Spione reloaded – Steven Soderberghs „Black Bag“

Steven Soderbergh hat einen Spionagefilm gemacht: George Woodhouse (Michael Fassbender) muss einen Verräter in den eigenen Reihen suchen. Es gibt fünf Verdächtige, sie bekommen die Codenamen “Tinker Tailor …”, nein, natürlich nicht! Aber die Referenzen an die George(!)-Smiley-Romane von John le Carré sind offensichtlich: Es gibt fünf Verdächtige, eine ist Georges Ehefrau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett). Deshalb kommt George auf die Idee, alle zu sich nach Hause einzuladen, Drogen unter das Essen zu mischen und mit ihnen ein Psychospielchen anzufangen. Seine Ehefrau warnt er vor, sie lässt das Masala liegen und bleibt daher unbeeindruckt von den Drogen.

Fünf Verdächtige, eine Hauptfigur, die seiner wunderschönen Ehefrau recht hoffnungslos ergeben ist, das ist sehr le Carré – neu ist, dass die Ehefrau hier mehr tun darf als Affären zu haben. Auch sie arbeitet für den Geheimdienst, offenbar sogar an höherer Stelle als ihr Ehemann. Und auch die anderen Verdächtigen sind privat miteinander verbandelt, so dass es einige amüsante Dialoge darüber gibt, wie schwierig eine Beziehung zwischen Geheimdienstmitarbeitern ist. Denn im Zweifelsfall ist alles “Black Bag” – also etwas, worüber man nicht reden darf. (Und vermutlich ist es auch kein Zufall, dass die Ausgangssituation auch an „Who’s afraid of Virgina Woolf“ erinnert.)

Soderberghs Film nach einem Drehbuch von David Koepp richtet sich offensichtlich an ein erwachsenes Publikum: Er erklärt nicht lang und breit, dass es um den britischen Geheimdienst geht oder wer da welche Funktion hat. Vielmehr vertraut er darauf, dass seine Zuschauer es wissen oder aus den Zusammenhängen erschließen können. Die Handlung wird nicht permanent nochmals zusammengefasst, nicht jedes Detail wird erklärt. Sie lässt sich ohnehin sehr knapp umreißen mit: alle glauben, dass dass eine Software mit Massenvernichtungswaffenausmaß an die Russen verkauft wurde. Aber die Handlung ist in diesem mit 93 Minuten wohltuend knackigen Film eh zweitrangig: Mit einiger Spionageerfahrung ist schnell klar, worauf es hinauslaufen wird. Stattdessen aber kann man sich sehr an den Bezügen zu Le Carrré, Len Deighton und Co. erfreuen. Dieser Film ist sich sehr bewusst, dass er sich innerhalb eines Bezugsrahmens bewegt – und macht daraus ein recht unterhaltsames Spiel.

Seine größte Schwäche liegt für mich in der Beziehung zwischen George und Kathryn. Man muss glauben, dass zwischen ihne die große Liebe herrscht, die ihnen von allen zugeschrieben wird. Ich hatte damit so meine Probleme – und das lag überraschenderweise an der Besetzung. Michael Fassbender passt gut in die Rolle das langweiligen Bürokraten. Er trägt wirklich sehr nachdrücklich eine langweilige Frisur sowie Klamotten. Seine Hornbrille allein erinnert sofort an Michael Caines Harry Palmer oder auch eine jüngere Version der George Smileys von Alec Guiness resp. Gary Oldman denken. Jedoch vermag er es kaum, Zuneigung auszudrücken. Cate Blanchett darf etwas glamouröser sein – sie ist ja schließlich die schillernde Verdächtige -, aber ich hatte sehr früh den Gedanken, dass sie ihren Kopf ständig so seltsam bewegt als sei sie es nicht gewohnt, lange Haare zu haben. Und nachdem ich es einmal gesehen hatte, konnte ich es nicht nicht mehr sehen. Es gibt nicht viel Knistern wischen ihnen – und auch nichts anderes, was zwischen Ehepaaren herrscht, die einander so treu, so loyal und in so großer Liebe zugetan sein sollen wie diese hier.

