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Krimi-Kritik: „Hinterher ist man immer tot“ von Eoin Colfer

„Der großartige Elmore Leonard hat gesagt, man sollte eine Geschichte niemals mit dem Wetter anfangen lassen. Das ist schön und gut – und leicht gesagt. Ihre Anhänger werden es sich brav in ihre Moleskine-Notizbücher geschrieben haben. Trotzdem beginnt eine Geschichte manchmal mit dem Wetter, und dann ist ihr scheißegal, was irgendein Genre-Genie empfiehlt, auch wenn es sich um den großen EL handelt. Fängt also alles mit dem Wetter an, so sollte es auch am Anfang stehen, sonst dröselt sich alles auf, die Einzelteile fliegen einem nur so um die Ohren, und man hat keine Ahnung mehr, wie man sie zusammenbekommt.“ In diesem großartigen ersten Absatz von Eoin Colfers „Hinterher ist man immer tot“ ist bereits alles enthalten, was seinen Kriminalroman zu einem großen Spaß werden lässt: der reflektierte Erzähler, der beständig auf sich selbst und Genreregeln verweist, eine deutliche Haltung gegenüber diesen Regeln sowie der trockene Stil, der bestens unterhält. Außerdem ist dieser Beginn mehr als ein amüsanter Aufhänger: Der Anfang von Daniel McEvoys zweitem Abenteuer hängt in der Tat ursächlich mit einer besonderen Wetterlage zusammen – und Eoin Colfer kommt im weiteren Verlauf mehrmals auf Elmore Leonard zurück (dass dieser tatsächlich großartig ist, muss ich wohl nicht erwähnen).

(c) List

(c) List

Mit „Hinterher ist man immer tot“ knüpft Eoin Colfer nahtlos an „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ an: Ex-Soldat und Ex-Türsteher Dan findet allmählich in seine neue Rolle als Barbesitzer hinein, kümmert sich um seine ehemalige Nachbarin Sophia und versucht, die Ereignisse der letzten Zeit zu verdauen. Dann ereilt ihn die Hiobsbotschaft, dass Little Mikes Mutter gestorben ist. Dadurch droht der ohnehin fragile Frieden zwischen ihnen zu zerbrechen. Prompt ordert Mike ihn zu sich und beauftragt ihn mit einem scheinbar harmlosen Botengang: Er soll in New York ein Paket mit Schuldverschreibungen abliefern. Ehe sich Dan versieht, wird er von zwei Cops entführt, die ihn in einem Snuff-Video zu Geld machen wollen, gerät in tödliche Auseinandersetzungen und trifft seine Stiefgroßmutter. Noch wendungsreicher als im ersten Teil schlägt die Handlung in beachtlichem Tempo abenteuerliche Haken. Dazu trägt vor allem bei, dass Dans Ritterlichkeit und seine absurd anmutende Weigerung, selbst den fiesesten Gangster zu töten, ihn beständig in die Bredouille bringen. Über weite Strecken ist das sehr amüsant zu lesen, zumal Dan dadurch auch den Charme eines liebenswerten Verliererverbrechers behält. Allerdings bewegt sich Eoin Colfer in diesem zweiten Buch auch beständig an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Sicher hat ein Mann, der in der Kindheit misshandelt wurde, als Soldat in der irischen Armee im Libanon war und dann als Türsteher gearbeitet hat, eine andere Toleranzgrenze als beispielsweise eine Journalistin, allerdings prasselt die Gewalt in so schneller Folge auf Dan ein, so dass eine Veränderung in seinem Charakter selbst mit seinem Hintergrund notwendig erscheint. Immerhin muss er einige Male mit sich hadern, fast erklärt er sich sogar bereit, einen Menschen zu töten.

