Rückkehr nach Twin Peaks

In einer Woche geht es los: Nach über 25 Jahren kehrt „Twin Peaks“ auf den Bildschirm zurück. Ich bin äußerst gespannt und vorfreudig und werde in diesem Jahr einiges über die Serie schreiben. Den Auftakt macht nun ein Beitrag im CrimeMag, der zudem auch der Anfang einer Reihe dort sein wird, mit der ich die Ausstrahlung monatlich begleitet.

Hier geht es zum Beitrag – und als kleine Einstimmung folgt noch der Trailer zur dritten Staffel …

Comic – Maggy Garrisson

Ich bin ein wenig verliebt. In Maggy Garrisson, die neue Heldin einer Comic-Reihe von Stéphane Oiry und Lewis Trondheim. Und ich kann sogar den Anfang dieser Liebe ausmachen: Sie begann bei dem Untertitel des ersten Bandes. „Lach doch mal, Maggy!“. Es gibt einfach Sätze, die bekommt man als Mädchen und Frau viel zu oft zu hören. Und „Lach doch mal“ gehört definitiv dazu, gerade wenn man nicht zu den Menschen gehört, die ständig und ununterbrochen lachen oder lächeln. Und deshalb ist dieses „Lach doch mal, Maggy!“ in genau dem leicht genervten Ton zu verstehen, in dem dieser Satz bei mir – und ich schätze mal sehr vielen anderen – ankommt.

Aber natürlich reicht ein Untertitel alleine nicht aus, vielmehr ist Maggy Garrisson eine hinreißende Hauptfigur. Seit zwei Jahren ist sie arbeitslos, also muss sie die Stelle annehmen, die ihr ihre Nachbarin vermittelt hat. Sie soll Sekretärin für deren Neffe Mr. Wright sein, der als Privatdetektiv arbeitet. Und sie nimmt sich fest vor, dieses Mal ihre große Klappe zu halten. Als sie ankommt, liegt er betrunken schlafend auf dem Schreibtisch und generell macht er auf sie keinen allzu kompetenten Eindruck. Aber Maggy Garrisson erkennt Chancen, wenn sie sich ihr bieten – und 70 Pfund für das aufgeklärte Verschwinden eines Kanarienvogels erscheint ihr als gutes Angebot. Das ist ihr Einstieg in die Welt der Privatdetektive und schon bald sucht sie nach einem gestohlenen Baseball – und ist in eine mysteriöse Geschichte um scheinbar harmlose Tickets verwickelt.

(c) Schreiber und Leser

Maggy Garrisson ist eine clevere Frau, unverblümt und gewitzt. Sie lebt in London, sieht durchschnittlich aus und ist ungemein bodenständig. Sie begeht bei ihren Nachforschungen Fehler (vermutlich), liegt auch mal daneben, trinkt gerne Bier und verfügt über sehr viel Mutterwitz. Lewis Trondheim und Stéphane Oiry reichen wenige Bilder und Sätze, um sie als sehr eigenen Charakter zu etablieren, den es in Comics viel zu selten gibt. Dabei merkt man, dass Maggy auch so manches verbirgt, keine großen Geheimnisse, vielmehr Einsamkeit, vielleicht auch Verlorenheit und Traurigkeit.

(c) Schreiber und Leser

„Lach doch mal, Maggy!“ ist weniger von der Handlung als vielmehr den Charakteren angetrieben. Hier fügen sich pointierte Dialoge und sehr strenge, ausdrucksstarke Bilder, die oft weder Blickwinkel und Einstellung verändern, gut zusammen, so dass man sich auf die Figuren und die Umgebung konzentrieren kann und ein Erzählfluss entsteht, dem ich mich nicht entziehen wollte. Deshalb freue ich mich schon auf Band 2. Er soll im August 2017 erscheinen.

(c) Schreiber & Leser

Maggy Garrisson, 1. Lach doch mal, Maggy! Zeichnung: Stéphane Oiry. Szenario: Lewis Trondheim. Übersetzung: Resel Rebiersch. Schreiber & Leser 2017.

Zu „Zeit der Finsternis“ von Malla Nunn

Nachdem 2009 mit „Ein schöner Ort zu sterben“ der Auftakt zu der Romanreihe um Detective Sergeant Emmanuel Cooper erschienen ist, setzt Malla Nunn die Reihe nun mit dem vierten Band „Zeit der Finsternis“ fort. Sie führt mit ihren Büchern ins Südafrika der 1950er Jahre, in eine Zeit, in der die Apartheidsgesetze mit aller Macht durchgesetzt worden: Gemischte Ehen wurden verboten, das Land wurde aufgeteilt, Stadtgebiete getrennt und jede Bewegung wurde kontrolliert. Immer wieder liest man daher in „Zeit der Finsternis“ davon, dass sich schwarze Menschen nicht an diesem oder jenem Ort aufhalten durften, dass sie gegen Regeln verstoßen. Auch ihre Hauptfigur verstößt gegen diese Regeln: Detective Sergeant Emmanuel Cooper entstammt einer gemischten Beziehung, auch er ein coloured, der aber als Weißer eingestuft wurde.

