Krimi-Kritik: „Cutter und Bone“ von Newton Thornburg

Richard Bone ist ein Mann, der sich seiner eigenen Stärken und Schwächen sehr bewusst ist, deshalb weiß er, dass er mühelos Frauen ins Bett bekommt, aber an den meisten interessiert ihn lediglich das Geld. Also verbringt er einige Nächte mit ihnen, lässt sich aushalten und kehrt dann auf das Sofa in Alex Cutters Haus zurück, auf dem er schläft. Einst war er ein erfolgreicher Werber, hat dann Frau, Kind und einen lukrativen Job verlassen, weil er überzeugt war, es müsse mehr im Leben geben – aber gefunden hat er nichts. Stattdessen bildet er sich ein, er sei in Cutters depressive Frau Mo verliebt und könnte mit ihr vielleicht doch eine Chance haben. Sein Freund Cutter ist ein eloquenter Wahnsinniger, der durchs Leben torkelt, seit er im Vietnamkrieg verletzt wurde. „Was für ein Anblick der Mann bot, was für ein groteskes Schauspiel: das dünner werdende Raggedy-Ann-Haar, das verwüstete Falkengesicht, das wegen des Narbengewebes zu vieler Rekonstruktionen glänzte, die schwarze Augenklappe über dem fehlenden Auge und sein unveränderlicher Existenzialistenlook, der aus engen schwarzen Hosen und einem schwarzen Rollkragenpulli bestand, dessen linker Ärmel auf Höhe des Ellbogens verknotet war, nicht hochgesteckt oder festgenäht, sondern verknotet, eine Zurschaustellung, ein Schlag ins Gesicht.“

(c) Polar Verlag

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Sie sind ein äußerlich ungleiches Duo, aber eng verbunden durch ihre Vorliebe für Alkohol und Drogen und vor allem ihren Hass auf die Gesellschaft. Und sie sind die gleichermaßen abstoßenden wie faszinierenden Titelfiguren in Newton Thornburgs erstmals 1976 erschienenen Kriminalroman „Cutter und Bone“, der nun in neuer Übersetzung erschienen ist. Es geht in diesem Roman weniger um ein Verbrechen und dessen Aufklärung als vielmehr die Gesellschaft der USA. Thornburg schreibt über die verunsicherten Amerikaner, die nach den Morden an den Kennedys und Martin Luther King, nach Watergate und vor allem den Vietnamkrieg keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft haben. Auch Cutter und Bone gehören zu den Verlierern dieser Gesellschaft, aber deshalb ist dieser Roman nicht einfach nur eine der zahllosen Verlierergeschichten, sondern ihn durchzieht eine grenzenlose, wahnsinnige Wut; er ist eine zornige Anklage der Hoffnungslosigkeit, ein letztes verzweifeltes Aufbäumen gegen das Leben.

Deshalb steht von vorneherein mehr oder weniger fest, dass es nicht gut ausgehen kann, wenn Cutter und Bone beschließen, den reichen Geschäftsmann J.J. Wolfe zu erpressen, weil er möglicherweise ein Teenagermädchen missbraucht, umgebracht und in einer Mülltonne entsorgt hat. Aber dieser Wolfe verkörpert alles, was Cutter an den USA hasst, und so kann er von seinem halbfertigen, kaum durchdachten Plan nicht ablassen. Es geht ihm nicht um Geld, sondern um Rache für sein verpfuschtes Leben. Diesem Zorn, dieser Wut und ihren bitteren Konsequenzen kann man sich nicht entziehen, vielmehr packt einen dieser Roman zwar nur langsam, aber dann umso fester – bis zu seinem Ende, das wie ein finaler Schlag in die Magengrube wirkt. Das ist großartige Kriminalliteratur.

Newton Thornburg: Cutter und Bone. Übersetzt von Susanna Mende. Polar Verlag 2015.

Disclaimer: Mit dem Polar Verlag stehe ich in geschäftlichen Verbindungen, die haben keinen Einfluss auf diese Rezension gehabt.

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