Ein großer Reiz dieses Kriminalromans liegt darin, dass Dan der Erzähler seiner Geschichte ist. Dadurch legt sich über die Handlung ein Filter – beispielsweise erscheinen fast alle Frauen in diesem Roman auf den ersten Blick als beschützenswert, ja, nahezu angewiesen auf Dans Ritterlichkeit, allerdings zeigt sich alsbald, dass sich einige von ihnen sehr gut selbst helfen können. Zudem ermöglichen Dans Präsenz und Selbstreflektion als Erzähler inmitten der abenteuerlichen Krimi-Handlung Einschübe und Überlegungen, Verweise aufs Genre und mögliche Verwicklungen. So steht am Anfang eines Kapitels: „In jedem Noir-Krimi, den ich je gelesen habe, gibt es eine Stelle, wo der Detektiv nach einer Prügelei wieder zu sich kommt. Diese Stellen haben mir nie gefallen, weil manche Schriftsteller ihre Sachen viel zu gut machen und die diese Szenen einem Mann wie mir, der so häufig Prügel bezogen hat, dass man ihm was vom IQ abziehen müsste, viel zu sehr unter die Haut gehen.“. Was folgt ist ebenso offensichtlich wie amüsant: Dan wacht nach einer Prügelei auf – und gerät prompt in einen noch viel größeren Schlamassel.

War es im ersten Teil vor allem der irische Kriminalroman, der von Eoin Colfer mit allerhand Seitenhieben behandelt wurde, erweitert er den Rahmen nun auf den noir. Dadurch wird „Hinterher ist man immer tot“ wie sein Vorgänger zu einer sehr vergnüglichen Krimilektüre.

Eoin Colfer: Hinterher ist man immer tot. Übersetzt von Conny Lösch. List 2014.

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Von Opfern, Tätern und Gefangenen – der Thriller „Prisoners“

Die Dovers in glücklichen Tagen (c) UPHE

Die Dovers in glücklichen Tagen (c) UPHE

„Pray for the best, prepare for the worst“ ist das Lebensmotto von Keller Dover (Hugh Jackman), der deshalb im Keller seines Hauses Notfallvorräte für einen Hurrikan aufbewahrt. Seine Hauptaufgabe ist, seine Familie zu beschützen – genau das hat er seiner Frau Grace (Maria Bello) versprochen. Jedoch ist auch er nicht auf alles vorbereitet: Gerade noch feiern die Dovers mit der befreundeten Familie Birch Thanksgiving, als ihre Tochter Anna (Erin Gerasimovich) sowie die gleichaltrige Joy Birch (Kyla Drew Simmons) spurlos verschwinden. Sofort wird eine Suche gestartet, eine erste Spur ist ein Wohnmobil, dass Dovers älterer Sohn Ralph (Dylan Minnette) und Birchs ältere Tochter Eliza (Zoë Soul) in der Straße gesehen haben. Wenig später wird das Wohnmobil entdeckt und der erfolgreiche Detective Loki (Jake Gyllenhaal) nimmt den Verdächtigen Alex Jones (Paul Dano) fest. Jedoch fehlen stichhaltige Beweise gegen ihn, außerdem ist sich Loki sicher, dass Alex nichts mit dem Verschwinden der Kinder zu tun. Im Gegenzug ist Keller jedoch überzeugt, dass Alex weiß, wo die Mädchen sind – und nimmt die Sache kurz entschlossen selbst in die Hand.

Eindrucksvolle Bildsprache und Schauspieler
Es sind graue, verwaschene Farben, die den Film „Prisoners“ von Denis Villeneuve bestimmen. Sie passen zum Alltag in diesem Vorort von Pennsylvania, in dem die Menschen jagen gehen, sich umeinander kümmern und gläubig sind. Außerdem verleihen sie dem Film eine trostlose Atmosphäre, die perfekt zu der Entwicklung der Figuren passt.

Verzweiflung bei den Birch' (c) UPHE

Verzweiflung bei den Birch’ (c) UPHE

Mit dem Verschwinden der Kinder drohen die Familien zu zerbrechen: Grace zieht sich völlig in sich selbst zurück, braucht Beruhigungsmittel und liegt ständig im Bett. Keller sucht panisch nach seiner Tochter, ist besessen vom dem Gedanken, sie retten zu müssen, weil sie sich auf ihn verlässt. Sohn Ralph ist hingegen sich selbst überlassen, einzig Eliza versteht seine Situation, weil es ihr ähnlich geht. Ihr Vater Franklin (Terrence Howard) ist indes hilfloser als Keller, er folgt seinen Anweisungen, während Nancy (Viola Davis) in ihrer Verzweiflung Wut und Stärke entdeckt. Je länger die Mädchen jedoch verschwunden sind, desto mehr zieht die Situation insbesondere Keller und den Cop Loki in den Abgrund. Sie alle sind Gefangene dieser Situation – und werden auf verschiedenste Weise zu Opfern und Tätern.

