Recherchefund #1

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, hier regelmäßig in Sammlungen Links zu teilen, die ich für interessant halte. Aber nachdem ich es in zwei Jahren geschafft habe, lediglich drei Beiträge zu erstellen, muss ich wohl einsehen, dass ich für Sammlungen nicht gemacht bin. Daher teile ich nun einfach auch hier und nicht nur auf FB in kurzen Beiträgen einzelne Links, die ich spannend finde – oder auch einfach aufbewahren will, für „man weiß ja nie“. Wie zum Beispiel dieses hinreißende Zitat, das ich gestern bei einer Recherche gefunden haben:

„Unter einer Kriminalserie versteht man diejenige Art drahtloser Zerstreuung, die Menschen aller Intelligenz- und Bildungsgrade dazu zwingt, an bestimmten Wochentagen fernzusehen. Ohne Rücksicht auf Gemütsverfassung, lieben Besuch oder schöngeistige Vorsätze.“

Aus dem Beitrag: „Mit Gewalt“. Der Spiegel 44/1959

Krimibestenliste März 2018

Hier ist sie, die Krimibestenliste für den März 2018.

(c) Unionsverlag

1 (-) Garry Disher: Leiser Tod (Unionsverlag)
2 (-) Hideo Yokoyama: 64 (Atrium)
3 (5) Dror Mishani: Die schwere Hand (Zsolnay)
4 (6) William Boyle: Gravesend (Polar)
5 (-) Wallace Stroby: Fast ein guter Plan (Pendragon)
6 (10) Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof (Rowohlt)
7 (2) Mike Nicol: Korrupt (btb)
8 (-) Castle Freeman: Der Klügere lädt nach (Nagel & Kimche)
9 (-) Roger Smith: Mann am Boden (Tropen)
10 (-) Tom Hillenbrand: Hologrammatica (Kiepenheuer&Witsch)

Buchpremiere „Berlin Noir“

Eigentlich gehe ich recht selten zu Lesungen, alleine schon, weil ich mir nicht so gerne vorlesen lasse. Aber gestern war ich dann doch bei der Buchpremiere von „Berlin Noir“, einer Kurzgeschichtensammlung, die verbindet, dass sie alle einen tinge of noir haben und in Berlin spielen. „Berlin Noir“ ist Teil der Anthologie von Akashic Books, die Noir-Erzählungen von Städten versammeln. Im vorigen Jahr ist hier in deutscher Übersetzung auch schon „Paris Noir“ erschienen.

Gestern nun versammelten sich also zwölf der 13 Autor*innen im Kreuberger Wasserturm, lasen jeweils einen kurzen Ausschnitt aus ihrer Geschichte und beantworteten Fragen von Herausgeber (und Moderator des Abends) Thomas Wörtche. Und das war ein sehr abwechslungsreicher Abend mit Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger und Miron Zownir – wenngleich meine Fotos von gestern das nicht unbedingt ausdrücken:

Auch das Buch verspricht bisher abwechslungsreiche Lektüre – sechs der 13 Geschichten habe ich schon gelesen.

Thomas Wörtche (Hrsg.): Berlin Noir. Culturbooks 2018. 15 Euro.

Staunch Prize – Über Frauen als Opfer im Kriminalroman

Bridget Lawless hat einen Buchpreis ins Leben gerufen, der Thriller auszeichnet, in denen keine Frau geschlagen, gestalkt, sexuell ausgebeutet, vergewaltigt oder ermordet wird. Der Gewinner wird am 25. November 2018 bekanntgegeben, dem „International Day for the Elimination of Violence Against Women“. Das einzige andere Kriterium neben dem Vermeiden von Gewalt gegen Frauen ist, dass es ein gutgeschriebener Roman in englischer Sprache sein muss. Der Preis sind 2000 Pfund. Anlass waren die #MeToo-Debatte, die Time’s-Up-Bewegung und die Entscheidung von Lawless, dieses Jahr nicht ihre Stimme bei dem britischen Filmpreis, dem BAFTA, abzugeben, weil sie nicht weiß, ob bei der Produktion der Filme nicht jemand belästigt wurde. Sie suchte nach einem Weg, das Gespräch am Laufen zu halten. Außerdem will sie Lesern die Möglichkeit geben, Bücher zu finden, in denen es keine Gewalt gegen Frauen gibt und damit zudem Verlage darauf aufmerksam machen, dass es eine Leserschaft für diese Bücher gibt.

