Archiv des Autors: Zeilenkino

Nordic Film Festival in Luxemburg

Vom 2. Juni bis 6. Juni findet in Luxemburg erstmalig ein Nordic Film Festival statt, in dessen Verlauf sechs Filme zu sehen sein werden – allesamt in der Originalfassung mit Untertiteln. Da ich abgesehen von einem Film, der ausgerechnet an meinem Geburtstag gezeigt wird, alle Filme gesehen habe, werde ich nicht hinfahren. Aber vielleicht ist ja für andere interessant. 🙂 Besonders empfehlen kann ich Lukas Moodyssons „Vi är bäst“, der hierzulande noch nicht im Kino lief oder auf DVD erschienen ist.

Das Programm im Überblick

nff-logo

2. Juni um 19:30 Uhr im Utopolis Kichberg
„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

3. Juni um 20 Uhr in Kulturfabrik, Esch-sur-Alzette
„Clownwise“ (zum Trailer)

4. Juni um 19:00 Uhr im Ciné Utopia
„Pioneer“ (zum Trailer)

4. Juni um 21:30 Uhr im Ciné Utopia
„The Deep“

5. Juni um 21:30 Uhr im Ciné Utopia
„Erbarmen“

6. Juni um 19:00 Uhr im Ciné Utopia
„Vi är bäst!“ („We are the best“) (zum Trailer)

Weitere Informationen und ein Link zur Ticketreservierung sind auf der Seite der British & Irish Film Season zu finden.

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Verbrechen in Glasgow – „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ von Malcolm Mackay

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Glasgow ist Schauplatz von Malcom Mackays „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“, Auftakt seiner Trilogie um ein schottisches Verbrechersyndikat. Im Mittelpunkt steht Calum MacLean, freischaffender Auftragskiller mit gutem Ruf und Hang zur Einsamkeit. Deshalb arbeitet er am liebsten alleine und hat sich bisher keiner Organisation angeschlossen. Als nun aber der beste Auftragskiller der Branche, Frank MacLeod, aufgrund einer Hüftoperation verhindert ist, bekommt e vom aufstrebenden Gangsterboss Peter Jamieson den Auftrag, Lewis Winter zu ermorden – und damit auch die Gelegenheit, sich ihm anzuschließen.

Aus verschiedenen Perspektiven entfaltet sich im Folgenden die Handlung, in deren Mittelpunkt der titelgebende unvermeidliche Tod des Lewis Winter steht. Calcums Vorbereitungen des Mordes, die letzten Tage des Lewis Winters und schließlich die Ermittlungen von DI Michael Fisher werden gut und spannend geschildert. Besonders interessant ist dabei, dass Malcolm Mackay nicht von den großen Bossen, sondern aufstrebenden Partizipierenden des Verbrechens erzählt: Jamieson und seine rechte Hand Frank Young leiten zwar bereits eine Organisation, aber sie gehören noch nicht zu den ganz Großen, sondern haben sich erst einigen Respekt und ein eigenes Revier erarbeitet. Calum MacLean weiß, dass er in seiner Arbeit gut ist, er sucht und akzeptiert die Einsamkeit als Teil des Jobs und schätzt am meisten seine Freiheit: Jedoch wäre eine Bindung an eine Organisation der nächste Schritt. DI Fisher ist ein erfahrener und integerer Cop, ein ehrgeiziger Ermittler, der die großen Bosse gerne überführe würde, sich aber mit den Realitäten und somit den kleinen Fischen abfinden muss. Daneben gibt es weitere Nebenfiguren, die sich allesamt auf unterer bis mittlerer Ebene befinden und somit ist in diesem ersten Teil vor allem das Wachsen der Organisation, das Entstehen der Verbindungen zu erkennen, die – so lässt es die Leseprobe am Ende hoffen – in den weiteren Teilen ausgebaut wird.

