Polizeiarbeit in Mexiko

Von der Polizei in Mexiko hat vermutlich fast jede:r ein bestimmtes Bild – egal, ob ein direkter Kontakt zu der Polizei oder gar ein Besuch in dem Land stattgefunden hat. Aber zahllose Kriminalerzählungen – unterstützt von Reportagen und Artikeln – verbreiten das Bild der korrupten, unfähigen, untätigen mexikanischen Polizei. Der mexikanischer Filmemacher Alonso Ruizpalacios hat nun einen Film über die mexikanische Polizei gedreht: A Cop Movie (Una película de policías).

(c) No Ficcion

Produziert wurde dieser Film mithilfe von Netflix, aber das sollte nicht in die Irre führen: Zwar beginnt A Cop Movie wie einer der vielen hart an der vermeintlichen Wirklichkeit operierenden Polizistenfilme, die dort zu streamen sind. Aber von Anfang an merkt man, dass hier etwas anders ist. Das beginnt schon mit dem ersten Ton. Zunächst wirkt es als würde eine Frau sehr laut schreien, dann wird dieser Schrei aber zu einem Sirenenklang. Die Kamera sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens, blickt nur durch die Frontscheibe. Zu hören ist der Funkverkehr, schließlich nimmt die Fahrerin des Fahrzeugs einen Ruf an und fährt zu einem Haus.

Und hier beginnt dann der zweite große Bruch: Zunächst einmal steht eine Polizistin in dem ersten Teil dieses Films im Mittelpunkt. Als sie vor dem Wohnhaus anhält, wird sie alles andere als freundlich begrüßt. Es ist eine feindliche, bedrohliche Atmosphäre, sie wird skeptisch beäugt. Tatsächlich liegen die Nerven der Bewohner blank: Sie warten seit Stunden auf einen Krankenwagen, nun kam anstatt der erhofften medizinischen Hilfe für eine schwangere Frau in den Wehen ein Polizeiwagen, den sie nicht gerufen haben. Teresa (Mónica Del Carmen) entschließt sich dennoch zu helfen. Sie weiß, dass sie ein Risiko damit eingeht, aber die Frau tut ihr leid. Damit endet diese Szene, die wie ein Thriller begann, mit einem Happy End und beinahe einer Unmöglichkeit in einem „Polizeifilm“. Eine gute Polizistin hat eine gute Tat vollbracht.

Von Teresa und ihren Weg zur Polizei erzählt das erste Kapitel dieses Films, der insgesamt aus fünf Kapiteln besteht. Auf sie folgt Montoya (Raúl Briones), der wegen seines Bruders zur Polizei gegangen ist. Auch Teresa folgte familiären Pfaden, bei ihr war es ihr Vater, der allerdings gegen ihre Entscheidung war. In der ersten Sequenz mit Montoya ist zu sehen, wie er Teresa von hinten berührt, an die Innenseite der Schenkel fasst. Und auch hier scheint man wieder seine Erwartungen von der sexistischen Polizei bestätigt zu sehen. Es stellt sich aber heraus, dass Teresa und Montoya nicht nur Kollegen sind. Sie haben sich im Dienst kennengelernt, galten dann als „love patrol“ und leben zusammen.

Es folgt ein weiterer Bruch in diesem Film: die Aufnahmen eines Gesprächs mit Teresa und Montoya muss unterbrochen werden, weil ein Generator ausgefallen ist. Die Schauspieler:innen machen Pause und der Film schwenkt zu einem anderen Thema: Wie bereiten sich Schauspieler:innen auf diese Rollen vor? In diesem Fall nun haben Del Carmen und Briones tatsächlich für drei Monate an der Polizeiausbildung teilgenommen und dabei mit ihren iPhones gefilmt, oft auch tagebuchartige Monologe, die hier montiert sind. Und damit hat dieser Film nun eine weitere Meta-Ebene erreicht: es ist nicht nur ein Film über die Polizei, sondern auch ein Film über einen Film über die Polizei.

