Archiv des Autors: Zeilenkino

Krimi-Kritik: „Freedom’s Child“ von Jax Miller

„Mein Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet.“ Mit diesem Satz beginnt Jax Millers Debüt „Freedom’s Child“, in dem sie von Vergewaltigungen, Entführungen, Waffenhandel und religiösen Fanatikern erzählt.

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Seit sie gegen ihren Schwager wegen des Mordes an ihrem Mann ausgesagt hat, lebt Freedom Oliver im Zeugenschutzprogramm in Painter, Oregon, einer „Kleinstadt voll Schmutz, Regen und Crystal Meth.“ Die Welt, in der sie sich bewegt, ist sexualisiert und gewalttätig. Sie arbeitet in einer von Bikern und Prostituierten besuchten Bar, wird beständig mit Übergriffen konfrontiert, die sie brutal beendet, und von traumatischen Erinnerungen an ihre Vergangenheit heimgesucht, die sie wegzutrinken versucht. Dann erfährt sie, dass der Mann, den sie einst ins Gefängnis gebracht hat, frei kommt. Sie weiß, dass er sich rächen wird und auch ihre Kinder in Gefahr sind, die bei Adoptiveltern großgeworden sind. Also macht sie sich auf den Weg, ihre Kinder zu retten.

Freedom Olivier ist eine jene Protagonistinnen, die sich aus einer missbräuchlichen Ehe befreit hat und nun mit den Konsequenzen der Tat leben muss. Also raucht, trinkt, flucht und vögelt sie, so viel und mit wem sie will. Sie ist rücksichtslos sich selbst und anderen gegenüber. Aber sie war nicht immer so, erst durch ihre Ehe ist sie so geworden. Wäre es nicht großartig, wenn eine Frauenfigur einfach so wäre, weil sie es will? Weiterlesen

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Ein Leben in Freiheit und Lüge – Über den Film „Himmelverbot“

Der Mörder ist gefasst und hinter Gittern gebracht. An dieser Stelle enden oft Filme. Oder sie steigen ein, wenn die Täter schon im Gefängnis sitzen und erzählen von dessen Knastalltag. Auch der Kontakt des Filmemachers Andrei Schwartz zu Gabriel begann auf diesem Weg: Für seinen Dokumentarfilm „Jailbirds – Geschlossene Gesellschaft“ besuchte Schwartz vor zehn Jahren das rumänische Hochsicherheitsgefängnis Rahova und begegnete während der Dreharbeiten Gabriel, einem zu lebenslanger Haft verurteiltem Mörder. Er hatte eine Frau und deren Ehemann in ihrer Wohnung erschossen. Aus Rache. Mit seinem Witz und seinen melancholischen Augen, seiner Geschichte voller Schatten und dunklem Humor verkörperte Gabriel damals Rumänen für ihn, gesteht der Filmemacher zu Anfang seines neuen Films und so bleiben sie über die Dreharbeiten hinaus in Verbindung. Dann erreicht ihn Gabriels Nachricht, dass nach dem Verbüßen von 20 Jahren Haft die Verhandlung über eine Freilassung auf Bewährung ansteht – eine Möglichkeit, die es erst seit Rumäniens EU-Beitritt 2007 gibt – und Andreis Anwesenheit mit Kamera dabei hilfreich könnte. Also reist Andrei Schwartz abermals nach Rumänen und begleitet Gabriel in „Himmelverbot“ bei seinem Weg zurück in die Freiheit.

(c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

(c) W-film / TAG/TRAUM Filmproduktion

„Himmelverbot“ erfüllt im Folgenden alle Erwartungen an einen Dokumentarfilm über die Rückkehr eines Mörders in die Freiheit. Es gibt ein tränenreiches Wiedersehen mit der Familie, erstes Erstaunen über eine Gesellschaft ohne Diktatur und einem Land in der EU. Doch es stellen sich auch Probleme ein. Weiterlesen

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Sommerpause

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Mir wird es hier zu warm, also mache ich mich auf den Weg gen Norden in den Urlaub! Vom 17. Juli bis 10. August geht das Zeilenkino in Sommerpause. Auf Twitter und Facebook werde ich gelegentlich unterwegs sein, einige Fotos werden bei Instagram und EyeEm zu sehen sein. Ich freue mich schon unser Wiederlesen – habt einen schönen Hochsommer!