Einer der besten Thriller der letzten Jahre

Ermittler und Vater (c) UPHE

Ermittler und Vater (c) UPHE

In seinem spannenden Thriller entfaltet Denis Villeneuve ein komplexes Bild menschlicher Verhaltensweisen im Fall von verschwundenen Kindern und verhandelt insbesondere die Frage, welche Rolle Moral in einer solchen Situation noch spielt. Dabei untersucht er, wie fragil unsere Grundsätze sind und wie leicht sie in Extremsituationen aufgegeben werden können. Dadurch unterscheidet sich „Prisoners“ wohltuend von anderen Filmen, in denen ein Verbrechen geschieht, welches dann nach und nach von einem raffinierten Ermittler aufgeklärt wird. Anfangs versucht Loki zwar, den Fall mit seinen Fachkenntnissen zu lösen, jedoch verliert auch er sich in der Tragik dieser Verbrechen. Darüber hinaus verzichtet Denis Villeneuve wohltuend auf unnötige Verzögerung: die Geschwister sagen sofort aus, was sie wissen; der Polizist hält sich nicht unnötig mit falschen Verdächtigen auf; von vorneherein wissen wir, dass die Eltern mit der Tat nichts zu tun haben, können aber dennoch verstehen, warum insbesondere Keller ins Visier der Ermittler gerät. Manche Entwicklungen können wir etwas eher erklären als der Cop, allerdings braucht es dafür Aufmerksamkeit. Doch obwohl ich zu einem frühen Zeitpunkt bereits die letztliche Aufklärung des Falls verkündet hatte, ließ ich mich von den Entwicklungen von dieser Fährte abbringen. Zusammen mit der großartigen Besetzung, aus der insbesondere Hugh Jackman herausragt, der tollen Kameraarbeit von Roger Deakins und dem durchdachten Drehbuch wird „Prisoners“ daher zu einem der besten Thriller der letzten Jahre.

Andere:

Kuleschow-Effekt
Medienjournal

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Media Monday #143

1. Der schönste Liebesfilm ist „When Harry Met Sally“, weil er mit der schönsten Liebeserklärung aller Zeiten endet.

media-monday-143

2. Der nervigste Soundtrack würde niemals auf meiner Playlist landen.

3. Die beste Gesangs-, Tanz- oder Musical-Szene gibt es in „A Chorus Line“ – es ist die Eröffnungssequenz, dicht gefolgt von allen anderen Sequenzen des Films.

4. Die überwältigendsten Spezialeffekte des letzten Jahres waren in „Gravity“ zu sehen.

5. Die überzogenste Dramaturgie kann jeden Film, jedes Theaterstück, jede Serie und jedes (Musik-)video ruinieren.

6. Der vorhersehbarste Plot muss nicht zwangsläufig stören, wenn der Film durch Schauspieler, Kameraarbeit und Regie überzeugt.

7. Zuletzt schaute ich in das Kinoprogramm von Hannover und der/die/das war enttäuschend, weil ich während meines Erholungsurlaubs in der alten Heimat einige Filme nachholen wollte und alle nur in der synchronisierten Version laufen. Immerhin habe ich dadurch mal wieder gemerkt, wie gut die oft von mir bemängelte Auswahl in Bonn eigentlich ist.

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Best Blog Award – zum Zweiten

Peter von Crimenoir hat mich mit einem Stöckchen beworfen, und da es das erste Mal ist, dass sich fast alle Fragen um Krimi drehen, nehme ich es doch gerne auf. Wie immer: Die Fragen stammen von Peter – und ich werde das Stöckchen zwar auffangen, aber nicht weiterwerfen.

bestblog

Warum liest du Krimis/Thriller?
Ein guter Kriminalroman eröffnet einen anderen Blick auf die Wirklichkeit, indem er auch die verborgendsten Winkel der Gesellschaft ausleuchtet. Er rechnet die Abgründe mit ein und ist weniger auf das Erzähler-Ich konzentriert als viele Gegenwartsromane. Außerdem zeigt sich im Bösen oftmals erst die Wahrheit über die Menschen und die Menschheit.

Was sagst du zu Leuten, die sich abschätzig über Krimis äußern?
Ich frage, welchen Krimi sie zuletzt gelesen haben. In der Regel kann ich dann auf ihre Antwort entgegnen, sie sollten es einmal mit einem guten Kriminalroman versuchen.