Über die Idee, die hinter diesem Preis steckt, und über Gewalt gegen Frauen in der Kriminalliteratur habe ich bei Deutschlandfunk Kultur gesprochen. Das Gespräch lässt sich hier nachhören.

Verbrecherische Mädchen und Polly McClusky

(c) Ullstein

Im Ullstein Verlag ist am 23. Februar das Buch „Die Rache der Polly McClusy“ von Jordan Harper erschienen und ich habe aus diesem Anlass im Verlagsblog Resonanzboden über verbrecherische Mädchen in Filmen und Büchern geschrieben:

Addie aus „Paper Moon“ (gespielt von Tatum O’Neal, Regie: Peter Bogdanovich, 1973 und Jodie Foster in der TV-Serie 1974/5), Mathilda aus „Léon – Der Profi“ (Natalie Portman, Regie: Luc Besson, 1994) und Polly McClusky aus Jordan Harpers Die Rache der Polly McClusky – in diesen Mädchen verbindet sich Kindlichkeit und Kriminalität, hier stößt Unschuld auf Schuld, vermeintliche Reinlichkeit auf Schmutz. Deshalb üben verbrecherische Kinder, nicht erst seit William Marchs „The Bad Seed“ (1954), sondern seit langem eine gewisse Faszination aus.

Wie kommen Kinder dazu, böse Taten zu begehen? Warum entscheiden sie sich für das Verbrechen? Bisweilen gibt es keine Antworten auf diese Frage, nur Erklärungsversuche wie in Lionel Shrivers Roman „Wir müssen über Kevin reden“ (2006), in dem eine Mutter zu rekapitulieren versucht, warum ihr Teenagersohn Amok gelaufen ist. Doch Addie, Mathilda und Polly sind viel jünger, sie sind noch nicht oder gerade mal 12 Jahre alt. Deshalb schwingen bei ihnen nicht nur fehlgeleitete Elternliebe und Erziehung sowie böse Gene mit, sondern sie suchen nach Halt und Zugehörigkeit. Weiter geht es im Resonanzboden.

Berlinale – Impressionen 01/18

Derzeit bin ich ja auf der Berlinale unterwegs und schreibe vor allem für Kino-Zeit. Aber nicht nur das, dort fotografiere ich auch ein wenig – und die Bilder lassen sich u.a. bei Instagram finden. Oder eine kleine Auswahl auch hier:

Ein Blick aus den oberen Rängen des Berlinale-Palastes:

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Im Cinemaxx:

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Und einer unsere Treffpunkte:

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Über „Sleeping Beauties“ von Stephen und Owen King

Ein Buch wie eine überlange Netflix-Serie: In „Sleeping Beauties“ erzählen Stephen und Owen King von dem Ort Dooling in den Appalachen in den USA, der – wie der Rest der Welt – von einem seltsamen Phänomen heimgesucht wird: Sobald Frauen einschlafen, werden sie von einem Kokon umhüllt. Sie atmen weiter, sie schlafen weiter. Falls man aber versucht, den Kokon zu entfernen, werden sie zu Furien, die töten. Nur eine Frau scheint gegen diese Seuche, die bald „Aurora“ genannt wird, immun zu sein: Evie Black, die kurz zuvor in Dooling aufgetaucht ist.

