KrimiZeit-Bestenliste April 2014

Sehr gefreut habe ich mich über die neue KrimiZeit-Bestenliste, die auf den ersten vier Plätzen vier Titel versammelt, die ich allesamt selbst empfehlen würde. Aber zunächst die Platzierungen (im Klammer der Platz des Vormonats):

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

1 (1) David Peace: GB84
2 (-) Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht
3 (5) Daniel Woodrell: In Almas Augen
4 (2) Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees
5 (-) Sascha Arango: Die Wahrheit und andere Lügen
6 (-) Adam Sternbergh: Spademan
7 (-) Urban Waite: Wüste der Toten
8 (10) Karim Miské: Entfliehen kannst du nie
9 (8) Uta-Maria Heim: Wem sonst als Dir
10 (-) Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat

„GB84“ ist schlichtweg großartig, über Jan Costin Wagner habe ich mich hier bereits ausführlich ausgelassen, Daniel Woodrell ist immer lesenswert – und Oliver Bottinis „Ein paar Tage Licht“ ist bisher einer der besten Krimis, den ich in diesem Jahr gelesen haben und den ich deshalb auch (Achtung: Werbung) im Rahmen der Aktion Blogger schenken Lesefreude zum Welttag des Buchs im Zeilenkino verlosen werde (Werbung Ende). Von Sascha Arango hatte ich noch nichts gehört, aber das Buch ist sofort auf meine Leseliste gewandert – dort stehen Sternbergh, Waite und insbesondere Ngugi schon länger. Von Uta-Maria Heim habe ich bisher nur „Heimkehr“ gelesen, das ebenfalls mal auf der Krimi-Bestenliste stand und mich nicht überzeugen konnte. Und nachdem ich gelesen habe, was Nicole auf My Crime Time dazu geschrieben hat, werde ich es auch erst einmal lassen.

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„Downton Abbey“ – Die vierte Staffel

Seit jeher habe ich eine Schwäche für den Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Weimarer Republik war stets meine Lieblingsepoche, ich liebe die Literatur aus dieser Zeit – und Filme, die in diesen Jahrzehnten bis in die 1930er Jahre spielen. Deshalb bin ich auch bei „Downton Abbey“ eine Seherin der ersten Stunde, ich mochte das Betuliche der Serie, die Upper-Class-Probleme, die drei stereotypen Töchter und konnte mit den Intrigen unter den Hausangestellten als notwendiges Handlungsbeiwerk leben. Aber spätestens mit der dritten Staffel zeichnete sich immer deutlicher ab, dass dieser Serie eine klare Richtung fehlt und auch den Drehbuchautoren die Ideen ausgehen. Das ohnehin schon langsame Erzähltempo wurde weiter verschleppt, manche Handlungsstränge waren so ausführlich und zeitraubend aufgebaut, dass es eine Wohltat war, als sie beendet waren. Doch nach dem Schock aus dem Weihnachtsspecial, in dem mit Matthew einer der Protagonisten starb, war ich gespannt, wie die Serie weiter gehen würde. Immerhin bot dieses Ausscheiden einige Möglichkeiten: der Fokus könnte von Mary auf die weitaus interessantere Edith gelenkt werden, deren Potential bislang nicht ausgeschöpft wurde, oder Mary könnte jenseits der Erwartungen, den richtigen Mann zu heiraten, neue Perspektiven entwickeln. Allein die Besetzung könnte verändert werden, außerdem könnte es nach den vielen Liebesverwicklungen wieder andere Konflikte geben.

(c) ITV

(c) ITV

Jedoch geschah nur wenig. Marys Trauer wurde kurz abgehandelt, so dass sogleich ein neues Verehrer-Duo, bisweilen -Trio ihr den Hof machte. Das eigentlich interessantere Thema – Marys Versuche der Mitbestimmung – wurde zugunsten der Liebeshandlung zurückgeschraubt. Die bereits in der letzten Staffel allzu präsenten Anna und Bates müssen eine weitere Prüfung bestehen, insbesondere ihnen hätte eine Pause gut getan – und das gleiche Thema hätte auch mit einer anderen Hausangestellten behandelt werden können. Aber insbesondere bei den Angestellten bekommt niemand Raum für Weiterentwicklung, stattdessen werden bekannte Handlungselemente einfach wiederholt: Anna ist so gut, Bates ist so undurchsichtig, Mrs. Hughes ist weise, Butler Carlson konservativ (er erinnert mich immer an Sam aus der „Muppet Show“) und die Footmen sowie Küchenangestellten sind hauptsächlich als komische Figuren in der Serie. Sicher ist es angesichts der Einschaltquoten riskant, beliebten Charakteren weniger Handlung zu geben. Für die Serie wäre es aber besser. Vielleicht würde den Autoren dann auch einfallen, was sie mit Cora machen könnten, die in acht Folgen und einem Special eigentlich immer die gleiche Kopfbewegung und Betonung zeigte. Ohnehin war ich von dem Special enttäuscht. Nachdem es dort in den letzten Staffeln immer wichtige Entwicklungen gab, war es dieses Mal eine nahezu slapstickhafte Sonderepisode, in der es außer dem Gastauftritt von Paul Giamatti wenig zu sehen gab – gut, die Anspielung auf die Affären des Prinzen von Wales sind amüsant. Immerhin hat Edith insgesamt mehr Raum in der Serie bekommen. Ausgerechnet sie, die sich stets an die Konventionen halten und Erwartungen erfüllen wurde, hadert nun am meisten mit ihnen und lehnt sich – mit zunehmendem Mut – gegen sie auf.