Nimmt man ihnen diese Liebe ab, dann gefällt einem der Film sicherlich besser als mir. Aber ich habe den Film dennoch gerne gesehen. Alleine schon, weil ich es gut finde, dass Soderbergh weiterhin Filme macht, die ihrem Publikum etwas zutrauen. In einem Interview hat er sich darüber beklagt, dass die Kino-Einnahmen zu gering sind und es damit andere Filmemacher mit solchen Filmen noch schwerer haben werden als ohnehin schon. Das passt in die momentane Kinolandschaft – stimmt mich aber ungemein traurig. Denn ich gehe gerne für Filme ins Kino, die mich als Zuschauerin ernst nehmen.

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Linksammlung 03/2025

Oliver Bottini hat eine Fernsehserie geschrieben: In „Das zweite Attentat“ steht Alex Jaromin im Mittelpunkt, der mit seiner Mutter seit 20 Jahren im Zeugenschutzprogramm des BKA lebt – und herausfinden will, warum sein Vater und seine Schwester 2003 wirklich gestorben sind. Spätestens bei dem Namen Jaromin klingelt es sicherlich bei einigen, denn ja: „Das zweite Attentat“ spielt im selben Kosmos wie Bottinis Roman „Einmal noch sterben“. Seit Anfang April kann man diese Serie in der ARD-Mediathek streamen.

Wer will das denn? Masterclasses von Prominenten liegen voll im Trend – und eigentlich war es da nur eine Frage der Zeit, bis auch Künstliche Intelligenz es aufgreift. Daher kann man sich nun Schreibtipps von Agatha Christie holen.

Recherchen deuten darauf hin, dass Barbara Pym für den MI5 gearbeitet hat – ich würde das gerne als Serie verfilmt sehen.

Sarah Weinman erinnert an Ethel Lina White – eine US-amerikanische Autorin, mittlerweile weithin vergessen. Sie hat u.a. mit „The Wheel Spins“ die Buchvorlage zu Alfred Hitchcocks „The Lady Vanishes“ und mit „Some Must Watch“ die Vorlage zu Robert Siodmaks „The Spiral Staircase“ geschrieben.

Momentan lässt sich in den USA vieles öffentlich beobachten – unter anderem auch, wie versucht, Geschichte umzuschreiben. Abgesehen hat er es unter anderem auf das National Museum of African American History and Culture in Washington D.C. Aber nicht nur in den USA gibt es politische Einflussnahme auf Museen. Wie sie aussieht und welche Ziele sie verfolgen kann, darüber schreibt Felicia Sternfeld, die derzeit Präsident des International Council of Museums in Deutschland ist.

In diesem Zusammenhang: Seit Trumps Wahl wurde insbesondere im englischsprachigen Teil des Internets Timothy Snyders „20 Lessons of Tyranny“ viel geteilt, nun hat sie John Lithgow für ein Video vorgelesen. Auch wenn die Kritikerin in mir sich etwas an der untergelegten Musik stört, hörenswert sind sie natürlich dennoch. Zuletzt wurde über Timothy Snyder zudem vielfach geschrieben, weil er mit seiner Frau Marci Shore die Yale University verlässt und nach Kanada geht. Dazu hat Marci Shore der taz ein Interview gegeben.

Auf ARTE ist derzeit ein sehr kluger Zweiteiler über TikTok zu sehen, der nicht nur erklärt, warum diese App so erfolgreich ist, sondern auch, wie sehr sie die öffentliche Wahrnehmung und Realität bestimmt – selbst für Menschen, die sie nicht nutzen. Dabei schlägt sie den Boden über die Entwicklung des dahinterliegenen Algorithmus und Chinas Überwachung zu Trump und Israel/Gaza. Steckt voller kluger Gedanken und Erklärungsansätze zur Gegenwart!

Wie hat sich eigentlich der linke Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert? Wie hat man miteinander kommuniziert oder auch Mitstreiter*innen gefunden? Einige Einblicke gibt diese Reportage in der taz.

