Preisträger der Nordischen Filmtage 2015

Die Preisträger der 57. Nordischen Filmtage stehen fest: Den NDR-Spielfilmpreis geht an den norwegischen Debütfilm “Å vende tilbake (Die Rückkehr)”, in dem Regisseur Henrik Martin die autobiographische geprägte Geschichte zweier Brüder erzählt, deren Vater aus Afghanistan zurückkehr und einen Tag später von einem Jagdausflug nicht zurückkehrt. Zwar finde ich es angesichts von aufwendig produzierten norwegischen Filme wie “The Wave” sehr schön, dass ein Debütfilm, der für 150.000 Euro gedreht wurde, den Hauptpreis erhält, aber abgesehen davon ist für mich die Entscheidung schwer nachzuvollziehen. An diesem Film ist insbesondere der Inhalt der Geschichte herausragend, aber weder die Erzählweise noch die Inszenierung. Hier hätte es deutlich stärkere Filme gegeben. Aber so ist es mit Jury-Entscheidungen. Eine lobende Erwähnung erhielten die Darsteller Ghita Nørby und Sven Wollter für “Key House Mirror”.

Bild aus "Die Rückkehr" (c) FilmBros

Bild aus “Die Rückkehr” (c) FilmBros.

Zwei Preise hat der isländische Film “Virgin Mountain” bekommen: Er wurde mit dem Publikumspreis der Lübecker Nachrichten und den Kirchlichen Filmpreis ausgezeichnet. Zudem erhielt Hauptdarsteller Gunnar Jónsson eine lobende Erwähnung. Es ist schon schade, dass es in Lübeck keinen Schauspielpreis gibt. Als zweiter isländischer Film erhält der Eröffnungsfilm “Sture Böcke” den Preis der Baltischen Jury, die alljährlichen einen nordischen Film auszeichnet.

Mit dem Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften wird Camilla Nielsons “Democrats” auszeichnet. Die Kinder- und Jugendfilmjury hat sich für den finnischen Film “Toiset tytöt (Andere Mädchen)” entschieden.

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Die Nordischen Filmtage 2015 – Ein Ausblick

Heute Abend werden in Lübeck die 57. Nordischen Filmtage mit dem isländischen Film “Rams” eröffnet. Ich bin natürlich wieder vor Ort. Einen Ausblick auf das Programm mit einigen Empfehlungen habe ich für kino-zeit.de geschrieben – also würde ich mich freuen, wenn ihr einfach unter diesem Link weiterlest …

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Scorsese-Filme und Twitter-Battle

Heute beginnt bei ARTE eine Woche im Zeichen von Martin Scorsese, in der bis zum 26. Oktober sechs Spielfilme und eine Dokumentarfilmreihe zu sehen ist. Den Auftakt macht heute um 20:15 Uhr „Goodfellas“, direkt im Anschluss gibt es die dreiteilige Reihe „Eine Reise mit Martin Scorsese durch den amerikanischen Film“. Außerdem werden an den nächsten Tagen noch „Zeit der Unschuld“, „Hexenkessel“, „New York, New York“, „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ gezeigt. Das verspricht doch über eine Woche lang gutes Fernsehen!

Begleitend gibt es bis zum 31. Oktober bei Twitter Battle der „Gangs of Scorsese“ statt. Dort treten sechs Banden gegeneinander an, die sich für jeweils einen der ausgestrahlten Filme einsetzen. Gewonnen hat die Gang, deren Hashtag am Ende des Spiels am häufigsten verwendet wurde – und ihr winken verschiedene Preise, gestiftet von der Cinémathèque Française im Paris. Ich bin mit der kino-zeit.de-Redaktion in der Taxi-Driver-Gang – und wenn ihr mögt, schließt euch uns doch an und twittert, retweetet und favorisiert möglichst häufig alles mit dem Hashtag #GangofTaxi!

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Filmfest Hamburg – Tagebuch 3

Langsames WLAN und viel Arbeit tragen dazu bei, dass ich nicht so viele Filme gucke, wie ich gucken wollte, und nicht so viel blogge, wie ich bloggen wollte. Und nun ist für mich das Filmfest Hamburg schon fast vorbei, morgen geht es zu privaten Verabredungen nach Köln, dann kurz nach Berlin und am Mittwoch zur Buchmesse. Aber noch heißt es Filmfest.

Aufgefallen ist in den letzten Tagen, dass Kollegin Sophie (Filmlöwin) und ich in erstaunlich vielen Filmen zusammensaßen – sie guckt vornehmlich Filme von Frauen, ich aus Skandinavien und da gab es in diesem Jahr viele Überschneidungen. Ohnehin die Skandinavier: Die beiden Filme, die mir bisher am besten gefallen haben („Long Story Short“, „Rosita“) sind aus Dänemark, von einer Frau gedreht und haben noch keinen Verleih. Deshalb fange ich jetzt schon einmal an zu bedauern, dass das Bild des skandinavischen Kinos hierzulande einfach unvollständig bleibt, wenn es nur aus schwarzen Komödien wie „Men & Chicken“, Filmen mit Schnee und ein paar Kriegsdramen besteht.