(c) Heyne

Die Handlung entwickelt sich langsam, sehr vieles wird bis ins kleinste Detail, gerne auch mit Wiederholungen, beschrieben, dazu gibt es eine Vielzahl von Personen, damit auch jeder mögliche Aspekt dieser Geschichte beleuchtet werden kann. Dabei scheint hinter diesem Buch eine durchaus lobenswerte Absicht zu stecken: Es erzählt von der Gewalt und den Benachteiligungen, denen Frauen ausgesetzt sind, und zwar jede Frau, wenngleich in verschiedenen Ausmaßen und Graden. Das wird auch sorgsam behandelt, schließlich gibt es praktischerweise in Dooling ein Frauengefängnis, das eine Vielzahl von Frauenfiguren und – schicksalen bereitstellt: Also gibt die Drogensüchtige, die ihren Partner erstach, die Meth-Prostituierte, die von ihrem Cousin sexuell missbraucht wurde, süchtig wurde und sich weiter von ihm misshandeln lässt. Es gibt die geschlagene Ehefrau, die frustrierte Ehefrau, die ihren Mann verlassen hat, bevor er gegen sie und nicht mehr nur gegen Gegenstände gewalttätig wird. Es gibt aber den Sheriff, eine toughe Frau, die glaubt, ihr Mann habe ein Kind mit einer anderen und erkennt, dass in ihrem Leben vielleicht doch nicht alles gut. Und die Gefängnisdirektorin, deren Tochter als erfolgreiche Reporterin arbeitet, sich dafür aber hat das Gesicht operieren lassen. Das Problem hier ist nur, dass gerade die Gefängnisinsassinnen weitgehend Beispiele bleiben; nur wenige werden zu Charakteren, die sich entwickeln – und noch dazu (Achtung: Spoiler!) sind die Probleme und Traumatisierungen der Frauen beseitigt, sobald sie in der anderen Welt aufwachen, in die gelangen, sobald sie eingeschlafen sind. Ohne Männer ist also alles in Ordnung, alles vergessen – und das ist dann doch zu simpel gedacht. Weiterlesen

Tatort-Kritik: Meta

Der Tatort des Berlinale-Sonntags heißt „Meta“ – und meta ist ses chon beim Vorspann: Während sich das bekannte Fadenkreuz bildet und die männliche Silhouette zu sehen ist, schleichen sich noch einige Zuschauer ins Bild. Offenbar ist dies eine öffentliche Vorführung des Tatorts, der nun davon erzählt, dass es einen Film gibt, der exakt die Vorgänge und Ermittlungen der Kommissare schildert. Sehr meta! Ein Film im Film im Film sozusagen. Deshalb erhalten zunächst die Berliner Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) ein Päckchen mit dem abgeschnittenen Finger einer minderjährigen Prostituierten, ehe sie durch Hinweise auf den Film „Meta“ stoßen, der auf der Berlinale (meta!) seine Weltpremiere haben wird, die zur Zeit stattfindet – also im Tatort und auch gerade in der Realität (meta!) – und genau diese Geschichte erzählt: Polizisten bekommen ein Päckchen, finden die Leiche und kommen schließlich einer Verschwörung auf die Spur, die zu der Operation Gehlen führt, die sich niemals aufgelöst hat, sondern im Geheimen weiter existiert. Jeder Schritt der Ermittler ist in dem Film zu sehen. Sogar wie sich Robert Karow (Mark Waschke) den Film anguckt und wie sein filmisches Pendant immer mehr dem Wahnsinn anheimfällt, ja, natürlich entnehmen Karow und seine Kollegin Nina Rubin (Meret Becke) dem Film sogar Hinweise, die in ihren tatsächlichen Ermittlungen helfen.

© rbb/Reiner Bajo

Grundsätzlich ist die Ausgangidee ja recht reizvoll und ich kann mir vorstellen, dass sie auf dem Papier auch gut klingt. Allerdings lebt ein Meta-Film auch davon, dass nicht alles erklärt wird. Und genau das wird es hier: In sehr vielen Bildern wird noch einmal die Referenz deutlich gemacht, sogar die wenig subtilen Hinweise auf „Taxi Driver“ werden explizit ausbuchstabiert. Hier sollen möglichst keine Uneindeutigkeiten oder Rätsel bleiben, während sich der Tatort doch allzu gerne rätselhaft geben möchte. Aber das funktioniert nun einmal nicht, sondern langweilt sehr schnell.

