Krimi-Kritik: „Untiefen“ von Sheena Kamal

(c) Ullstein

Eine interessante Protagonistin hat Sheena Kamal für ihr Debüt „Untiefen“ entwickelt: Nora Watts ist trockene Alkoholikerin und lebt mit ihrer Hündin Whisper in dem Keller des Bürogebäudes, in dem sie als Sekretärin und „hauseigener Lügendetektor“ eines Journalisten und Privatdetektivs arbeitet. Ihr Vater gehört vielleicht zu „einer der dreiundsechzig First Nations“, „vielleicht war er aber auch ein Métis“. Er starb, als sie noch klein war und so hat sie mit ihrer Schwester ihre Kindheit vor allem in Heimen und Pflegefamilien verbracht. Deshalb teilt sie mit den Kindern der indigenen Bevölkerung das Gefühl der Entwurzelung, aber ihr Leben verlief doch anders. Immer wieder übernimmt sie kleinere Privatdetektiv-Aufträge, nun wendet sich ein wohlhabendes Paar an sie, deren Tochter Bonnie entführt wurde. Die Eltern glauben, das Mädchen auf der Suche nach der leiblichen Mutter sei – und ahnen scheinbar nicht, dass ausgerechnet Nora die Mutter ist. Sie hat das Mädchen vor 15 Jahren nach einer Vergewaltigung auf die Welt gebracht. Weiterlesen

Women in Crime: Mississippi von J.M. Redmann

Es ist ein klassischer hardboiled-Beginn: Eine hübsche Frau sucht einen Privatdetektiv auf, um ihm einen Auftrag zu geben, der ihn in die Bredouille bringen wird. Denn natürlich ist diese Frau ebenso hübsch wie falsch. Bei J.M. Redmann ist der Privatdetektiv allerdings eine Frau – und lesbisch noch dazu. Michele Knight ist ihr Name, an der Tür steht nur M. Knight, ihre Freundinnen nennen sie Micky. Sie lebt und arbeitet in New Orleans, kommt aus den Bayous und ist gerade noch hell genug, um als weiß durchzugehen. Der Auftrag, den sie von der hübschen Fremden erhält, bringt sie in Kontakt mit einer reichen Familie, auf deren Grundstück mit Drogen gehandelt werden soll – und natürlich in große Gefahr.

(c) Ariadne

Nicht nur im Plot, auch im Stil lehnt sich J.M. Redmann an Chandler an: Klare, knappe Sätze, lakonische Bemerkungen und Sprüche. Dabei wirken die fiebrigen, sumpfigen, genauen Beschreibungen zugleich fast wie Vorläufer von Sara Grans Bild von New Orleans in „Die Stadt der Toten“. Auch in ihrem Verhalten, lieber zu trinke als sich den Problemen zu stellen, passt Redmanns Mick gut zu den Marlowes und Spades dieser Krimi-Welt. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass sie weitaus mehr psychologisches Potential hat – und ohne dass es allzu sehr ausgestellt wird, zeigt sich nach und nach, wie sehr sie in ihrer Vergangenheit traumatisiert wurde und von ihr zu der gemacht wurde, die sie heute ist. Mit all den Fehlern und Vorzügen. Weiterlesen

Save the Date: Talk Noir Berlin 1/2018

Am 6. Februar legen Wolfgang Franßen, Thomas Wörtche und ich wieder eine Runde Talk Noir aufs Parkett. An einem neuen Ort – dem Froschkönig in Neukölln -, aber mit altbekannter Diskutierfreude. Reden werden wir unter dem Motto „Es wird eng“ über „Sleeping Beauties“ von Stephen und Owen King, „Gravesend“ von William Boyle und „Schleierwolken“ von Regina Nössler. Los geht es um 20 Uhr.