Als ich bei Twitter meinen Unmut äußerte, wies mich Lena auf den begrenzten Kosmos dieser Serie hin. Sicherlich gibt das enge Setting Grenzen vor, aber zumindest örtlich könnten es die Autoren durch eine Erweiterung des Handlungsortes umgehen – das haben andere Serien vorgemacht. Allerdings wäre das noch nicht einmal nötig, würden Figuren nicht allzu plump und gleichartig ersetzt: Als die hübsche, rebellische Sibyl starb, kam die ebenso hübsche und ebenfalls rebellische Rose, von der bereits in der letzten Staffel schändlich wenig zu sehen war. Sicher ist ihre Rebellion nicht politisch und gesellschaftlich, sondern infantiler gegen die Mutter gerichtet, aber vielleicht hätte man sie erwachsen werden lassen können. Nachdem die intrigante O’Brien gegangen ist, kommt zunächst eine andere undurchsichtige Hausangestellte, die immerhin dann recht schnell abermals ersetzt wird. Somit bleibt erstaunlicherweise Robert Crawley einer der wenigen Charaktere, von dem im Lauf der Serie ein anderes Bild entsteht. Ist er in der ersten Staffel ein äußerst verständnisvoller Vater und Ehemann, wird mit zunehmendem Fortgang und zeitlicher Veränderung immer deutlicher, wie reaktionär und konservativ er tatsächlich ist.

Insgesamt gibt es daher nur wenig Positives: eine Szene, in der Mary gerade noch gelöst mit einem ihrer Verehrer in der Küche isst und dann sofort in die gesellschaftlich erwartete Rolle fällt, als das Küchenmädchen Ivy hinzukommt; dass Violet weiterhin die hellsichtige, knurrige alte Dame bleibt und einige lustige Dialoge hat; dass die Autoren langsam mit Ex-Chauffeur Tom etwas anfangen zu können – und sich die veränderten Zeiten durchaus gut in den Haltungen und Positionen abzeichnen. Ob das alles reicht, damit ich die Serie weiterhin gucke, habe ich noch nicht entschieden. Für sie spricht, dass sie mit acht Episoden überschaubare Staffeln hat – und ich hin und wieder auch ein wenig Soap ganz gut vertragen kann.

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Polar Verlag

Überraschende Post erwartete mich, als ich nach einer Woche Urlaub in der alten Heimat nach Bonn zurückkehrte:

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Der Polar Verlag hat sein erstes Programm in Leipzig vorgestellt und sich laut Geschäftsführer Wolfgang Franßen vorgenommen, Kriminalromane zu veröffentlichen, in denen der „Suspense dazu dient, einen kritischen Blick auf die Gesellschaft zu werfen“. In Jörg Walendys „Tag der Unabhängigkeit“ geht es um einen Mord in Algerien kurz vor dem arabischen Frühling und in Eberhard Nembachs „Gypsy Blues“ um Zwangsorganspenden. Beide Bücher „stehen für den Versuch, einen deutschen Polar im Sinne Jean-Patricks Manchettes zu beleben“. Allein dieser Satz hat meine Neugier endgültig geweckt, außerdem bin ich ja immer auf der Suche nach guten deutschsprachigen Kriminalromanen. Dann lag dieser Post noch ein Schlüssel bei, der zum Room 203 führt. Ab Ende Mai soll es dort im Hinterzimmer noch mehr zu entdecken geben. Ich bin sehr gespannt!

Vielen Dank an den Polar Verlag – ich werde wieder berichten.