Dass der Unabomber verhaftet wurde, hat viel mit seinem Bruder zu tun: Er schrieb damals an das FBI, dass sein Bruder der Gesuchte sein könnte. Nach seiner Verhaftung und Verurteilung hat er jahrelang versucht, sich mit seinem Bruder zu versöhnen. In der NYT erzählt er nun davon – und das ist eine interessante Seite eines wahren Verbrechens.

Fritz Honka ist – nicht zuletzt dank Heinz Strunk und Fatih Akin – wohl bundesweit bekannt. Erstaunlich wenig aber weiß man über die Frauen, die er ermordet hat. Nun hat die Historikerin Frauke Steinhäuser angefangen, ihre Biografien zu recherchieren.

Die Künstlerin Daniela Luschin hat mit „Her Last Portrait“ ein Projekt ins Leben gerufen, mit denen sie Opfern von Femiziden ein Gesicht geben will. Weltweit sind Künstlerinnen aufgerufen, sich daran zu beteiligen.

Wer immer bei der taz auf die Idee gekommen ist, Maren Kroymann und Mithu Sanyal zusammenzubringen – ich möchte ihr danken! Oder ihm. Ein tolles Gespräch übers Älter werden, Frausein und Humor.

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Über einen Serienmörder erzählen (2) – Ted Bundy, Zac Efron und „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“

Vor kurzem habe ich noch geschrieben, dass ich fast nur noch gucke, was ich gucken will. Und dieses Wochenende habe ich mich um das „fast“ in diesem Satz gekümmert. Denn natürlich gibt es Filme, die ich nach meinem Empfinden gucken sollte/müsste, weil sie direkt in mein Arbeitsgebiet fallen. Mit solchen Filmen ist es bei mir oft so: Ich schiebe sie jahrelang vor mir her, dadurch werden sie gefühlt unglaublich groß – und wenn ich mich dann endlich aufraffe, sie zu gucken, stelle ich erstaunt fest, dass es ja doch nur ein Film ist. (Hier ließe sich auch problemlos das Wort Film durch Buch ersetzen).

Dieses Wochenende habe ich nun endlich „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ geguckt. Kurz zusammengefasst: Der Ted-Bundy-Film mit Zac Efron. Ähnlich wie „Bright Young Women“ setzt der Film einerseits darauf, dass man weiß, wer Ted Bundy war – und versucht andererseits Spannung mit seiner Geschichte aufzubauen.

Der Film lehnt sich an das Buch von Elizabeth Kendall an, die jahrelang mit Ted Bundy eine Beziehung hatte. Gleich zu Anfang des Films begegnen sie einander in einer Bar. Er mag sie, obwohl Liz (Lily Collins) eine alleinerziehende Mutter ist. Sie verbringen bald Weihnachten miteinander, sind in diesem schnellen Zusammenschnitt ein auf den ersten Blick glückliches und normales Paar. Doch dann wird Ted Bundy bei einer Verkehrskontrolle angehalten: Er hat zwei Stoppschilder überfahren, als der Polizist ihn kontrolliert, entdeckt er, dass sein Name im Zusammenhang mit dem Verschwinden zweier Frauen auf einer Verdächtigenliste steht. Fortan wird sich ein Muster wiederholen: Ted Bundy beteuert seine Unschuld. Doch ihm werden immer mehr Taten vorgeworfen. Zweimal entkommt er aus dem Gefängnis, ehe es zum berühmten Prozess in Florida kommt. Der Titel des Films ist – abermals ähnlich zu „Bright Young Women“ – ein Zitat aus dem Urteilsspruch.

