sicher war, ob sie zuvor schon angedeutet wurden oder tatsächlich so beiläufig preisgegeben werden. Dazu gehört auch, wie Miranda ins Gefängnis gekommen ist. Früh ist klar, dass sie 52 Jahre wegen Totschlag bekommen hat – aber die genauen Umstände werden erst auf den letzten 10 Seiten erzählt. Denn letztlich spielen sie keine Rolle mehr, die Strafe ist festgesetzt, Miranda ist bereits im Gefängnis, die Umstände spielen keine Rolle mehr. Hier wird sehr klar, dass Immergut nicht darauf setzt, ihre Hauptfigur in die fürchterlichen Kategorien von „sympathisch/unsympathisch“ einzuordnen. Die Höhe von Mirandas Strafe ist ein Fakt, mit dem sie leben muss. Deshalb ist „Die Gefangenen“ ein guter psychologischer Spannungsroman, dessen Reiz vor allem in den feinen Spielereien der Figuren liegt.

Debra Jo Immergut: Die Gefangenen. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Penguin 2020.

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