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Media Monday #144

1. Das Charisma von Jack Nicholson haut mich seit Jahrzehnten um.

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2. Liam Neeson spielt auch in mehr Filmen mit, als gut für sie/ihn wäre, denn mittlerweile ist er schon fast zu einem Indiz für einen mäßigen Film geworden.

3. Das schwächste Regiedebüt der letzten Zeit stammt vermutlich von irgendeinem Schauspieler, der nun meint, auch Regie führen zu müssen. Allerdings finde ich es bei Debüts grundsätzlich besser, konstruktive Kritik zu üben und die guten Ansätze hervorzuheben, da sie eben Erstlingswerke sind.

4. Die Klatschreportergilde hat wirklich einen Schreibstil zum Abgewöhnen, denn selten habe ich nichtssagendere Artikel gelesen als beim Warten im Krankenhaus. Normalerweise greife ich gar nicht zu diesen Zeitschriften, allerdings reichte meine Konzentration nicht für ein Buch. Also suchte ich belanglose Unterhaltung – aber noch nicht einmal die konnte ich finden.

5. Die ödeste Serie der vergangenen Zeit habe ich wohl nicht gesehen. Solange es nicht liebgewonnene alte Bekannte (*räusper* „Grey’s Anatomy”) sind, bin ich mittlerweile bei Serien gnadenlos und höre auf sie zu gucken, sobald sie mich langweilen.

6. Die nervigste Horrorfilm-Zutat sind schreiende Mädchen.

7. Zuletzt begeistert hat mich die/der SchauspielerIn Hugh Jackman in „Prisoners“ , weil er zurückgenommen und konzentriert spielt. Dadurch verschwindet er völlig in der Rolle – so sehr, dass mein Mitgucker ihn gar nicht erkannt hat, obwohl er weder Masken noch falsche Nasen trägt.

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Krimi-Kritik: „Hinterher ist man immer tot“ von Eoin Colfer

„Der großartige Elmore Leonard hat gesagt, man sollte eine Geschichte niemals mit dem Wetter anfangen lassen. Das ist schön und gut – und leicht gesagt. Ihre Anhänger werden es sich brav in ihre Moleskine-Notizbücher geschrieben haben. Trotzdem beginnt eine Geschichte manchmal mit dem Wetter, und dann ist ihr scheißegal, was irgendein Genre-Genie empfiehlt, auch wenn es sich um den großen EL handelt. Fängt also alles mit dem Wetter an, so sollte es auch am Anfang stehen, sonst dröselt sich alles auf, die Einzelteile fliegen einem nur so um die Ohren, und man hat keine Ahnung mehr, wie man sie zusammenbekommt.“ In diesem großartigen ersten Absatz von Eoin Colfers „Hinterher ist man immer tot“ ist bereits alles enthalten, was seinen Kriminalroman zu einem großen Spaß werden lässt: der reflektierte Erzähler, der beständig auf sich selbst und Genreregeln verweist, eine deutliche Haltung gegenüber diesen Regeln sowie der trockene Stil, der bestens unterhält. Außerdem ist dieser Beginn mehr als ein amüsanter Aufhänger: Der Anfang von Daniel McEvoys zweitem Abenteuer hängt in der Tat ursächlich mit einer besonderen Wetterlage zusammen – und Eoin Colfer kommt im weiteren Verlauf mehrmals auf Elmore Leonard zurück (dass dieser tatsächlich großartig ist, muss ich wohl nicht erwähnen).

(c) List

(c) List

Mit „Hinterher ist man immer tot“ knüpft Eoin Colfer nahtlos an „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ an: Ex-Soldat und Ex-Türsteher Dan findet allmählich in seine neue Rolle als Barbesitzer hinein, kümmert sich um seine ehemalige Nachbarin Sophia und versucht, die Ereignisse der letzten Zeit zu verdauen. Dann ereilt ihn die Hiobsbotschaft, dass Little Mikes Mutter gestorben ist. Dadurch droht der ohnehin fragile Frieden zwischen ihnen zu zerbrechen. Prompt ordert Mike ihn zu sich und beauftragt ihn mit einem scheinbar harmlosen Botengang: Er soll in New York ein Paket mit Schuldverschreibungen abliefern. Ehe sich Dan versieht, wird er von zwei Cops entführt, die ihn in einem Snuff-Video zu Geld machen wollen, gerät in tödliche Auseinandersetzungen und trifft seine Stiefgroßmutter. Noch wendungsreicher als im ersten Teil schlägt die Handlung in beachtlichem Tempo abenteuerliche Haken. Dazu trägt vor allem bei, dass Dans Ritterlichkeit und seine absurd anmutende Weigerung, selbst den fiesesten Gangster zu töten, ihn beständig in die Bredouille bringen. Über weite Strecken ist das sehr amüsant zu lesen, zumal Dan dadurch auch den Charme eines liebenswerten Verliererverbrechers behält. Allerdings bewegt sich Eoin Colfer in diesem zweiten Buch auch beständig an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Sicher hat ein Mann, der in der Kindheit misshandelt wurde, als Soldat in der irischen Armee im Libanon war und dann als Türsteher gearbeitet hat, eine andere Toleranzgrenze als beispielsweise eine Journalistin, allerdings prasselt die Gewalt in so schneller Folge auf Dan ein, so dass eine Veränderung in seinem Charakter selbst mit seinem Hintergrund notwendig erscheint. Immerhin muss er einige Male mit sich hadern, fast erklärt er sich sogar bereit, einen Menschen zu töten.