Die Schauspieler:innen blicken wie die Figuren, die sie vorher gespielt haben, direkt in die Kamera. Sie erzählen von ihren eigenen Vorbehalten, ihren Erfahrungen. Schließlich kommen dann als weitere Ebene die Vorbilder für ihren Rollen hinzu und erzählen ihre Erlebnisse. Auch sieht man Del Carmen und Briones, wie sie die Erzählweise von Teresa und Montoya – den echten – einstudieren, damit sie genau so klingen.

Auf diese Weise gelingt Alonso Ruizpalacios ein sehr vielschichtiger Film, der sowohl mit dokumentarischen als auch fiktionalen Mitteln arbeitet – und zwar hier dezidiert eines Polizistenfilms, das hört man schon alleine an dem Score und sieht man in der Inszenierung der Polizeimomente. Zugleich aber greift sein Film das Misstrauen und den Argwohn gegenüber der mexikanischen Polizei auf und macht deutlich, wie schmal die Grenze zur Korruption in einem System ist, das durch und durch korrupt ist. Ein einfaches Beispiel dafür ist, dass die Polizist:innen den Kolleg:innen, die das Arbeitsmaterial ausgeben, Geld dafür geben müssen, eine gute schusssichere Weste, eine gute Waffe usw. zu bekommen.

Alonso Ruizpalacios macht nicht den Fehler, seine Protagonist:innen oder die Polizei zu romantisieren. Aber mit seiner Inszenierung – die seinem bei der Berlinale 2021 einen Bären für den besten Schnitt einbrachte – gelingt es ihm, das Bild der gesichtslosen korrupten Behörde zu durchbrechen und von den Menschen in dieser Behörde zu erzählen, ohne das System von Schuld freizusprechen. Ganz im Gegenteil: am Ende dann werden auch Teresa und Montoya genau die Folgen dieses Systems zu spüren bekommen.

Für die Montage hat Yibrán Asuad einen Silbernen Bären bei der Berlinale 2021 bekommen.

Die Kritik erschien zuerst bei Kino-Zeit.

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Über „Der Tausch“ von Julie Clark

„Sie ist eine Frau, die weiß, wie leicht ein Fünfzigtausend-Dollar-Teppich die Haut ihrer Wangen zerfetzen kann.“ Mit diesem Satz weiß man schon eine ganze Menge über Claire: Sie lebt in einem reichen Umfeld und wird offenbar misshandelt. Tatsächlich ist Claire mit einem kommenden US-Senator Rory Cook verheiratet, der Sprösslings einer „Politikerdynastie, die gleich nach den Kennedys kommt“. Aber hinter der glamourösen Fassade steckt ein kontrollsüchtiger Mann, der seine Ehefrau schlägt. Also will Claire dieses Leben hinter sich lassen, aber sie weiß, sie kann sich nicht einfach scheiden lassen. Stattdessen bereitet sie ihr Verschwinden minutiös vor, doch der sorgsam ausgearbeitete Plan geht in letzter Sekunde schief. Vielleicht ergreift sie deshalb die Gelegenheit, die sich ihr am Flughafen bietet: Sie trifft dort eine andere Frau, ähnlich verzweifelt wie sie – und Eva bietet ihr an, einfach die Tickets zu tauschen. Eva würde unter Claires Namen nach Puerto Rico reisen, Claire mit Evas Ticket nach San Francisco. Ein erster Schritt in ein neues Leben für beide Frauen. Tatsächlich sie sich auf diesen titelgebenden Tausch – aber Claire ahnt nicht, worauf sie sich eingelassen hat.