Ansonsten habe ich bisher einige ganz gute Filme („Mustang“, „Son of Saul“) gesehen, der große Knaller war aber noch nicht dabei. Es mag daran liegen, dass ich die asiatische Sektion völlig außen vor lassen, allerdings bleibt mir dieses Jahr auch fast keine Zeit für Entdeckungen außerhalb des „Pflichtprogramms“ (zu besprechende und skandinavische Filme). Aber fünf Filme warten noch bis morgen Mittag auf mich. Vielleicht ist ja noch ein Knaller dabei.

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FFHH15: „Long Story Short“

Bestimmte Geschichten begegnen einem im Kino immer wieder. Dazu gehört auch die von einer Gruppe von Freunden, die im Verlauf des Films durch allerhand Beziehungen, Trennungen, Krankheiten und so weiter geht. Eine solche Geschichte erzählt der dänische Film „Long Story Short“ von May el-Toukhy auf ungemein warme, kluge, witzige und rührende Art und Weise.

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Der Film beginnt am Silvesterabend. Ellen (Mille Lehfeldt) liegt mit Sebastian (Ola Rapace) im Bett, er hat ihr ein Armband geschenkt und muss dann los. Der Handlungsort wechselt, Anette (Trine Dyrholm) bereitet eine Party vor und freut sich mit ihrer Freundin Maya (Danica Curic) auf eine Feier. Nach und nach treffen die Gäste ein, darunter ist Sebastian mit seiner Ehefrau sowie – mit Verspätung – Ellen, Ellens guter Freund Ralf (Peter Glantzler), Rolfs Schwester Bolette (Dya Josefine Hauch) und ihr Mann Adam (Janus Nabil Bakrawi), später wird auch noch Anettes Cousin Max (Jens Albinus) dazu stoßen. Im Verlauf des episodischen Films werden diese Freunde bei Hochzeiten, Namenstagen, zu Mittsommer und anderen Ereignissen aufeinander treffen, dadurch folgt der Film ihren Leben über Jahre hinweg. Es gibt neue Lieben, Trennungen, Geburten und Tod. Das eigentlich dramatische Ereignis geschieht dabei oftmals zwischen diesen Feiern, auf denen die Auswirkungen zu spüren sind und besprochen werden. Auf diese Weise wird man nach und nach ein Teil dieser Clique der Ende 30-, Anfang 40-jährigen, die mit ihren bisher getroffenen Entscheidungen zurechtkommen und deren Konsequenzen tragen müssen. Deshalb werden inmitten der Leichtigkeit der Feier lebensnahe – und schwierige – Fragen verhandelt: Kann man den Partner verlassen, mit dem man Kinder hat? Was passiert, wenn die große Liebe Kinder will, man selbst aber nicht? Man erkennt die Typen und Gespräche wieder, weil sie im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis zu finden sind. Denn wer kennt sie nicht, die Frau, die immer den Versprechen eines Mannes glaubt, obwohl sie und man selbst wissen, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Aber sie will seine Lügen für wahr halten – und als Freundin kann man nichts anderes tun, als sie auf die Wahrheit hinzuweisen und im Trennungsfall für sie da zu sein (bei einer Szene ging ein sehr kollektiver Seufzer durch das gesamte Publikum). Oder die Paare, die einfach jetzt nicht mehr zusammenpassen, obwohl sie einst so gut harmonierten – oder bei denen immer einer zurückstecken muss.

Zu dieser Lebensnähe kommen kluge Dialoge, erwachsenes Verhalten der Figuren, eine warme und präzise Kameraarbeit sowie eine nicht nur namhafte, sondern auch sehr gute Besetzung. Gerade Mille Lehfeldt ist sehr überzeugend als Ellen, die allzu leicht ein zu neurotischer Charakter hätte werden können. Aber so hofft man mit ihr auf ein gutes Ende – wohlwissend, dass es im Leben manchmal anders läuft.

Lang historie kort – Trailer from Det Danske Filminstitut on Vimeo.

