Krimi-Kritik: „Blaue Nacht“ von Simone Buchholz

„Blaue Nacht“ ist das erste Buch, das ich von Simone Buchholz gelesen habe. Und diese Information ist wesentlich für das Folgende, sie begründet den einzigen Aspekt dieser Kritik, der vielleicht nachteilig bewertet werden könnte – es von mir aber nicht wird: Ich hatte anfangs leichte Schwierigkeiten, einen Überblick über die Personen zu behalten. Aber das lag – wie gesagt – ganz allein an mir, denn nach zwanzig, dreißig Seiten war ich mittendrin im Hamburg von Chastity Riley.

(c) Suhrkamp Nova

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Chastity Riley ist Staatsanwältin in Hamburg, allerdings wurde sie als „Opferschutzbeauftragte“ aufs Abstellgleis geschoben, nachdem sie einen Vorgesetzten der Korruption überführt und einem Gangster seine „Kronjuwelen“ weggeschossen hat. Aber sie nimmt die Situation hin, sucht Opfer von mutmaßlichen Gewaltverbrechen auf und hält sich so bedeckt wie es ihr möglich ist. Das neuste Opfer ist ein Mann, dem fast alle Knochen gebrochen wurden und der Zeigefinger der rechten Hand abgeschnitten wurde (augenscheinlich wussten die Täter nicht, dass er Linkshänder ist. Riley soll sich um ihn kümmern, den Fall aufklären soll sie nicht, macht sie aber trotzdem. Und damit kommt sie einem Drogendeal auf die Spur, der Crystal Meth und Krok ins Land bringen soll. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Hades“ von Candice Fox

Manche Bücher sind ein Höllenschlund, der sich öffnet und einen hineinzieht. Teilweise sogar mit so viel Raffinesse, dass man es beim Lesen gar nicht sofort bemerkt, sondern erst, wenn man das Buch ausgelesen und zugeklappt hat.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

„Hades“ beginnt mit einem finster-guten Kapitel, in dem Hades – Herrscher über die Müllkippe und der Mann, an den man sich wendet, wenn man etwas verschwinden lassen will – ein Bündel erhält, in dem eine Kinderleiche zu stecken scheint. Danach wechseln Zeit und Perspektive: „Als ich Eden Archer das erste Mal erblickte, hielt ich mich für einen glücklichen Menschen“, erzählt Cop Frank Bennett, der gerade seiner neuen Partnerin bei der Mordkommission begegnet ist. Bald lernt er ihren Bruder Eric kennen, der dort ebenfalls arbeitet und eindeutig das Sagen auf dem Revier hat. Alle kuschen vor ihm. Aber Frank setzt sich tapfer zur Wehr, versucht Eden besser kennenzulernen, denn immerhin ist sie hübsch und seine Partnerin. Er ist ein hardboiled-Erzähler, der aber schon bald merkt, dass Eden – wie man so schön sagt – nicht seine Liga ist, ohne zu ahnen, wie weit entfernt sie von ihm ist. Oder auch nicht. Denn Candice Fox versteht es, mit Genreregeln zu spielen, sie genau so weit zu treiben, dass sowohl Kenntnis als auch Distanz zu spüren ist. Daher ist Eden nicht einfach unerreichbar, sondern sie lebt nach eigenen Regeln und einer eigenen Moral. Weiterlesen

Gastspiel: CrimeMag im Mai 2016

Heute ist die neue Ausgabe des CrimeMag erschienen, die dieses Mal den Namen Monatsmagazin mehr als verdient hätte. Zu lesen sind u.a. im Klassiker-Check zu Eric Ambler fünf Beiträge zu den „Masken des Dimitros“, zwei Perspektiven auf Candice Fox‘ „Hades“ und Dominique Manottis „Schwarzes Gold“ (die demnächst auch hier besprochen werden), Frank Göhres Kolumne zu Natalia Wörner und mein Beitrag über Ule Hansens „Neuntöter“ und Andreas Pflügers „Endgültig“. Zum CrimeMag bitte hier entlang

Netzschau 5

Gerade ist das Festival von Cannes – und während ich brav im Backoffice von kino-zeit arbeite, kann ich meinen Kolleg_innen beim Reden über Filme zugucken. Und besonders schön ist es, wenn sie von einem Film so begeistert sind wie über „Tony Erdmann“.

