„Du mit deinen Serienkillern!“, sagte kürzlich der geschätzte Kollege Alf Mayer zu mir – und nun ja, was soll ich sagen, mit den Serienkillern und mir ist das wirklich so eine Sache. Angefangen hat es in Teenager-Jahren mit der weit verbreiteten Faszination, gespeist durch TV-Serien wie „Profiler“ oder später „Criminal Minds“, die Kay-Scarpetta-Romane, natürlich der Verfilmung von „Das Schweigen der Lämmer“ und wasweißichnochalles. Mittlerweile sehe ich das alles viel kritischer – und bin vielmehr von der Faszination an sich fasziniert. Zumal ich denke, dass es seit einigen Jahren wieder eine „Rückkehr der Serienkiller“ in der Kriminalliteratur gibt – was zu einem großen Teil damit zusammenhängt, dass mittlerweile auch Autorinnen Serienkillerromane schreiben. Für Deutschlandfunk Kultur habe ich mir diese Wiederkehr der Serienkiller einmal genauer angesehen – und das hat mich in den vergangenen Monaten sehr beschäftigt. Am Freitag ist das Feature gelaufen (und wenn ich ehrlich bin, hätte ich noch ausreichend Material und Gedanken für mindestens weitere 30 Minuten). Weiterhin anhören lässt es sich unter diesem Link
Helsinki Notes
Ich bin derzeit in Helsinki und war gestern beim Sibelius-Monument. Und direkt daneben habe ich noch ein weiteres Monument gesehen, das sehr genau meinen Humor trifft. Daher dachte ich, ich teile es hier:
- Sibelius-Monument
- Stickelius-Monument
(Es ist eine Werbe-Aktion für die Happy Paws Tour, die heute und morgen stattfindet. Ich habe damit nichts zu tun – außer einer generell großen Sympathie für Hunde, Pfoten und gute Werbeideen.)
Über “Das Nest” von Sophie Morton-Thomas
Vögel sind die Leidenschaft von Fran. Schon morgens schleicht sie sich aus ihrem Wohnmobilheim an der Küste Norfolks, um sie zu beobachten. Dann muss sie nicht mehr darüber nachdenken, warum sich ihr Mann in seine Arbeit vergräbt oder ihre Schwester kaum noch mit ihr spricht. Warum ihr Sohn Bruno keine Freunde findet, stattdessen seiner gleichaltrigen Cousine Sadie hinterherläuft, die so viel reifer ist als er. Und ob ihr Schwager wieder trinkt.
Von Anfang ist in Sophie Morton-Thomas‘ Debütroman „Das Nest“ klar, dass etwas nicht stimmt. Aber man bekommt nicht zu fassen, was es ist. Warum ist das Verhältnis zwischen Fran und ihrer Schwester so angespannt? Warum will Frans Ehemann, dass sich ihr Schwager von ihrem Sohn Bruno fernhält? Überhaupt Bruno – er ist ein merkwürdiges Kind. Ständig betonen Fran und ihr Mann, wie sehr sie ihn lieben, wie kindlich er im Vergleich zu seinen Mitschülern ist, wie unschuldig. Sie wollen ihn unbedingt beschützen. Doch vor was?
Morton-Thomas nimmt sich etwas zu viel Zeit, um dieses Setting und die Atmosphäre zu etablieren. Dann passieren mehrere Dinge gleichzeitig, die diese fragile Routine stören: Roma errichten ihr Lager auf einem Feld direkt neben dem Campingplatz, den Fran verwaltet. Innerhalb kurzer Zeit verschwinden erst die Vertretungslehrerin ihres Sohnes, dann ihr Schwager. Außerdem tauchen toten Vögel auf, denen die Köpfe abgerissen wurden.
Erzählerisch bleibt Sophie Morton-Thomas überwiegend in der Perspektive von Fran, die ständig mit ihren Vögeln beschäftigt ist. Vor allem das titelgebende Nest der seltenen Seeschwalbe dominiert ihre Gedanken, es wird regelrecht zu einer Obsession. Doch es wird immer klarer, wie sehr sie mit allen überfordert ist – und dass sie manche Gedanken, Sorge, Bedürfnisse nicht aussprechen kann. Wie so einige Menschen in ihrer Umgebung. Dadurch entwickelt sich unter dieser simplen Oberfläche ein komplexes Familiendrama, in dem die Nuancen fein aufeinander abgestimmt sind. Man muss aufpassen und sorgfältig lesen, um sie nicht zu verpassen.
Das Ende enthält sicherlich eine Spur zu viel Großherzigkeit. Aber die Subtilität der psychologischen Spannung überzeugt.
Sophie Morton-Thomas: Das Nest. Aus dem Englischen von Lea Dunkel. Pendragon 2025. 302 Seiten. 22 Euro.
