Krimi-Kritik: „Tauchstation“ von Jörg Jureztka

Der Krüschel. Es ist kaum zu glauben, aber er lebt immer noch. Zwar hält ihn mittlerweile die Marseiller Drogenmafiagang „Chiens du Nord“ für tot, aber das war auch der einzige Ausweg aus dem Schlamassel, in den er sich in „TaxiBar“ und „Trailerpark“ geritten hat. Tatsächlich aber ist er auf „Tauchstation“, wie der Titel des dreizehnten Buchs mit dem Mülheimer Privatdetektiv Kristof Kryszinski verrät. Oder genauer gesagt: Er wurde offiziell für tot erklärt, arbeitet aber als Operativer Mitarbeiter für Kommissar Menden und Europol und soll sich in Bottrop möglichst unauffällig verhalten. „Kommste nach Bottrop, kriegste aufn Kopp dropp“ heißt es ja so schön. Aber das wäre für Krüschel das geringste Problem, denn er ist – wie es sein bester Freund Scuzzi so süffisant wie treffend anmerkt – süchtig nach Gefahr. Seit er keine Drogen mehr nimmt und sich nur noch gelegentlich betrinkt, begibt er sich quasi als Ersatz systematisch ins Lebensgefahr, er braucht eben diesen Rausch. Deshalb lässt er sich in „Tauchstation“ erst auf ein Himmelfahrtskommando ein, bei dem er einen Söldner aus Afghanistan holen soll, um dann in Marseille seine Tarnung auffliegen zu lassen und die Sache mit den Chiens du Nord ein für alle Mal zu klären. Wofür er natürlich mehrere Anläufe braucht. Verbrannte Hoden eingeschlossen. Weiterlesen

Helft dem Polar Verlag!

Wolfgang Franßen ist ein beharrlicher Mensch. Eines Tages rief er mich an und fragte, ob wir zusammen eine Seite aufbauen wollen, die sich ganz dem Noir und Polar verschreibt. Für mich wurde ein Wunsch war – und Wolfgang schuf nicht nur die Rahmenbedingungen und stritt sich mit mir beharrlich über Detailfragen, er schenkte mir auch großes Vertrauen. Denn so ein Projekt hatte ich noch nicht gemacht. Es war klar, dass ich Fehler machen würde. Aber er sagte immer nur, dass er an mich glaube. Und wenn er sich etwas vorgenommen hat, dann setzt er alles daran, es zu verwirklichen.

Ein aktuelles Highlight! (c) Polar Verlag

Polar Noir war ein Baustein, um sein Ziel zu erreichen: Hierzulande den polar zu etablieren. Er ist überzeugt, dass es deutschsprachige Krimiautor_innen gibt, die einen polar schreiben können. Sie müssen nur gefunden und aufgebaut werden. Also bringt er in seinem Verlag wunderbare internationale Autor_innen heraus, kommt aber immer wieder auf sein ursprüngliches Ziel zurück. Dabei belässt er es nicht mit Büchern, sondern tourt mit seiner Talk.Noir-Reihe durch die Republik, gibt die Polar Gazette heraus und bereichert den Buchmarkt mit tollen internationalen Titeln. Doch nun braucht er finanzielle Unterstützung und hat ein Crowdfunding gestartet. Alle Infos findet ihr unter diesem Link.

Für mich ist der Polar Verlag ein unverzichtbarer Teil der Krimilandschaft – und deshalb bitte ich euch: Helft.