Megan Abbott hat anlässlich des Muttertages über das Filme sehen mit ihrer Familie geschrieben – und beschreibt wunderbar das Gefühl, wenn einen ein Film, den man vielleicht an anderen Tagen als rührselig beschreiben würde, so richtig packt. Weiterlesen

Zwischenfazit: X-Men, Teil 1 bis 3

Ein ständiges Vorhaben ist es, Filme außerhalb meiner Schwerpunkte zu gucken – also nicht nur Krimis, Thriller, Literaturverfilmungen und skandinavischen Filme, sondern auch mal etwas anderes. Daher habe ich voriges Jahr beschlossen, mich einem der „großen“ Franchise-Nummern widmen, entweder den Avengers oder den X-Men. Und weil Lena die X-Men eindeutig bevorzugt und das Universum etwas übersichtlicher ist (zumindest im Film), sind es die X-Men geworden. Also habe ich vor einiger Zeit begonnen, die Filme der Reihe nach zu sehen, obwohl ich den ersten und zweiten Teil schon vor Jahren einmal geguckt habe. Teil 1 und Teil 2 haben mich sehr gut unterhalten, für einen gemütlichen Samstagabend auf der Couch genau richtig – wenngleich ich bisweilen dachte, dass diese Filme auf der Kinoleinwand natürlich schon etwas schöner wären. Aber diese Filme machen vieles richtig: Es gibt zwar klare Konflikte, aber die Bösen sind nicht nur böse, sondern durch eine kurz angedeutete Backgroundstory lässt sich Magneto sehr gut verstehen. Dass Wolverine so eindeutig als Identifikationsfigur angelegt ist, kann ich zwar nicht verstehen – aber ich bevorzuge auch kühl agierende, clevere Charaktere. Weiterlesen

Über „Die Toten schauen zu“ von Gerald Kersh

Am 27. Mai 1942 wurde in Prag Reinhard Heydrich durch ein Attentat so schwer verletzt, dass er acht Tage später verstarb. Heydrich war Chef des Reichssicherheitshauptamtes und damit maßgeblicher Organisator des Holocausts und seit September 1941 stellvertretender Reichsprotektor für Böhmen und Mähren. Einen Tag vor dem Begräbnis Heydrichs, am 9. Juni, wollte die NS-Führung ein Exempel statuieren: Sie zerstörten das Dorf Lidice in der Nähe von Prag, die 177 männlichen Bewohner wurden erschossen, die Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, die Kinder des Ortes – bis auf neun, die als „germanisierbar“ eingestuft wurden – ermordet.

(c) Pulp Master

(c) Pulp Master

In Gerald Kershs 1942 geschriebenen und ein Jahr später erschienenen Roman „Die Toten schauen zu“ wird aus Heydrich nun von Bertsch, aus Lidice wird Dudicka. Bis heute ist umstritten, warum Lidice für die Racheaktion ausgewählt wurde, auch bei Kersh ist es mehr oder minder ein Zufall: Ein Motorrad, das angeblich jenem ähnelt, das bei dem Attentat verwendet wurde, wurde in der Nähe gefunden. Dabei ist es erstaunlich, wie es Kersh gelingt, aus dem, was damals bekannt war, einen dichten Roman zu entwickeln, in dem die Dorfgemeinschaft und die Täter gleichermaßen knapp wie präzise entwickelt sind. Weiterlesen

Die KrimiZeit-Bestenliste Mai 2016

Und hier ist sie, die KrimiZeit-Bestenliste für Mai:

(c) Suhrkamp Nova

(c) Suhrkamp Nova

1 (-) Simone Buchholz: Blaue Nacht (Suhrkamp Nova)
2 (2) Andreas Pflüger: Endgültig (Suhrkamp)
3 (1) Garry Disher: Bitter Wash Road (Unionsverlag)
4 (4) Ahmed Mourad: Vertiga (Lenos)
5 (3) Ross Thomas: Porkchoppers (Alexander Verlag)
6 (10) James Lee Burke: Mississippi Jam (Pendragon)
7 (-) Urban Waite: Keine Zeit für Gnade (Knaur)
8 (8) Declan Burke: The Big O (Edition Nautilus)
9 (-) Dominique Manotti: Schwarzes Gold (Argument Ariadne)
10 (-) Gerald Kersh: Die Toten schauen zu (Pulp Master)