Hinzu kommt, dass dann die tatsächliche Dimension des Falls, der schließlich zu einem Bordell führt, das sich „auf Minderjährige spezialisiert hat“ und von einer Gang geführt wird, gänzlich dem Meta-Spiel geopfert wird. Hier fehlt jegliche Fallhöhe, wenngleich das zunehmend verschwimmende Bild andeuten soll, hier verliert sich ausgerechnet der rationale Kommissar in der Fiktion. Aber zu „meta“ gehört mehr.

Krimi-Kritik: „Korrupt“ von Mike Nicol

(c) btb

Der surfende Privatdetektiv Fish Pescado ist wieder zurück – oder besser gesagt: zunächst ist seine Freundin Vicky Kahn wieder da. Die pokersüchtige Anwältin hat eine – sagen wir – Fortbildung absolviert und arbeitet nun für den südafrikanischen Geheimdienst, der State Security Agency, kurz SSA. Unter Führung des stets „Alice im Wunderland“ zitierenden Henry Davidson bekommt sie den Auftrag, auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol ein schönes Model zu treffen, das dem Geheimdienst Informationen übermitteln will. Zur gleichen Zeit wird in Kapstadt ein Attentat auf einen Politiker verübt, der aus der Zentralafrikanischen Republik Exil in Südafrika gesucht hat. Und mittendrin steckt Fish, der erst auf Betreiben von Mart Velaze den Auftrag von der überlebenden Witwe bekommt, das Attentat zu untersuchen, und dann auch von Vicky um Hilfe gebeten wird. Denn natürlich kann eine Agentin kaum ohne die Hilfe ihres Freundes klarkommen, das ist ja bei all den männlichen Agenten auch immer so, dass die ihre Freundinnen … Weiterlesen

Shots 01/2018

(c) Kindler

Es gibt tatsächlich eine Talkshow, die ich sehr gerne sehe. Bei der „The Graham Norton Show“, ausgestrahlt auf der BBC, begrüßt der sympathische Moderator zumeist ziemlich hochkarätige Gäste, sie sitzen zusammen, trinken etwas und plaudern miteinander. In der Regel ist das recht lustig. Und deshalb war ich durchaus neugierig, was Graham Norton in seinem Kriminalroman „Der irische Dorfpolizist“ geschrieben hat. Und irgendwie ist dieser Krimi wie die Talkshow: behaglich und geschwätzig.
In dem kleinen südirischen Dorf Duneen passiert eigentlich nie etwas, aber nun wurden auf einer Baustelle menschliche Knochen gefunden. Also muss sich der dickliche Sergeant PJ Collins – es ist wichtig, dass er ein wenig dick ist, jedenfalls wird es in gefühlt jeder zweiten Beschreibung erwähnt – an die Arbeit machen und herausfinden, ob es sich bei den Überresten tatsächlich um den vor 20 Jahren verschwundenen Tommy Burke handelt.
Der Fall bietet keine Überraschungen, dafür erfahren wir allerhand Dorfklatsch und das Liebesleben von Collins nimmt neuen Schwung. Dieses Buch soll offenbar anheimelnd und warmherzig sein, niemand soll verschreckt werden. Warum Graham Norton dann ausgerechnet einen Krimi schreiben musste, weiß ich nicht. Quälend harmlos.

Graham Norton: Der irische Dorfpolizist. Übersetzt von Karolina Fell. Kindler 2017.