Bemerkenswert ist zudem die Unaufgeregtheit – nicht zu verwechseln mit Lakonie, denn Mackas Sätze sind zwar kurz, aber er erzählt äußert detailliert –, mit der von der Welt des Verbrechens erzählt wird. MacLean ist ein typischer Selbständiger, der sich fragen muss, ob er lieber freischaffend mit allen Risiken bleibt oder sich in Festanstellung in die Absicherung eines Syndikats begibt, unterdessen ist MacLeod etwas weiter und denkt nach seiner Hüftoperation über den Ruhestand nach. Außerdem sind Mackays Figuren allesamt rational in ihren Handlungen, hier gibt es keine Psychopathen oder geniale Verbrecher, sondern Amateure, Einsteiger und Profis, die ihr Handwerk beherrschen. Die guten Akteure des Verbrechensmarktes überdenken ihre Handlungen und deren Folgen, die Ungeschickten ignorieren sie – und die Tragischen nehmen sie in Kauf. Denn Verbrechen, so erscheint es letztlich bei Mackay, ist ein Geschäft wie jedes andere.

Malcolm Mackay: Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter. Übersetzt von Thomas Gunkel. S. Fischer 2014. Der zweite Teil folgt nach Verlagsangaben im Frühjahr 2015.

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Den Haag und Serbien – Über „Tribunal“ von André Georgi

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Die besten Krimis blicken über den eigenen Rand hinaus, sind – auf verschiedenste Weise – gesellschaftskritisch und regen zum Nachdenken an. Auf den ersten Blick scheint das alles auf „Tribunal“ von André Georgi zuzutreffen. Seine Hauptfigur ist die Polizistin Jasna Brandic, die seit zwei Jahren für den Schutz des Serben Marco Kovac zuständig ist. Kovac soll in Den Haag beim Kriegsverbrechertribunal der Prozess wegen des Massakers von Višegrad (dort führt Ivo Andrc’ „Brücke über die Drina“) gemacht werden, bei dem er mit 15 Mitgliedern seiner paramilitärischen Einheit „Die Wölfe“ über 4000 Moslems vergewaltigt und ermordet haben soll. Aber die Beweislage schwierig: Noch vom Gefängnis aus hat Kovac gute Verbindungen, wird vermutlich von Teilen der serbischen Regierung geschützt, viele Zeugen sind eingeschüchtert und haben Angst, gegen Kovac auszusagen. Außerdem droht ständig ein Anschlag, deshalb sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch. Dennoch kommt es zu einem Attentat und einem Zwischenfall im Gerichtssaal. Daraufhin droht der gesamte Prozess zu platzen. Jasna muss noch einmal nach Serbien reisen, um dort einen von Kovac‘ Komplizen zu finden, der angeblich bereit ist, gegen ihn auszusagen.