(c) Ariadne

Der Fall in „Zeit der Finsternis“ setzt nun 1953 ein. Ein Schuldirektor und seine Frau werden ermordet. Er leitete ein College in Sophiatown, einem Township von Johannesburg. Sie waren beide liberale Weiße. Zu seinem College waren auch schwarze Studenten zugelassen – und er lud sie sogar zu sich nach Hause in sein weißes Mittelschichtswohngebiet ein. Zwei dieser Studenten werden nun von seiner Tochter beschuldigt, die Tat begangen zu haben – sie sollen ihn ermordet haben, um seinen Mercedes zu klauen. Diese Aussage der Tochter der Toten, einem traumatisieren weißen Teenagermädchen, reicht dem meisten Cops schon. Sie ist für wie ein „Evangelium“. Aber Cooper hat Zweifel, er glaubt, das Mädchen lügt. Einer von ihnen ist der Sohn von Coopers Freund Samuel Shabalala, einem Constable aus der Native Detective Branch aus Durban, Lesern bestens bekannt aus den vorherigen Romane. Also will er seinem Freund und dessen Sohn, der ebenfalls etwas verbirgt, helfen – und die Wahrheit herausfinden. Zusammen mit dem deutsch-jüdischen Arzt Daniel Zweigman, einem Buchenwald-Überlebenden, machen sich Cooper und Shabala als unermüdliches Dreigestirn daran, die Morde aufzuklären und Shabalalas Sohn zu entlasten. Dabei müssen sie aber vorsichtig agieren, denn der (weiße) Polizeiapparat in Johannesburg hat den schwarzen Jungen bereits als schuldig abgehakt – und Coopers direkter Vorgesetzter scheint alles andere als ehrenhaft. Weiterlesen

Krimibestenliste April 2017

Nachgereicht wird hiermit die Krimibestenliste April 2017:

(c) Edition Nautilus

1. (4) Jérôme Leroy: Der Block (Edition Nautilus)
2. (-) Wallace Stroby: Geld ist nicht genug (Pendragon Verlag)
3. (-) Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden (Heyne)
4. (2) Jerome Charyn: Winterwarnung (Diaphanes)
5. (-) Reginal Hill: Die letzte Stunde naht (Droemer)
6. (3) Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt (Europaverlag)
7. (9) Peter May: Moorbruch (Zsolnay
8. (7) Max Annas: Illegal (Rowohlt)
9. (-) Kanae Minato: Geständnisse (C. Bertelsmann)
10. (1) Denis Johnson: Die lachenden Ungeheuer

In diesem Zusammenhang weise ich doch auch sehr gerne noch daraufhin, dass ich mit einem Beitrag über den sehr tollen „Der Block“ mein Radiodebüt bei Deutschlandradio Kultur gegeben habe. Der Beitrag (Audio und Text) ist in der Liste verlinkt.

Zwei Filmempfehlungen

Die Kinostartplaner wollen es, dass in dieser Woche meine beiden bisherigen Lieblingsfilme des Jahres starten, die es mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit auch auf meine Favoritenliste des Jahres schaffen werden. Deshalb möchte ich sie hier noch einmal besonders empfehlen und allen ans Herz legen. Ja, das Wetter soll jetzt gut werden, aber ins Kino kann man immer gehen. Wirklich.

(c) Salzgeber)

In beiden Fällen gibt es gute Gründe dafür. Denn es ist zum einen nicht selbstverständlich, dass ein Film wie I am not your negro überhaupt im Kino läuft – und er ist auch nicht in allzu vielen Städten zu sehen. Aber wer die Möglichkeit hat, diesen engagierten, aufrüttelnden Dokumentarfilm zu sehen, der Kategorien hinterfragt und das Denken im besten Sinn durcheinander bringt, sollte es tun – nicht nur, um den engagierten Verleiher Salzgeber zu unterstützen, sondern weil es auch ein Film ist, der einen tatsächlich verändert.(Meine ausführliche Kritik gibt es hier zu lesen – und hier kann man nachschauen, wo der Film läuft.

(c) Pandora

Der zweite Film ist natürlich Die andere Seite der Hoffnung. Aki Kaurismäkis’ Filme müssen im Kino gesehen werden, im allerbesten Fall auf 35mm – aber auch das wird nur in wenigen Städten möglich sein. Dennoch: Dieser Film ist melancholisch, märchenhaft, bitterböse und komisch. (Meine ausführliche Kritik ist hier – und hier kann man nachsehen, wo der Film läuft.)

Also bitte, schaut sie euch an.

