Sherlock – Die Hunde von Baskerville

Holmes (Benedict Cumberbatch, re.) und Watson (Martin Freeman) in Dartmoor © ARD Degeto/BBC/Hartwood Films 2012

Nervös stürzt Sherlock (Benedict Cumberbatch) mit blutverschmiertem Oberteil in die Baker Street 221B – anscheinend hat er gerade einen Fall gelöst. Aber er ist auf Nikotinentzug, daher braucht er schnellsten den nächsten Fall. Ein verschwundenes Kaninchen, das angeblich in der Nacht leuchtete, reizt ihn wenig. Der Besuch von Henry Knight (Russell Tovey) entpuppt sich hingegen als vielversprechend: Henry hat als Kind mit angesehen, wie sein Vater in Dartmoor von einem Höllenhund zerfleischt wurde. Seine Leiche wurde nie gefunden und Henry hat die Ereignisse niemals überwunden. Nun hat er sich im Rahmen einer Therapie erneut an den Tatort begeben und abermals Hinweise auf einen Höllenhund gefunden. Also sucht er die Hilfe von Sherlock Holmes – und der Meisterdetektiv macht sich mit John Watson (Martin Freeman) auf den Weg in die Grafschaft Devon, wo Henrys Vater in der Nähe des streng bewachten Militärstützpunktes Baskerville ums Leben kam. Interessanterweise sollen in Baskerville genetische Experimente mit Tieren vorgenommen werden. Ist den Militärs vielleicht eine gefährliche Kreatur entwischt? (Achtung Spoiler! In meiner Besprechung verrate ich wesentliche Teile des Inhalts und der Auflösung.)

Baskerville – Von Sir Arthur Conan Doyle zu Mark Gatiss

Holmes (Benedict Cumberbatch, re.) mit Henry Knight (Russell Tovey) © ARD Degeto/BBC/Hartwood Films 2012

Der zweiten Folge der zweiten Staffel liegt mit „Der Hund der Baskervilles“ die bekannteste Sherlock-Holmes-Geschichte zugrunde, die ihren Reiz vor allem aus der Tradition der Schauermärchen bezieht. Inspiriert von einer Legende, nach der Richard Capel von einemHunderudel zu Tode gehetzt wurde, weil er die Töchter seiner Pächter vergewaltigte, schrieb Sir Arthur Conan Doyle die Geschichte einer Familie, die unter einem jahrhundertehalten Fluch zu leiden hatte und von einem Geisterhund bedroht wurde. Gespenstische Kreaturen, Nebel und gruselige Orte sind wichtige Bestandteile dieser Geschichte. Das passt auf den ersten Blick nur schwer zu der modernen Holmes-Version. Aber Drehbuchautor Mark Gattis (der Mycroft Holmes maßgeblich für die Serie entwickelt hat – und vorzüglich spielt!) und Regisseur Paul McGuigan ist etwas Bemerkenswertes gelungen: Sie überführen das Schauermärchen in die Moderne, indem sie typische Horror-Elemente nutzen und für wesentliche Teile der Story eine zeitgemäße Erklärung finden. Dadurch werden die Erwartungen des Zuschauers erfüllt, zugleich wird ein stärkeres Ende als in der Originalgeschichte möglich. So ist der Tatort des Angriffs auf Henrys Vater eine Mulde im Wald, durch die sich regelmäßig Nebel zieht und die einen alten Namen für den Teufel trägt. Dort hat sich etwas Schauriges ereignet – und wann immer dieser Ort nachts aufgesucht wird, erklingen Tiergeräusche, Watson sieht gar einmal merkwürdige Lichter aufflackern. Dazu passt die Musik von David Arnold und Michael Price sehr gut, auch wird Sherlock wunderbar als einsamer Wanderer bildlich inszeniert. Und dass Russell Tovey am bekanntesten für seine Rolle als Werwolf Goerge Sands in „Being Human“ ist, ist ein weiteres Detail.

Die wesentlichen Elemente des Originals sind also enthalten, doch hier ist der Nebel nicht nur Requisite, sondern dient dazu, den Besuchern des Ortes eine Psycho-Droge zuzuführen, die einst von der CIA getestet wurde. Dadurch sehen sie, was sie erwarten zu sehen, haben Halluzinationen von Höllenhunden und werden gewaltbereit. Eine einfache und dennoch zeitgemäße Erklärung. (Das halluziogene Gas kommt aus der Conan-Doyle-Geschichte „Der Teufelsfuß“ („The Adventure of the Devil’s Foot“))

