„Flut“ von Daniel Galera

„Er hat das Gefühl, als wollte das Meer etwas von ihm, kann sich aber nicht vorstellen, was. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hat, oder von dem er nicht mal weiß, dass er es weiß. Das Meer fragt ihn danach und scheint immer kurz davor, die Geduld zu verlieren, aber er verlässt es gerade noch rechtzeitig, bevor es einen Wutanfall bekommt.“

Ein letztes Mal wird der 33-jährige Erzähler von Galeras Roman „Flut“ zu seinem Vater gerufen, der ihm die Geschichte seines Großvaters erzählt, der einst in dem Küstenort Garopaba bei einem Tanzfest erstochen wurde. Die Tat wurde niemals aufgeklärt. Seine Geschichte schließt der Vater mit der Ankündigung, dass er sich das Leben nehmen werde. Er bittet seinen Sohn lediglich, seine Hündin Beta einschläfern zu lassen. Er selbst bringe es nicht übers Herz und Beta würde ohne ihn zugrunde gehen. Widerwillig stimmt der Erzähler zu, entscheidet sich nach dem Selbstmord des Vaters aber dagegen. Stattdessen nimmt er Beta zu sich und begibt sich auf der Suche nach Wahrheit und Läuterung nach Garopaba. Dort lebt er zurückgezogen in einem Haus am Strand, arbeitet als Lauf- und Schwimmtrainer, beginnt eine Beziehung mit Dália, freundet sich mit einem Pensionsbesitzer an und stellt den Dorfbewohnern Fragen über seinen Großvater. Sie antworten nicht, sondern werden misstrauisch und wollen nicht über ihn reden. Auch sein Großvater war ein Fremder, der erst die Neugier und dann den Hass der Bewohner erregte, und dem Erzähler scheint es nun ganz ähnlich zu ergehen. Weiterlesen

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Media Monday #120

1. Mit dem Talent und Einfallsreichtum eines Schriftstellers ist leider nicht jeder gesegnet, der ein Buch veröffentlicht.

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2. Buchmessen sind ein schöner und wichtiger Teil meiner Arbeit.

3. Der Tatort ist schon lange nicht mehr, was er einmal war.

4. Die Oscar-Verleihung wird mir nie mehr so gut gefallen wie beim ersten Mal, weil ich diesem Firlefanz von Jahr zu Jahr weniger abgewinnen kann.

5. Am Beruf des Schauspielers stelle ich mir am schwierigsten vor, ausreichend Engagements zu finden, um davon leben zu können.

6. Ein Autogramm wollte ich noch nie haben.

7. Mein zuletzt gelesenes Buch war „Korrupt“ und das war ein solider Schweden-Thriller, weil Robert Kviby bekannte Zutaten gekonnt verbindet. Mehr davon demnächst.

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Krimi-Kritik: „Das Fest der Schlangen“ von Stephen Dobyns

„Wenn in einer Kleinstadt ein schreckliches Verbrechen geschieht, ist das eine Tragödie. Ein zweites ist ein Fluch.“

Brewster ist ein kleiner verschlafener Ort in Rhode Island. Normalerweise bekommt es die Polizei dort mit Verkehrssündern und Einbrechern zu tun, doch nun ist im Morgan Memorial Hospital das Baby der 16-jährigen Penny Summers verschwunden und an seiner Stelle fand die Nachtschwester Schlangen im Babybett vor. Schnell macht diese Nachricht die Runde in der Kleinstadt – und es wird nicht bei diesem einen Verbrechen bleiben. Stattdessen sehen sich der reizbare Woody und sein Partner Bobby mit angriffslustigen Kojoten, Satanisten und anderen Kulten konfrontiert, die die Ermittlungen immer undurchschaubarer machen.

