Oscar 2014 – Neun fremdsprachige Filme in der Auswahl

©A.M.P.A.S.

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Am 20. Dezember hat die Academy die Shortlist in der Kategorie des besten fremdsprachigen Films bekanntgegeben, die durchaus einige Überraschungen bietet. So sind weder der hoch gehandelte saudi-arabische Beitrag „Das Mädchen Wadjda“ noch der iranische Film „The Past“ und der chilenische „Gloria“ unter den letzten neun Beiträgen vertreten, dafür die Filme aus Palästina und Bosnien-Herzegowina. Auch der deutsche Beitrag ist noch im Rennen, am meisten gefreut habe ich mich aber, dass zwei meiner Lieblingsfilme des Jahres weiterhin Chancen haben: „The Broken Circle Breakdown“ und „La grande bellezza“.

Die Shortlist im Überblick:

Belgien: „The Broken Circle Breakdown“ von Felix van Groeningen
Bosnien-Herzegowina: „An Episode in the Life of an Iron Picker“ von Danis Tanović
Deutschland: „Zwei Leben“ („Two Lives“) von Georg Maas
Dänemark: „Jagdten“ („The Hunt“; dt.: „Die Jagd“) von Thomas Vinterberg
Hongkong: „The Grandmaster“ von Wong Kar-wai
Italien: „La grande bellezza“ („The Great Beauty“) von Paolo Sorrentino
Kambodscha: „The Missing Picture“ von Rithy Panh
Palästina: „Omar“ von Hany Abu-Assad
Ungarn: „The Notebook“ („Das große Heft“) von János Szász

Eine übersicht über alle eingereichten Filme ist hier zu finden.

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Krimi-Kritik: „In der Nacht“ von Dennis Lehane

(c) Diogenes

(c) Diogenes

Ohne Emma Gould, so konstatiert der Protagonist zu Beginn von Dennis Lehanes „In der Nacht“, wäre „sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen“. Da er gerade mit seinen Füßen in einem Block Zement steckt und sich auf einem Schlepper im Golf von Mexiko befindet, ist allein dieser Gedanken schon bemerkenswert. Aber wie in jeder guten Gangstergeschichte, die in den USA der späten 1920er Jahre beginnt, muss eine Frau den Helden ins Verderben oder zumindest in eine Krise führen. Hier ist der Held Joseph „Joe“ Coughlin, ein junger Mann aus gutem Haus, der ein Leben als Gesetzloser führt. Er begegnet Emma Gould bei einem Überfall auf ein Speakeasy, bei dem er entgegen seiner Annahme nicht nur ein paar „müde Gestalten“ ausnimmt, sondern einen Handlanger von Albert White, dem Gangsterboss von Boston. Damit scheint sein Schicksal besiegelt, aber Joe ist klug genug, lediglich die offen liegende Beute mitgehen zu lassen und nicht noch den versteckten Tresor auszuräumen. Weniger schlau verhält er allerdings bei Emma, die dort als Kellnerin arbeitet und in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Selbst als er erfährt, dass sie sich auch mit Albert White trifft, umwirbt er sie weiterhin und schafft sich damit einen mächtigen Widersacher.

Eine klassische Gangstergeschichte

Dennis Lehane / Foto: Gaby Gerster (c) Diogenes Verlag

Foto: Gaby Gerster (c) Diogenes Verlag

Mit seinem knapp 600 Seiten langen Buch über den Aufstieg und Fall eines Bostoner Kriminellen bedient Dennis Lehane sämtliche Klischees über Gangster, auch verläuft Joes Leben in den zu erwartenden Bahnen. Dass dieses Buch dennoch von Anfang bis Ende fesselt, liegt vor allem an Lehanes lässig-ironischem Erzählstil. Er verleiht den Figuren nicht mehr Dramatik als nötig und behandelt sie zwar distanziert, aber nicht lieblos. Zudem ist Joe Coughlin ein moderner Gangster, der Verbrechen als Möglichkeit sieht, Geld zu verdienen und Bedürfnisse zu befrieden, die das Gesetz verbietet. Weiterlesen

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KrimiZeit-Bestenliste – Die zehn besten Kriminalromane 2013

Nachdem ich meine Anmerkungen zur KrimiZeit-Bestenliste Dezember aus Arbeitsgründen einfach mal vergessen habe, will ich diese neu eingeführte Rubrik mit der Jahresliste fortsetzen. Nach den KrimiZeit-Kritikern sind folgende Titel die besten zehn Kriminalromane des Jahres 2013:

(c) Tropen

(c) Tropen

(1) Patrícia Melo: „Leichendieb“
(2) Friedrich Ani: „M“
(3) Warren Ellis: „Gun Machine“
(4) Jerome Charyn: „Unter dem Auge Gottes“
(5) Sara Gran: „Das Ende der Welt“
(6) Lavie Tidhar: „Osama“
(7) John le Carré: „Empfindliche Wahrheit“
(8) Mike Nicol: „Killer Country“
(9) Daniel Suarez: „Kill Decision“
(10) Don Winslow: „Kings of Cool“

Fünf dieser Titel habe ich gelesen, vier davon auch besprochen – und in der Liste nun verlinkt. Dass „Leichendieb“ in der KrimiZeit-Bestenliste so weit vorne landet, war angesichts der guten und dauerhaften Platzierung in den Monatslisten zu erwarten, mir hat das Buch auch gut gefallen, wenngleich ich nach der Lektüre nicht unbedingt so begeistert war wie viele andere Kritiker. Aber nun – einige Monate später – erinnere ich mich immer noch sehr gut an diesen perfiden noir-Roman und das ist ja meist ein gutes Zeichen.

Weitaus überraschender finde ich hingegen, dass Sara Gran mit „Das Ende der Welt“ auf der Liste überhaupt vertreten ist – und dann noch auf dem fünften Platz. So sehr ich den ersten Teil ihre Claire de Witt-Reihe schätze, war diese Fortsetzung doch lediglich mittelmäßig. Vieles erschien mir ein wenig zu hastig niedergeschrieben und nicht gut genug durchdacht. Daher wäre sie bei mir nicht unter den zehn besten Kriminalromanen des Jahres. Stattdessen hätte ich mir – kaum überraschend – Adrian McKintys „Der katholische Bulle“ auf der Liste gewünscht oder auch Joe R. Lansdale.

In nächster Zeit lesen werde ich voraussichtlich noch „Osama“ und „Killer Country“, auch der Ani steht noch auf meiner Liste.

Andere Abgleiche:
crimenoir
My Crime Time

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Krimi-Kritik: „Unter dem Auge Gottes“ von Jerome Charyn

Isaac Sidel ist designierter Vize-Präsident der USA, Bürgermeister von New York, Ex-Commissioner der Polizei und voller ‚ehrlicher Grausamkeit‘. Seit 1974 steigt der Cop aus der Bronx die Karriereleiter hinauf – „Unter dem Auge Gottes“ ist daher der elfte Band von Jerome Charyns Reihe über Isaac Sidel. Hierzulande erscheint er als erster Band der neuen Pulp-Penser Reihe des Verlags Diaphanes und hat nahezu hymnische Kritiken erhalten.

(c) diaphanes

(c) diaphanes

Tatsächlich ist „Unter dem Auge Gottes“ ein atemberaubender Kriminalroman mit einer charismatischen Hauptfigur. Isaac Sidel ist bei den Menschen beliebt, weil er knallhart und unbestechlich ist. Selbst im Wahlkampf läuft er noch mit „einer Glock in der Hose durch die Gegend“ und macht „Verbrecher dingfest“. Deshalb ist er ein „Rabauke mit einer Kanone. Er geriet in Faustkämpfe. Sein ganzer Körper war mit Narben übersät, wie Gottes eigener Krieger.“ Da er nur die bösen Jungs aus dem Weg räumt, lieben und verehren ihn die Menschen. Deshalb wissen auch die Strategen in der Demokratischen Partei, dass sie ihm den Sieg bei den Wahlen verdanken, haben aber mit seiner Unangepasstheit und seinem Gerechtigkeitssinn einige Schwierigkeiten. Dann wird von einem Attentäter, der sich selbst als das „Auge Gottes“ bezeichnet, ein Anschlag auf Sidel verübt. Das kann er nicht hinnehmen, außerdem zweifelt er an den schnell aufgedeckten Hintergründen des Attentats. Also beginnt er mit eigenen Nachforschungen und kommt dahinter, dass der reiche David Pearl etwas mit dem Anschlag zu tun hat. Pearl war einst der Assistent des berühmt-berüchtigten Arthur Rosenstein und lebt wie einst dieser im 17. Stock des legendären, aber leicht heruntergekommenen Hotels Ansonia. Sidel kennt ihn seit Kindestagen und teilt mit Pearl die Liebe zu dem Mythos des Ansonia, doch er weiß auch, dass er ihm nicht trauen kann. Und so deckt er nach und nach unglaubliche Verstrickungen von Politik und organisiertem Verbrechen auf. Weiterlesen

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Zehn Fragen – Film

Nun dachte ich, mit dem zehn Fragen Buch-Stöckchen sei der Filmstockreigen an mir vorbei gegangen, aber Dennis von den Filmosophen hat mich doch noch beworfen. Bevor es morgen also endlich wieder eine Krimi-Kritik gibt, hier zehn Film-Dinge, die ihr bestimmt schon immer von mir wissen wolltet …