Der erste Teil von „Tribunal“ ist mit kurzen Sätzen, schnellen Perspektivwechsel und viel Action sehr temporeich. Durch diesen filmischen Erzählstil wird auch die Spannung langsam aufgebaut – hier schreibt also fraglos jemand, der sein Handwerk versteht. Allerdings bleibt es bei dieser oberflächlichen Spannung, denn André Georgi in seinem Thrillerdebüt nicht in die Tiefe, sondern entscheidet sich im Zweifelsfall immer für Action statt Psychologisierung. Nun könnte das im Thriller prinzipiell funktionieren, wenn nicht Jasna zunehmend persönlich in den Fall involviert wäre. Ohnehin bin ich keine große Freundin von persönlichen Verwicklungen ermittelnder Staatsbeamter in die Fälle. Als Motivation für private Ermittler mag ein persönliches Motiv notwendig sein, aber Jasna Brandic macht in erster Linie ihren Job, den sie bereits mit Besessenheit erfüllt. Außerdem stammt ihre Familie aus Serbien und so hat sie eine zusätzliche Motivation, diese Verbrechen aufzuklären. Dann stellt sich jedoch heraus, dass sie nicht nur mit einem, sondern mit zwei gesuchten Kriegsverbrechern verwandt ist. Hieraus ergeben sich viele spannende Fragen, die im Rahmen dieses Thrillers zu verhandeln möglich gewesen wäre. Wenn ich mir vorstelle, ich riskierte mein Leben, damit ein Massenvergewaltiger und -mörder vor Gericht kommt, ich habe so viele Zeugenaussagen über begangene Gräueltaten gelesen, dass mein eigenes Sexualleben darunter mehr als leidet, und erfahre, dass mein totgeglaubter Vater und Bruder an diesen Taten beteiligt waren, dann wäre ich verstört, würde mich fragen, was mit ihnen nicht stimmt – und ob mit mir vielleicht auch etwas nicht stimmt. Die Erklärung, dass sie nach dem Aufdecken der Vertreibung und Ermordung ihrer Großmutter und Tante Selbstjustiz geübt haben und sich einer Miliz angeschlossen haben, mag damals in der Situation dem Bruder und Vater als Rechtfertigung ausgereicht habe, aber auch der Tochter, die ihr Leben dem Kampf gegen solche Männer gewidmet hat? In „Tribunal“ anscheinend ja. Deshalb wird diese komplexe psychologische Situation nicht erkundet, sondern André Georgi bleibt bei äußeren Ereignissen, bei Folter und einer minutiös geschilderten Verfolgungsjagd, deren Ende bereits Seiten vorher verraten wurde. Dadurch wird weder die Identifikation mit Jasna erhöht – ein Hauptgrund für persönliche Verwicklungen – noch wird sie als Figur komplexer. Dazu hätte André Georgi zusätzlich zu den spannenden äußeren Handlungen den Figuren auch ein ausgefeiltes Innenleben geben müssen. Damit ist „Tribunal“ als Pageturner dank der handwerklichen Fertigkeiten des Autors solide. Er ist spannend, durchaus unterhaltsam und eignet sich als Vorlage für einen Fernsehfilm. Aber leider steckt dieses Buch auch voller verschenkter Möglichkeiten.

André Georgi: Tribunal. Suhrkamp 2014.

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Krimi-Kritik: „Bis zum Hals“ von Jörg Juretzka

„Na, das hast Du ja sauber hingekriegt, Kryszinski.“ Wenn es etwas gibt, das ich an Kommissar Hufschmidt hasse – besonders hasse, heißt das, also mehr noch als alles andere, das ich eh schon hasse an ihm –, dann ist das seine gespielte Coolness im Angesicht des Entsetzlichen.“

Denn auch Kommissar Hufschmidt hat der Anblick des Toten auf der Straße mitgenommen. „Er war aschfahl und brauchte die offene Tür seines Opels als Stütze“, dennoch will er cool wirken. Zumal er überzeugt ist, dass er Kryszinski nun endlich erwischt hat. Für die Polizisten ist die Sache klar: Kryszinski ist vermutlich mal wieder total dicht viel zu schnell gefahren und hat den armen Kerl nicht rechtzeitig gesehen, den er dann überfahren hat. Als Kommissar Menden am Unfallort eintrifft, stellt Kryszinski die Sache aber klar – irgendwie: „Ich bin unschuldig“, war alles, was mir einfallen wollte. Menden sehen und diesen Satz äußern ist manchmal wie zwei Sektenwerbern die Tür öffnen und sie gleich wieder schließen. Es hat etwas Automatisches, Zwangsläufiges. Beide Seiten wären irgendwie baff, würde es anders laufen.“. Aber nicht nur das: „Außerdem war ich fühllos, entrückt, wie anästhesiert. Man fährt schließlich nicht alle Tage einen Menschen über den Haufen. Noch nicht einmal ich, sollte ich vielleicht hinzufügen. Und dann noch ohne Absicht.“ Denn tatsächlich ist Kryszinski unschuldig. Ihm wurde der bedauernswerte Mann einfach vor das Auto geworfen. Jedoch lässt Kryszinski sich nicht ohne weiteres als Mordwaffe gebrauchen und ermittelt deshalb auf eigene Faust. Er findet heraus, dass der Tote aus Russland stammt – und hat schon bald nicht nur verschiedene Geheimdienste, sondern auch die Hells Angels am Wickel.