(c) C. Bertelsmann

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In seinem Thriller „Das Fest der Schlangen“ stürzt Stephen Dobyns eine Kleinstadt in ein Chaos, das ebenso vollständig wie glaubwürdig ist. Aus einer dezidiert allwissenden Perspektive schildert der Erzähler anfangs das normale Leben in diesem Ort ebenso wie die Verbrechen, kommentiert die Ereignisse und deutet auf spätere Entwicklungen hin. Dabei stellt sich – im Gegensatz zu beispielweise Arne Dahls „Bußestunde“ – im weiteren Verlauf nicht heraus, wer dieser Erzähler ist. Vielmehr entsteht durch diese Perspektive anfangs ein langsames Erzähltempo, das nach gut 50 Seiten deutlich anzieht. Weiterlesen

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„Abschied von Atocha“ von Ben Lerner

(c) Rowohlt

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Wer kennt ihn nicht, den typischen Protagonisten vieler amerikanischer Ostküsten-Romane: ein mehr oder minder erfolgreicher Schriftsteller, im Disput mit sich selbst oder seiner Umgebung, der in New York lebt und sich an seine Zeit im europäischen Ausland erinnert. Im Gegensatz zu diesen Protagonisten ist der jungen amerikanische Lyriker Adam Gordon noch ganz am Anfang seines literarischen Lebens, ja, er versteht sich selbst noch nicht einmal als Lyriker, sondern ist überzeugt, er gebe nur vor, ein Lyriker zu sein. Mit einem vermeintlichen Projekt über den spanischen Bürgerkrieg hat er ein Stipendium für einen Auslandsaufenthalt in Madrid erhalten und lebt nun ein Jahr lang in einer kleinen Wohnung an der Plaza Santa Ana. Sein Tag beginnt mit einem Kaffee und einem Joint, dann sieht er sich Bilder im Prado an, schlendert durch den Park, nimmt beständig Tabletten und durch seine anfangs geringen Spanischkenntnisse versteht er nicht immer, was seine Freunde ihm erzählen. Weiterlesen

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Media Monday #119

1. Den Schauplatz – real oder fiktiv – von „Kinshasa Symphony“ würde ich, wenn ich könnte, gerne einmal besuchen, weil ich sehr gerne mal in den Kongo reisen würde.

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2. „Der Hobbit“ spielt nicht nur an einem exotischen Ort, sondern die Landschaft ist gleichzeitig auch eine der Hauptattraktionen, weil es in dem handlungsarmen ersten Teil ansonsten wenig zu entdecken gibt.

3. Filme aus dem Land, in dem sich gerade einer aufmacht, das Kino neu zu entdecken, finde ich überwiegend spannend, weil ich ungewöhnliche Geschichten, Inszenierungen und Erzählweisen schätze. Und solche Filme können aus jedem Land kommen.

4. „Gangster Squad“ hat mich richtiggehend enttäuscht, weil die Charakterzeichnung sich häufig bei klischeehaften Stereotypen bedient wie etwa des leicht korrupten Cops mit gutem Herz.

5. Wäre Baltasar Kormákur nicht einer der Regisseure, deren Karriere ich seit langem verfolge, hätte ich vermutlich „2 Guns“ niemals gesehen.

6. Der Film „Nachtzug nach Lissabon“ vermittelt ein völlig falsches Bild des Landes/der Stadt Lissabon, weil sich Portugiesen untereinander nicht in Englisch unterhalten.

7. Mein zuletzt gesehener Film war „The Human Scale“ und der war aufschlussreich, weil er einen interessanten Ansatz in der Stadtplanung vorstellt.

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Zum 80. Geburtstag – Louis Begley und ich