Wer ist der am meisten unterschätzte Krimiautor?
Von wem? Von der Kritik geschätzt, aber vom Publikum unterschätzt werden meines Erachtens Autoren wie Heinrich Steinfest, Oliver Bottini, Ulrich Ritzel, James Sallis und Adrian McKinty, die nicht so viele Bücher verkaufen wie sie sollten. Von Teilen der Kritik und vom Publikum werden dagegen Autoren wie Jörg Juretzka und Guido Rohm unterschätzt, die sich nicht so einfach in eine Genre-Unterschublade pressen lassen, sowie die hierzulande viel zu unbekannten Megan Abbott und Laura Lippman.

Wer ist deine liebste Serien-Figur im Krimigenre?
James Turner aus Sallis‘ Turner-Trilogie – und schwer verliebt bin ich außerdem in Onno Viets. Aber von dem gibt es bisher erst ein Buch, deshalb ist er noch keine Serienfigur.

Was liest du, wenn du keinen Krimi liest?
Meist zeitgenössische Literatur, gerade sehr viele Gegenwartsromane aus den USA, Skandinavien und Deutschland.

Welchen Krimi sollte jeder Krimi-Liebhaber gelesen haben?
Einen Krimi soll ich hier nennen? Hihi. Na gut, nehm ich einfach meinen Lieblingskrimi: „Der Killer stirbt“ von James Sallis. Und weil der ja nicht so lang ist, vielleicht noch „Tage der Toten“ von Don Winslow, „Fliehe weit und schnell“ von Fred Vargas, „Ein dickes Fell“ von Heinrich Steinfest, „Umweg zur Hölle“ von Ross Thomas und „Die Terroristen“ von Sjöwall/Wahlöö.

Welche Art von Krimis nerven dich?
Uninspirierte, unoriginelle Krimi-Imitate, deren Autoren nicht nur jegliches literarisches Talent vermissen lassen, sondern es noch nicht einmal geschafft haben, eine logische Handlung zu entwickeln, und beides mit möglichst viel Ekel kaschieren wollen.

Dein Lieblings-Comic bzw. -Cartoon ist …
Die Peanuts. In ihnen steckt eigentlich alles, was man über die Welt wissen muss. Außerdem bin ich selbst eine Mischung aus Lucy und Charlie Brown (ja, das geht!).

An welchem Ort liest du auf keinen Fall?
Auf der Toilette, die ist als Leseort hoffnungslos überschätzt.

Als alter Tortentiger muss ich einfach fragen: Was ist deine Lieblings-Süßspeise?
Das ist schwierig: Ich esse sehr gerne Süßes, was hängt aber von der Gelegenheit hat. Einfach so esse ich am liebsten Eis, als Nachtisch ist mir nur Eis aber zu langweilig, deshalb nehme ich oft Crème brûlée oder lauwarmen Schokokuchen, bei dem der Kern noch leicht flüssig ist, mit Vanilleeis. Außerdem esse ich auch sehr gerne Kekse. Und Trüffel. Und Schokopudding. Und Tiramisu.

Die beste Krimiserie aller Zeiten (mit Stichtag heute ;-)) ist …
„The Wire“ (und ich weiß nicht, ob ich eine andere Antwort hier gelten lassen kann ;-)) Oder waren Bücher gemeint? Dann wäre es wohl die Adamsberg-Reihe von Fred Vargas, nahezu gleichauf mit den Kommissar-Beck-Romanen von Sjöwall/Wahlöö. Ross Thomas’ Werk erkunde ich ja gerade erst, aber ich vermute, in einigen Monaten würde ich eine Reihe von ihm nennen.

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Netzschau #2

Und hier folgt schon die zweite Ausgabe meiner Netzschau!

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Zadie Smith, deren „London NW“ gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, hat in der „New York Review of Books“ über Jahreszeiten geschrieben. Und James Salter schreibt im New Yorker über das verschwundene Flugzeug. Dabei fasst er die Situation eines nächtlichen Flugs in so wunderbare Worte. Ohnehin finde ich es schade, dass hierzulande zu selten Essays oder Kurzgeschichten von Schriftstellern in Zeitungen oder Magazinen erscheinen. Sicher hat es etwas mit dem Stellenwert der Kurzgeschichte an sich sowie unterschiedlichen Traditionen zu tun, aber ich würde gerne mehr davon lesen.

