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Liebe in Island – „Fiasko“ von Ragnar Bragason

Zur Vorbereitung auf die Nordischen Filmtage habe ich einige Filme von den diesjährigen Wettbewerbsteilnehmern gesehen, die ich bisher noch nicht kannte – und nebenbei einige filmische Lücken wie beispielsweise „Lilja-4-ever“ schließen. Aus Island waren in Lübeck dieses Jahr „Of Horses and Men“ von Benedikt Erlingsson und „Metalhead“ von Ragnar Bragason dabei – und dank der Seite Icelandic Cinema Online ist auch gar nicht mehr so schwer, legal, teilweise kostenlos oder für ein bis drei Euro an Filme aus Island zu gelangen und sie zu streamen.

Karl auf den nächtlichen Straßen Reykjaviks.

Karl auf den nächtlichen Straßen Reykjaviks.

Mein erster Film war das Spielfilmdebüt von Ragnar Bragason mit dem Titel „Fiasko“. Episodisch erzählt er von einem Tag in einer Familie Bardal, an dem sie mit der Hoffnung auf Liebe zu kämpfen hat. Großvater Karl (Róbert Arnfinnsson) begegnet zufällig der alternden Schauspielerin Helga (Kristbjörg Kjeld), die sein Herz höher schlagen lässt. Er bietet ihr seine Hilfe mit ihrem kranken Hund an, und tatsächlich lässt sie ihn in ihr Haus. Doch anscheinend hofft sie insgeheim auf einen wohlhabenden Verehrer, so dass sie ihn wieder wegschickt. Daraufhin will er aus Verzweiflung einen Banküberfall begehen. Seine Enkelin Julia (Silja Hauksdóttir) trifft sich mit zwei Männern: dem soliden Bankangestellten Gulli (Ólafur Darri Ólafsson, „Reykjavik – Rotterdam“, „The Deep“). ) und den charmanten Matrosen Hilmar (Björn Jörundur Friðbjörnsson). Nun glaubt sie, schwanger zu sein. Doch Hilmar will lieber aufs Meer fahren als bei ihr zu bleiben – und sie will lieber Hilmar als Gulli. In einer Nacht entscheidet sich nun ihre Zukunft. Julias Mutter Steina (Margrét Ákadóttir) hofft hingegen auf die Zuneigung des dubiosen Predigers Samúel (Eggert Þorleifsson), der ihre Leichtgläubigkeit und Gutmütigkeit jedoch schamlos ausnutzt, sie sein Haus putzen und Verträge unterschreiben lässt. Doch Steinas Naivität scheint grenzenlos zu sein.

"Fiasko" von Ragnar Bragason

„Fiasko“ von Ragnar Bragason

Die drei Episoden sind locker miteinander verknüpft, allerdings weist der Film trotz einer Laufzeit von 86 Minuten einige Längen auf. Dazu trägt vor allem die bemühte Skurrilität bei, mit der gerade die dritte Episode um Steina erzählt ist. Hier übertreibt Ragnar Bragason maßlos. Dagegen zeigt insbesondere die Auftaktepisode, in der sich Karl um die Schauspielerin bemüht, sein Talent zum Geschichtenerzählen. Allein die Sequenz, in der Helga ihm einen trockenen Martini serviert und in englisch erzählt, sie würde die Bluse tragen, die schon Ingrid in „Notorious“ an hatte, zeigt ihre Einsamkeit und Verlorenheit auf gelungene Weise. Dazu ist es rührend zu sehen, wie Karl erst allmählich versteht, dass die Schauspielerin ihn jeden Tag wieder vergessen hat und gelegentlich mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt. Darüber hinaus sind die Episoden originell miteinander verbunden und auch die Farbgebung ist überzeugend – mit starken Kontrasten und einer betonten Lichtsetzung erzeugt Ragnar Bragason eine düstere Atmosphäre.

„Fiasko“ ist das Spielfilmdebüt von Ragnar Bragason, der am bekanntesten für seine Filme „Children“ und „Parents“ ist. Bei den Nordischen Filmtagen 2013 wird sein Film „Metalhead“ gezeigt.

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Ein isländischer Film in Hollywood: „Reykjavik – Rotterdam“ wird „Contraband“

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Eigentlich könnte Kristófer (Baltasar Kormákur) mit seiner Frau Iris (Lilja Nótt Þórarinsdóttir) und seinen beiden Söhnen glücklich sein: Gerade auf Bewährung entlassen, ist er trocken und hat einen Job gefunden. Doch obwohl er als Wachmann und Iris als Frisörin arbeitet, reicht das Geld nicht und sie sind mit der Wohnungsmiete im Rückstand. Deshalb lässt sich Kristófer von seinem besten Freund Steingrímur (Ingvar Eggert Sigurðsson, „Der Tote aus Nordermoor“) überreden, eine letzte Schmuggeltour nach Rotterdam zu unternehmen. So wie früher besorgt Steingrímur das Geld für den Einkauf des Alkohols in den Niederlanden, den Kristófer nach Reykjavik bringen soll. Aus Dankbarkeit, dass Kristófer ihn damals nicht verpfiffen hat, sorgt Steingrímur zudem dafür, dass Kristófer wieder auf seinem alten Frachter anheuern kann. Allerdings ist die Wiedersehensfreude bei dem Kapitän des Schiffs weniger groß als bei den alten Besatzungskollegen, und er versucht mit allen Mitteln, einen erneuten Schmuggel zu verhindern. Doch das ist nicht das einzige Hindernis, das Kristófer überwinden muss.