Ross Thomas – Abschluss der Werkausgabe
25 Bände in 20 Jahren! In diesem Jahr wurde die 25-bändige Werkausgabe des Amerikaners Ross Thomas (1926-1995) im Alexander Verlag mit dem Roman “Stimmenfang” abgeschlossen. Ross Thomas ist einer der wichtigsten Politthriller-Autoren des 20. Jahrhunderts – und einer meiner Favorites. Für SWR Kultur habe ich mit Verleger Alexander Wewerka gesprochen – und erzählt, warum man gerade jetzt Ross Thomas lesen sollte. Nachhören und -lesen lässt sich der Beitrag unter diesem Link.
Abweichendes Verhalten – Der Talk
Mein Podcast befindet sich immer noch im Ruhemodus, aber nächste Woche geht es weiter mit einer Live-Veranstaltung in Berlin. Am Mittwoch sprechen Thomas Wörtche und ich mit Katrin Doerksen über drei aktuelle Kriminalromane – und ich bin mir sehr sicher, dass wir viel zu besprechen haben. Los geht es um 19:30 Uhr im Studio 24 in der Grundewaldstr. 24 in 10823 Berlin – in Schöneberg.
Linksammlung 04/2025
Bei meinen Recherchen wegen meines Serienkillers-Features entdecke ich die seltsamsten Dinge. Beispielsweise gibt es eine Wikipdia-Seite, die Songs auflistet, in denen Serienkiller genannt werden. Der meistgenannte ist … Jeffrey Dahmer. Und zwar zumindest in dieser Liste deutlich häufiger als Ted Bundy oder Jack the Ripper. Fast 70 Lieder sind dort genannt. Ich war überrascht davon, denn gefühlt ist Bundy der berühmtere Serienkiller. Aber vielleicht gilt das nur weltweit – und in den USA ist es doch Dahmer? Eine Frage, die ich interessanter finde als ich zugeben möchte. Außerdem: Als ich Thomas Wörtche von dieser Liste erzählte, machte er mich auf einen der creepigsten Songs aller Zeiten aufmerksam. Hier anzuhören.
Lee Child hat im Guardian einem Fragebogen ausgefüllt und er ist sehr lustig. So lustig, dass ich manche Antworten meinem Mann vorgelesen habe, der noch nicht einmal weiß, wer Lee Child ist. Oder jemals ein Buch von ihm gelesen hat. Die habe ich allerdings nicht als lustig in Erinnerung.
Ob das die finnische Variante der Mann-beißt-Hund-Schlagzeile ist?
Bei Publishers Weekly ist ein Porträt von Denise Mina erschienen – und ihrer „imperfect“ und „messy“ Hauptfiguren. Nun ja …
Gillian Flynn arbeitet nicht nur an einem neuen Buch und einer neuen Serie, sondern sie hat nun auch ihr eigenes Imprint.
Als ich mal ein Interview mit William Boyle geführt habe, wurde mir klar, dass er und ich auf zwei Seiten des Atlantiks mit ungefähr denselben Büchern, Filmen und Serien groß geworden sind. Mit einer Ausnahme: Im Gegensatz zu ihm war ich nicht 12 Jahre alt, als ich das erste Mal Jim Thompson gelesen habe …
Einige Bilder einer Foto-Ausstellung zu Jazz und Blues – leider in New York. Und manche Foto-Reihen-Ideen sind schlicht und großartig: André Lützen hat im ganzen Land die Hauptstraßen fotografiert.
Alex Matzkeit in seinem Blog eine neue Rubrik, die er unsortierte Gedanken nennt – ein toller Titel, interessante Gedanke und eine sehr gute Idee. Ich würde mir sie gerne zum Vorbild nehmen, denn eigentlich hatte ich mir ja ebenfalls vorgenommen, fortan zu bloggen als würde niemand es lesen. Aber nun muss ich erst einmal seinen Titel aus dem Kopf bekommen …
Spione reloaded (2) – Die Cosy-Spy-Serie „Black Doves“
Eigentlich hat „Black Doves“ eine vielversprechende Ausgangssituation: Der Geliebte der Politikergattin und Spionin Helen Webb (Keira Knightley) wird ermordet. Zufall? Oder steckte hinter der vermeintlich großen Liebe doch etwas anderes? Helen macht sich auf, mehr über den Mord zu erfahren – und entdeckt möglicherweise einen Zusammenhang mit dem verdächtigen Todesfall des chinesischen Botschafters in Großbritannien sowie dem Verschwinden von dessen drogensüchtiger Tochter. Sogar ihr irrationales Verhalten – sie gefährdet mit ihren Nachforschungen ihre gesamte Scheinidentität – ist innerhalb ihrer Figur begründet. So verhält sie sich, wenn sie jemanden verliert, der ihr etwas bedeutet. Ansonsten darf man aber nicht allzu sehr auf Plausibilität hoffen. Erweisen sich anfangs scheinbar offensichtliche Logiklücken noch als gezielte Irrführung – bspw. dass der Killer eine Patrone hinterlässt, die zu seiner Identität führt – sind Serienschöpfer Joe Barton spätestens ab der vierten Folge die Ideen ausgegangen.
