Mir wird es hier zu warm, also mache ich mich auf den Weg gen Norden in den Urlaub! Vom 17. Juli bis 10. August geht das Zeilenkino in Sommerpause. Auf Twitter und Facebook werde ich gelegentlich unterwegs sein, einige Fotos werden bei Instagram und EyeEm zu sehen sein. Ich freue mich schon unser Wiederlesen – habt einen schönen Hochsommer!
Krimi-Kritik: „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ von Antonin Varenne
Vom Birma im Jahre 1852 bis in die Sierra Nevada des Jahres 1864 streckt sich die Handlung in Antonin Varennes „Die sieben Leben des Arthur Bowman“. Titelfigur Arthur Bowman ist der härteste Söldner in der Ostindienkompanie in Birma, später arbeitet er – alkohol- und opiumsüchtig – bei der Hafenpolizei in London. Inmitten einer großen Hitze und Trockenheit im Jahr 1859 wird er von einem Jungen zu einer Leiche geführt, die verstümmelt in der Kanalisation liegt. Die Narben und Spuren der Folter erkennt Bowman zu gut – sie wurden ihm selbst während der Gefangenschaft in Birma zugefügt. Überzeugt, dass er den Mörder kennt und er unter den Überlebenden seiner Truppe zu finden ist, macht er sich auf die Suche. Weiterlesen
Krimi-Kritik: „Das Kartell“ von Don Winslow
Vieles beginnt bei mir mit einem Film. Die erste Begegnung mit dem amerikanischen ‚war on drugs‘ war Steven Soderberghs „Traffic“ aus dem Jahr 2001, einige Jahre später folgt dann mit Don Winslows „Tage der Toten“ mein erster ‚großer‘ Thriller zu diesem Thema. Soderbergh und Winslow erzählen viel, aber längst nicht alles, vielmehr sind ihre Filme und Bücher Puzzleteile in einem komplexen, vielschichtigen Bereich – große, wichtige Teile, aber eben Teile. Deshalb war ich sehr gespannt, was Don Winslow mit „Das Kartell“ diesem Thema hinzuzufügen hat, das ihn in seinen Büchern immer wieder beschäftigt.
„Das Kartell“ setzt am Ende von „Tage der Toten“ ein: Drogenboss Adán Barrera sitzt im Bundesgefängnis in San Diego, Kalifornien, nachdem er von DEA-Agent Art Keller mit einer List auf amerikanischen Boden gelockt und dort verhaftet wurde. Art Keller hat sich seither in ein Kloster zurückgezogen, in dem er mit seiner Vergangenheit und Schuldgefühlen zu leben versucht. Und hier trifft Don Winslow eine erste falsche Entscheidung: Auch in „Das Kartell“ wird es um das Duell zwischen Barrera und Keller gehen, sie sollen die Gegenspieler sein, um die herum er den ‚war on drugs‘ behandelt. Doch was in „Tage der Toten“ gut funktioniert hat, erweist sich hier immer wieder als Hindernis. Zunächst einmal müssen beide Figuren wieder zurück ins Spiel gebracht werden, d.h. Barrera muss aus den USA nach Mexiko und in die Freiheit gebracht werden (hier lässt sich Winslow von dem ersten Ausbruch Guzmáns‘ im Jahr 2001 inspirieren, er ist kein Prophet, wie seit Sonntag bisweilen zu lesen war), Art Keller aus seinem Kloster herausgelockt und in den aktiven Dienst zurückgeführt werden. Das dauert dann so ungefähr 100 Seiten, auf denen man ausreichend Zeit hat sich zu fragen, warum ausgerechnet diese beiden Männer diesen tödlichen Krieg und ihre 30 Jahre währende Privatfehde überleben – und ob die Amerikaner tatsächlich so verzweifelt sind, dass sie außer Art Keller niemanden haben. Nun wäre das als alte (wenngleich unnötige) Fortsetzungsregel noch hinzunehmen, wenn wenigstens ihre Vergangenheit knapp zusammengefasst würde. Aber in fast jedem Absatz zu Keller wird erwähnt, dass er in Vietnam war und ein Pocho ist, immer wieder wird betont, dass er weder in den USA noch in Mexiko richtig hineinpasst. Mehr Profil entwickelt er dadurch aber nicht, vielmehr rückt seine Rachsucht in den Vordergrund. Und zu Barrera fällt Winslow ebenfalls wenig Neues ein. Diese Figuren sind seit „Tage der Toten“ auserzählt. Weiterlesen
Netzschau #4
Seit der letzten Ausgabe meiner Netzschau ist schon wieder sehr viel Zeit vergangen, deshalb folgt nun ein kleines Sammelsurium an Nachrichten der letzten Monate.