Zu keinem Zeitpunkt ist im Film klar, welche und wessen Geschichte eigentlich erzählt werden soll: Liz Kendalls? Also die einer Frau, die mit einem Serienmörder zusammenlebte, mit ihm ein Kind großziehen wollte, und die einerseits früh ahnt, dass er möglicherweise etwas verbirgt, es andererseits aber nicht wahrhaben will. Dieser hochinteressante Aspekt – sie war es, die seinen Namen erstmals gegenüber der Polizei erwähnte – wird gegen Ende „enthüllt“ und ist doch ein so spannendes, dass man ihm viel ausführlicher hätte nachgehen können, vielleicht sogar sollen. Stattdessen wird Liz ab Bundys Verhaftung hauptsächlich in verschiedenen Stadien des Leidens gezeigt. An keiner Stelle können sich Drehbuchautor Michael Werwie oder Regisseur Joe Berlinger entscheiden, ob Liz nun eigentlich eine nützliche Idiotin, tatsächlich eine Ausnahme oder doch ein weiteres Opfer Bundys ist. Diese Uneindeutigkeit zeigt sich auch bei Carole Ann Boone (Kaya Scodelaria), die Bundy heiratete und ein Kind von ihm bekam. Oder den Frauen im Gerichtssaal, die immer wieder wie Groupies wirken und der Film will sie nicht verurteilen, weil er ihre Bewunderung zur Untermauerung von Bundys behaupteten Charisma braucht, macht sich aber doch auch etwas lustig über sie.

Will der Film also die Geschichte Ted Bundys erzählen? Weiterlesen

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Linksammlung 02/2025

Lisa Kräher schreibt bei Übermedien über die True-Crime-Live-Show des Strafverteidigers Alexander Stevens und der BR-Moderation Jacqueline Belle. Die Schwester eines Mordopfers kritisiert, dass der Fall zur Unterhaltung ausgeschlachtet wird. Aber nicht nur, dass innerhalb der Show vom Publikum darüber abgestimmt wird, ob im Urteil zu Recht eine besondere Schwere der Schuld der festgestellt wurde – nun hat der verurteilte Täter einen Strafverteidiger engagiert, weil er genau dagegen vorgehen will. Und nun ratet mal, wer dieser Anwalt ist … 


Aidan Truhens „Fuck you very much“ wird als Serie verfilmt. Aus Jack Price wird Jackie Price, Catherine Zeta-Jones übernimmt die Hauptrolle und zu sehen wird es bei Prime sein. Nun ja, da werde ich wohl auf eine DVD-Auswertung warten müssen …

Nach der dritten Staffel von „Ted Lasso“ dachte ich noch, dass die Serie zum richtigen Zeitpunkt aufhört – und das ist selten. (Ein weiteres Beispiel ist „Fleabag“). Nun aber meldet Apple, dass es eine vierte Staffel geben wird.

Von DuckDuckGo gibt es die Möglichkeit, KI-Dienste anonym zu nutzen. Nun kann ich sie auch mal testen. Das habe ich bisher nämlich nicht gemacht, weil ich mal gelernt habe, dass die Handynummer eines der wertvollste Daten (Datums) ist, was man besitzt. Und ich habe – nur nebenbei – bis heute nicht verstanden, warum ich die bei ChatGPT eingeben sollte. Oder eine Mailadresse. Da kann es nur um das Sammeln von Daten gehen.

In der taz gibt es ein kurzes Porträt von Cemile Sahin, deren Buch „Kommando Ajax“ zwar in Leipzig nicht gewonnen hat, aber sehr, sehr lesenswert ist.

In der NYT empfiehlt Sara Gran Noir Thrillers – und ich sag mal so, ich lese nicht nur alles von Sara Gran, ich lese auch alles, was sie empfiehlt.

Und heute erinnert sich Zadie Smith im Guardian an den ersten großen Auftritt von Tracy Chapman. Ich weiß leider nicht mehr genau, wann ich Tracy Chapman entdeckt habe – oder ob ich das Konzert damals auch im Fernsehen gesehen habe. Möglich wäre es, immerhin haben ich einen älteren Bruder, der das damals bestimmt geguckt hat. Ich weiß nur noch, dass Tracy Chapman eine feste Größe in meinem Musikkosmos ist – und schon immer war.