Über „Innen Leben“

Dass der Mensch fähig ist, sich an die ungeheuerlichsten Umstände so weit anzupassen, dass er überlebt, ist zwar eine Binse, aber sie zeigt sich immer wieder. In jedem Krieg. In jedem Verbrechen. In jeder Ausnahmesituation. Nach Unfällen und Unglücken. Es ist der Überlebensinstinkt, der dafür sorgt, dass man durchhält, sich durchkämpft. Dieser Willen zum Überleben zeichnet alle Figuren in „Innen Leben“ (Originaltitel: Insyriated) aus: Nur eine Wohnung in dem Wohnblock in Syrien steht noch und dort versammelt sich Oum Yazan (Hiam Abbas) mit ihrem Schwiegervater, ihren drei Kindern, einem Freund der Tochter, dem jungen Nachbarspaar mit seinem Baby und der Hausangestellten. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft, die der Krieg zusammengeführt hat. 24 Stunden verweilt der Film in dieser Wohnung. 24 Stunden, in denen Menschen sterben und gequält werden. 24 Stunden, in denen die Bomben explodieren und die Scharfschützen allgegenwärtig sind.

(c) Weltkino

Es gibt das berühmt-umstrittene Beispiel von Kevin Carters Fotos zu der Hungersnot im Sudan. Es zeigt ein Kind und einen Geier. Die Umstände dieses Fotos sind widersprüchlich und zwei Monate nach der Pulitzerpreisauszeichnung beging Kevin Carter Selbstmord. Aber dieses sorgte auch dafür, dass die Situation im Sudan ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rückte und die Hilfsbereitschaft stieg. Im Krieg in Syrien war es wieder ein Foto eines Kindes. Es zeigte einen kleinen Jungen in Aleppo, der mit Staub bedecktem Gesicht im Krankenwagen sitzt und apathisch in die Leere starrt. Wieder sorgte das Foto eines Kindes dafür, dass der Krieg ins Bewusstsein gerückt wurde. Denn ebenso wie der Mensch fähig ist, sich an die ungeheuerlichsten Umstände anzupassen, ist er fähig, manche Wahrheiten nicht an sich heranzulassen. Und eine diese Wahrheit ist, dass seit sechs Jahren in Syrien Krieg herrscht. Dass auf den einen Tag, der in „Innen Leben“ zu sehen ist, ein weiterer folgt, der neue Gräuel und Angst mit sich bringt, dass auf diesen Tag wieder einer folgt und so weiter und so weiter. Bis dieser Krieg irgendwann vorbei ist. Man vielleicht doch noch eine Fluchtmöglichkeit findet. Oder man stirbt. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Zwei Leben“ von Tania Chandler

Ach ja, man kennt sie ja, diese psychologischen Thriller mit einer Ehefrau, die sich irgendwie nicht richtig an irgendetwas erinnern kann und dann gerät ihr Leben aus den Fugen. Dachte ich. Aber irgendwann sagte ich mir auch mal, dass ich bei australischen Spannungsromanen nun wirklich einfach mal alles lesen könnte, was übersetzt erscheint und damit hätte ich dann ein weiteres Land, in dem ich mich gut auskenne. Wie Irland. Oder Finnland. Oder irgendwann hoffentlich mal Frankreich. Also nahm ich Tania Chandlers „Zwei Leben“ mit in den Urlaub – und erlebte einen unfassbar aufregenden Spannungstrip. Denn „Zwei Leben“ ist eines jener berühmt-berüchtigten Bücher, die man anfängt und dann in einem Rutsch durchliest.

(c) Suhrkamp

Erzählt wird die Geschichte von Brigitte, die mittlerweile mit einem Polizisten verheiratet ist, zwei Kinder hat und eigentlich ein recht bürgerliches Leben in Melbourne führt. Wären da nicht die Arbeitszeiten ihres Mannes, ihre Neigung zum Alkohol und die Tatsache, dass sie einst einen Unfall überlebt hat, sich aber an vieles, was vorher war, nicht erinnern kann. Sie weiß nur, dass sie etwas mit einem Mord zu tun haben könnte und reagiert daher sehr nervös, als sie erfährt, dass eine Einheit für ungeklärte Fälle die Ermittlungen wieder aufgenommen hat. Weiterlesen

Rückkehr nach Twin Peaks

In einer Woche geht es los: Nach über 25 Jahren kehrt „Twin Peaks“ auf den Bildschirm zurück. Ich bin äußerst gespannt und vorfreudig und werde in diesem Jahr einiges über die Serie schreiben. Den Auftakt macht nun ein Beitrag im CrimeMag, der zudem auch der Anfang einer Reihe dort sein wird, mit der ich die Ausstrahlung monatlich begleitet.