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Mit „Bis zum Hals“ kehrt Kryszinski nach seinen Ausflügen in die Schweiz, auf ein Kreuzfahrtschiff und den Wilden Westen wieder ins Ruhrgebiet zurück. Er trifft alte Bekannte wie Stormfuckers-Chef Charly und in dem Pathologen Dr. Korthner einen neuen Freund. Dieser hat früher als Laborarzt gearbeitet und die Blutproben polizeilicher Untersuchungen analysiert. Darunter war auch mal eine von Kryszinski. „Das Ergebnis hängt gerahmt im Büro des Stationsarztes.“ Er wirkte völlig begeistert. Ich weniger, denn unterschwellig ahnte ich, worauf das hinauslief. „Weder vorher noch jemals nachher ist eine höhere Dosis und größere Vielfalt an psychotropen Wirkstoffen in einer einzigen Blutprobe nachgewiesen worden. (…). Was meine Kollegen und ich uns immer gefragt haben: Sie wurden ja damals in Ausübung einer Straftat verhaftet, waren also nicht nur bei Bewusstsein, sondern obendrein aktiv. Wie … wie haben Sie es geschafft, diese Vielzahl an teilweise gegenläufig wechselwirksamen Substanzen physisch und vor allem auch psychisch zu koordinieren?“. „Schwer zu sagen“, gab ich zu. „Aber wenn ich mich recht erinnere, brachte eine halbe Flasche Wodka für gewöhnlich so was wie ein bisschen Ordnung in den ganzen Kuddelmuddel.“ Dank Korthners Begeisterung für seine Blutwerte erfährt Kryszinski etwas über den Toten, hat außerdem zukünftig eine Anlaufstelle für eigene Verletzungen und es wird bereits deutlich, dass Kryszinski über eine wichtigen Eigenschaft für Ermittlungen im Russenmilieu verfügt: eine hohe Alkoholverträglichkeit. Und angesichts der während dieser Ermittlungen konsumierten Wodka-Mengen hätten dort wohl nur wenige Privatdetektive bestehen können.

Durch die für Juretzkas Kryszinski-Reihe typische Ich-Erzählform und die vielen direkten Dialoge entsteht ein hohes Erzähltempo, außerdem unterhält und amüsiert er mit wenigen Worten. Darüber hinaus gibt es immer wieder Momente, in denen sich mit einem kurzen Satz eine ganze Welt offenbart. Nachdem Kryszinski mit Anoushka, der Frau des Toten, einen Zusammenstoß mit Unbekannten hatte, fliehen sie über die Autobahn, auf der vor kurzem ein Unfall stattgefunden hat und retten sich in ein Auto. „Der Abschleppwagenfahrer blickte überrascht, angepisst, verstehend, einsichtig. Alles binnen eines Fingerschnippens. Doch er sagte kein Wort. Stattdessen schwang er sich in seinen Sitz, knallte die Tür und startete den Motor. Sah noch mal zu uns rüber, zusammengepfercht auf einem Beifahrersitz, sah Anoushka an, barfuß, abgerissen nach einer Nacht auf der Flucht, ihren von Bindfäden zusammengehaltenen Koffer umklammernd wie einen letzten Halt in einer Welt ohne Boden, mich mit meiner schwellenden, blutenden Stirn, registrierte unsere gehetzten, immer und immer wieder nach hinten wandernden Blicke und fuhr einfach los. „Ich komme aus dem Kosovo“, sagte er, als er uns an einer S-Bahn-Haltestelle rausließ, und wünschte uns Glück.“ Dieser überraschende Moment der Solidarität der Flüchtenden berührt und bleibt in Erinnerung.