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Krimi-Kritik: „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ von Antonin Varenne

(c) C. Bertelsmann

(c) C. Bertelsmann

Vom Birma im Jahre 1852 bis in die Sierra Nevada des Jahres 1864 streckt sich die Handlung in Antonin Varennes „Die sieben Leben des Arthur Bowman“. Titelfigur Arthur Bowman ist der härteste Söldner in der Ostindienkompanie in Birma, später arbeitet er – alkohol- und opiumsüchtig – bei der Hafenpolizei in London. Inmitten einer großen Hitze und Trockenheit im Jahr 1859 wird er von einem Jungen zu einer Leiche geführt, die verstümmelt in der Kanalisation liegt. Die Narben und Spuren der Folter erkennt Bowman zu gut – sie wurden ihm selbst während der Gefangenschaft in Birma zugefügt. Überzeugt, dass er den Mörder kennt und er unter den Überlebenden seiner Truppe zu finden ist, macht er sich auf die Suche. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Das Kartell“ von Don Winslow

Vieles beginnt bei mir mit einem Film. Die erste Begegnung mit dem amerikanischen ‚war on drugs‘ war Steven Soderberghs „Traffic“ aus dem Jahr 2001, einige Jahre später folgt dann mit Don Winslows „Tage der Toten“ mein erster ‚großer‘ Thriller zu diesem Thema. Soderbergh und Winslow erzählen viel, aber längst nicht alles, vielmehr sind ihre Filme und Bücher Puzzleteile in einem komplexen, vielschichtigen Bereich – große, wichtige Teile, aber eben Teile. Deshalb war ich sehr gespannt, was Don Winslow mit „Das Kartell“ diesem Thema hinzuzufügen hat, das ihn in seinen Büchern immer wieder beschäftigt.

(c) Droemer

(c) Droemer

„Das Kartell“ setzt am Ende von „Tage der Toten“ ein: Drogenboss Adán Barrera sitzt im Bundesgefängnis in San Diego, Kalifornien, nachdem er von DEA-Agent Art Keller mit einer List auf amerikanischen Boden gelockt und dort verhaftet wurde. Art Keller hat sich seither in ein Kloster zurückgezogen, in dem er mit seiner Vergangenheit und Schuldgefühlen zu leben versucht. Und hier trifft Don Winslow eine erste falsche Entscheidung: Auch in „Das Kartell“ wird es um das Duell zwischen Barrera und Keller gehen, sie sollen die Gegenspieler sein, um die herum er den ‚war on drugs‘ behandelt. Doch was in „Tage der Toten“ gut funktioniert hat, erweist sich hier immer wieder als Hindernis. Zunächst einmal müssen beide Figuren wieder zurück ins Spiel gebracht werden, d.h. Barrera muss aus den USA nach Mexiko und in die Freiheit gebracht werden (hier lässt sich Winslow von dem ersten Ausbruch Guzmáns‘ im Jahr 2001 inspirieren, er ist kein Prophet, wie seit Sonntag bisweilen zu lesen war), Art Keller aus seinem Kloster herausgelockt und in den aktiven Dienst zurückgeführt werden. Das dauert dann so ungefähr 100 Seiten, auf denen man ausreichend Zeit hat sich zu fragen, warum ausgerechnet diese beiden Männer diesen tödlichen Krieg und ihre 30 Jahre währende Privatfehde überleben – und ob die Amerikaner tatsächlich so verzweifelt sind, dass sie außer Art Keller niemanden haben. Nun wäre das als alte (wenngleich unnötige) Fortsetzungsregel noch hinzunehmen, wenn wenigstens ihre Vergangenheit knapp zusammengefasst würde. Aber in fast jedem Absatz zu Keller wird erwähnt, dass er in Vietnam war und ein Pocho ist, immer wieder wird betont, dass er weder in den USA noch in Mexiko richtig hineinpasst. Mehr Profil entwickelt er dadurch aber nicht, vielmehr rückt seine Rachsucht in den Vordergrund. Und zu Barrera fällt Winslow ebenfalls wenig Neues ein. Diese Figuren sind seit „Tage der Toten“ auserzählt. Weiterlesen

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Netzschau #4

Seit der letzten Ausgabe meiner Netzschau ist schon wieder sehr viel Zeit vergangen, deshalb folgt nun ein kleines Sammelsurium an Nachrichten der letzten Monate.

Kriminalliteratur
Die Hotlist 2015 wurde veröffentlicht, auf die Einreichungen der unabhängigen Verlage versammelt sind, die es dann unter die Top 30 schaffen können. Alle Titel aus Krimis/Thriller sind hier zu finden – und ich schämte mich, dass ich tatsächlich nur „Havarie“ kenne. Allerdings hat dann ein Blick auf die 30 ausgewählten Titel gezeigt, dass ich natürlich noch „54″ von Wu Ming kenne, der aber wohl zunächst unter Roman angeführt wurde. Das könnte mich dazu verführen, mich über die Unsinnigkeiten von „Genre”-Einteilungen aufzuregen. Aber ich widerstehe – zumindest in diesem Moment.