Noir.Dude/s

Mittwochabend findet in Berlin zum ersten Mal eine Veranstaltung der Reihe Noir.Dude/s statt. Wolfgang Franßen vom Polar Verlag, Frank Nowatzki von Pulp Master und ich stellen drei Bücher vor – dieses Mal „Der Mann mit der Bombe“, „Die Toten schauen zu“ und „Exodus aus Libyen“ – und hoffen auf eine rege Diskussion über Literatur, Krimi und Politik.

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Krimi-Zeit Bestenliste März 2016

Die Bestenliste für März ist erscheinen:

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

1 (-) Garry Disher: Bitter Wash Road (Unionsverlag)
2 (4) Ryan Gattis: In den Straßen die Wut (Rowohlt)
3 (-) Andreas Pflüger: Endgültig (Suhrkamp)
4 (-) Ross Thomas: Porkchoppers (Alexander Verlag)
5 (1) Malla Nunn: Tal des Schweigens (Ariadne)
6 (-) Cormac McCarthy: Der Feldhüter (Rowohlt)
7 (3) Tito Topin: Exodus aus Libyen (Distel)
8 (-) Michael Robotham: Der Schlafmacher (Goldmann)
9 (-) Eugene McCange: Die Welt ist immer noch schon (Steidl)
10 (9) Joseph Kanon: Leaving Berlin (C. Bertelsmann)

Malla Nunn ist zudem auf der Bestenliste des Weltempfängers.

Garry Disher hat mich im Januar sehr beschäftigt, daher möchte ich an dieser Stelle auf meinen Beitrag über Dishers Wyatt-Romane und sein Schreiben bei Polar Noir verweisen. Außerdem habe ich für die im März erscheinende Ausgabe des BÜCHER-Magazins ein Porträt über ihn und sein kriminalliterarisches Schaffen geschrieben. Sehr lesenswert ist zudem Alf Mayers Beitrag im CrimeMag. Er hat Disher in Australien persönlich getroffen – und startet damit eine Reihe zu australischer Kriminalliteratur, über die ich mich sehr freue!

Sehliste Januar/Februar 2016

Im Januar und Februar habe ich sehr viel gelesen – und deshalb nur wenig gesehen. Der Berlinale sei dank sind dann insgesamt immerhin 36 Filme zusammen gekommen:

1) The Hateful Eight.
Mit Tarantino verbindet mich eine Hassliebe, eigentlich dachte ich auch, wir würden nach Django Unchained getrennte Wege gehen. Aber mit seinen 70mm hat er mich wieder ‚rumbekommen. The Hateful Eight aber fand ich furchtbar langweilig, dröge und einfallslos.

2) Creed
Neben Kriminalfilmen habe ich zwei große Schwächen: Musicals und Sportlerfilme. Also war Creed ja quasi Pflichtprogramm. Für mich ist dieser Film ein nahezu perfektes Beispiel, wie man mit Nostalgie an eine alte Reihe anknüpft und zugleich einen sehr modernen Film macht. Und Michael B. Jordan ist großartig in diesem Film.

3) Trumbo
Es gibt ja in Filmen diese Tendenz, dass man den historischen Vorbildern möglichst ähnlich sieht – und das versucht Trumbo auch sehr. Aber trotz einer großen Affinität zu der Geschichte, fand ich den Film etwas zu bemüht.

4) Anomalisa
Charlie Kaufman erzählt eine altbekannte Geschichte mit feinen Nuancen neu. Zu meiner Kritik.

5) Raum
Der Film besteht aus einer großartigen ersten Hälfte, bei der mir das Herz fast zersprungen wäre – und einer guten zweiten Hälfte, die dann bekannteren Wegen folgt. Hierzu schreibe ich noch einmal mehr. Weiterlesen