Insbesondere in Spionagehinsicht: Die „Black Doves“ sind eine Art private Spionageeinheit, die für den höchstzahlenden Auftraggeber arbeitet und deshalb eine Reihe von ‚Tauben‘ beschäftigt, die an geheime Informationen kommen bzw. den Lauf der Dinge beeinflussen können. „Spies for hire“ sozusagen. Aus der Ausgangssituation macht die Serie aber nuzr sehr, sehr wenig. Stattdessen verliert sie sich in privaten Verwicklungen: Der Auftragskiller Sam Young (Ben Wishaw), ein alter Freund von Helen, wird zu ihrem Schutz wieder nach England geholt. Wishaw und Kneightly haben eine gute Chemie, aber sein Handlungsstrang soll wohl vor allem die sechs Folgen füllen, die heutzutage für diese Art Mini-Serie erforderlich: Er trauert vor allem seiner großen Liebe Michael (sehr gut: Omari Douglas) hinterher, dazu bekommen wir Flashbacks und noch mehr fahrlässig-gefährliches Verhalten.
Offenbar ist derzeit die Idee, dass Auftragskiller ein Privatleben haben, recht beliebt: Auch in „The Day of the Jackal“ bekommt der Schakal Frau und Kind an die Seite – als wäre es nicht gerade das Faszinierende an dieser Figur, dass man nichts über sie weiß. Allerdings wäre dann wohl auch offensichtlich geworden, dass es bei Frederik Forsyth‘ Vorlage keine nennenswerte Frauenfiguren gibt. Möglicherweise sollen die Auftragskiller so „moderner“ erscheinen, vielleicht auch verletztlicher oder „nahbarer“. Mal eine emotionale Seite zeigen. Als Auftragskiller. Ich bekomme da eine ganz große Manchette-Sehnsucht. Ach, die 1970er, als Auftragskiller noch das waren, was ihre Jobbeschreibung vorsieht.
Bei „Black Doves“ aber ist Liebe ganz klar das Handlungsmotiv. Die geopolitischen Verwicklungen spielen sich deutlich im Hintergrund ab. Da frage ich mich schon, ob hinter der auf den ersten Blick ungewöhnlichen Besetzung einer Spionageserie mit einer Spionin und einem schwulen Auftragskiller Zufall ist. Denn „Black Doves“ ist eine ziemlich sentimentale Version einer Spionageserie. Interessanter – und tatsächlich bemerkenswert – ist dagegen, dass im Hintergrund Frauen die Fäden ziehen, die älter und in konventioneller Hinsicht weit weniger glamourös sind als Helen. Sie sind in der Gesellschaft weitgehend unsichtbar: Je spießiger sie aussehen, desto ungefährlicher erscheinen sie und die Frauen hier nutzen das gnadenlos aus. Dass allerdings ausgerechnet Helen ihre Auftraggeberin regelmäßig unterschätzt, ist wenig glaubwürdig.
Dass „Black Doves“ überwiegend gute Kritiken bekommen hat, hat mich dann doch gewundert. Klar, manches ist recht unterhaltsam: Wie sich chinesische und US-amerikanische Geheimagenten gegenseitig abschießen, beispielsweise. Auch die Killerinnen-Sidekicks von Sam haben gute Pointen, passen allerdings nur wenig in das gesamte Setting. Möglicherweise steckt hierin ein Versuch, an „Slow Horses“ anzudocken. Allerdings übersieht „Black Doves“ hier, dass „Slow Horses“ durchzogen ist von institutionellem Versagen und einem Nihilismus, den die Spione vor allem haben, weil sie erkannt haben, dass sie ihrer Regierung egal sind.
Doch auch wenn ich mich darauf einlasse, dass hier vor allem die Privatleben verhandelt werden, bleiben Fragen. Ein sehr spannender Konflikt wird beispielsweise gar nicht angegangen: Helen hat Kinder mit ihrem Ehemann aka Großbritanniens Verteidigungsminister aka ihrer Zielperson. Als sie plant, ihn zu verlassen, will sie die Kinder mitnehmen. Aber sie fragt sich noch nicht einmal, ob sie das zu einer schlechten Mutter macht. Ihr Ehemann scheint ein ganz okayer Kerl zu sein: Gut, er ist ein etwas langweiliger konservativer Politiker, scheint aber verhältnismäßig wenig Dreck am Stecken zu haben. Seine Gefühle ihr gegenüber scheinen aufrichtig. Und um seine Kinder kümmert er sich im Zweifelsfall dann doch. Ein bisschen unwillig, ja. Warum also denkt sie nicht darüber nach, was es für ihre Kinder bedeuten würde, ihren Vater niemals wieder zu sehen? Denn darauf würde es ja hinauslaufen.
Diese Serie will einfach keine schwierigen Fragen stellen. Sie spielt zur Weihnachtszeit, ist im Dezember auf Netflix gestartet. Die Gewalt ist so cool, dass sie auf keinen Fall zu nahe geht oder gar existentiell wird. Der Plot wird regelmäßig noch einmal zusammengefasst, so dass ich nebenbei gut ein paar Kekse essen kann. Und vor allem meine Wohlfühlzone muss ich nie verlassen. Cosy Spy also. Und das in einer Zeit, in der eine neue Weltordnung entsteht.