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Filmfest Hamburg – Tagebuch 2

Eine der größten Herausforderungen bei einem Filmfest sind nicht Warteschlangen, nicht-funktionierende Ticketdrucker oder Vordrängler, sondern das Essen Wenn man am Tag – wie ich gestern schrieb – vier Filme guckt, über zwei schreibt, noch andere Arbeit erledigt und mit Kollegen plaudert, bleibt nicht viel Zeit zum Essen. In Hamburg sind die Bedingungen eigentlich gut: In der Nähe der beiden Kinos, in denen die Pressevorstellungen laufen, befinden sich Restaurants und Bäckereien (Abaton) oder ein Bahnhof (CinemaxX). Abgesehen von den beiden Kinos war ich bisher nur im Passage-Kino, auch dort gibt es Bäckereien usw. in der Nähe. Aber aufgrund der Zeit bleibt meist nur Zeit für ein Nahrungsmittel, das man mitnehmen und im Hotelzimmer oder in einer Schlange essen kann. Und da ich kein Fleisch esse, bleiben mir in der Regel Käsebrötchen – (in München entscheidend variiert durch Laugengebäck in allen erdenklichen Formen). Sie sind mit Hauptnahrungsmittel bei Filmfestivals, bei denen ich im Hotel wohne. Deshalb war mein Erschrecken groß, als ich am zweiten Tag hier in Hamburg feststellte, dass ich keine Lust auf Käsebrötchen habe. Das wird schwer in den nächsten Tagen.

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Ansonsten war mein Tag straff durchgetaktet: Vormittags blieb ich im Hotel um zu arbeiten, ab 12:30 Uhr sah ich vier Filme: „Unter dem Sand“ und „Harry Me“ werde ich für kino-zeit.de besprechen, über den sehr schönen „Long Story Short“ folgt ein separater Beitrag und daher bleibt noch „Nice People“, ein Film über ein somalisches Bandy-Team. Bandy würden wir wohl eher als Eis-Fußball bezeichnen: Es ist ein Spiel wie Eishockey nur statt Puck gibt es eine Art Fußball, außerdem sind die Schläger kürzer und ich vermute mal, dass auch die Regeln anders sind. Jedoch erzählt der Dokumentarfilm weniger über die Sportart als vielmehr von den Menschen rund um diese Idee: Der Schwede Patrik Andersson hatte die Idee, ein somalisches Team bei den Bandy-Weltmeisterschaften in Sibirien anzumelden – er wollte damit die Integration der vielen Somalier unterstützen, die in seinem Heimatort Borlange leben. Also folgt der Film seinen Bemühungen, das Team zu finanzieren, außerdem werden die somalischen Spieler immer wieder von dem Unterhaltungsduo Fredrik Wikingsson and Filip Hammar befragt. Diese Interviewsituationen vor der Kamera erinnern sehr an Castingshow-Gespräche, die die Kandidaten rund um den Auftritt führen. Ohnehin soll „Nice People“ wohl witzig sein, wird aber oft auch unfreiwillig komisch, so dass ich mich fragte, ob es wirklich ein Dokumentarfilm oder nicht eher eine Mockumentary ist (ist es nicht). Daneben gibt es plumpe Versuche, die Zuschauer mit emotionalen Geschichten zu rühren, die mich wiederum an gecastete Sendungen im Fernsehen erinnerten. Und dass die Kamera immer wieder Probleme zu fokussieren hatte, sollte vielleicht ein filmisches Mittel sein, dessen Sinn sich mir aber nicht erschloss. Alles in allem also ein Film, bei dem ich mich frage, warum er – abgesehen von der thematischen Aktualität – hier zu sehen ist.

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Filmfest Hamburg 2015 – Tagebuch 1

Auf ein Filmfest zu fahren klingt erst einmal sehr verlockend – wer will denn nicht den ganzen Tag Filme gucken? Und es ist auch tatsächlich eine sehr schöne Sache, die ich sehr genieße. Doch es gibt auch immer wieder falsche Vorstellungen von dem, was bei einem Filmfest tatsächlich abläuft. Da ich nicht privat hier bin, sondern beruflich, bedeutet es zunächst, dass ich nicht nur Filme ansehe, sondern im Schnitt über zwei Filme am Tag schreibe. Die Zeit brauche ich zusätzlich zu den sechs bis acht manchmal zehn Stunden, die ich im Kino sitze. Zwischendurch muss ich Karten für Vorstellungen holen oder zwischen den Kinos hin- und herfahren, dann muss ich noch essen und möchte mit Kolleginnen und Kollegen ein Bier trinken. Ihr ahnt längst, worauf es hinausläuft: Es sind großartige, aber auch lange Tage auf einem Filmfestival.

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Hinzu kommt, dass nicht alle Filme gut sind, manche müssen einfach durchgesessen werden. Außerdem bin ich nicht völlig frei in meinen Entscheidungen, welche Filme ich sehe. Manche muss ich sehen – weil sie einen Starttermin haben und ich sie gegen Bezahlung rezensieren kann (schließlich müssen die Unkosten für Anreise, Unterkunft und Verpflegung gedeckt werden) oder weil sie für den Filmdiskurs wichtig sind. Dadurch fallen auch Filme weg, die ich gerne sehen möchte, weil sie mich persönlich interessieren. Weiterlesen

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