Richard Bone ist ein Mann, der sich seiner eigenen Stärken und Schwächen sehr bewusst ist, deshalb weiß er, dass er mühelos Frauen ins Bett bekommt, aber an den meisten interessiert ihn lediglich das Geld. Also verbringt er einige Nächte mit ihnen, lässt sich aushalten und kehrt dann auf das Sofa in Alex Cutters Haus zurück, auf dem er schläft. Einst war er ein erfolgreicher Werber, hat dann Frau, Kind und einen lukrativen Job verlassen, weil er überzeugt war, es müsse mehr im Leben geben – aber gefunden hat er nichts. Stattdessen bildet er sich ein, er sei in Cutters depressive Frau Mo verliebt und könnte mit ihr vielleicht doch eine Chance haben. Sein Freund Cutter ist ein eloquenter Wahnsinniger, der durchs Leben torkelt, seit er im Vietnamkrieg verletzt wurde. „Was für ein Anblick der Mann bot, was für ein groteskes Schauspiel: das dünner werdende Raggedy-Ann-Haar, das verwüstete Falkengesicht, das wegen des Narbengewebes zu vieler Rekonstruktionen glänzte, die schwarze Augenklappe über dem fehlenden Auge und sein unveränderlicher Existenzialistenlook, der aus engen schwarzen Hosen und einem schwarzen Rollkragenpulli bestand, dessen linker Ärmel auf Höhe des Ellbogens verknotet war, nicht hochgesteckt oder festgenäht, sondern verknotet, eine Zurschaustellung, ein Schlag ins Gesicht.“ Weiterlesen
KrimiZeit-Bestenliste September 2015
Und hier ist sie, die neue KrimiZeit-Bestenliste mit einem neuen Spitzenreiter!
1 (-) Friedrich Ani: Der namenlose Tag (Suhrkamp)
2 (10) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens (Zsolnay)
3 (2) Newton Thornburg: Cutter und Bone (Polar Verlag)
4 (-) Andreas Kollender: Kolbe (Pendragon)
5 (1) Merle Kröger: Havarie (Ariadne)
6 (5) Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman (C. Berteslmann)
7 (9) Petro Markaris: Zurück auf Start (Diogenes)
8 (-) William Shaw: Kings of London (Suhrkamp nova)
9 (-) Jax Miller: Freedom’s Child (Rowohlt Polaris)
10 (-) Michael Robothman: Auf Leben und Tod (Goldmann)
Leider nicht sehr böse – „Die Kleinen und die Bösen”
Schwarze Komödien sind sicher nicht jedermanns Sache – so kann ich durchaus verstehen, dass manche Anders Thomas Jensens „Men & Chicken“ als geschmacklos empfinden, während ich mich königlich amüsiert haben. Deshalb lässt sich über Grenzen des Komischen wunderbar diskutieren, aber eines sollten schwarze Komödien auf jeden Fall sein: konsequent. Und ausgerecht daran fehlt es bei Markus Sehrs „Die Kleinen und die Bösen“.
Erzählt wird die Geschichte des erfahrenen Bewährungshelfers Benno Meurer (Christoph Maria Herbst), der seine Arbeit routiniert, aber gut erledigt und sich auch nach all den Jahren für seine Klienten interessiert. Zu ihnen gehört notorische Einbrecher Hotte Mazocha (Peter Kurth), der sich plötzlich um seine Kinder kümmern soll, die bisher bei der Großmutter aufwuchsen. Meurer ist entsetzt, Hotte allein schon wegen des Kindergeldes begeistert. Nun will Meurer ihm nachweisen, dass er ein schlechter Vater ist – aber Hotte gefällt seine neue Rolle eigentlich ganz gut.
Meurer und Hotte sind zwei gute Charaktere, die von zwei guten Schauspielern verkörpert werden: Herbst überzeugt als weicher Bewährungshelfer und drängt Stromberg schnell in den Hintergrund, Kurth lässt mit seinen knallbunten Hemden und schnoddrigen Auftreten keinen Zweifel daran, dass er zunächst an sich denkt. Doch zwei gute Charaktere machen noch keinen guten Film. Denn es ist in „Die Kleinen und die Bösen“ nicht zu viele lahme Gags, zu viele unnötige Nebenhandlungen und zu wenig Überraschungen. Es wäre nicht nötig, dass Bennos Frau besessen von ihrem Kinderwunsch ist und sich Benno in eine Kellnerin verliebt, zumal hier alles in vorhersehbaren Bahnen verläuft. Dadurch entsteht keine Bindung zu den Charakteren, so dass sogar nach einem plötzlichen Todesfall außer einem kurzen Schock kaum Emotionen bleiben. Und das ist schade, weil immer wieder aufblitzt, dass in dem Film gute Ideen und Szenen stecken – bspw. der Wiener, den man wirklich nicht versteht –, aber der Film aus ihnen nichts macht. Vielmehr entsteht dadurch der Eindruck, dass hier eine gute böse Ausgangsidee nach und nach aufgeweicht wurde, um den Film fernsehtauglich zu machen. Denn letztlich erinnert „Die Kleinen und die Bösen“ vor allem an standardisierte, mutlose Fernsehware.