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Über Filme und Bequemlichkeit

Vorige Woche habe ich einen Film aus der Bibliothek geholt. Auf diesen Film habe ich mehrere Wochen gewartet, er war immer ausgeliehen. Nun aber liegt die Disc da. Es ist ein bisschen wie früher, als ich freitags aufgeregt in die Videothek ging – in der Hoffnung, dass die Filme, die ich sehen wollte, noch da sind. Es ist noch nicht einmal ein besonders neuer Film – oder ein Film, den ich nicht woanders bekommen hätte. Er lief sogar schon einmal auf Arte. Aber ich wollte ihn nicht einfach streamen. Ich wollte eine Disc in den Player legen, die Sprachfassung aussuchen und den Film angucken. 

Diese Freude über die Disc irritiert mich – ich bin eigentlich nicht versessen aufs Material. Doch hinter ihr steckt weniger ein haptisches Bedürfnis als vielmehr, dass ich mich bewusst für einen Film entschieden habe. Dass ich wieder Lust aufs Filme gucken habe. Filme waren immer wichtig für mich, meine recht lang dauernde Filmmüdigkeit hat mich nicht gerade glücklich gemacht. Ich weiß nicht, ob Filme jemals wieder so einen Stellenwert bekommt wie “damals”. Aber alleine dass ich diese Vorfreude verspüre, ist schon etwas.

Mittlerweile glaube ich sehr genau ausmachen zu können, was diese Filmmüdigkeit verursacht hat: Die Arbeitsbedingungen als Filmkritikerin spielten eine Rolle. Die vielen mittelmäßigen Filme, die ich gesehen habe. Aber auch dass ich viel gesehen habe, was ich eigentlich gar nicht sehen wollte. Das kommt mit der Profession, klar. Ich lese auch beruflich Bücher, die ich privat nicht lesen würde. Aber gerade weil Filme immer wichtig für mich waren, habe ich eine andere Beziehung zu ihnen – emotionaler, persönlicher. Und deshalb hat mich das irgendwann zermürbt. Seit vorigem Jahr mache ich nun wieder etwas, was für manche recht banal klingt: Ich gucke (fast) nur noch, was ich sehen will.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, diesen Reflex des “Das-muss-ich-Gucken” abzustellen. Dass ich kaum noch in sozialen Netzwerken unterwegs bin, hilft sehr. Dass ich kaum noch Filmkritik mache. Stattdessen habe ich nun eine Notiz, in der ich Filmtitel notiere, die mich interessieren. Allerdings muss ich ein bisschen aufpassen, dass sie nicht zu einer Liste wird, die ich abarbeite (ich liebe Listen!). Habe ich mich für einen Film entschieden, schaue ich, wo ich ihn herbekomme und – da ich nur sporadisch Streamingsdienste abonniere – ihn ausleihen kann, entweder physisch oder als Stream. 

Diese Suche, diese bewusste Entscheidung, ggf. der Aufwand, den ich betreiben muss, um an einen Film zu kommen, hat noch etwas verändert: Ich schätze den jeweiligen Film mehr. Kürzlich habe ich bei Feuilleton & Firlefanz gelesen, dass wieder die große Klage losgeht, dass es bei vielen Streaminganbietern keine alten Filme gibt. Ich stimme André zu, dass niemand, der alte Filme gucken will, sich davon abhalten lässt. (Und im Vergleich dazu, wie schwierig es “damals” in den 1990ern Jahren war, an alte Filme zu kommen, ist es heute wesentlich einfacher. Wir hatten ja nichts! ;)) In meinen Augen aber sind sowohl diese Entwicklung als auch die Klage Teile einer weit verbreiteten kulturellen Bequemlichkeit: Alles, was anstrengt, wird skeptisch betrachtet oder regelrecht abgelehnt. Sei es der Aufwand, an einen Film zu kommen. Oder die Tatsache, dass ich mich auf einen Film oder ein Buch konzentrieren muss, um ihn bzw. es zu verstehen. Diese Bequemlichkeit wird an vielen Ecken gefördert: durch Autoplay, nicht enden wollende Playlists und natürlich einem Algorithmus, der stets davon ausgeht, dass ich mehr von dem Gleichen haben will – und bloß nichts, was mich aus dieser Bequemlichkeit herausholt. Die meisten Streamingdienste wollen, dass man aus ihrem Katalog aussucht – sie setzen darauf, dass man zu faul ist, außerhalb zu suchen. Und dass einem gar nicht auffällt, wie vielseitig Kultur sein kann. Sonst würde Netflix nicht ein generisches Produkt nach dem anderen rausbringen oder Spotify mit banalen Tracks Playlists vollstopfen. Sie setzen darauf, dass man nicht aufpasst, was man konsumiert. Denn: Es ist Konsum, es ist keine Rezeption.