Ein großer Reiz dieses Kriminalromans liegt darin, dass Dan der Erzähler seiner Geschichte ist. Dadurch legt sich über die Handlung ein Filter – beispielsweise erscheinen fast alle Frauen in diesem Roman auf den ersten Blick als beschützenswert, ja, nahezu angewiesen auf Dans Ritterlichkeit, allerdings zeigt sich alsbald, dass sich einige von ihnen sehr gut selbst helfen können. Zudem ermöglichen Dans Präsenz und Selbstreflektion als Erzähler inmitten der abenteuerlichen Krimi-Handlung Einschübe und Überlegungen, Verweise aufs Genre und mögliche Verwicklungen. So steht am Anfang eines Kapitels: „In jedem Noir-Krimi, den ich je gelesen habe, gibt es eine Stelle, wo der Detektiv nach einer Prügelei wieder zu sich kommt. Diese Stellen haben mir nie gefallen, weil manche Schriftsteller ihre Sachen viel zu gut machen und die diese Szenen einem Mann wie mir, der so häufig Prügel bezogen hat, dass man ihm was vom IQ abziehen müsste, viel zu sehr unter die Haut gehen.“. Was folgt ist ebenso offensichtlich wie amüsant: Dan wacht nach einer Prügelei auf – und gerät prompt in einen noch viel größeren Schlamassel.

War es im ersten Teil vor allem der irische Kriminalroman, der von Eoin Colfer mit allerhand Seitenhieben behandelt wurde, erweitert er den Rahmen nun auf den noir. Dadurch wird „Hinterher ist man immer tot“ wie sein Vorgänger zu einer sehr vergnüglichen Krimilektüre.

Eoin Colfer: Hinterher ist man immer tot. Übersetzt von Conny Lösch. List 2014.

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Von Opfern, Tätern und Gefangenen – der Thriller „Prisoners“

Die Dovers in glücklichen Tagen (c) UPHE

Die Dovers in glücklichen Tagen (c) UPHE

„Pray for the best, prepare for the worst“ ist das Lebensmotto von Keller Dover (Hugh Jackman), der deshalb im Keller seines Hauses Notfallvorräte für einen Hurrikan aufbewahrt. Seine Hauptaufgabe ist, seine Familie zu beschützen – genau das hat er seiner Frau Grace (Maria Bello) versprochen. Jedoch ist auch er nicht auf alles vorbereitet: Gerade noch feiern die Dovers mit der befreundeten Familie Birch Thanksgiving, als ihre Tochter Anna (Erin Gerasimovich) sowie die gleichaltrige Joy Birch (Kyla Drew Simmons) spurlos verschwinden. Sofort wird eine Suche gestartet, eine erste Spur ist ein Wohnmobil, dass Dovers älterer Sohn Ralph (Dylan Minnette) und Birchs ältere Tochter Eliza (Zoë Soul) in der Straße gesehen haben. Wenig später wird das Wohnmobil entdeckt und der erfolgreiche Detective Loki (Jake Gyllenhaal) nimmt den Verdächtigen Alex Jones (Paul Dano) fest. Jedoch fehlen stichhaltige Beweise gegen ihn, außerdem ist sich Loki sicher, dass Alex nichts mit dem Verschwinden der Kinder zu tun. Im Gegenzug ist Keller jedoch überzeugt, dass Alex weiß, wo die Mädchen sind – und nimmt die Sache kurz entschlossen selbst in die Hand.