Krimi-Kritik: „Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani
Der pensionierte Kommissar Jakob Franck wird von Toten besucht. Sie sitzen an seinem Esstisch, essen Kekse und unterhalten sich. Doch er ist nicht einer der Ermittler, der mit Toten spricht oder durch übersinnliche Fähigkeiten mit ihnen in Kontakt tritt, vielmehr wartet er fast gleichmütig auf sie, „(e)r hatte sich damals, beim Eintritt in den Gehobenen Dienst für ihre Welt entschieden, und aus dieser Welt kehrt niemand unversehrt und traumlos zurück“. Diese Toten gehören zu seiner alltäglichen Routine, ebenso wie das Spielen von Online-Poker in dem „Zimmer, das nie ein Kinderzimmer geworden war“. Sein Leben erscheint fast beunruhigend ruhig, aber dann tritt Ludwig Winther wieder in sein Leben, ein Mann „in dessen Namen es unaufhörlich schneit“. Auch 20 Jahre nach dem Tod seiner 17-jährigen Tochter Esther kann Winther nicht glauben, dass sie sich erhängt hat. Er ist überzeugt, dass es einen Schuldigen geben muss – vielleicht den Zahnarzt, über den gesagt wird, er habe Affären mit Schülerinnen. Deshalb bittet er Franck, sich den Fall von damals noch einmal anzusehen. Franck ahnt, dass er so viele Jahre keine neuen Beweise für ein Gewaltverbrechen findet, aber Esther gehört zu den Toten, die ihn immer besuchen. Also sucht er die Zeugen, die Freunde und Verwandten von damals auf, spricht abermals mit ihnen, hört zu – und vor allem schweigt er solange, bis sie die Stille nicht mehr aushalten und anfangen zu reden. Weiterlesen
Shots – Juli/August 2015
Margos Spuren
Seit sie in das Nachbarhaus gezogen ist, ist Quentin in Margo verliebt. Als Kinder waren sie befreundet, doch nun ist aus Margo das coolste Mädchen der Highschool geworden und Quentin hängt mit seinen Freunden im Musikraum ab. Dann sucht sie ihn eines Nachts unerwartet in seinem Zimmer auf und für Quentin beginnt die aufregendste Zeit seines Lebens. John Greens Jugendroman ist eine schöne Geschichte über Freundschaft, Erwachsenwerden und über ein Mädchen, das für alle als Projektionsfläche herhalten muss.
John Green: Margos Spuren. Übersetzt von Sophie Zeitz. dtv Reihe Hanser.
Der Bang Bang Club
Als Bang Bang Club wurde eine Gruppe südafrikanischer Fotografen bezeichnet, die in den 1990er Jahren jeden Tag ihr Leben riskierten, um von den schwelenden Konflikten in den Townships zu berichten. In ihrem Buch erzählen Greg Marinovich und João Silva eindringlich von den Auseinandersetzungen und ihrem täglichen Kampf mit ihrem Beruf und ihren Bildern. Sehr lesenswert! Weiterlesen
(Politische) Verräter unter uns
Bisher habe ich hier im Blog nur Texte veröffentlicht, die ich für das Zeilenkino geschrieben habe. Aber in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass ich zwar immer mehr schreibe, aber immer weniger Zeit zum Bloggen habe. Und deshalb werde ich fortan hier auch Texte ‚anteasern‘, die ich für andere Internetseiten geschrieben habe. Momentan überlege ich noch, ob ich hier den ganzen Text oder nur den Anfang mit weiterführendem Link veröffentliche – und über Meinungen dazu freue ich natürlich. Den Auftakt macht nun meine aktuelle Kolumne für kino-zeit.de, dort schreibe ich einmal im Monat über Kriminelles und mehr.