Dennoch ist „Bis zum Hals“ einer der konventionelleren Kryszinski-Romane: Der hartgesottene Privatdetektiv trifft eine femme fatale und jede Menge zwielichtiger Gestalten, es kommt zu einigen Scharmützeln und alles endet in einem übertrieben actionreichen Finale. Dass es alles unterhaltsam ist, steht außer Frage. Aber dass in der Reihe noch weit mehr Potential steckt, zeigt Juretzka insbesondere in den folgenden Romanen.

Jörg Juretzka: Bis zum Hals. Ullstein 2007.

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Krimi-Kritik: „Equinox“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Nachdem er von seinem Ausflug in die Berge („Fallera“) heil zurückgekehrt ist, hat Kryszinski neuen Ärger am Hals. Schuld ist genau genommen sein Freund Scuzzi, der erst seinen Lieferanten verloren und sich dann trotz aller Warnungen mit albanischen Gangstern eingelassen hat. Erwartungsgemäß wurde er von ihnen über den Tisch gezogen, das konnte wiederum Kryszinski nicht mit ansehen, also hat er es ihnen auf seine Weise heimgezahlt. Nun ist den Albanern aber zu Ohren gekommen, wem sie den Verlust zweier Taschen voller Drogen verdanken – und so konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen, an der Seite von Jochen Fuchs als zweiter Privatdetektiv auf dem Kreuzfahrtschiff „Equinox“ anzuheuern. Mit von der Partie ist auch Scuzzi, der beim Vorstellungsgespräch mehr als überzeugt hat: „Denn das war es, das war die unfassbare Wahrheit: Sie hatten Scuzzi hier auf dem Schiff zu so einer Art General-Musikdirektor gemacht. Einen Mann, der alle Alben von Supertramp besaß, von Lionel Richie und, mein Gott, sämtliche LPs und Singles von Phil Collins und Genesis. Ein Mann, dessen Plattenschrank man auch „die Top 10 000 der seichtesten Titel aller Zeiten“ nennen könnte“, dieser Mann bestimmt nun zu Kryszinski größter Qual über die gesamte Musik, die an Bord zu hören ist.

Kaum hat das Schiff abgelegt, findet sich ein erster Toter an Bord. Mit der Diagnose „Selbstmord“ des Bordarztes Dr. Koethensieker ist Kryszinsiki alles andere als einverstanden, deshalb ermittelt er haarsträubend auf eigene Faust und kommt den wahren Tätern auf die Spur. Dazwischen muss er mehrmals seinen eigenen Hals retten – im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Täter enthauptet seine Opfer in der Regel – und sich vom Detektiv zum Animateur degradieren lassen. Das sorgt für eine filmreife Szene, in der Kryszinki die gelangweilten Kreuzfahrtpassagiere zu einem französischen „Kochkürs“ der besonderen Art einlädt.

Allein schon die Vorstellung von dem seit seiner Haft leicht klaustrophobischen und sich ständig mit Autoritäten anlegenden Kryszinski auf einem hierarchisch organisierten Kreuzfahrtschiff ist großartig. Dann teilt er sich noch eine Kabine mit dem pedantischen Fuchs und dem dauerzugedröhnten Scuzzi, dessen Musik er auf dem Schiff ohnehin schon ständig ausgesetzt ist. Das alles zerrt an Kryszinskis Nerven, hält ihn aber nicht davon ab, noch im Bord-Supermarkt zu betrügen und auf verdienstvolle Fertigkeiten zurückzugreifen, um inmitten eines besonderes rabbattierten Einkaufs an eine Stange Zigarretten zu kommen. „Und ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass das jahrelange Training im „Reise-nach-Jerusalem“-spielen nach dem Regelwerk des Rockerclubs „Stormfuckers“ ein ums andere Mal Früchte trug. Okay, ein paar der alten Knacker um mich herum nochten nie wieder so richtig auf die Beine gekommen sein, aber ich kriegte sie zu fassen, meine Stange Camel „ohne“, oh ja.“ Und diese Zigaretten braucht Kryszinski äußerst dringend, schließlich hat sich Fuchs von den Schiffsoberen einwickeln lassen und untersucht den Mordfall nicht mit vollem Einsatz, Scuzzi ist ebenfalls beschäftigt und ohnehin keine große Hilfe, also bleibt es allein Kristof überlassen, die Hintergründe zu ermitteln.

