Über „Miracle Creek“ von Angie Kim

„Mein Mann bat mich zu lügen.“ Schon der erste Satz von Angie Kims „Miracle Creek“ lässt erahnen, dass es um alles andere als schlichte Wahrheiten gehen wird. Es ist keine große Lüge, die ihr Mann Pak von Young Yoo verlangt. Sie soll sagen, dass er die ganze Zeit über bei ihr war, als die Sauerstoffdruckkammer explodiert ist. Pak ist der zertifizierte Techniker für die Kammer und die Behandlung. Er ist eigentlich für den Schaltraum verantwortlich. Young ist nur eingesprungen. Doch an dem Abend kam es zu der Explosion, durch die der achtjährige Henry und die fünffache Mutter Kitty gestorben sind und mehrere Menschen schwer verletzt wurden.

(c) hanserblau

Mit diesem schlicht „Der Vorfall“ betitelten Kapitel beginnt „Miracle Creek“. Anschließend geht es ein Jahr später weiter: Henrys Mutter Elizabeth Ward wird angeklagt, die Explosion herbeigeführt zu haben, weil sie mit der Sorge um ihren autistischen Sohn überfordert war. Von Tag zu Tag erzählt Angie Kim nun von dem Prozess. Mit seinem Beginn wird die Erzählperspektive personal und wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den Figuren. Die erste Zeugenaussage scheint die Version der Staatsanwaltschaft und den Verdacht gegen Elizabeth Ward zu bestätigen. Sie sät aber auch Zweifel: an dem Zeugen Matt Thompson, der zweifellos etwas zu verbergen hat und sich schuldig fühlt – und damit auch der Version des Tathergangs. Schnell ist klar: alle Personen, die an diesem Abend eine Rolle gespielt haben, wollen etwas verheimlichen. Aus Schuld, Scham oder falscher Rücksichtnahme. Mit jeder weiteren Aussage und jedem weiteren Kapitel verändert sich daher die Version der Geschehnisse.

Der Prozess gibt diesem Roman einen Rahmen, innerhalb dessen Angie Kim zahlreiche Themen verhandelt. Young Yoo ist einst mit ihrer Tochter Mary von Südkorea in die USA eingewandert, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihr Mann Pak ist vier Jahre später nachgekommen. Diese Trennung hat die Familie entfremdet, zumal sich Mary nicht richtig eingelebt hat. Sie weiß, welche Erwartungen ihre Eltern für ihr Leben haben, zugleich ist sie von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen. Die Einwanderungserfahrung hat auch Matts Ehefrau Janine. Sie ist Ärztin, sie hat die Karriereerwartungen ihrer Eltern erfüllt und will nun unbedingt schwanger werden. Doch Matts Spermien haben keine ausreichende Qualität – deshalb saß er in dem Tank.

Angie Kim (c) Jesse Dittmar

Die Scham und der Druck, die mit unerfülltem Kinderwunsch verbunden sind, die Ambivalenzen der Mutterschaft sind starke Themen in diesem Roman. Paks größte Patientengruppe sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Mütter, die mit ihren Kindern dorthin kommen – und es sind ausschließlich Mütter –, konkurrieren oftmals um die beste Sorge und größte Aufopferung. Die angeklagte Elizabeth galt eigentlich als herausragendes Beispiel einer „guten Mutter“. Ihre Überforderung, ihre Übermüdung sieht hingegen kaum jemand. Auch die Frauen untereinander wagen es nicht, sich diese Gefühle einzugestehen. An dem Tag des Vorfalls war sie das erste Mal nicht mit in der Kammer. Und damit steht sie auch vor Gericht, weil sie ihr Kind alleine gelassen hat. Dazu kommt, dass die Sauerstofftherapie umstritten ist und als alternative Behandlungsmöglichkeit längst zum Anlass erbitterter Proteste und Kämpfe geworden ist. Diese Proteste behindern die Arbeit der Yoos – und bald ist klar, dass auch Pak ein gutes Motiv hatte, die Explosion zu verursachen.

Vieles in diesem Buch hat die Autorin Angie Kim selbst erlebt: sie ist als Kind in die USA aus Südkorea eingewandert, sie hat sich von ihren Eltern verlassen gefühlt und mit ihrem eigenen Kind einer Sauerstoff-Überdruck-Therapie gemacht. Aber nicht diese biographischen Parallelen machen dieses Buch bemerkenswert: Es ist vielmehr die Empathie, die Angie Kim für ihre Figuren aufbringt. Sie hassen, sie lieben, sie sind neidisch, lehnen bisweilen ihre eigene Familie ab. Sie treffen schlechte Entscheidungen, verhalten sich widersprüchlich. Und in alledem sind sie zutiefst menschlich. Der Prozess enthüllt nun ein kompliziertes, verstricktes Netz aus Kleinigkeiten. „Gute und schlechte Dinge – jede Freundschaft, jede Liebe, jeder Unfall und jede Krankheit – waren das Ergebnis der Verschwörung Hunderter Kleinigkeiten, die jede für sich genommen vollkommen belanglos waren.“ Im Zusammenspiel aber führten diese an sich belanglosen Kleinigkeiten zu der Explosion.

Angie Kim gelingt es, die vielen Stränge und losen Enden zu einem Schluss zusammenzuführen, der stimmig ist – und zugleich alles andere als einfach. Es gibt viele verschiedenen Arten von Schuld und die Schuld an diesem Vorfall trägt jemand, dem man es nicht wünschen würde. Wahrheitssuche – vor Gericht oder im Leben – ist ein langsamer, mühsamer, schmerzhafter und ungemein spannender Prozess. Und kleine Lügen, die gibt es nicht.

Angie Kim: Miracle Creek. Übersetzt von Marieke Heimburger. Hanserblau. 512 Seiten. 22,70 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im CrimeMag 06/2020.

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