(c) Heyne

Insbesondere am Anfang ist „Der Tausch“ clever erzählt: Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem Eva aus Ich-Perspektive erzählt, wie sie am Flughafen steht und auf eine bestimmte Frau wartet. Danach springt die Handlung einen Tag zurück zu Claire, die ebenfalls aus Ich-Perspektive aus ihrem Leben und den Vorbereitungen zu ihrer Flucht erzählt. Im Folgenden dann wird Claire diese Perspektive beibehalten, unterbrochen von Kapiteln zu Eva, nun aber aus personaler Perspektive und weiter in der Vergangenheit spielend. Dadurch bewegen sich diese Kapitel zeitlich aufeinander zu, während Claire in der Erzählgegenwart versucht, einen Weg zu finden, ohne Ausweispapiere ein neues Leben zu beginnen, wird nach und nach Evas Vergangenheit erzählt. Dadurch steuern diese Kapitel auf den Moment zu, in dem sich ihre Wege kreuzen – das ganze Buch erzählt weit weniger von den Folgen des Tausches als von den Ereignissen davor.

Durch die Erzählperspektiven bleibt man stets näher bei Claire. Weiterlesen

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Glasgow in den 2000er Jahren – Über „Götter und Tiere“ von Denise Mina

Denise Mina hatte es lange Zeit schwer auf dem deutschsprachigen Buchmarkt: Sie war bei Droemer Knaur, ihre Reihen sind oftmals nicht in Chronologie erschienen und sie war mehr ein Geheimtipp. Bis zu bei Ariadne gelandet ist. Zunächst erschien erst 2018 das großartige „Blut Salz Wasser“, der fünfte Teil der Alex-Morrow-Reihe, dann 2019 der witzige, kluge, rasante Kriminalroman „Klare Sache“. Und 2020 ist dort „Götter und Tiere“ erschienen, der dritte Teil der Alex-Morror-Reihe – gewissermaßen eine wichtiger Lückenschluss, denn jetzt liegt die Reihe komplett in deutscher Übersetzung vor. (Die ersten beiden Teile „In der Stille der Nacht“ und „Blinde Wut“ sowie der vierte Teil „Das Vergessen“ sind bei Heyne erschienen.) Nun ist es nicht so, dass die Lektüre von „Götter und Tiere“ davon negativ beeinflusst wird – allerdings kann es am Ende passieren, dass man das unbändige Verlangen hat, nun „Das Vergessen“ doch noch einmal zu lesen – gerade wenn es doch schon ungefähr sechs Jahre hier ist, dass man das Buch gelesen hat.

„Götter und Tiere“ beginnt mit einem Raubüberfall in einer Postfiliale: Ein bewaffneter Räuber dringt in den Schaltraum ein. Ein älterer Mann, der mit seinem Enkel in der Schlange steht, scheint den Räuber zu erkennen. Er gibt seinen Enkelsohn dem Mann hinter ihm und wird erschossen. Alex Morrow ermittelt in diesem Fall, aber das ist nicht ihre einzige Sorge: Zwei Streifenpolizist*innen haben Schmiergeld angenommen. Dazu kommt – ganz dem Polizeiroman gemäß – ein dritter Handlungsstrang hinzu, der lange die anderen beiden nur tangiert: Der Labour-Lokalpolitiker Kenny Gallagher droht, wegen der „Affäre“ mit einer 17-jährigen Praktikantin seine Posten, seinen Einfluss und seine Ehe zu verlieren.

