Ein Interview mit James Sallis

Zum Erscheinen seines Buches „Driver 2“ habe ich mit James Sallis für das Magazin BÜCHER ein Interview via E-Mail geführt, aber ich konnte leider nicht alles in dem Beitrag verwenden. Deshalb teile ich die nicht verwendeten Abschnitte des Gesprächs nun hier mit– und habe ich mich nach langem Überlegen entschieden, meine Übersetzung zu veröffentlichen. Falls Ihr aber großes Interesse an dem englischen Original habt, hinterlasst einen Kommentar, dann setze ich es bei Interesse noch an den Beitrag.

James Sallis (c) Karyn Sallis

Sie schreiben Romane, Gedichte und Essays – Wie wählen Sie die jeweils passende Form aus?
Ich werde sehr ruhig und höre zu. Das Material – die Bilder, der Rhythmus, die Sprache – werden mir sagen, was sie sein wollen.

Welche Vorteile hat Kriminalliteratur?
Erzählerisch greift der Autor auf eine Vorlage (Verfehlung, Vergeltung) zurück, die mit unserer DNS verkettet zu sein scheint, diese Archetypen und Metafiktionen, die hinter all unseren Mythen liegen. Auf einer tieferen Ebene ist der Detektiv tapfer bemüht, Kausalität herzustellen und Vernunft in Bereichen zu entdecken, in welchen sie abwesend erscheinen. Eine Ordnung soll wieder hergestellt werden.

Warum sind Ihre Protagonisten meist gebrochene Charaktere?
Weil wir alle gebrochene Charaktere sind. Weil ich mich als Schriftsteller am meisten für die Kanten, die Grenzen interessiere, für die Ränder dessen, was wir denken, wir wissen, die Dunkelheit über dem Lagerfeuer.

(c) Liebeskind

Mir gefällt die Kürze Ihrer Geschichten. Warum schreiben Sie meist kurze Romane?
1. Faulheit
2. Verdichtung
3. Konzentration
4. Präzision
5. Persönlicher Geschmack

Dennoch kehren Sie zu ihren Charakteren zurück – Lew Griffin in sechs Büchern, Turner in drei und nun Driver in zwei Romanen. Was führt Sie zu diesen Figuren zurück?
Sie weigern sich, mich alleine zu lassen. Sie folgen mir auf der Straße, schauen über meine Schulter, wenn ich schreibe, sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, wenn ich bade. Da gibt es immer etwas mehr, was ich über sie wissen will, etwas mehr, was sie mir erzählen müssen.

(c) Liebeskind

In „Deine Augen hat der Tod“ ist „sollte“ ein sehr gefährliches Wort – aus der Sichtweise eines Geheimagenten eine sehr gute Meinung. Außerdem sagten Sie einst in einem Interview, dass Lew Griffin und Ihre anderen Charaktere dieses Wort am meisten fürchteten. Was bedeutet es für Ihre Geschichten – und für den Autor James Sallis?
Viele der größten Übel der Welt, so scheint es mir, lassen sich von dem „sollte” ableiten, entweder solchen „sollte”, die aus der Religion, Politik, sozialen Theorie entstammen oder einfach der alltäglichen Intoleranz. „Sollte” schließt den Geist kurz, verbietet Gedanken, verbietet (vielleicht das wichtigste) unsere Versuche, uns mit anderen zu identifizieren. Und es sind diese verzweifelten Sprünge aus dem Käfig unseres eigenen Geistes, durch die wir am menschlichsten werden.

