Filmfest Hamburg 2015 – Tagebuch 1

Auf ein Filmfest zu fahren klingt erst einmal sehr verlockend – wer will denn nicht den ganzen Tag Filme gucken? Und es ist auch tatsächlich eine sehr schöne Sache, die ich sehr genieße. Doch es gibt auch immer wieder falsche Vorstellungen von dem, was bei einem Filmfest tatsächlich abläuft. Da ich nicht privat hier bin, sondern beruflich, bedeutet es zunächst, dass ich nicht nur Filme ansehe, sondern im Schnitt über zwei Filme am Tag schreibe. Die Zeit brauche ich zusätzlich zu den sechs bis acht manchmal zehn Stunden, die ich im Kino sitze. Zwischendurch muss ich Karten für Vorstellungen holen oder zwischen den Kinos hin- und herfahren, dann muss ich noch essen und möchte mit Kolleginnen und Kollegen ein Bier trinken. Ihr ahnt längst, worauf es hinausläuft: Es sind großartige, aber auch lange Tage auf einem Filmfestival.

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Hinzu kommt, dass nicht alle Filme gut sind, manche müssen einfach durchgesessen werden. Außerdem bin ich nicht völlig frei in meinen Entscheidungen, welche Filme ich sehe. Manche muss ich sehen – weil sie einen Starttermin haben und ich sie gegen Bezahlung rezensieren kann (schließlich müssen die Unkosten für Anreise, Unterkunft und Verpflegung gedeckt werden) oder weil sie für den Filmdiskurs wichtig sind. Dadurch fallen auch Filme weg, die ich gerne sehen möchte, weil sie mich persönlich interessieren.

Mein Freitag sah also folgendermaßen aus: Um kurz nach 8 Uhr bin ich mit dem Zug von Berlin nach Hamburg gefahren, im Zug habe ich gearbeitet, da einige Deadlines in der nächsten Woche auf mich warten. Kurz ins Hotel, dann habe ich im Pressezelt Akkreditierung und Karten für heute und morgen abgeholt. Bis zu meinem ersten Film um 12 Uhr hatte ich noch etwas Zeit, also habe ich mich in ein Café gesetzt und gearbeitet – Mails beantwortet, mit einer Kollegin konferiert, geschrieben. Der erste Film, „Brother Dejan“, war eine sehr zähe Angelegenheit, bei der der Regisseur ein wenig vergessen hat, dass es auch Zuschauer gibt, die einen erzählerischen Rahmen brauchen. Dann hatte ich eine halbe Stunde Pause, da habe ich ein Brötchen gegessen und dann Kollegin Sophie getroffen, mit der ich um 14:30 Uhr zusammen „Son of Saul“ gesehen habe (dazu folgt ein separater Beitrag). Anschließend bin ich ins Hotel, habe ausgepackt und gelesen. Diese Deadlines nächste Woche. Um kurz nach sechs traf ich mich dann mit Kollege Rochus (anscheinend wurden alle Berliner Journalist_innen in einem Hotel untergebracht), wir fuhren zusammen in ein anderes Kino, schauten „My Internship in Canada“ und anschließend trafen wir uns auf ein Bier (na gut, zwei Bier) mit Sophie. Dann war es ungefähr 0 Uhr und ich ging schlafen.

Und nicht, dass es verkehrt wirkt: Ich liebe es, auf Festivals zu fahren. Aber es ist eine zeit- und kostenintensive Angelegenheit. Dafür darf man dann aber auch einige Tage lang in einer Blase sein, in der sich fast alles um Filme dreht.

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