Wahnsinn in Sydney – Stephen Greenalls „Winter Traffic“

Stephen Greenalls „Winter Traffic“ ist purer Wahnsinn. Dieser Thriller ist eine Reise, auf die man sich einlassen muss; eine Reise voller Irrlichter und Unwegbarkeiten, am Ende aber hat sich jede Mühe gelohnt, die man auf sich genommen hat.

Mick Rawson ist ein korrupter Cop in Sydney im Jahr 1994, sein bester Kumpel Jamie Sutton ist Verbrecher und Zimmermann. Nun geraten sie beide in Schwierigkeiten: Sutton hat sich mit einem ziemlich einflussreichen Gangster angelegt, Rawson wiederum soll der aufrechten Polizistin Karen Millar bei den Ermittlungen in einem alten Mordfall helfen, bei dem einst ziemlich viel vertuscht wurde und in den sowohl Sutton als auch er verwickelt sind.

Diese Handlung ist nur der Kern von Stephen Greenalls erzählerischen Meisterwerk „Winter Traffic“, in dem ein kaum zu durchschauendes Netz an Verbindungen und gegenwärtigen sowie vergangenen Vergehen entfaltet wird. Aufgebaut ist das Buch in drei Teile, in denen die Kapitel jeweils rückwärts nummeriert sind. Die Handlung verläuft aber nicht ausschließlich rückwärts, vielmehr gibt Parallelitäten, Vor- und Rückblenden, Einschübe, Perspektiv- und Erzählwechsel.

Greenall experimentiert mit den erzählerischen Möglichkeiten. Es gibt einen Raubüberfall, der nur aus Funksprüchen besteht. In dem zweiten Teil des Buchs gibt es jedes Kapitel zweimal: Einmal enthält es tagebuchartige Aufzeichnungen von Millar, das andere Mal eine äußere Handlung – dazu inhaltliche Überkreuzungen mit dem ersten Teil, nun aber aus Karens Perspektive. Dieser zweite Teil ist zudem ein Spiel mit Identifikationsangeboten, mit Krimi-Konventionen und vermeintlichen Klarheiten, auf das man allzu gerne eingeht. Der dritte Teil dann geht bis zu Kapitel minus fünf – und ihn ihm entfaltet sich das komplette korrupte und wunderschöne Bild von Sydney im Jahre 1994.

Zu dieser nicht immer leicht zu durchschauenden, aber beeindruckenden narrativen Struktur kommt Sprache, die eine eiskalt-hämmernde und dann immer wieder auch rauschhaft und ausschweifend ist. Es gibt Passagen ausschließlich in Großbuchstaben, die den Wahn perfekt ausdrücken. Plot, Sprache, Figuren strömen auf einen ein, dadurch entsteht ein regelrechter Rausch, der die Distanz zwischen Gelesenem und Lesenden immer kleiner werden lässt – und zwar ganz ohne Identifikation.

„Winter Traffic“ verbindet den grausamen Alltag der Korruption mit existentiellen Fragen, mythologische Anspielungen mit alltäglichen Verbrechen. Es ist ein Buch, das man mehrfach lesen muss, kann, sollte. Denn Stephen Greenall zeigt, dass es die oft angeführten Grenzen der Kriminalliteratur gar nicht gibt.

Stephen Greenall: Winter Traffic. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp 2021. 492 Seiten. 16,95 Euro.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei DLF Kultur, dort lässt sich auch meine Krimi-Kolumne zu diesem wahnsinnigen Buch nachhören.

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