Verweise und Anspielungen

Henry (Russell Tovey) © ARD Degeto/BBC/Hartwood Films 2012

Auch weitere Elemente der Original-Geschichte finden sich in der Folge wieder: Dort heißt der junge Mann, der um sein Leben fürchtet, ebenfalls Henry; es gibt einen Dr. Mortimer, der Arzt und Freund der Baskervilles ist und sich hilfesuchend an Holmes und Watson wendet. Hier ist Louise Mortimer Henrys Therapeutin. Dem Täter der Geschichte – Stapleton – wird ebenso eine Referenz erwiesen wie dem Journalisten Bertram Flechter Robinson, der Sir Arthur Conan Doyle einst bei seinen Recherchen unterstütze. Außerdem ist „Der Hund der Baskervilles“ die Geschichte, mit der Sherlock Holmes nach seinem Tod in „Sein letzter Fall“ („The Final Problem“) wiederkehrte, dennoch ermittelt Dr. Watson sehr viel alleine. Darauf spielt hier zu Beginn der Folge der Vorschlag von Sherlock an, Watson solle alleine nach Dartmoor reisen – und tatsächlich unternimmt er selbst einige Ermittlungen. Daneben gibt es in der Folge einige Anspielungen auf weitere Sherlock-Holmes-Geschichte: Holmes‘ erster Auftritt in dem blutgetränkten Hemd lässt an „Der schwarze Peter“ („The Adventure of Black Peter“) denken; seine Bemerkung, er hätte gerne etwas, dass „seven percent stronger“ ist, ist ein Verweis auf „Das Zeichen der Vier“ („The Sing of the Four“) und Sherlocks Beschreibung von Lestrade als „brown as a nut“ stammt aus „Eine Studie in Scharlachrot“ („A Study in Scarlet“). Außerdem spricht Sherlock den berühmten Satz aus, dass „Once you’ve ruled out the impossible whatever remains, however improbable, must be true“, den Watson sehr witzig mit dem Hinweis auf Mr. Spock kontert.

Etwas schwächer, aber immer noch sehr gut

Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) zweifelt an seinem Verstand © ARD Degeto/BBC/Hartwood Films 2012

Insgesamt kann diese Episode nicht an den temporeichen Auftakt der Staffel anknüpfen. Sie ist trotz einiger wunderbarer Pointen weniger humorvoll, da es zwischen Sherlock und Watson weniger Dialoge gibt. Außerdem führt dieser Fall Sherlock aus London und damit den länger angelegten Verwicklungen heraus. Dadurch gibt es weniger Nebenhandlungen, aber auch weniger Spannung.

Der Fall führt die Psychologisierung der Hauptfigur weiter: Musste sich Sherlock in „Ein Skandal in Belgravia“ mit seiner Libido auseinandersetzen, zweifelt er nun erstmals an seinem Verstand. Dadurch hat er große Angst, zugleich wird deutlich, dass Sherlock letztlich als Mensch und in Emotionen äußerst unerfahren ist. Bisher bewegte er sich in einer fraglos gefährlichen, aber auch sterilen Welt, löst seine Fälle – wie auch diesen – indem er sich beispielsweise in seinen „mind palace“ zurückzieht. Doch in dieser Folge muss er erleben, dass sein Verstand nicht unangreifbar ist, wenngleich er sich letztlich darauf besinnt, dass es dafür eine rationale Erklärung geben muss. Benedict Cumberbatch spielt diese Unsicherheit, die Zweifel und Ängste sehr gut, bemerkenswert ist aber zudem Martin Freeman in dieser Folge. Souverän weist er Sherlock darauf hin, dass er rational bleiben muss, wenig später zeigt er sich enttäuscht über Sherlocks Bemerkung, er habe keine Freunde; er ist charmant gegenüber Louise Mortimer und ängstlich bei einer vermeintlichen Begegnung mit dem Höllenhund. Ohne ihn wäre Sherlock in mehrfacher Hinsicht schwächer.

Bleibt zu guter Letzt noch der Cliffhanger, der sehr große Vorfreude und Spannung auf die nächste Folge entstehen lässt. Denn anscheinend geht es nun für Sherlock Holmes nach London zurück – und schon der Titel „Der Reichenbachfall“ lässt an „The final problem“ denken.

2 Gedanken zu „Sherlock – Die Hunde von Baskerville

  1. Jens

    Man merkt, dass Du die Serie magst und das auch argumentativ gut begründest. Ich kann gar nicht genau sagen, woran es bei mir liegt – eigentlich mag ich die Serie auch, oder: ich will sie mögen. Mir gefällt Cumberbatch, der die Figur als eine Mischung aus Monk und Gunvald Larsson anlegt, genau wie Freeman und Rupert Graves, die sehr sympathisch rüberkommen. Mir gefallen auch die sehr pointierten Dialoge und viele Ansätze in den Stories. Aber insgesamt hatte ich bislang trotzdem mit jeder Folge ein Problem. Meistens wird das Tempo nicht gehalten, oft gibt es dramaturgische Hänger und manchmal entstehen Logiklöcher oder Nebenstränge werden nicht konsequent aufgelöst.

    Insgesamt hat die Serie viele gute und gelungene Momente, aber für mich selbst habe ich beschlossen, sie eher als (überwiegend gelungene) experimentelle Spielerei zu betrachten. Wenn ich mich jedoch entscheiden müsste, würde ich die Hammer-Produktionen aus den 50ern und wahrscheinlich auch die charmanten s/w-Filme mit Basil Rathbone der Serie immer noch vorziehen. Vielleicht bin ich aber auch zu sehr Traditionalist… 😉

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  2. Zeilenkino Artikelautor

    „Der Hund von Baskerville“ mit Basil Rathbone war der erste Sherlock-Holmes-Film, den ich überhaupt gesehen habe. 🙂 Und ich habe mich als Kind sehr gefürchtet, allerdings fand ich die Auflösung schon damals nicht gut. Daher war ich sehr gespannt, wie Gattis/Moffat diesen Stoff adaptieren und finde ich ihre Ideen sehr gelungen. Aber in puncto Tempo und Nebenhandlungen stimme ich Dir zu, dass sie nicht immer die selbst gesetzen Ziele einhalten.

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