Von der Serie zum Buch – „Raylan“ von Elmore Leonard

Timothy Olyphant als Raylan Givens (c) SPHE

Ausführlich habe ich mich bisher hier im Zeilenkino mit der Figur Raylan Givens beschäftigt, da sie ein hervorragendes Beispiel für die wechselseitigen Beeinflussungen von Literatur und Film/Fernsehen darstellt. Und in diesem Fall geht die Zusammenarbeit sogar weit über eine bloße Verfilmung hinaus. In Interviews haben die Macher von „Justified“ mehrfach erklärt, dass sie bei den Drehbüchern zu der Serie immer wieder eine Frage weiter gebracht habe: „What would Elmore do?“. Deshalb bleibt die Serie mit ihren Perspektivwechseln und der Konzentration auf die Charaktere sowie dem Dialog dem Stil Leonards treu. Für heutige Sehgewohnheiten ist das ungewöhnlich und oft etwas langatmig. Einigen Folgen fehlen Höhepunkte und auch die Handlung ist mitunter für eine Episode etwas dünn. Dadurch wird „Justified“ aber auch zu einem sehr guten Bespiel für eine Serie, die von ihren Charakteren vorangebracht wird. Allein die Entwicklung von Boyd, den die Serienmacher glücklicherweise nicht sterben ließen, ist ein gutes Beispiel. (Vergleiche Teil 1). Deshalb wird „Justified“ zudem von den Beziehungen stark beeinflusst, die Raylan Givens zu den anderen Figuren hat. In der ersten Staffel ist es – neben Boyd – vor allem das Verhältnis zu Ava und seiner Ex-Frau Helen sowie zu seinem weitgehend abwesenden Vater. In der zweiten Staffel rückt dann seine Beziehung zu Mags Bennet in den Mittelpunkt. Hier drücken sich verschiedene Facetten seines Charakters aus, spiegeln sich seine Vergangenheit und seine Entscheidungen wider. Die Idee zu der Figur Mags Bennett stammt indes von Elmore Leonard selbst.

Elmore Leonard und „Raylan“

(c) Suhrkamp

Es ist angesichts des Erfolgs der Serie und der entgegengebrachten Wertzschätzung wenig verwunderlich, dass Elmore Leonard der Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Figur noch einmal aufzugreifen und seinen Helden in seinem 45. Buch „Raylan“ wieder auftreten zu lassen. Leonards Raylan ist immer noch etwas geschwätziger, aber einem Roman stehen auch keine Bilder zur Verfügung. Ansonsten tritt Timothy Olyphant – der nach Einschätzung Leonards die perfekte Besetzung für Raylan ist – nicht nur auf dem Cover in Erscheinung, sondern auch im Buch lässt sich seine Darstellung nicht mehr von der Romanfigur lösen. Darüber sind weitere Serienfiguren in „Raylan“ zu finden, und Elmore Leonard beweist die Flexibilität, auch Boyd Cowder von den Toten wiederauferstehen zu lassen.

Dennoch ist „Raylan“ kein in sich geschlossener Roman, sondern Elmore Leonard erzählt Episoden, die durch die Figuren und insbesondere Raylan Givens zusammengehalten werden. Dazu gehört eine Krankenschwester, die auf die perfide Idee kommt, Organe erst zu rauben und dann an ihre Besitzer zurückzuverkaufen. Oder eine junge Frau, die genial Poker spielen kann und die Männer reihenweise ausnimmt. Ohnehin sind die Frauen in „Raylan“ die treibenden und hintersinnigen Kräfte. Doch „Raylan“ bietet mehr als nur unterhaltsame Episoden. Fast beiläufig thematisiert Elmore Leonard durch eine spannende Handlung um den Verkauf eines Bergwerks das Fracking, das nicht nur Kentuckys Umwelt zu zerstören droht, und die sozialen Probleme, die durch den Verlust des Kohleabbaus als Arbeitsplatzgeber zu bewältigen sind. Hier verknüpft er gekonnt Sozialkritik mit Krimihandlung. Daneben erzählen seine Episoden von der der Gier der Menschen nach Drogen, Sex, Geld und Organen, abwesender Moral und dem Egoismus als Antrieb. Raylan Givens jagt die Schurken dieser Welt und verkörpert dabei die Attitüde eines Westernhelden, des Ein-Mann-muss-tun-was-ein-Mann-tun-muss mit Lässigkeit und Selbstgewissheit. Zu einem Helden wird er dadurch nicht, vielmehr plaudert er mit seinen Gegenspielern in der typisch lässigen Leonard-Art.

Vom Buch zur Serie

Raylan mit seinem Vater, der in Leonards Romanen verstorben ist (c) SPHE

Zwei Handlungsstränge haben (mein aktueller Seh-Stand: 2. Staffel) Eingang in die Serie gefunden. Dazu gehört der Kampf um das Bergwerk sowie – weitaus prominenter – der fortführende Handlungsstrang um Mags Bennet, die die Interpretation des väterlichen Clan-Chefs Pervis Crow aus „Raylan“ ist. Wie Pervis ist Mags eine geniale Verbrecherin mit einem weichen Herz, in der der Serien-Raylan einen Ersatz für die abwesende Mutter erahnen kann. In Elmore Leonards Romanen hat hingegen Raylans abwesender Vater eine Leerstelle hinterlassen, daher ist die Umdeutung hier zwangsläufig. Doch gerade in der Serie ist Mags Bennet eine der besten Figuren.