Women in Crime: „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi

(c) Unionsverlag

„Dies ist die Geschichte von Bella, die eines Morgens beim Erwachen merkte, daß sie es satt hatte.“ Ein Satz brauchte „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und schon hatte mich das Buch. Ein Satz, er mag schlicht erscheinen, aber er trifft das genau das Gefühl, dass ich an manchen Morgen habe. Und hier geht es nicht um eine identifikatorische Lesart, hier geht es darum, dass mit diesem Satz ein Buch anfängt, das stark, provokativ und kompromisslos das Leben einer Frau in der Gesellschaft einfangen wird. Eine Gesellschaft, die sie ständig sexualisiert und bewertet, eine Gesellschaft, in der sie verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Deshalb ist der Titel auch eine fiese Abwandlung dessen, was er verspricht: Ein ‚schmutziges Wochenende’ meint für viele zwei Tage voller Sex. Hier aber umfasst es 48 Stunden, in denen sich eine Frau gegen die Gewalt zur Wehr setzt, die ihr angetan wird. Weiterlesen

Krimibestenliste – November 2017

Und hier ist sie, die Tabelle für November:

(c) Ullstein

1 (-) John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (Ullstein)
2 (3) Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha (Suhrkamp)
3 (2) Friedrich Ani: Ermordung des Glücks (Suhrkamp)
4 (-) Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen (Cass)
5 (-) Norbert Horst. Kaltes Land (Goldmann)
6 (-) Dave Zeltserman: Small Crimes (Pulpmaster)
7 (-) Andreas Pflüger: Niemals (Suhrkamp)
8 (9) David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth (Suhrkamp)
9 (-) Tanguy Viel: Selbstjustiz (Wagenbach)
10 (-) Liza Cody: Krokodie und edle Ziele (Ariadne)

Die Preisträger der Nordischen Filmtage 2017

(c) Jason Alami

Gestern Abend wurden in Lübeck die Preise vergeben. Den NDR-Spielfilmpreis hat „Der Charmeur“ („Charmøren“) von Milad Alami gewonnen. Mein Favorit „Was werden die Leute sagen“ („Hva vil folk si“) erhielt eine lobende Erwähnung sowie den Publikumspreis. Die Jury des Baltischen Filmpreises entschied sich für Joachim Triers „Thelma“. Der Kirchliche Filmpreis INTERFILM gibt an „Das Entschwinden“ von Boudewijn Koole. Der Dokumentarfilmpreis an „Siedepunkt“ (Kiehumispiste“) von Elina Hirvonen.

Mit dem Preis der Kinder- und Jugendfilmjury wurde der schwedische Filme „Ab in den Himmel“ (Upp I det blå) von Petter Lennstrand ausgezeichnet, der Preis der Kinderjury ging an „Kidnapping“ von Frederik Meldal Nørgaard.

Skandinavische Filmperlen im Nachtprogramm

Die Nordischen Filmtage in Lübeck werden jedes Jahr vom NDR im Fernsehen mit einigen Filmen begleitet. Oft sind das Titel, die schon häufiger ausgestrahlt werden oder zu einer Reihe gehören, in diesem Jahr aber verstecken sich dort die drei sehr tolle Filme.

(c) Salzgeber

Dazu gehören die zwei Filme, die mir vom vorigen Jahr bei den Nordischen Filmtagen am nachdrücklichsten in Erinnerung geblieben sind. Zum einen „Hevn“ („Rache“) von Kjersti Steinsbø. Der norwegischen Regisseurin gelingt tatsächlich, was sehr viele Filme nur von sich behaupten: ein feministischer Rachethriller. Nicht alles ist in diesem Debüt perfekt, aber der Film ist klug aufgebaut, hat eine starke Protagonistin und endlich mal eine wirklich perfide, knallharte Rache. Zu sehen ist er am 4. November um 23:25 Uhr.

Zum anderen ist es „Hjartasteinn“ („Herzstein“) von Gudmundur Arnar Gudmundsson, bei dem ich bis heute nicht verstehen, warum er keine regulären Kinostart hatte. Es laufen so viele Coming-of-Age/Coming-out-Filme im Kino und ausgerechnet diese isländische Perle, die noch dazu voriges Jahres völlig zurecht den Hauptpreis bei den Nordischen Filmtagen gewonnen hat, wird im Spätprogramm des NDR an einem Montagabend versteckt. Dabei gehört er eigentlich auf die große Leinwand. Oder wenigstens auf einen Hauptsender zu einer guten Uhrzeit. Deshalb meine Bitte: Nehmt ihn auf, schaut ihn euch an. Er ist wirklich toll. Ausgestrahlt wird er am 6. November um 23 Uhr.