Denise Mina (c) Denise Mina

Diese drei Handlungsstränge ermöglichen Mina den Blick in sehr verschiedene Glasgower Milieus: der ermordete ältere Mann ist eine Arbeitergröße, ein alter Gewerkschafter, dessen Tochter mitsamt Sohn bei ihnen lebt. Sein Enkelsohn überlebt den Überfall auf dem Arm des jungen Mannes Martin Pavel, der vorgibt, Student zu sein, tatsächlich aber versucht, sein großes Erbe sinnvoll einzusetzen. Die Streifenpolizist*innen deuten auf die Korruption innerhalb der Polizei hin, die Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen in Glasgow zusätzlich verhindert. Der Lokalpolitiker indes kommt aus einem gehobenen bürgerlichen Haus, lebt scheinbar idyllisch mit Frau und zwei Kindern, glaubt stets klüger zu sein als alle anderen im Raum, ist aber im Grunde genommen ein armeseliger misogyner Wicht. Bemerkenswert ist wie Denise Mina schon lange vor #Metoo mit sexualisierter Gewalt umgeht. Die 17-jährige Praktikantin wurde von Kenny Gallagher nicht mit direkter Gewalt zum Sex gezwungen. Aber natürlich gibt es ein ungeheures Machtgefälle zwischen dem Politiker und der Praktikantin – ganz abgesehen davon, dass sie minderjährig ist und er erwachsen. Insbesondere in Bezug auf Kenny Gallagher wird deutlich, wie sehr sein Weltbild von einer abschätzigen Wahrnehmung von Frauen geprägt wird. Darauf muss Mina nicht mit dem Finger zeigen, sie markiert es mit den Worten, in denen er über Frauen denkt – als er eine Prostituierte in einem Hotelzimmer aufsucht, denkt er über sie als „es“, das er mehrfach durchficken wird.

Es ist dieser genaue Blick, die genaue Sprache, die kluge Wortwahl, die Minas Romane auszeichnet und „Götter und Tiere“ ist ein vielschichtiger, sorgfältiger und hochspannender Blick in die Stadt Glasgow der frühen 2010er Jahre. Es wird sehr deutlich, dass sich Kriminalität und Verbrechen überall findet, sogar in Morrows Familie: Ihr Halbbruder Danny McGrath ist einer der großen Gangsterbosse in Glasgow. Er sieht so manches, was Alex erst noch herausfinden muss. Und dazu gehört auch, wie einflussreich ihr Bruder tatsächlich ist. Aber dafür gibt es dann ja „Das Vergessen“.

Denise Mina: Götter und Tiere. Übersetzt von Karen Gerwig. Ariadne 2020.

In ihrem Vorwort weist Else Laudan auf die Seite Glasgow West End hin, auf der man Fotos zu der Gegend findet, in der der Roman spielt.

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Auf Wahrheitssuche – „Verweigerung“ von Graham Moore

Voriges Jahr erschien Jill Ciments Roman „Anatomie eines Prozesses“, in dem eine Geschworene von der Zeit erzählt, die sie in Abgeschiedenheit verbringen musste, während sie über die Schuld einer Angeklagten befinden musste. Dieser Roman ist kunstvoll gebaut, in ihm wird deutlich, wie abgekapselt die Geschworenen während eines Prozesses ist, wie eine eigene Dynamik unter diesen zufällig ausgewählten Menschen entsteht, die sehr viel Zeit miteinander verbringen müssen. Der tatsächliche Prozess, die Schuld oder Unschuld der Angeklagten gerät dabei zusehends in den Hintergrund und folgerichtig wird in diesem Roman nicht aufgeklärt, ob die angeklagte junge Frau tatsächlich für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist.

Auch in Graham Moores „Verweigerung“ ist wiederholt zu lesen, dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, dass man mit Ungewissheit leben muss, dass Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit manchmal aus derselben Tatsache entspringen können. Vor zehn Jahren hat Maya maßgeblich dafür gesorgt, dass Bobby Nooke freigesprochen wird – sie war die Geschworene, die alle anderen von dem Freispruch aufgrund begründeter Zweifel überzeugt hat. Danach brach ein Sturm der Entrüstung über die Geschworenen ein, die Mehrheit der Gesellschaft war überzeugt, dass sie einen Schuldigen davonkommen haben lassen. Seither ist Maya Anwältin geworden, aber der Prozess hat sich auf ihr Leben und das der anderen Geschworenen vielfältig ausgewirkt.