„Havarie“ ist bei Argument Ariadne erschienen, die erste Adresse für Spannungsliteratur von Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Auf seinem Blog hat Alex ein kleines Porträt des Verlags geschrieben

Im Mai ist Harry Rowohlt gestorben, was mir als Poohistin sehr nahe gegangen ist. Isabel Bogdan hat Nachrufe versammelt, mein liebstes Fundstück ist der Fragebogen in der FAZ.

Die ZEIT widmet sich der Ehe Raymond Chandlers und seiner wesentlich älteren Ehefrau Cissy. Und im Grunde genommen ist es mir egal, mit wem die Menschen ihre Zeit verbringen, solange alle Beteiligten mündig und einverstanden sind. Aber die Frage, ob es einen ähnlichen Beitrag sowie vergleichbare Schlussfolgerungen gegeben hätte, wenn eine Schriftstellerin mit einem 18 Jahre älteren Mann verheiratet gewesen wäre, hat sich mir mehr als einmal aufgedrängt.

Verfilmungen
Megan Abbott ist eine Autorin, die meiner Meinung nach in Deutschland viel zu unbekannt ist und bei der ich es sehr bedauere, dass lediglich ein Titel übersetzt ist („Das Ende der Unschuld“, Kiepenheuer & Witsch). Manchmal können Verfilmungen ja Wunder bewirken und deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass sowohl ihr Roman „The Fever“ als auch „Dare me“ fürs Fernsehen adaptiert werden.

Skandinavischer Film
Erst im letzten Jahr habe ich Roy Andersson für mich entdeckt, aber seither lese ich alles, was mir unter die Augen kommt. In der Irish Times hat er erklärt wie es zu dem Titel seines Films „Eine Taube saß auf einem Zweig und dachte über das Leben nach“ kam: “And when I was working on the script I was sitting on a first floor looking out the window at a pigeon on a branch. And I got to wondering if he was having trouble with a script also.” Und im August wird bei good!movies seine „Du levande-Trilogie“ als DVD-Box erscheinen.

Susanne Bier spricht im Interview über die Bedeutung, die ihre Kinder für ihre Arbeit haben, besonders interessant ist ihre Wahrnehmung von der Kinderbetreuung in Dänemark: For the first fifteen years I spent all of my salary on childcare. Although in Denmark there is publicly-funded childcare, the hours don’t work with the hours you work as a film director. You can’t drop your child off at 5 am to get to the set, and pick them up at 9pm. I think it’s more of an attitude thing, it’s more that it’s embraced in Nordic countries that being a mum and working is not a contradiction. It’s more conceptual.

Fundstücke
„The game is the game“ oder „what’s done is done“ sind allseits beliebte Weisheiten aus meiner Lieblingsserie „The Wire“ – diese und andere Tautologien versammelt der Supercut bei Slate.

Bekanntermaßen habe ich mich in den letzten Wochen intensiver mit Orson Welles beschäftigt – und nun hat das BFI einen „Beginner’s Guide“ zu ihm erstellt.

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Krimi-Kritik: „Havarie“ von Merle Kröger

(c) Ariadne

(c) Ariadne

Das Mittelmeer ist der Ort, an dem sich alle Handlungsstränge und Schicksale in Merle Krögers „Havarie“ kreuzen, auf vier Schiffen sind die Figuren unterwegs:
Auf dem Kreuzfahrtschiff „Spirit of Europe“ vergnügen sich ordinäre Pauschalurlauber, belächelt von wohlhabenden Kabinenurlaubern mit eigenem Bereich und umsorgt von einer internationalen Crew. Die Passagiere fühlen sich sicher, dafür sorgt die perfekte Maschinerie des Dampfers, die die Arbeitssklaven in Wäscherei und anderen Orten sorgsam vor den Augen der Passagiere verbirgt. Sicherheitschef Nikhil Meta liefert ordentliche Arbeit und Ergebnisse mit Ausbeutung und Erpressung, unterdessen himmelt seine Untergebene Lalita – eine Gurkha – den Sänger des Bordband an, der aber nach einem Annäherungsversuch verschwunden scheint und der erste Offizier Léon Moret denkt an seine Freundin.
Auf einem Schlauchboot schmuggelt der Algerier Karim Landsleute in einem Schlauchboot nach Europa. Er kennt die Gefahren dieser Tour, hofft auf weiteres Glück – und eine Zukunft mit Zohra Hamadi, die schon in Europa ist.
Der Frachter Shiobhan of Ireland liegt im Hafen von Oran und Chief Engineer Oleksij Letschenko denkt an die Heimat. Weiterlesen

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