Schwarzer Humor und Sozialkritik
„Reykjavik – Rotterdam“ beginnt als typisch schwarzhumorige Komödie aus dem Norden, es gibt einige Schlägereien, tumbe Dealer (Jóhannes Haukur Jóhannesson, „Black’s Game“) und schräger Verlierertypen. Insbesondere am Anfang nimmt sich Regisseur Óskar Jónasson, der mit Arnaldur Indriðason auch das Drehbuch geschrieben hat, viel Zeit, seine Hauptfigur und dessen Hintergrund auszuleuchten. Obwohl Kristófer und seine Frau arbeiten, können sie sich die Miete nicht leisten, so dass sie vielleicht bald auf der Straße sitzen. Kristófer ist guter Vater und Ehemann, er liebt seine Söhne und seine Frau, dennoch sucht er den illegalen Weg, um sich aus der Misere zu retten. Mit zunehmendem Verlauf wird der Film verlagert der Film seinen Schwerpunkt auf die Schmuggelgeschichte und wird dadurch sowohl spannender als auch düsterer – und wartet zumindest mit einer leicht überraschenden Wendung auf. Dabei überzeugt vor allem Hauptdarsteller Baltasar Kormákur als liebenswerter Schmuggler, der sich eigentlich nur um seine Familie kümmern möchte.

Kristófer (Baltsara Kormákur) (c) Studiocanal

Kristófer (Baltsara Kormákur) (c) Studiocanal

Am Ende des Films wartet dann noch eine kleine schöne Nebensächlichkeit: Kristófers Komplize Elvar (Ólafur Darri Ólafsson) sitzt mit einem weiteren Gehilfen auf einem Boot und wartet auf den von Kristófer versenkten Alkohol. Als sie überlegen, wie sie die Kanister an Bord holen, wird Elvar darauf hingewiesen, er solle gehen, weil er fett wie ein Seehund und daher vor der Kälte geschützt sei. Passenderweise spielt Ólafur Darri Ólafsson drei Jahre später in Baltsar Kormákurs Film „The Deep“ einen Seemann, der im eiskalten Wasser überlebt – aufgrund der Beschaffenheit seiner Fettschicht.

„Contraband“ – Das Remake von „Reykjavik – Rotterdam“

(c) UPHE

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Ólafur Darri Ólafsson hat auch eine Rolle in „Contraband“, dem Hollywood-Remake von „Reykjavik – Rotterdam“, bei dem Baltsar Kormákur die Regie geführt hat. Die Handlung hält sich weitgehend an das Original: Nachdem sein Schwager Andy (Caleb Landry Jones) einen Drogenschmuggel versaut und die Ware im Meer versenkt hat, muss Ex-Schmuggler Chris Farraday (Mark Wahlberg) ihm aus der Patsche helfen. Also zieht er zu einem letzten Schmuggel los, um Frau Kate (Kate Beckinsale) und seine zwei Söhne dauerhaft vor den Gangstern zu schützen.

(c) UPHE

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Die Unterschiede zwischen Original und Remake sind marginal, manche Einstellungen (bspw. die Hand der Frau) sind sogar eins zu eins übernommen. Ansonsten schmuggelt Chris Geld statt Alkohol, ist in Panama statt Holland und ein noch größerer Familienmensch als Kristófer – bereits sein Vater war im Schmuggelgeschäft tätig. Zudem ist realistischer, dass der Kapitän von den Schmuggeleien auf seinem Schiff nicht nur etwas ahnt, sondern in der Regel eine Beteiligung kassiert. Nicht zuletzt scheinen amerikanische Schmuggler auch kunstbeflissener als isländische, so dass sie erkennen, welches Bild sie zufällig in ihrem Wagen haben. Das führt dann zu einem Ende, an dem sich Verbrechen weit mehr auszahlt als im Original. Deshalb ist der größte Unterschied, dass Chris ein größerer Spieler ist als Kristófer und zudem das Schmuggeln liebt. Bei ihm geht es nicht nur um die Existenzsicherung seiner Familie, sondern er will sie vor den Gaunern beschützen, doch als er die Gelegenheit bekommt, mehr Geld zu verdienen, greift er zu. Dabei agiert Mark Wahlberg gewohnt souverän und fühlt sich in seiner Rolle als pflichtbewusster Familienmensch offensichtlich wohl. Ben Foster als sein bester Freund und Bauunternehmer ist ebenfalls gut besetzt.

Remake vs. Original
Darüber hinaus ist „Contraband“ das größere Budget anzusehen. Die Verfolgungsjagden sind explosiver, wenngleich im Vergleich mit anderen Blockbustern noch zurückgenommen, auch schätzt Baltsar Kormákur lange Kamerafahrten über nächtliche Skylines. Dadurch bekommt „Contraband“ insgesamt einen eleganteren Look. Über beide Filme lässt sich sagen, dass sie nach langsamem Beginn gut unterhalten. Besser hat mir die isländische Version gefallen, da hier zum einen das Verbrechen weniger glänzend ist und zum anderen zumindest leicht eine sozialkritische Komponente vorhanden ist. Vor allem aber hat „Reykjavik – Rotterdam“ ein schöneres Ende.

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