„Raylan“ ist ein Roman für Elmore-Leonard- und „Justified“-Fans im gleichen Maß. Auch ohne Kenntnis der Serie bereitet er großes Vergnügen – und für die Seriengucker könnte er ein Einstieg in das Werk von Elmore Leonard sein.

Elmore Leonard: Raylan. Übersetzt von Kirsten Riesselmann. Suhrkamp 2013.

Andere über „Raylan“:

Hans Jörg Wangner in Killer & Co.
crimenoir

Elmore Leonard im Zeilenkino:

Elmore Leonard – Über „Out of Sight“ und die Verfilmung von Steven Soderbergh
Jack Foley kehrt zurück – „Road Dogs“ von Elmore Leonard
Der erste Auftritt von Raylan Givens – „Pronto“ von Elmore Leonard
Der zweite Auftritt von Raylan Givens – „Riding the Rap“ von Elmore Leonard

Blogger schenken Lesefreude

Zum Welttag des Buches am 23. April haben die Buchbloggerinnen Christina (Pudelsmützes Bücherwelten) und Dagmar (GeschichtenAgentin) zu einer tollen Aktion aufgerufen: Blogger schenken Lesefreude, indem sie ein Buch verlosen. Auch ich hoffe immer, dass durch meinen Blog manche Bücher entdeckt werden – gerade im Krimi-Genre, das allzu gerne auf wenige Autoren beschränkt wird. Deshalb verlose ich unter allen bis zum 30. April 2013 unter diesem Beitrag eingehenden Kommentaren ein Exemplar von „Raylan“.

22 Gedanken zu „Von der Serie zum Buch – „Raylan“ von Elmore Leonard

  1. bullion

    Klingt mal wieder toll. Die Serie steht dagegen immer noch genauso unangetastet im Regal, wie bei meinem letzten Kommentar zu deinem Justified-Eintrag. Dennoch würde ich mich über das Buch freuen, da ich Leonard sowieso immer schon einmal lesen wollte… 🙂

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  2. Marius

    Moin, Moin!
    Bislang habe ich nur „Road Dogs“ von Elmore Leonard im Regal stehen, das ich solange nicht lesen werde, ehe ich „Out of Sight“, den Vorgänger des ersteren Titels, gelesen habe. Da „Raylan“ als Standalone quasi keine Vorkenntnisse erfordert, möchte ich Elmore Leonard mit diesem Titel endlich einmal richtig kennenlernen.
    Zuletzt hielt ich das Buch in einer Buchhandlung in der Hand und war schon fast in Versuchung mir das Buch zuzulegen – nun ist es umso besser, dass dieser Titel hier verlost wird!

    LG Marius

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  3. Jenny

    Oh, das Buch habe ich letztens bei Lovelybooks entdeckt und es hat mich sofort angesprochen. Habe vorher ehrlich gesagt noch nie etwas von der Serie gehört :-[ Wäre unglaublich gerne im Lostopf dabei! 🙂
    Liebe Grüße,
    Jenny

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  4. Christine

    Hallo, eine tolle Aktion zum Welttag des Buches und ein interessantes Buch, das hier verlost wird. Da mache ich doch gerne mit.
    LG
    Christine

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  5. Erika

    Ich werfe mein Los auch mal in den Topf und hoffe auf meine Glücksfee! Das Buch steht schon lange auf meiner Leseliste und ein Gewinn wäre da natürlich perfekt!

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  6. Judith Telser

    Hallo,
    zu gerne würde ich das Buch lesen, hat mir doch schon die Serie richtig gut gefallen. 🙂
    LG, Judith

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  7. Anastasia

    Ich hüpfe sehr gerne in den Lostopf für dieses spannende Buch! Ich bin immer auf der Suche nach neuem Lesestoff.

    Liebe Grüße
    Anastasia

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  8. Dani

    Hi,

    das ist ja total klasse, dass du genau dieses Buch verlost! Mein Freund würde es total gern lesen und wenn ich hier Glücl hätte, wäre das eine super Überraschung für ihn. Vielleicht habe ich ja Glück, drücke aber auch allen anderen die Daumen.

    Liebe Grüße
    Dani

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  9. majule

    Hallo.
    Würde mich riiiiiiesig über das Buch „Raylan“ freuen.
    Es hört sich sehr spannend an, und das Cover ist richtig interessant.
    Richtig düster. ….
    Also fest die Daumen drücken 😀

    Liebe Grüße,
    majule

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  10. Zeilenkino Artikelautor

    Gerade habe ich per random.org den Gewinner gezogen und gewonnen hat der neunte Kommentar von Jacqueline. Vielen Dank für Eure Kommentare – und ich würde mich freuen, wenn Ihr öfter hier vorbeischaut. 😉

    Antworten

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