In der „Los Angeles Review of Books“ unterhalten sich Megan Abbott und Boris Dralyuk über „Driver 2“ und ich mag ihre Idee, dass „Driver 2“ den Leser mit ‚verführerischer Selbst-Täsuschung‘ konfrontiert. Dadurch wurde mir bewusst, wie sehr ich den romantischen Kern in „Drive“ (der von dem Film noch betont wird) mag: der einsame und verlorene Cowboy-Typ, der wenigstens keine guten Menschen tötet. Sehen Sie diese Romantik in Ihren Romanen? Oder ist alles Existenzialismus?
Existenzialismus ist – wie Jazz und noir – ein Wort, das so überanstrengt wurde, dass es als Topos verbraucht ist. Aber sein Kern enthält die Vorstellung, dass das Leben, das Sein ohne wesentliche Bedeutung, ist, was wir daraus machen. Und vieles, was wir daraus machen – was wir aus uns selbst machen – hängt mit Geschichten zusammen. Die Geschichten, die uns unsere Gesellschaft erzählt, die Geschichte, die wir akzeptieren oder zurückweisen, die Geschichten, die wir uns selbst erzählen.
Erinnern Sie sich daran, dass der amerikanische Roman in seiner reinsten Form – im Gegensatz zu dem richtigen europäischen Roman, in dem ein Individuum seinen Platz in der Gesellschaft findet – eigentlich eine romance ist: das Individuum, das sich der Gesellschaft entgegenstellt.

(c) Liebeskind

Ich habe gelesen, dass die Verfilmungsrechte von „Deine Augen hat der Tod“ optioniert wurden und die sechs Lew-Griffin-Romane verfilmt werden sollen. Können Sie mir etwas darüber sagen?
Alle sechs Lew-Griffin-Romane sind gekauft, aber bis zu diesem Tag ist nichts festgenagelt. Lawrence Fishburne ist diesem Projekt zugetan. Traurigerweise ist die Option für “Deine Augen …” vor einiger Zeit ausgelaufen. Es gibt erhebliches Interesse an den Turner-Büchern und „Der Killer stirbt”, aber auch hier gibt es noch nichts Definitives. Eine Kurzgeschichte von mir, „Shutting Darkness Down”, wurde von einer Filmgesellschaft in Großbritannien verfilmt.

Welches sind Ihre nächsten Projekte?
Ein Roman, „Others of my Kind”, wird in den Staaten im nächsten Herbst erscheinen. Er erzählt von einer Frau, die als Kind entführt und in einer Kiste unter dem Bett des Entführers gehalten wurde, und als Erwachsende eine der guten Menschen der Welt wurde. Momentan arbeite ich einem Roman mit dem Titel „Willnot” und hoffe, dass er bis Ende des Jahres fertig wird.

Außerdem stehen noch zwei Gedichtsammlungen, „Black Night’s Gonna Catch Me Here: Selected Poems 1968-2012″ und „Leaning into the Electric Day“,an. Und eventuell würde ich gerne eine Sammlung von meinen Kritiken und Besprechungen, darunter drei Jahrgänge der Buchkolumnen für den Bosten Globe und über dreißig Kolumnen für “The Magazin of Fantasy & Science Fiction” mit einer Auswahl von Einleitungen und literarischen Essays über unter anderem Patricia Highsmith, Boris Vian und Gerald Kerhs zusammenstellen und herausbringen.

In deutscher Übersetzung sind von James Sallis erschienen:

Driver. Liebeskind 2007. Übersetzt von Jürgen Bürger. (Als TB bei Heyne)
Deine Augen hat der Tod. Liebeskind 2008. Übersetzt von Bernd W. Holzrichter. (Als TB bei Heyne)
Der Killer stirbt. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind 2011.
Driver 2. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind 2012.

Die Turner-Trilogie:
„Dunkle Schuld“. Übersetzt von Angela Kuepper und Jürgen Bürger. Heyne 2009.
„Dunkle Vergeltung“. Übersetzt von Angela Kuepper und Jürgen Bürger. Heyne 2010
„Dunkles Verhängnis“. Übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Heyne 2011

Aus der Lew-Griffin-Reihe:
Stiller Zorn. Übersetzt von Georg Schmidt. Dumont 2012.

Weitere Beiträge:
Meiner Begeisterung über James Sallis habe ich bereits im Blog von LovelyBooks kundgetan, dort stelle ich auch „Der Killer stirbt“ und die „Turner“-Trilogie kurz vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.