Dass Kryszinski auch außerhalb des Ruhrgebiets glaubwürdig bleibt, hat Juretzka mit „Fallera“ bereits bewiesen, nun ist sein Kumpel Scuzzi ebenfalls mit von der Partie. Daneben gibt es eine Vielzahl schrulliger Nebencharaktere, die mit Biss und Herz beschrieben sind. Dadurch ist „Equinox“ in erster Linie gewohnte Juretzka-Unterhaltung mit sehr viel Sprachwitz, tollen Charakteren und allerhand bissigen Seitenhieben auf den Tourismus und die Selbstgefälligkeit wohlhabender Menschen. Das bereitet ausreichend Vergnügen, dass mich die Vorhersehbarkeit des Plots und der Bösewichte beim Lesen nicht allzu sehr gestört haben. Aber „Equinox“ ist vor allem für Fans der Reihe ein Vergnügen.

Jörg Juretzka: Exquinox. Ullstein 2003.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Fallera“
„Platinblondes Dynamit“

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Abkehr vom Krimi – „Das himmlische Kind“ von Heinrich Steinfest

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Eine Mutter will sich selbst und ihre Kinder töten, indem sie ihre Kinder betäubt und im Winter mit dem Auto in einen abgelegenen See fährt. Doch ihre Tochter Miriam ist kein gewöhnliches zwölfjähriges Mädchen. Sie ist intelligent, hat bereits „begriffen, wie sehr menschliches Glück nicht nur darin bestand, etwas zu erfahren, sondern auch darin, etwas nicht zu erfahren. Zumindest nicht sofort“ und vertraut ihren Eingebungen. Außerdem neigt sie zu einer „gewissen Gesetzestreue“, deshalb ist sie verwundert, dass ihre Mutter ihr im Auto eine Cola reicht. „Denn obgleich sie durchaus das Bedürfnis verspürte, das ganze Jahr über den süßsauren Geschmack dieses aufbrausenden Getränks zu genießen, hatte sie die einmal erfolgte und aus behaupteten Gründen der Vernunft erteilte Beschränkung auf die Urlaubszeit akzeptiert. Hin und wieder aufzumucken gehörte zum Spiel, so wie zum Spiel gehörte, eine Cola auch mal heimlich zu trinken oder sich ungefragt ein Stück Schokolade einzuverleiben. Daß aber die Mutter selbst die Regel durchbrach, ohne dies stichhaltig zu begründen, empfand Miriam als irritierend.“ Folgerichtig trinkt sie die Cola nicht, bemerkt indes, wie wichtig ihrer Mutter ist, dass sie sie zu sich nimmt. Also täuscht sie Schlucke vor, hält aber insgeheim auch ihren jüngeren Bruder Elias davon ab, mehr von seiner Apfelschorle zu trinken. Damit rettet sie ihnen das Leben: Als ihre Mutter in den See fährt, ist Miriam nicht eingeschlafen, sondern kann sich und ihren Bruder ans Ufer retten. Allerdings sind sie nun allein und durchnässt inmitten eines unbekannten Waldes.

In der Folge seziert Heinrich Steinfest in seinem Roman „Das himmlische Kind“ nicht die Tat der Mutter, sondern konzentriert sich auf die Erlebniswelt der Kinder. Sie sind – Hänsel und Gretel gleich – allein im dunklen Wald, doch die findige Miriam entdeckt eine Hütte, in der sie Unterschlupf finden. Es gelingt ihr, ein Feuer anzuzünden, sie stöbert Decken und einige essbare Pilze auf. Als bei ihrem Bruder dann hohes Fieber ausbricht, sorgt sie mit Wadenwickeln, heißem Wasser und vor allem einer symbolhaften Geschichte dafür, dass er am Leben bleibt.