Kriminalliteratur
Die Hotlist 2015 wurde veröffentlicht, auf die Einreichungen der unabhängigen Verlage versammelt sind, die es dann unter die Top 30 schaffen können. Alle Titel aus Krimis/Thriller sind hier zu finden – und ich schämte mich, dass ich tatsächlich nur „Havarie“ kenne. Allerdings hat dann ein Blick auf die 30 ausgewählten Titel gezeigt, dass ich natürlich noch „54″ von Wu Ming kenne, der aber wohl zunächst unter Roman angeführt wurde. Das könnte mich dazu verführen, mich über die Unsinnigkeiten von „Genre”-Einteilungen aufzuregen. Aber ich widerstehe – zumindest in diesem Moment.
„Havarie“ ist bei Argument Ariadne erschienen, die erste Adresse für Spannungsliteratur von Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Auf seinem Blog hat Alex ein kleines Porträt des Verlags geschrieben
Im Mai ist Harry Rowohlt gestorben, was mir als Poohistin sehr nahe gegangen ist. Isabel Bogdan hat Nachrufe versammelt, mein liebstes Fundstück ist der Fragebogen in der FAZ.
Die ZEIT widmet sich der Ehe Raymond Chandlers und seiner wesentlich älteren Ehefrau Cissy. Und im Grunde genommen ist es mir egal, mit wem die Menschen ihre Zeit verbringen, solange alle Beteiligten mündig und einverstanden sind. Aber die Frage, ob es einen ähnlichen Beitrag sowie vergleichbare Schlussfolgerungen gegeben hätte, wenn eine Schriftstellerin mit einem 18 Jahre älteren Mann verheiratet gewesen wäre, hat sich mir mehr als einmal aufgedrängt.
Verfilmungen
Megan Abbott ist eine Autorin, die meiner Meinung nach in Deutschland viel zu unbekannt ist und bei der ich es sehr bedauere, dass lediglich ein Titel übersetzt ist („Das Ende der Unschuld“, Kiepenheuer & Witsch). Manchmal können Verfilmungen ja Wunder bewirken und deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass sowohl ihr Roman „The Fever“ als auch „Dare me“ fürs Fernsehen adaptiert werden.
Skandinavischer Film
Erst im letzten Jahr habe ich Roy Andersson für mich entdeckt, aber seither lese ich alles, was mir unter die Augen kommt. In der Irish Times hat er erklärt wie es zu dem Titel seines Films „Eine Taube saß auf einem Zweig und dachte über das Leben nach“ kam: “And when I was working on the script I was sitting on a first floor looking out the window at a pigeon on a branch. And I got to wondering if he was having trouble with a script also.” Und im August wird bei good!movies seine „Du levande-Trilogie“ als DVD-Box erscheinen.
Susanne Bier spricht im Interview über die Bedeutung, die ihre Kinder für ihre Arbeit haben, besonders interessant ist ihre Wahrnehmung von der Kinderbetreuung in Dänemark: For the first fifteen years I spent all of my salary on childcare. Although in Denmark there is publicly-funded childcare, the hours don’t work with the hours you work as a film director. You can’t drop your child off at 5 am to get to the set, and pick them up at 9pm. I think it’s more of an attitude thing, it’s more that it’s embraced in Nordic countries that being a mum and working is not a contradiction. It’s more conceptual.
Fundstücke
„The game is the game“ oder „what’s done is done“ sind allseits beliebte Weisheiten aus meiner Lieblingsserie „The Wire“ – diese und andere Tautologien versammelt der Supercut bei Slate.
Bekanntermaßen habe ich mich in den letzten Wochen intensiver mit Orson Welles beschäftigt – und nun hat das BFI einen „Beginner’s Guide“ zu ihm erstellt.
Krimi-Kritik: „Havarie“ von Merle Kröger
Das Mittelmeer ist der Ort, an dem sich alle Handlungsstränge und Schicksale in Merle Krögers „Havarie“ kreuzen, auf vier Schiffen sind die Figuren unterwegs:
Auf dem Kreuzfahrtschiff „Spirit of Europe“ vergnügen sich ordinäre Pauschalurlauber, belächelt von wohlhabenden Kabinenurlaubern mit eigenem Bereich und umsorgt von einer internationalen Crew. Die Passagiere fühlen sich sicher, dafür sorgt die perfekte Maschinerie des Dampfers, die die Arbeitssklaven in Wäscherei und anderen Orten sorgsam vor den Augen der Passagiere verbirgt. Sicherheitschef Nikhil Meta liefert ordentliche Arbeit und Ergebnisse mit Ausbeutung und Erpressung, unterdessen himmelt seine Untergebene Lalita – eine Gurkha – den Sänger des Bordband an, der aber nach einem Annäherungsversuch verschwunden scheint und der erste Offizier Léon Moret denkt an seine Freundin.