Kim Philby und Edward Snowden sind Verräter. Sie haben Geheimnisse ihres Arbeitgebers weitergegeben – Philby an den KGB, Snowden an die Öffentlichkeit. Ob sie den Verrat wegen eines Gesinnungswandels oder ihrer moralischen Überzeugung begangen haben, ist den Verratenen egal. Sie fühlen sich betrogen und im Stich gelassen. Doch Verrat ist nur aus Sicht des Verratenen eine eindeutige Tat, ansonsten ist er ebenso ambivalent zu beurteilen wie der Verräter selbst.
Der Verrat schafft auch eine Verbindung zwischen dem berühmtesten Doppelagenten der britischen Spionagegeschichte, der John Le Carré, Graham Greene und viele Autoren mehr zu ihren Büchern samt Verfilmungen inspirierte, und dem bekanntesten Whistleblower der Welt, dessen Geschichte bislang lediglich in einem Dokumentarfilm geschildert wurde. Dabei funktionieren die Erzählungen über Spionage und Whistleblower nach vergleichbaren Mustern – nur aus verschiedenen Perspektiven. weiterlesen bei kino-zeit.de
Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen
Ich bin schon sehr lange unfassbar wütend. Über die „Flüchtlingspolitik“ Deutschlands und der Europäischen Union. Über die Gleichgültigkeit, mit der hingenommen wird, dass jeden Tag Menschen im Mittelmeer ertrinken – und ein europäisches Land ein Gesetz erlässt, das Helfer zu Mittätern macht. Über den mangelnden Willen, an der Situation etwas zu ändern und aus den Fehlern der Vergangenheit etwas zu lernen.
In den letzten Wochen ist diese Wut noch größer geworden. Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Politiker aller Parteien hinnehmen, dass seit Wochen private Initiativen Hilfeleistungen und Unterstützungen übernehmen, die Aufgabe des Staates wären. Angesichts des Schweigens der Politiker zu der Situation der Flüchtlinge und dem Hass, der diesen Menschen entgegenschlägt. Und angesichts der mangelnden Bereitschaft vieler europäischer Länder, Flüchtlinge aufzunehmen.
Zu der Wut kommt angeekelte Fassungslosigkeit – über den Bau einer Mauer in Ungarn. Über die Rhetorik populistischer Politiker und auch Medien, die von „Taschengeld“, „das Boot ist voll“ und einer „Flut“ von Flüchtlingen sprechen. Über die Weigerung, die Chancen, ja, die Notwendigkeit von Einwanderung zu sehen – und anzuerkennen, dass vor unseren Augen eine humanitäre Katastrophe stattfindet.
Ich bin froh, dass ich noch nie gezwungen war, meine Heimat, meine Familie und Freunde zu verlassen, mein Leben zu riskieren, um in Sicherheit zu sein. Eine Zukunft zu haben. Und ich finde es wichtig, das Wort zu ergreifen. Denn ich glaube nicht, dass tatsächlich eine Mehrheit in diesem Land gegen Flüchtlinge ist. Vielmehr schweigt sie. Deshalb ist es an der Zeit, dass es tatsächlich den „Aufstand der Anständigen“ gibt, den Anja Reschke in ihrem Kommentar verlangte.
Am Wochenende wurde von Karla Paul, Nico Lumma, Stevan Paul und Paul Huizing die Aktion #BloggerfürFlüchtlinge initiiert, mit der Spenden für den Verein „Moabit hilft“ gesammelt werden. Das Geld ist wichtig und notwendig. Es ist außerdem wichtig, das Schweigen zu brechen. Ich gebe gerne etwas ab von dem Überfluss, in dem ich (und wir alle) leben; ich teile gern die Sicherheit, die ich in diesem Land haben darf; und ich hoffe, dass viele von euch diesem Spendenaufruf folgen oder auf andere Weise Hilfe leisten und Stellung beziehen.
Ein Nachsatz: Ich glaube auch daran, dass Bücher und Filme, dass Kunst helfen, die Welt zu verstehen und zu einem besseren Ort zu machen; dass sie die Wahrnehmung verändern. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf zwei Bücher hinweisen, in denen von Flucht erzählt wird: „Havarie“ von Merle Kröger und “Die Piroge” von Abasse Ndione (es wurde auch hervorragend verfilmt). In beiden wird von den Risiken der Flucht über das Mittelmeer eindringlich erzählt.
Ein zweiter Nachsatz: Wer lieber vor Ort helfen will, findet bei Wie kann ich helfen? Informationen über Projekte in verschiedenen Regionen