1. Filmfestivals gibt es gefühlt an jedem Ort und zu jedem Thema. Wenn Du genug Geld hättest, um eines aus dem Boden zu stampfen, wo würdest du es ansiedeln und vor allem zu welchem Thema?
Hmm, ich würde das Geld ehrlich gesagt eher nutzen, um die Berichterstattung über kleinere Festivals bspw. mit Reisekostenunterstützung etc. zu erleichtern. Weiterlesen

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Media Monday #129

1. Nicolas Winding Refn und Meryl Streep müssten wirklich mal einen Film zusammen machen, denn ich würde zu gerne einen Refn-Film mit einer starken weiblichen Hauptrolle und einen Streep-Film jenseits aller bisherigen Streep-Filme sehen.

media-monday-129

2. Kürzlich habe ich „All is lost“ im Kino gesehen, der erst Anfang 2014 regulär startet, und damit jetzt schon einen starken Favoriten auf den besten Film des Jahres 2014 (nach Starttermin).

3. Bitterlich geweint habe ich bei „The Broken Circle Breakdown“.

4. Das süßeste sprechende Tier ist Kermit der Frosch. Auch das klügste, witzigste und beste.

5. „Fack ju Göhte“ hat überhaupt nicht meinen Erwartungen entsprochen. Das ist aber positiv zu werten, denn ich hatte nicht erwartet, dass ich bei diesem Film tatsächlich an den vom Regisseur gedachten Stellen lachen müsste.

6. Von der Serie „True Detective“ verspreche ich mir viel, weil die Hauptrollen von Matthew McConaughey und Woody Harrelson gespielt werden.

7. Mein zuletzt gesehener Film war „Philomena“ und der war berührend und lustig, weil Judi Dench als rührige alte Dame und Steve Coogan zynischer Journalist wunderbar harmonieren und eine traurige, wahre Geschichte erzählt wird.

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„Tage am Strand“ – Ein Vergleich von Buch und Film

Es ist ein idyllischer Anblick, der sich der Kellnerin Theresa zu Beginn von Doris Lessings Novelle „Großmütter“ am Strand offenbart: Eine Gruppe gutaussehender Menschen, zwei Frauen um die Sechzig, ihre Söhne und deren kleinen Töchter, sitzen zusammen und „Seligkeit und Glück“ scheinen in der „heißen blauen Luft zu schimmern“. Doch dann taucht eine der Ehefrauen der Söhne auf und zerstört dieses Idyll. Sie hat etwas herausgefunden – und es folgt ein Rückblick, der von den Hauptfiguren Lil und Roz erzählt. Von Kindesbeinen an sind sie beste Freundinnen und verbringen am Strand glückliche Tage miteinander. Sie heiraten zur gleichen Zeit, bekommen jeweils einen Sohn und als Lils Mann stirbt, scheint es endgültig keinen Platz mehr für Roz‘ Ehemann zu geben. Fortan verbringen die Frauen mit ihren Söhnen die Tage allein. Eines Tages beginnen sie eine Beziehung mit dem Sohn der jeweils anderen, die über Jahre geht und schließlich von ihnen beendet wird. Lil und Roz sind diejenigen, die den Ton angeben – und schließlich wollen sie, dass ihre Söhne heiraten und sie zu den titelgebenden Großmüttern machen. Ihre Söhne haben ihnen diese Entscheidung jedoch niemals verziehen und als nun die Ehefrauen Briefe entdecken, in denen diese Beziehung aufgedeckt werden, zerbricht auch der Lebensentwurf der Großmütter Lil und Roz.

Die Gefahr des privilegierten Narzissmus

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

Roz und Lil am Strand (c) Concorde

In oftmals schwülstigen und kitschigen Tönen erzählt Doris Lessings Novelle weniger von älteren Frauen, die sich mit jüngeren Männern einlassen, als vielmehr von dem Leben privilegierter Figuren, die völlig in ihrem selbst erschaffenen und selbstgenügsamen Idyll aufgehen. Für die Frauen gibt es nur ihre Freundschaft, ihr ordnen sie letztlich alles unter. Ihre Söhne sind ein Teil dieser Welt geworden, so dass sie ihre Rolle erfüllen. Auch die Enkeltöchter scheinen perfekt hineinzupassen, fast könnte es eine Wiederkehr dieser Freundschaft geben. Jedoch zerstören die Ehefrauen mit einem Blick von außen und der Wahrheit diese heile Abgeschiedenheit. Weiterlesen

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