Louis Begley (c) Jerry Bauer

Louis Begley (c) Jerry Bauer

Vor ungefähr fünf Jahren habe ich „Ehrensachen“ von Louis Begley gelesen, ein Buch über die Freundschaft dreier junger Männer in Harvard der 1950er Jahre: Sam und Archie stammen aus reichen Elternhäusern, während ihr Zimmergenosse Henry rothaarig, schlecht angezogen und zudem jüdisch ist. In einer Zeit, in der Herkunft alles ist, will Henry Zugang zu der Welt von Sam und Archie, er will Zugang zum amerikanischen Traum. Beim Lesen entwickelte dieses Buch einen eigentümlichen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Dennoch las ich es immer nur zwischendurch und kam nur sehr langsam voran, merkte aber, wie es eindringlich es war.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Dennoch folgte auf „Ehrensachen“ eine jahrelange Pause meiner Begley-Lektüre, so dass ich erst jetzt für einen Beitrag über US-Literatur, die im Herbst hierzulande neu erscheint, abermals auf ihn und sein aktuelles Buch „Erinnerungen an eine Ehe“ traf. Wieder faszinierte er mich mit seiner kleinen Geschichte über eine unglückliche Ehe, die zu einer bitterbösen Analyse des amerikanischen Traums führt. Zwischenzeitlich kann ich besser benennen, warum mich Louis Begley fasziniert: Es ist sein kühler, sezierender Blick, es ist die Gnadenlosigkeit seiner Figuren, zu denen der Erzähler und auch der Autor dennoch so viel Zuneigung hegt.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Am deutlichsten wird es wohl bei „Schmidt“, jenem Buch, das hierzulande vor allem durch die Verfilmung mit Jack Nicholson bekannt ist und mich in den Urlaub begleitete. Begleys Schmidt ist der frühpensionierte, einst hoch angesehene und wohlhabende New Yorker Anwalt Albert Schmidt, der von dem frühen Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen wird. Immerhin hatte er sich doch ihretwegen früher zur Ruhe gesetzt. Nun offenbart ihm auch noch seine Tochter Charlotte, dass sie heiraten werde – und zwar ausgerechnet Schmidts Kanzleikollegen Jon Riker. Zusehends flüchtet sich Schmidt in Einsamkeit und Verbitterung, einzig die junge puertoricanische Kellnerin Carrie scheint seine harte Schale zu durchbrechen. Wahrlich ist Schmidt kein angenehmer Zeitgenosse, aber Louis Begley begleitet ihn mit so viel Zuneigung, dass ich ihn unweigerlich ins Herz geschlossen habe. Und fast nebenbei liefert Louis Begley noch eine vielschichtige Analyse der Gesellschaft ohne in Geschwätzigkeit zu verfallen.

Es ist diese klare Sprache, die kühle Analyse und die erzählerische Leichtigkeit, die ich an Louis Begley schätze. Im Gegensatz zu vielen Kollegen braucht er keine Vollständigkeit, keine bis ins letzte Detail auserzählte Geschichte. Vielmehr setzt er auf kleinere Leerstellen, die Deutung erlauben. Vor allem aber ist er ein Erzähler mit einem gnadenlos scharfen Blick für Lebenslügen und Selbsttäuschungen – schlichtweg ein großartiger Schriftsteller.

(c) Suhrkamp

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Louis Begley: Ehrensachen. Übersetzt von Christa Krüger. Suhrkamp 2008.

Louis Begley: Schmidt. Übersetzt von Christa Krüger. Suhrkamp 1999.

Louis Begley: Erinnerungen an eine Ehe. Übersetzt von Christa Krüger. Suhrkamp 2013.

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Krimi-Kritik: „Manhattan Fever“ von Walter Mosley

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Leonid McGill ermittelt wieder! In dem vierten Band der Reihe um den New Yorker Privatdetektiv wird Leonid abermals mit den Folgen seines vergangenen Tuns konfrontiert: Vor einigen Jahren hat er geholfen, Zella Grisham mit fingierten Beweisen für einen Raubüberfall ins Gefängnis zu bringen, den sie nicht begangen hat. Doch nun hat er – im Zuge seiner Läuterung – unauffällig für ihre Freilassung gesorgt, ihr eine Wohnung und einen Job besorgt. Doch dummerweise kann er seine Schuldgefühle auf diese Weise nicht loswerden: Ein Anruf der damals bestohlenen Versicherungsfirma kostet Zella Wohnung und Anstellung. Aber nicht nur das: Sie scheint von Unbekannten bedroht zu werden, die ebenso Leonid McGill das Leben schwer machen wollen. Also versucht er herauszufinden, was damals geschehen ist – und muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er seinen Vater wiederfinden könnte und seine Geliebte Aura Ullman zu ihm zurückkehren möchte. Weiterlesen

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