Dass mich diese Bequemlichkeit umtreibt, hat einen klaren Grund: Sie trägt dazu bei, dass die Wertschätzung von Kultur schwindet. Denn das nächste Unterhaltungsprodukt ist stets verfügbar, ohne dass man darüber nachdenken muss oder sich dafür entscheiden muss (und einem klar wird, dass man sich gleichzeitig gegen Millionen andere Dinge entscheidet). Diese Bequemlichkeit durchzieht nicht nur die Auswahl eines Films. Sie sorgt dafür, dass man weiterhin die Dienste und Netzwerke verwendet, die bequem sind – auch wenn sie möglicherweise die Demokratie gefährden oder gefährliche reiche Männer noch reicher machen. Sie sorgt dafür, dass man Dinge hinnimmt. Wenn jemand sagt, so ist es, wird es schon so sein. Sie sorgt dafür, dass man weniger hinsieht – was man konsumiert, was gerade geschieht. Weniger nachdenkt. Und wer daran ein Interesse hat, dürfte offensichtlich sein.

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Verbrecherische Frauen (1) – „Die Spielerin“ von Isabelle Lehn

Ein Luxushotel in Florenz. Eine Frau hat einen Stricher mit ins Zimmer genommen. Sie will ihm ihre Geschichte erzählen, damit sie sie wenigstens einmal erzählt hat. Sie weiß, dass er sie nicht weitererzählen wird. Und selbst wenn: Niemand würde ihm glauben.

Im Folgenden erfahren wir in Isabelle Lehns grandiosen Roman „Die Spielerin“ aber nicht diese Geschichte. Vielmehr lesen wir von einem Prozess gegen diese Frau, von der drohenden Pleite einer Nachrichtenagentur, die durch das Investment eines Brauerei-Erbens verhindert werden soll. Die Frau – „man umschreibt sie als Frau mittleren Alters“ – wird nur A. genannt und hat in der Telefonakquise gearbeitet. Sie sagt vor Gericht kein Wort. Stattdessen erzählen in den Kapiteln verschiedene Personen von A. Allesamt Männer. Ihr Vater, ihre Kollegen, ein Journalist, der über sie schreibt.

Nach und nach setzt sich ihr bisheriges Leben zusammen – zumindest einige Eckpunkte: Aufgewachsen in Südniedersachen hat sie eine Ausbildung bei der Sparkasse gemacht, wollte aber nicht in Einbeck versauern. Sie ist nach Zürich gegangen, um in der Investmentabteilung einer deutschen Bank zu arbeiten. In den 1990er Jahren bedeutet das zweierlei: Dort arbeiten fast ausschließlich Männer. Und diese Jahre umfassen eine ungeheure Spekulationsgier, vom Währungstausch der D-Mark bis zur Asienkrise.

Insbesondere dieser Teil – der zweite Teil – liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. A. lernt alles, was sie in dieser Branche können muss: Worauf sie spekulieren muss. Wie man Geld vermehren, waschen, beiseiteschaffen und umetikettieren kann. Ihre größte Stärke: Sie ist in diesem Spiel immer die, die die Männer um sie herum sehen wollen. Sie ist unsichtbar, wenn sie es sein muss. Sie ist ein Objekt der Begierde, wenn es von ihr erwartet wird. Das allerdings, so merkt ein Kollege an, gehe nur, bis sie 32 Jahre alt sei. Danach nicht mehr. Weiterlesen

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Über einen Serienmörder erzählen – Jessica Knoll und “Bright Young Women”