Außerdem ist am 20. November um 23:15 Uhr „Vonarstræti“ („Straße der Hoffnung“, besser bekannt als „Life in Fish Bowl“) zu sehen, für mich weiterhin einer besten isländischen Filme überhaupt.

Die skandinavische Filmreihe im NDR Fernsehen im Überblick: Weiterlesen

Talk.Noir – Altmeister

Am 15. November 2017 geht es weiter mit Noir.Mastul und dieses Mal reden Thomas Wörtche, Wolfgang Franßen und ich über „Altmeister“. Genauer gesagt über „Plan B“ von Chester Himes, „Schmutziges Wochenende“ von Helen Zahavi und „Schwere Körperverletzung“. Mit dabei ist natürlich auch weder Robert Rescue, der einen eigenen Text vorliest.

Ich freue mich, wenn ihr vorbei schaut im: Kunst- und Kulturverein Mastul e.V., Liebenwalder Str. 33. 13347 Berlin.

Keinen Sonntag ohne Krimi – Über die Stuttgart-Tatorte von Dietrich Brüggemann und Dominik Graf

Der Tatort. Das alte Lieblingskind, das alte Sorgenkind. Nachdem Axel Ranisch und David Wnendt im Frühjahr jeweils eine Tatort-Folge inszenierten, folgten nun Dietrich Brüggemann und Dominik Graf. Tatort-Neuling und Tatort-Altmeister sozusagen, die interessanterweise beide mit demselben Ermittlungsteam zu Werke gingen – den Stuttgarter Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) – und die als Folgen nacheinander ausgestrahlt wurden. Dabei könnten sie von Stimmung und Tonfall unterschiedlicher kaum sein, aber sie verbindet, dass hier endlich mal wieder zu erkennen, was und wie der Tatort sein kann. Weiterlesen

Buchmesse 2017 – Verlage gegen rechts

Auch auf der Frankfurter Buchmesse werden wieder rechtsradikale und rechtspopulistische Verlage sein – und es gibt eine Initiative dagegen.

Zeichen setzen – Verlage gegen rechts

Unter dem Hashtag #verlagegegenrechts können sich auf der Messe Verlage, Autor*innen und Besucher*innen virtuell vernetzen. Zusätzlich holt die Autorin und Verlegerin Zoë Beck dieses Hashtag aus dem virtuellen Raum in die kohlenstoffliche Welt und verteilt, zusammen mit Kolleg*innen anderer unabhängiger Verlage, Lesezeichen mit starken Botschaften wie „#publishersagainstracism“, „Ein Lesezeichen für Gutmenschen“ und „Ein Lesezeichen für Respekt“: „Unsere Verlagsprogramme stehen für Vielfalt und Respekt, mit unseren Büchern, die wir hier auf der Messe vorstellen, setzen wir auch ein Zeichen für ein solidarisches Miteinander“, so Zoë Beck.

Das Hashtag wurde bereits auf der Leipziger Buchmesse verwendet. Dort richtet sich der Protest vor allem gegen das Magazin Compact, das u.a. als Sprachrohr von PEGIDA und insbesondere des rechten Flügels der AfD agiert.

„Wir stehen für eine offene Debatte und treten für die Beteiligung und Teilhabe möglichst vieler Menschen an Kultur und Literatur ein. Auf der Buchmesse stellen sich immer mehr Verlage und Autor*innen vor, die offen rassistisch, frauenverachtend und homofeindlich sind. Wir beobachten besorgt, dass u.a. der rechtsradikale Antaios Verlag auf der Buchmesse vertreten ist, Mitglieder der Identitären an seinen Stand einlädt und ein Forum der Buchmesse für seine menschenverachtende und antidemokratische Propaganda nutzt.“ Lisa Mangold, Argument Verlag und Mitinitiatorin der Kampagne #verlagegegenrechts

Also: Macht mit!