Hier geht es zum Beitrag – und als kleine Einstimmung folgt noch der Trailer zur dritten Staffel …

Comic – Maggy Garrisson

Ich bin ein wenig verliebt. In Maggy Garrisson, die neue Heldin einer Comic-Reihe von Stéphane Oiry und Lewis Trondheim. Und ich kann sogar den Anfang dieser Liebe ausmachen: Sie begann bei dem Untertitel des ersten Bandes. „Lach doch mal, Maggy!“. Es gibt einfach Sätze, die bekommt man als Mädchen und Frau viel zu oft zu hören. Und „Lach doch mal“ gehört definitiv dazu, gerade wenn man nicht zu den Menschen gehört, die ständig und ununterbrochen lachen oder lächeln. Und deshalb ist dieses „Lach doch mal, Maggy!“ in genau dem leicht genervten Ton zu verstehen, in dem dieser Satz bei mir – und ich schätze mal sehr vielen anderen – ankommt.

Aber natürlich reicht ein Untertitel alleine nicht aus, vielmehr ist Maggy Garrisson eine hinreißende Hauptfigur. Seit zwei Jahren ist sie arbeitslos, also muss sie die Stelle annehmen, die ihr ihre Nachbarin vermittelt hat. Sie soll Sekretärin für deren Neffe Mr. Wright sein, der als Privatdetektiv arbeitet. Und sie nimmt sich fest vor, dieses Mal ihre große Klappe zu halten. Als sie ankommt, liegt er betrunken schlafend auf dem Schreibtisch und generell macht er auf sie keinen allzu kompetenten Eindruck. Aber Maggy Garrisson erkennt Chancen, wenn sie sich ihr bieten – und 70 Pfund für das aufgeklärte Verschwinden eines Kanarienvogels erscheint ihr als gutes Angebot. Das ist ihr Einstieg in die Welt der Privatdetektive und schon bald sucht sie nach einem gestohlenen Baseball – und ist in eine mysteriöse Geschichte um scheinbar harmlose Tickets verwickelt.

(c) Schreiber und Leser

Maggy Garrisson ist eine clevere Frau, unverblümt und gewitzt. Sie lebt in London, sieht durchschnittlich aus und ist ungemein bodenständig. Sie begeht bei ihren Nachforschungen Fehler (vermutlich), liegt auch mal daneben, trinkt gerne Bier und verfügt über sehr viel Mutterwitz. Lewis Trondheim und Stéphane Oiry reichen wenige Bilder und Sätze, um sie als sehr eigenen Charakter zu etablieren, den es in Comics viel zu selten gibt. Dabei merkt man, dass Maggy auch so manches verbirgt, keine großen Geheimnisse, vielmehr Einsamkeit, vielleicht auch Verlorenheit und Traurigkeit.

(c) Schreiber und Leser

„Lach doch mal, Maggy!“ ist weniger von der Handlung als vielmehr den Charakteren angetrieben. Hier fügen sich pointierte Dialoge und sehr strenge, ausdrucksstarke Bilder, die oft weder Blickwinkel und Einstellung verändern, gut zusammen, so dass man sich auf die Figuren und die Umgebung konzentrieren kann und ein Erzählfluss entsteht, dem ich mich nicht entziehen wollte. Deshalb freue ich mich schon auf Band 2. Er soll im August 2017 erscheinen.

(c) Schreiber & Leser

Maggy Garrisson, 1. Lach doch mal, Maggy! Zeichnung: Stéphane Oiry. Szenario: Lewis Trondheim. Übersetzung: Resel Rebiersch. Schreiber & Leser 2017.