Auf einem Schlauchboot schmuggelt der Algerier Karim Landsleute in einem Schlauchboot nach Europa. Er kennt die Gefahren dieser Tour, hofft auf weiteres Glück – und eine Zukunft mit Zohra Hamadi, die schon in Europa ist.
Der Frachter Shiobhan of Ireland liegt im Hafen von Oran und Chief Engineer Oleksij Letschenko denkt an die Heimat. Weiterlesen
Krimi-Kritik: „Lauras letzte Party“ von J.K. Johansson
Dreiteilig ist J.K. Johanssons Reihe um die Sonderpädagogin Miia Pohjavirta, die ihre Stelle bei der Polizei aufgegeben hat und nun an ihrer alten Schule arbeitet. Noch vor ihrem ersten Tag verschwindet die Schülerin Laura – und Miia wird dadurch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Vor 20 Jahren verschwand ihre Schwester Venla und wurde niemals gefunden. Also stellt sie eigene Nachforschungen an.
In „Lauras letzte Party“ gibt es die üblichen Zutaten einen konventionellen Kriminalromans: Miia ist klug, hat wechselnde Männerbekanntschaften und durch das Verschwinden ihrer Schwester sowie ihrer Internetsucht eine belastete Vergangenheit; erster Hauptverdächtiger ist Miia Bruders Nikke, der an der Schule als Psychologe arbeitet und zu Laura ein enges Verhältnis hatte; den Fall übernimmt Miias Ex-Kollege Korhonen, ein alter, kluger Ermittler, der unter seinem medienaffinen, karriereorientierten Chef leidet; und die Verschwundene ist eine hübsche 16-Jährige, die sich seit einiger Zeit radikal gewandelt hat. Hinzu kommen ein wenig Medien- und Internetkritik, eine mysteriöse Halskette, eine dubiose Kosmetikfirma und zwei verschiedene Männer in Miias Leben, von denen der eine nett und der andere mysteriös wirkt. Entsprechend gibt es keine überraschenden Entwicklungen, auch ist bisher die ‚Internetkritik‘ zu aufgesetzt, aber innerhalb der Gesellschaftskritik wird mit dem Eizellenspenderinnen-Handlungsstrang ein interessantes Thema angesprochen, das Potential bietet. Außerdem ist das Setting gut gewählt, es ist plausibel, dass sich in Palokaski, einem Vorort von Helsinki, fast alle bereits kennen oder kennenlernen und sich mehrfach über den Weg laufen. Daher ist dieser erste Teil der Palokaskis-Trilogie keine kriminalliterarische Offenbarung, aber mit 256 Seiten eine kurzweilige Sommerlektüre, die nach dem ersten Teil ausreichend Fragen für die Fortsetzung offen lässt.
J.K. Johansson: Lauras letzte Party. Übersetzt von Elina Kritzokat. Suhrkamp 2015.
Sehliste – Filmfest München
Sonderausgabe! Einige Kritiken zu den gesehenen Filmen werden zwar noch folgen, aber hier schon einmal meine Liste zu den Filmen, die ich mir beim Filmfest München angeschaut habe.
Magician: The Life and Work of Orson Welles
Eine konventionelle Fernsehdoku, die nichts Neues zu sagen hat und dem Werk und Schaffen Orson Welles lediglich Ansätze abgewinnt.
Meet me in Montenegro
Eine Indie-Komödie über die wahre Begegnung zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin, bei der die Geschichte hinter dem Film charmanter als der fertige Film ist.
Actress
Robert Greene erzählt aus dem Leben von Brandy Burre („The Wire“)
Heavon knows what
Ein sehr anstrengender, autobiographischer Film über Heroinsucht.
Alias Maria
Fast dokumentarisch wirkendes Drama über eine Kindersoldatin in Kolumbien, die exemplarisch für alle Frauen in diesem seit Jahrzehnten andauernden Krieg steht.
Extraordinary Tales
Fünf Kurzgeschichten von Edgar Allen Poe in fünf stilistisch verschiedenen Episoden verfilmt – selten war „Die Grube und das Pendel“ gruseliger.
The Great Invisible
Dokumentarfilm über die Folgen der Explosion der Deep Horizon Plattform und die Bedeutung der Ölindustrie in den USA. Interessant und aufschlussreich.