Eindrucksvolle Bildsprache und Schauspieler
Es sind graue, verwaschene Farben, die den Film „Prisoners“ von Denis Villeneuve bestimmen. Sie passen zum Alltag in diesem Vorort von Pennsylvania, in dem die Menschen jagen gehen, sich umeinander kümmern und gläubig sind. Außerdem verleihen sie dem Film eine trostlose Atmosphäre, die perfekt zu der Entwicklung der Figuren passt.

Verzweiflung bei den Birch' (c) UPHE

Verzweiflung bei den Birch’ (c) UPHE

Mit dem Verschwinden der Kinder drohen die Familien zu zerbrechen: Grace zieht sich völlig in sich selbst zurück, braucht Beruhigungsmittel und liegt ständig im Bett. Keller sucht panisch nach seiner Tochter, ist besessen vom dem Gedanken, sie retten zu müssen, weil sie sich auf ihn verlässt. Sohn Ralph ist hingegen sich selbst überlassen, einzig Eliza versteht seine Situation, weil es ihr ähnlich geht. Ihr Vater Franklin (Terrence Howard) ist indes hilfloser als Keller, er folgt seinen Anweisungen, während Nancy (Viola Davis) in ihrer Verzweiflung Wut und Stärke entdeckt. Je länger die Mädchen jedoch verschwunden sind, desto mehr zieht die Situation insbesondere Keller und den Cop Loki in den Abgrund. Sie alle sind Gefangene dieser Situation – und werden auf verschiedenste Weise zu Opfern und Tätern.

Einer der besten Thriller der letzten Jahre

Ermittler und Vater (c) UPHE

Ermittler und Vater (c) UPHE

In seinem spannenden Thriller entfaltet Denis Villeneuve ein komplexes Bild menschlicher Verhaltensweisen im Fall von verschwundenen Kindern und verhandelt insbesondere die Frage, welche Rolle Moral in einer solchen Situation noch spielt. Dabei untersucht er, wie fragil unsere Grundsätze sind und wie leicht sie in Extremsituationen aufgegeben werden können. Dadurch unterscheidet sich „Prisoners“ wohltuend von anderen Filmen, in denen ein Verbrechen geschieht, welches dann nach und nach von einem raffinierten Ermittler aufgeklärt wird. Anfangs versucht Loki zwar, den Fall mit seinen Fachkenntnissen zu lösen, jedoch verliert auch er sich in der Tragik dieser Verbrechen. Darüber hinaus verzichtet Denis Villeneuve wohltuend auf unnötige Verzögerung: die Geschwister sagen sofort aus, was sie wissen; der Polizist hält sich nicht unnötig mit falschen Verdächtigen auf; von vorneherein wissen wir, dass die Eltern mit der Tat nichts zu tun haben, können aber dennoch verstehen, warum insbesondere Keller ins Visier der Ermittler gerät. Manche Entwicklungen können wir etwas eher erklären als der Cop, allerdings braucht es dafür Aufmerksamkeit. Doch obwohl ich zu einem frühen Zeitpunkt bereits die letztliche Aufklärung des Falls verkündet hatte, ließ ich mich von den Entwicklungen von dieser Fährte abbringen. Zusammen mit der großartigen Besetzung, aus der insbesondere Hugh Jackman herausragt, der tollen Kameraarbeit von Roger Deakins und dem durchdachten Drehbuch wird „Prisoners“ daher zu einem der besten Thriller der letzten Jahre.

Andere:

Kuleschow-Effekt
Medienjournal

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Media Monday #143

1. Der schönste Liebesfilm ist „When Harry Met Sally“, weil er mit der schönsten Liebeserklärung aller Zeiten endet.

media-monday-143

2. Der nervigste Soundtrack würde niemals auf meiner Playlist landen.

3. Die beste Gesangs-, Tanz- oder Musical-Szene gibt es in „A Chorus Line“ – es ist die Eröffnungssequenz, dicht gefolgt von allen anderen Sequenzen des Films.

4. Die überwältigendsten Spezialeffekte des letzten Jahres waren in „Gravity“ zu sehen.

5. Die überzogenste Dramaturgie kann jeden Film, jedes Theaterstück, jede Serie und jedes (Musik-)video ruinieren.

6. Der vorhersehbarste Plot muss nicht zwangsläufig stören, wenn der Film durch Schauspieler, Kameraarbeit und Regie überzeugt.

7. Zuletzt schaute ich in das Kinoprogramm von Hannover und der/die/das war enttäuschend, weil ich während meines Erholungsurlaubs in der alten Heimat einige Filme nachholen wollte und alle nur in der synchronisierten Version laufen. Immerhin habe ich dadurch mal wieder gemerkt, wie gut die oft von mir bemängelte Auswahl in Bonn eigentlich ist.

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