 

(c) Arctis

Eigentlich alles, was Elka von der Welt weiß, hat sie von dem Trapper Kreagar Hallet gelernt. An ihre Großmutter, bei der sie einst lebte, hat sie kaum mehr Erinnerungen. Er hat sie aufgenommen, als sie alles verloren hatte, hat ihr gezeigt, wie sie in der gnadenlosen Welt überleben kann. Aber nun ist sie auf der Flucht – vor ihm.
Nach einem starken, eiskalten Anfang entwickelt sich Beth Lewis‘ „Wolf Road“ zu einem Abenteuerroman aus weiblicher Sicht, der sehr deutlich macht, wie erbarmungslos das Leben fernab der Zivilisation sein kann. Eine „Riesendummheit“ ist passiert, seither ist die Welt nicht mehr, wie sie war, und die Menschen müssen in diesem dystopischen Dasein zurechtkommen. Leider mischt Beth Lewis hier noch eine Serienkillergeschichte sowie diverse Traumata bei, so dass sie sich nach dem vielversprechenden Anfang zusehends verheddert.

Beth Lewis: Wolf Road. Übersetzt von Kerstin Fricke. Arctis Verlag 2017

 

(c) Suhrkamp

Nach der Trilogie um Eden Archer schickt Candice Fox mit Amanda Pharrell und Ted Conkaffey erneut ungewöhnliche Charaktere in die Krimi-Welt: Amanda Pharrell gilt als Mörderin einer 17-Jährigen, hat ihre Strafe aber abgesessen. Ted Conkaffey wird verdächtigt, eine 13-Jährige vergewaltigt zu haben, wurde aber vorerst wieder frei gelassen. Doch er hat seinen Job als Polizist verloren, seine Frau hat ihn verlassen und ganz Australien hasst ihn. Dieser Hass verbindet ihn nun wiederum mit Amanda Pharrell, die sich nach Verbüßen ihrer Haftstrafe abermals im titelgebenden Crimson Lake niedergelassen hat und als Privatdetektivin arbeitet. Und nun heuert sie Conkaffey als Gehilfen an, in dem Verschwinden des berühmten Autors Jake Scully zu ermitteln, der offenbar von einem Krokodil verschlungen wurde. Genau wie es in einem seiner Bücher steht …
Gekonnt verbindet Candice Fox die verschiedenen Handlungsstränge miteinander und behält stets den Überblick. Dabei versteht sie es – wie bereits in der vorhergehenden Trilogie – bekannte Genre-Konventionen immer noch etwas weiter und weiter zu drehen und gute Unterhaltung zu liefern.

Candice Fox: Crimon Lake. Übersetzt von Andrea O’Brien. Suhrkamp 2017.

 

(c) dtv

In „Young Man with a horn“ („Der Mann ihrer Träume“) heiratet Kirk Douglas die falsche Frau – und hierin ähnelt Michael Curtiz‘ Film auch dem Roman, den er sehr lose adaptiert hat. In Dorothy Bakers „Ich mag mich irren, aber ich finde Dich fabelhaft“ verliert Hauptfigur Rick Martin – wohl an Brix Beiderbecke angelehnt, aber ohne wohlhabende Herkunft – allerdings zuallererst sein Herz an den Jazz. Deshalb ist dies auch in erster Linie ein Jazzroman, womöglich sogar der allererste, wie der amerikanische Kritiker Gary Giddins behauptete – und er liegt nun in neuer Übersetzung vor.
Baker ist ein Weißer, ein Autodidakt am Klavier, der irgendwann mit seinem Schwarzen Freund hinter einem Club steht und das erste Mal Jazz hört. Damit ist er verloren, er lernt Trompete und spielt wie kein Weißer vor ihm. Das ist alles eine typische Coming-of-Age-Geschichte, die sich dann aber zu einer flirrenden Liebesgeschichte an die Musik und den mit ihr verbundenen Rausch und Wahnsinn steigert. Natürlich verstrickt sich Baker zwischen Kunst und Kommerz, verliebt sich auch hier in die falsche Frau – aber die andere als im Film, trinkt zu viel und stürzt letztlich unaufhaltsam ab. Es ist eine faszinierende Lektüre eines Romans, in dem einzig die – dem historischen Sprachgebrauch geschuldete – Verwendung des N-Wortes irritiert.

Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft. Übersetzt von Kathrin Razum. dtv Premium 2017.