Stray Dogs
Debra Garnik erzählt in ihrem hervorragenden Dokumentarfilm von dem Leben in den USA – sehr sehenswert
The Falling
Mein Lieblingsfilm des diesjährigen Filmfests München – betörend schön fotografiert, unheimlich brillant erzählt. Dieses Drama über junge Mädchen gehört ins Kino!
Die Kleinen und die Bösen
Dieser Film hätte richtig böse werden können, wenn seine Figuren und seine Geschichte nicht beständig aufgeweicht worden wären.
Schau mich nicht so an
Ein interessantes Debüt, das leider im letzten Drittel völlig zerfällt – aber große Hoffnungen auf die nachfolgenden Filme macht.
Der letzte Wolf
Ein furchtbarer Film eines altgedienten Regisseurs, der große Befürchtungen vor seinen folgenden Filmen weckt.
Dope
Sehr lustiger Film über einen Nerd in Los Angeles, der unfreiwillig und zufällig ins Drogengeschäft verwickelt wird – und ein wenig Sozialkritik gibt es noch dazu.
The D-Train
Ist das genaue Gegenteil von „Dope“: ein unerträglicher Film mit lieblosen Figuren und wenig Ideen.
Babai
Großes sozialrealistisches Kino aus Deutschland.
Going Clear: Sciencetology and the prison of belief
Sehenswerter Dokumentarfilm über die Sekte, in der Alex Gibney ihrem Erfolg nachspürt – aber letztlich auch nicht jede Frage beantworten kann.
Anime Nere
Eine Mafiageschichte als Ausgangspunkt für ein Familiendrama ist eine interessante Idee, die in diesem Film konsequent und mit gnadenlosem Schlusspunkt umgesetzt wird.
La French
Ein zu langer französischer Drogenthriller, dessen Geschichte sehr viel Potential bietet, das aber von Cédric Jimenenz verschenkt wird. Es gibt ja Filme, da vermute ich, das Budget war zu groß – dieses hier ist einer davon.
Key House Mirror
Mein dänischer Lieblingsregisseur Michael Noer kann auch Drama!
The Overnight
Eine überraschende, tolle Indie-Komödie aus den USA, in der erwachsene Menschen erwachsene Probleme haben dürfen und damit erwachsen umgehen.
La résistance de l’air
Fred Grivois ist ein Name, den ich mir definitiv merken werde, denn dieser Film hat mir sehr große Hoffnungen für den französischen Thriller gemacht.
Arabian Nights Volume I, The Restless One
Nach dem Film sagte Miguel Gomes, dieser Auftrag seiner Trilogie sei der schwächste der drei Teile. Nun ja.
Her er Harold
Nachdem sein Möbelgeschäft pleite gegangen ist, will Harold IKEA-Gründer Kamprad kidnappen – eine lustige Ausgangsidee, aus der etwas zu wenig gemacht wird.
Nude Area
Urszula Antoniaks Film über zwei 15-jährige Mädchen kommt ohne Ton aus und erzählt nur mit in großartigen Bildern von der Liebe und Macht.
Arabian Nights Volume 2, The Desolate One
Tatsächlich besser als Volume 1, aber vollends überzeugt hat mich auch dieser Teil nicht.
Outside the box
Mein zweiter Lieblingsfilm des Filmfests München: eine bissige Business-Satire im Westernformat – und noch dazu werde ich „daylight finishing“ in meinen Wortschatz aufnehmen.
Louder than bombs
Dass Joachim Trier Filme drehen kann, beweist er auch in diesem Film. Dennoch ist „Louder than bombs“ für seine Geschichte erstaunlich wenig berührend, fast meint man, er habe sich an seinen vielen Figuren verhoben.
Arabian Nights, Volume 3: The Enchanted One
Auch der dritte Teil konnte mich nicht wirklich überzeugen, mir ist Gomes’ Film zu lang, strukturell zu schwach und zu viel Behauptung.
Sunrise
Gelungenes Neo-Noir-Seelendrama aus Indien
Alki Alki
Ein anstrengender Film, der sich konsequent auf den Alkoholsüchtigen und seine Sucht konzentriert.
Nightsession
Ein Dokumentarfilm über vier Skatboarder aus München, der trotz seines minimalistischen Konzepts gut funktioniert.
True Story – Spiel um Macht
Tolle erste Bilder, doch danach wird der Film kontinuierlich schwächer.
Und wer vom Filmfest München noch nicht genug hat: Hier mein Abschlussbericht.