Nachdenken über das Erzählen
Die Erzählperspektive bleibt daher nicht nur dicht bei Miriam, sondern sie wird auch zur Erzählerin ihrer eigenen Geschichte im Roman. Dadurch sind die für Steinfest typischen Reflexionen der Narration möglich, in der sowohl Miriam ihre Rolle als Erzählerin als auch die Bedingungen einer Erzählung im Allgemeinen verhandelt werden. Als sie beispielsweise an einem Punkt in ihrer Geschichte nicht weiterkommt, erzählt sie ihrem Bruder: „Nein, aber weißt Du, einige Sachen in so einer Geschichte stecken im Nebel. Man kann sie nicht sehen. Manchmal wirkt etwas Gerade schief oder umgekehrt. Was Blaues grün. Du verstehst mich, oder? Es gibt eine Wahrheit, aber sie muß aus dem Nebel rauskommen. Oder etwas liegt in der Ferne und man muß erst drauflosgehen, um wirklich sagen zu können, was es ist.“ Und in diesem Nebel findet Miriam schließlich eine wundersame Deutung für ihre Erlebnisse, da sie nicht vermag, ihrem Bruder die Wahrheit zu sagen: dass ihre Mutter sich umgebracht hat. Miriam selbst sagt von sich, sie mache der Mutter keine Vorwürfe: „Es mochte komisch klingen … nein, das tat es nicht: Miriam empfand tiefe Dankbarkeit dafür, daß ihre Mutter sich dagegen entschieden hatte, die inniglich geliebten zwei Kinder bei anderen Menschen unterzubringen. Daß es ihr Plan gewesen war, Miriam und Elias mitsterben zu lassen. Genauso mußte doch eine gute Mutter denken, oder?“ An dieser Überzeugung will – und wird – Miriam ihr ganzes Leben lang festhalten.

Eine allzu weise Heldin
Miriam ist eine ganz und gar ungewöhnliche Heldin, für ihre zwölf Jahre erstaunlich klug und reflektiert, was aber bereits auf den ersten Seiten des Romans angeführt wird. Dennoch erscheint sie mitunter auf eine erwachsene Art zu weise zu sein – gerade auch im Vergleich zu den anderen klugen Kindern in Steinfests Romanen. Dadurch wird manches zu sehr erklärt, Anspielungen und Verweise werden wiederholt, so dass ihre Bedeutung auch in jedem Fall klar wird. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es macht den Zauber und Tragik dieses Romans aus, dass manche Ereignisse nicht eindeutig zu erklären sind. Gerade die Welt der Kinder ist in sich stimmig, es sind die Eltern, die weitaus egoistischer sind als vermeintliche Hexen. Ohnehin treten mit dem Einbruch der Erwachsenen in diese geschlossene Welt der Kinder auch im Roman Misstöne auf. Weder der Exkurs über die Frage, ob ein Vater seine Tochter mehr lieben würde, wenn sie schlank wäre, noch manche Überlegungen über die Rolle der Frau sowie politische Korrektheit fügen sich in diese Geschichte ein. Glücklicherweise sind sie jedoch nur kurz.