Ebenfalls im New Yorker findet sich ein sehr schöner und kluger Beitrag von Richard Brody über die Bedeutung des Kurzfilms.

Im ZEIT-Magazin ist ein Porträt zu Spike Jonze erschienen.

Zum Kinostart von „Kreuzweg“ haben sich Dietrich und Anna Brüggemann mit Harald Mühlbeyer über formale Strenge, Feelgood-Movies und die Zusammenarbeit von Geschwistern gesprochen. Außerdem läuft dort gerade anlässlich des 10-jährigen Jubiläums noch die Reihe „Talents to Watch“, in der vielversprechende Nachwuchsregisseure vorgestellt werden.

Die schwedische Regisseurin Mia Engberg wurde vom Club des femmes zu ihren Filmen interviewt undspricht über das Verhältnis von Autobiographie und Film, Wahrheit und den ‚female gaze‘.

In dem lesenwerten Blog von Martin Compart wird Jim Thompson vorgestellt, einer Autor, der trotz aller Versuche von Heyne Hardcore hierzulande immer noch weitgehend unbekannt ist. Und vor allem in einem sind Martin Compart und ich uns einig: Es gibt keine Entschuldigung, Jim Thompson nicht zu lesen.

Nicole hat gerade mit der American-Tabloid-Trilogie von James Ellroy begonnen – eine ebenso großartiges wie erschöpfendes Vorhaben – und schreibt in ihrem lesenwerten Blog MyCrimeTime über das Leseerlebnis James Ellory. Ich kann fast jedes ihrer Worte mehr als nachvollziehen.

Über den Perlentaucher bin ich auf diese Dokumentation über den kanadischen Jazzmusiker Gil Evans aufmerksam geworden, die in voller Länger bei YouTube zu sehen ist.

Und zum Abschluss noch ein kleiner Zeitvertreib: Little White Lies versammelt 50 Muppets-Videos, in denen die Muppets Filme aufgreifen oder mit Filmstars agieren.

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Indiebookday 2014

Heute ist Indiebookday – der Tag, an dem unabhängige Verlage und Buchhandlungen gefeiert werden sollen. Nun feiere ich sie praktisch jeden Tag, weiß aber auch, wie schwer es für unabhängige Verlage und Buchhandlungen ist, gegen Publikumsverlage und Konzerne zu bestehen. Deshalb glaube ich, dass ein Tag, der unter diesem Motto steht, vielleicht den ein oder anderen Leser mehr auf spannende Titel jenseits großer Werbebudgets aufmerksam macht.

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Lange habe ich überlegt, welches Buch ich denn heute kaufen könnte. Vielleicht ein Band aus der tollen Ross-Thomas-Reihe vom Alexander Verlag, die ich mit sehr großem Vergnügen gerade lese? Oder „Patchwork“ aus der Reihe Afrika Wunderhorn? Beide Titel stehen schon lange auf meiner Wunschliste. Jedoch fiel mir dann ein, dass ich am Indiebookday gar nicht in Bonn sein werde. Deshalb habe ich ein wenig geschummelt, mich bereits früher auf den Weg zur Buchhandlung Böttger gemacht und dieses Buch gekauft:

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Warum? Seit ich das erste Mal von Amy Hempels „Die Ernte“ gelesen habe, wollte ich dieses Buch kaufen. Ich liebe Kurzgeschichten und us-amerikanische Literatur, noch dazu wird Chuck Palahniuk auf dem Buchrücken zitiert. Wer könnte da schon widerstehen?

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Krimi-Kritik: „Unruhe“ von Jesper Stein