Fundstück vom 16. März 2017

Das Ende der Kritik und das Sterben des Kritikerberufs wird ja fast so regelmäßig ausgerufen wie Diskussionen über die Sinnhaftigkeit bzw. Notwendigkeit von Verrissen geführt werden. Ich bin (wenig überraschend) überzeugt, dass Kritik wichtig ist – und dann gestern von meinem Kollegen Joachim Kurz auf einen sehr schönen Text im New Yorker aufmerksam gemacht worden, der mit einer der schönsten Beschreibungen des Kritikerdaseins schließt:

Perhaps the profession is destined to fade away, but others will have to take up the critic’s simple, irritating, somehow necessary job: to stand in a public space and say, “Not quite.”

Der gesamte Text ist hier zu lesen.

Zu „IQ“ von Joe Ide

Der Debütroman des Amerikaners Joe Ide erzählt von dem „Detektiv ohne Lizenz“ Isaiah Quintabe, der sich mit Gefälligkeiten und kleineren Ermittlungen in Los Angeles über Wasser hält. Dann vermittelt ihm sein alter kleinkrimineller Bekannter Juanell Dodson einen „richtigen“ Auftrag: Auf den Rapper Black the Knife alias Calvin Wright wurde zu Hause durch einen Kampfhund ein Anschlag verübt, seither will er das Haus nicht mehr verlassen. Isaiah Quintabe – genannt I.Q. – soll nun für die Sicherheit des Rappers sorgen, indem er diesen Kampfhundangriff aufklärt.

(c) Suhrkamp

Damit treffen in dem sehr unterhaltsamen IQ zwei sehr verschiedene Milieus aufeinander: einerseits die schillernd-blickende Welt eines Rap-Stars mit Gangsterattitüde, viel Glamour, Attitude und BlingBling, andererseits die Realität in South Central, wo IQ und Dodson aufgewachsen sind. Hinzu kommen zwei Zeitebenen: die Gegenwart der Ermittlungen in der Killerhundattacke und ein vergangener Vorfall, bei dem IQs großer Bruder verstorben ist. Diese verschiedenen Stränge hat Joe Ide gut miteinander verbunden, zumal die Vergangenheit immer wieder für ein wenig Bodenhaftung sorgt.

Gleichermaßen gibt es in den literarischen Bezügen zwei große Anknüpfungspunkte, von denen einer bisher in der deutschsprachigen Rezeption sträflich vernachlässigt wurde: Weiterlesen

Ein paar Sätze zu „Ruf mich bei meinem Namen“

Mein Faible für Literaturverfilmungen reicht schon ziemlich weit zurück. Wann genau es begann, weiß ich nicht, aber es war dieses Gefühl des Wiedererlebens, des erneuten Erfahrens der Geschichte aus anderer Perspektive, das mich damals dazu getrieben hat, die Bücher von Filmen zu lesen oder Filme zu sehen, deren Romanvorlagen ich schon kannte. Mit zunehmenden Alter und größerer Professionalisierung veränderte sich diese Einstellung, aber nun fühlte ich mich während der Berlinale unversehens in diesen Zustand zurückversetzt. Wegen Call me by your name. Der Film hat mich völlig unvorbereitet sehr tief getroffen – vor allem, weil er so aufrichtig und ehrlich von einer großen Liebe erzählt. Gänzlich ohne Kitsch, ohne die Haltung, alles zu wissen, sondern mit einer Mischung aus Offen- und Unsicherheit ist mitzuerleben, wie sich Elio in einem Sommer in Italien in Oliver verliebt und sich einem unendlichen Verlangen nach Nähe hingibt. Als ich dann las, dass in der Romanvorlage von André Aciman die Geschichte einen größeren Zeitraum umfasst, kaufte ich mir sofort das E-Book und fing noch während der Berlinale an zu lesen.

(c) Kein & Aber

Und was soll ich sagen: es ist tatsächlich eine Art Wiedererleben und Wiedersehen, die dieses Buch ermöglicht, verbunden mit einer noch größeren Wertschätzung des Drehbuchs von Luca Guadagnino, James Ivory und Walter Fasano, das es perfekt vermag, die schwierige Ich-Erzählhaltung als auch die Annäherung der Protagonisten umzusetzen. Dabei ist das Buch dazu eine Ergänzung: es gibt weitere Episoden in diesem einen Sommer – und es geht tatsächlich darüber hinaus. Dieses Weitergehen jedoch hat den Schmerz des Films nur noch vertieft. Es gibt nämlich auch im zunehmenden Alter keine größere Deutlichkeit und Erfüllung für Elio und Oliver, sondern es bleibt vielmehr die Erinnerung an einen Sommer und eine vollendete Liebe. Dabei fasst Aciman diese Sehnsucht, die Melancholie, dieses Parallelleben in vortreffliche Wörter und Sätze, in denen nicht alles auserzählt werden muss. Da leider immer noch offen ist, ob dieser Film seinen Weg in die deutschen Kinos findet, kann ich solange schon einmal das Buch empfehlen.

André Aciman: Ruf mich bei Deinem Namen. Übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Kein & Aber Verlag 2008.