Kein Kriminal-, sondern nur ein Roman
Insgesamt ist „Das himmlische Kind“ ein zauberhafter Roman, in dem Steinfest-Leser die Tugenden bisheriger Bücher wiederfinden werden – poetische Sprache, scheinbar unerklärliche Wendungen, eine mitunter magische Welt und Gedanken über das Leben und Sterben. Jedoch verzichtet Heinrich Steinfest nun auf die wesentlichen Elemente des Kriminalplots – eine Tat und einen Ermittler – und ein wenig ist seiner Geschichte dadurch die Erdung verloren gegangen. Schon immer waren Heinrich Steinfests Romane auch phantastische Geschichten, jedoch sorgte der Kriminalplot für einen bodenständige Verankerung, die hier mitunter fehlt. Im Gespräch mit CulturMag hat er sich über die Genre-Frage geäußert und ausgeführt, dass er der Gefahr der Wiederholung entgehen wollte. Dieses Ziel hat er sicher erreicht, allerdings bleibt für seinen zweiten Roman „Der Allesforscher“, der im März bei Piper erscheinen wird, auch noch Raum für Verbesserungen.

Heinrich Steinfest: Das himmlische Kind. Droemer/Knaur 2012.

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Media Monday #150

1. Fragt man mich nach meinen drei liebsten SchauspielerInnen, so fallen mir spontan Jack Nicholson, Meryl Streep und Jesper Christensen ein.

media-monday-150

2. Es gibt Filme die allein auf die Unterhaltung abzielen, und ebenso gibt es Filme, die versuchen, den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen oder den Anspruch haben, sich ernsthaft mit einem sozialen oder gesellschaftlichen Thema auseinanderzusetzen. Bevorzugt ihr eine der Gruppen und wenn ja, warum? Hmm, grundsätzlich finde ich nicht, dass ernsthafte Filme nicht auch unterhaltsam sind, aber ich glaube, ich ahne, worauf Wulf mit dieser Frage hinaus will.;-) Und wenn ich die Wahl zwischen einem Film von Seth MacFarlane und einem Film von Mike Leigh habe, würde ich mich immer für letzteren entscheiden, weil ich Filme mag, die mich verändern.

3. Fernab von sympathischen und/oder attraktiven SchauspielerInnen oder präferierten Genres; habt ihr einen Lieblingsregisseur, der euch ungeachtet der genannten Kriterien in steter Folge ins Kino treibt, wenn sein neuestes Werk anläuft? Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht, vielmehr gibt es einige RegisseurInnen, deren Namen mich ins Kino ziehen: Joachim Trier, Pernille Fischer Christensen, Steven Soderbergh, Kelly Reichardts, Debra Garnik, Spike Jonze und Thomas Vinterberg sind die, die mir jetzt spotan einfallen.

4. Es kommt immer wieder vor, dass man ins Kino gelockt und von dem dann folgenden Film grenzenlos enttäuscht wird. Was war euer schlimmster Film, für den ihr auch noch eine Kinokarte gelöst habt? Die schlimmsten Filme der letzten Jahre habe ich in Pressevorführungen gesehen, also habe ich keine Kinokarte dafür gelöst und kann sie nicht nennen. Spontan würde mir hier „Die Firma“ einfallen, den ich damals ganz schrecklich fand.

5. Den einen sind deutsche Filme verhasst, wieder andere können mit Hollywood-Produktionen nichts anfangen, den nächsten ist Bollywood ein Gräuel. Gibt es (nicht nur länderspezifische) Sparten, denen ihr absolut nichts abgewinnen könnt? ‘Absolut’ finde ich ein wenig hart, da ich mich bemühe, auch Filme jenseits meiner Vorlieben zu sehen – das schärft den Blick. 😉 Aber Horrorfilme muss ich nicht unbedingt sehen, außerdem schaue ich auch nur sehr selten Martial-Arts-Filme.

6. Wenn ich lese, dass es einen neuen Film mit einem meiner in Frage 1 genannten LieblingsschauspielerInnen gibt, dann ist mir eigentlich schon im Vorfeld klar, dass ich ihn sehen möchte.

7. Mein zuletzt gesehener Film war „The Sea“ und der war trotz einer Länge von knapp 90 Minuten zäh, weil John Banville das Drehbuch zu der Verfilmung seines Romans nicht hätte selbst schreiben sollen – oder es einem anderen Regisseur hätte anvertrauen sollen.

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