„Ich bin achtundreißig, geschieden, ich habe eine fünfjährige Tochter. Ich habe eines der am häufigsten durchgecheckten Herzen auf der Welt. Und ich habe panische Angst zu sterben“, sagt Kommissar Axel Steen eines Morgens zu sich selbst. Er ist Mordermittler bei der Kopenhagener Polizei, hat bei seinen Vorgesetzten aufgrund seines oftmals eigenmächtigen Handelns sämtlichen Kredit verspielt – sofern er jemals welchen hatte. Aber „(e)r wusste, er meckerte zu viel und beschwerte sich zu oft, nahm Abzweigungen vom Dienstweg, die jeglicher Rechtsgrundlage entbehrten. Seine Personalakte war voll von Dienstaufsichtsbeschwerden – eingereicht sowohl von Kriminellen, die behaupten, sie seien bedroht worden, als auch von Kollegen, die sich von ihm unter Druck gesetzt fühlten.“ Noch dazu denkt er dauernd an seine Ex-Frau Cecilie, die mittlerweile in einer neuen Beziehung mit einem Karrierejuristen des dänischen Geheimdiensts PET lebt, bekämpft seine Schlafprobleme mit einem Joint und wird tagsüber von gelegentlichen Kurzschlafattacken heimgesucht.

(c)  Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

Mit Axel Steen hat Jesper Stein in seinem Krimidebüt „Unruhe“ einen Ermittler mit vielen Macken geschaffen, aber natürlich ist er auch einer der besten Ermittler der Kopenhagener Polizei. Deshalb soll er mit seinem korrekten und bei den Vorgesetzten beliebten Kollegen mit dem sprechenden Namen John Darling auch einen brisanten Fall untersuchen: Während sich Polizei und Autonome aufgrund der Schließung eines alternativen Jugendzentrums im Stadtteil Nørrobro (neben Nordvest) Straßenschlachten liefern, wird eine Leiche gefunden, die auf einem Friedhof an einer Mauer lehnt. Der Mann trägt die Kleidung eines Autonomen und auf den Friedhof hatten nur Polizisten Zutritt. Sollte auch nur der Verdacht die Runde machen, dass die Polizei einen Autonomen ermordet hat, würde die Lage eskalieren. Deshalb sollen Steen und Darling den Fall so schnell und unauffällig wie möglich aufklären.

Die titelgebende Unruhe ist somit nicht nur Teil der Ermittlerfigur, sondern auch wesentliches Merkmal der Atmosphäre, in der Steen ermittelt. Längst sind Autonome aus ganz Europa auf den Weg nach Dänemark, die Presse beäugt die Arbeit der Polizei kritisch, die Chefs üben Druck aus und wollen das richtige Ergebnis erhalten. Dadurch erhält man beim Lesen nicht nur viele Eindrücke von der Stadt Kopenhagen, sondern auch von den medialen und polizeilichen Strukturen. Darüber hinaus verweist „Unruhe“ weitaus weniger ausgestellt als zuletzt beispielsweise Arne Dahls Eurocop-Reihe auf die europäische bzw. weltweite Dimension von Verbrechen und die Universalität von kriminellen Taten.

Am bemerkenswerten ist jedoch, dass „Unruhe“ der erste Fall mit Axel Steen ist, der als Figur viele genretypischen Entwicklungen schon hinter sich hat: die Ehe ist bereits gescheitert, Affären sind begonnen, er ist bei seinen Vorgesetzen schon in Misskredit geraten, hat aber durchaus noch einflussreiche Fürsprecher. Gelegentlich erinnert er sich an alte Fälle, die oftmals mit Lösung erzählt werden. Dadurch ist Axel Steen eine nicht unbedingt originelle, aber sehr runde, reife Hauptfigur. Ohnehin ist „Unruhe“ gerade für den oftmals gescholtenen skandinavischen Krimi erfreulich frei von Stereotypen. Axel ist nicht depressiv oder melancholisch, sondern von seiner Arbeit besessen und etwas selbstmitleidig. Der Fall ist nicht besonders düster oder grausam, sogar das Wetter spielt nur am Rande eine Rolle. Sicher gibt es einige störende Kleinigkeiten wie beispielsweise ein Handy, das gerade noch leer war, sehr schnell wieder benutzt werden kann. Auch sind alle Frauenfiguren sehr auf ihre Funktion für Axel bzw. den Fall beschränkt sind. Aber Jesper Stein behält die Übersicht über seine Handlung, der Fall ist spannend und ausgeklügelt, lediglich die letzte Wendung wäre nicht notwendig gewesen, und die titelgebende Unruhe gibt bis zur letzten Seite den Takt vor. Deshalb ist „Unruhe“ ein gelungenes Krimidebüt, das sehr viel Lust auf eine Fortsetzung macht.

Jesper Stein: Unruhe. Übersetzt von Patrick Zöller. Kiepenheuer & Witsch 2013.

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