Zu „Zeit der Finsternis“ von Malla Nunn

Nachdem 2009 mit „Ein schöner Ort zu sterben“ der Auftakt zu der Romanreihe um Detective Sergeant Emmanuel Cooper erschienen ist, setzt Malla Nunn die Reihe nun mit dem vierten Band „Zeit der Finsternis“ fort. Sie führt mit ihren Büchern ins Südafrika der 1950er Jahre, in eine Zeit, in der die Apartheidsgesetze mit aller Macht durchgesetzt worden: Gemischte Ehen wurden verboten, das Land wurde aufgeteilt, Stadtgebiete getrennt und jede Bewegung wurde kontrolliert. Immer wieder liest man daher in „Zeit der Finsternis“ davon, dass sich schwarze Menschen nicht an diesem oder jenem Ort aufhalten durften, dass sie gegen Regeln verstoßen. Auch ihre Hauptfigur verstößt gegen diese Regeln: Detective Sergeant Emmanuel Cooper entstammt einer gemischten Beziehung, auch er ein coloured, der aber als Weißer eingestuft wurde.

(c) Ariadne

Der Fall in „Zeit der Finsternis“ setzt nun 1953 ein. Ein Schuldirektor und seine Frau werden ermordet. Er leitete ein College in Sophiatown, einem Township von Johannesburg. Sie waren beide liberale Weiße. Zu seinem College waren auch schwarze Studenten zugelassen – und er lud sie sogar zu sich nach Hause in sein weißes Mittelschichtswohngebiet ein. Zwei dieser Studenten werden nun von seiner Tochter beschuldigt, die Tat begangen zu haben – sie sollen ihn ermordet haben, um seinen Mercedes zu klauen. Diese Aussage der Tochter der Toten, einem traumatisieren weißen Teenagermädchen, reicht dem meisten Cops schon. Sie ist für wie ein „Evangelium“. Aber Cooper hat Zweifel, er glaubt, das Mädchen lügt. Einer von ihnen ist der Sohn von Coopers Freund Samuel Shabalala, einem Constable aus der Native Detective Branch aus Durban, Lesern bestens bekannt aus den vorherigen Romane. Also will er seinem Freund und dessen Sohn, der ebenfalls etwas verbirgt, helfen – und die Wahrheit herausfinden. Zusammen mit dem deutsch-jüdischen Arzt Daniel Zweigman, einem Buchenwald-Überlebenden, machen sich Cooper und Shabala als unermüdliches Dreigestirn daran, die Morde aufzuklären und Shabalalas Sohn zu entlasten. Dabei müssen sie aber vorsichtig agieren, denn der (weiße) Polizeiapparat in Johannesburg hat den schwarzen Jungen bereits als schuldig abgehakt – und Coopers direkter Vorgesetzter scheint alles andere als ehrenhaft. Weiterlesen

Krimibestenliste April 2017

Nachgereicht wird hiermit die Krimibestenliste April 2017:

(c) Edition Nautilus

1. (4) Jérôme Leroy: Der Block (Edition Nautilus)
2. (-) Wallace Stroby: Geld ist nicht genug (Pendragon Verlag)
3. (-) Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden (Heyne)
4. (2) Jerome Charyn: Winterwarnung (Diaphanes)
5. (-) Reginal Hill: Die letzte Stunde naht (Droemer)
6. (3) Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt (Europaverlag)
7. (9) Peter May: Moorbruch (Zsolnay
8. (7) Max Annas: Illegal (Rowohlt)
9. (-) Kanae Minato: Geständnisse (C. Bertelsmann)
10. (1) Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer

In diesem Zusammenhang weise ich doch auch sehr gerne noch daraufhin, dass ich mit einem Beitrag über den sehr tollen „Der Block“ mein Radiodebüt bei Deutschlandradio Kultur gegeben habe. Der Beitrag (Audio und Text) ist in der Liste verlinkt.