Sein Name wird im Buch nicht genannt. Eine bewusste Entscheidung, betont die Autorin Jessica Knoll. Zu viel wurde bereits über ihn erzählt. Zu bekannt ist er, der Täter, im Gegensatz zu seinen Opfern. Allein: Auf dem Buchumschlag steht sein Name. Der Paratext stellt sicher, was der Text nicht tut: Dass wirklich jede*r Leser*in weiß, dass der Täter, der im Roman „der Angeklagte“ genannt wird, Ted Bundy ist. Wobei: Kann man wirklich davon ausgehen, dass nicht sowieso klar ist, um wen es geht? Der ‚berühmteste Serienkiller der USA‘ hat eine seit Jahrzehnten andauernde mediale Präsenz. Jede Generation „ihre“ Ted-Bundy-Geschichte. Ist die Idee, den Namen nicht zu nennen, nur ein Marketing-Aufhänger? Oder freundlicher formuliert: Ein gutgemeinter Gedanke, der nicht ganz zu Ende gedacht ist? Und: Funktioniert das Buch überhaupt, wenn man die Geschichte von Ted Bundy nicht kennt?

Ohne diese Folie ist „Bright Young Women“ ein leidlicher spannender Roman. Jessica Knoll erzählt hauptsächlich aus zwei Perspektiven, deren Stimmen sich kaum unterscheiden: Pamela, eine Studentin, die nur durch Glück überlebt, als „der Angeklagte“ im Januar 1978 in ein Studentinnenwohnheim in Floria eindringt, und zur Hauptzeugin gegen ihn wird. Dazu kommt Ruth, eine junge Frau, die ihre unglückliche Ehe hinter sich gelassen hat. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe, lernt emanzipierte Frauen kennen und beginnt, sich von ihrer übergriffigen Familie – vor allem ihrer Mutter – zu lösen. Bis sie an einem Sommertag eine fatale Entscheidung trifft.

In diesen Geschichten erzählt Knoll viel über die alltägliche Misogynie der 1970er Jahre – und darin steckt auch eine Erinnerung daran, dass wir in der Gegenwart – allem Backlash zum Trotz – weitergekommen sind. Spannung stellt sich indes kaum ein. Das liegt vor allem daran, dass sie von Knoll lediglich durch redundante Vorausdeutungen und Cliffhanger aufgebaut wird – und die ersten zwei Drittel des Buchs viel zu langatmig sind.

Erst im letzten Drittel zeigt sich das Potential der Geschichte. Hier konzentriert sich Knoll auf die Frauenfeindlichkeit innerhalb der Justiz, der Polizei und letztlich auch der medialen Berichterstattung. Genau dann aber zeigt sich abermals: Selbst falls Knoll tatsächlich Bundy den medialen Nachruhm verweigern wollte, profitiert sie von genau dem medialen Hype, den sie kritisiert.

Keine Besprechung kommt ohne den Verweis auf. Schon der Titel spielt auf den berühmt-berüchtigten Urteilsspruch gegen Bundy an. Die Namen der Opfer stimmen überein. Nicht alle, aber viele. Sogar die vermeintlich fiktionale Perspektive hat ein reales Vorbild. Was aber Fakt, was Fiktion ist, wird nicht kenntlich gemacht. Wie gut man es erkennt, liegt am Wissen über Bundy – und seinen medialen Nachruhm. Warum aber dieses Spiel? Warum nicht eine rein fiktionalisierte Version schreiben?

Knoll betont: Ted Bundy war eben nicht der „bright young man“ als den ihn der Richter betitelte. Ihre Argumente? Vor allem der formale Bildungsgrad Bundys. Dieser klassistische Hauch schmälert die beste These des Buches: Dass es nicht die Genialität der Täter ist, die Serienmörder so schwer zu fassen macht. Sondern die Unfähigkeit der Ermittlungsbehörden. Im Falle Bundys – und vieler anderer Täter – geprägt von der Misogynie der Ermittler. Dafür aber hätte sie mehr Argumente gebraucht.

Jessica Knoll: Bright Young Women. Aus dem Englischen von Jasmin Humburg. Eichborn 2024. 461 Seiten. 18 Euro.

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