Nun wird es zu dem zehnjährigen Jubiläum eine Sondersendung über die damalige Verhandlung geben, die maßgeblich auf einer Entdeckung basiert, die einer der damaligen Geschworenen gemacht hat, der seit zehn Jahren wie besessen in diesem Fall recherchiert. Aber vor der Enthüllung wird Rick tot aufgefunden – in Mayas Hotelzimmer. Da Maya und Rick damals eine Affäre hatten und sie nun kein Alibi vorweisen kann, wird sie des Mordes verdächtigt. Mittlerweile ist sie Strafverteidigerin, sie weiß also, wie sie sich zu verhalten hat. Eigentlich. Stattdessen aber macht sie sich daran, mit eigenen Recherchen ihre Unschuld zu beweisen und beginnt ihrerseits mit Ermittlungen in dem damaligen Fall.

Auf zwei Ebenen werden diese Fälle verhandelt: in der Gegenwart versucht Maya, Ricks Mörder zu finden, indem sie herausfindet, was er herausgefunden hat. Dazwischen geschaltet sind Kapitel, in denen sich die damaligen Geschworenen jeweils personal an den Prozess erinnern. Dadurch wird – wenngleich weitaus weniger eindringlich – deutlich, wie diese Erfahrung des Prozesses für sie war. Allerdings wird hier sehr viel mehr erklärt, während Ciment durch ihre Erzählhaltung und Sprache – bspw. waren die Geschworenen sehr lange nur Nummern – diese Erfahrung ausgedrückt hat. Vor allem aber wird aus diesem Gerichtsroman zusehends ein recht altmodischer Whodunit: Es gibt wie in den Agatha-Christie-Romanen eine bestimmte Anzahl Verdächtiger, von denen es am Ende auch jemand war, und natürlich nicht nur eine, sondern weil es ja um zwei Fälle geht, zwei Enthüllungen, die alles auf den Kopf stellen. Die in Ricks Fall ist durchaus überraschend, wenngleich die Hintergründe, nun ja …, die Enthüllung in dem damals verhandelten Fall ist indes sehr weit vorherzusehen.

„Verweigerung“ greift immer wieder Ungerechtigkeit und Rassismus im Justizsystem auf, ein wenig ergeht es Graham Moore dabei auch wie seiner Hauptfigur Maya: Vieles ist gut gemeint, aber lediglich solide gemacht. Es sind viele Erklärdialoge notwendig – und da ist dann doch schade, dass er am Ende seiner Leser*innen nicht wenigstens mit ein paar Ungewissheiten entlässt. Schließlich ist ja die Wahrheit alles andere als eindeutig.

Graham Moore: Verweigerung. Übersetzt von André Murmot. Eichborn 2021.

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Zum 100. Geburtstag von Patricia Highsmith

Patricia Highsmith feiert heute 100. Geburtstag. An dieser Stelle sammele ich Medienberichte und erste Gedanken zu diesem Gedenken.

Ein sehr lesenswerter Beitrag stammt von Thomas Klingemaier in der Stuttgarter Zeitung – leider hinter der Bezahlschranke. In diesem Text finden sich klare Einordnungen des Werks, außerdem der sehr angebrachte Hinweis, dass die Biographie zwar interessant sein mag, aber das autobiografische Bezüge trotzdem „schnuppe“ sind (eine Einschätzung, die ich sehr teile. Abgesehen davon findet sich eine sehr treffende Beschreibung von Tom Ripley: „Dieser kleine Trickbetrüger ist zu Beginn von „Der talentierte Mr. Ripley“ ein unsäglicher Schmierlappen, ein charakterloser Abzocker, ein verlogenes Wiesel und heuchelnder Opportunist. Es macht Spaß, ihn zu verachten. Und dann umarmen wir ihn in voller Kenntnis seiner miesen Seiten. In Perversion des Leistungsprinzips beginnt man zu glauben, dieser Mann, der etwa mit Leichenbeseitigen solche Mühe hatte, müsse nun auch die Früchte seiner Anstrengungen genießen dürfen.“

Einen guten Einstieg in das Werk liefert auch Jürgen Kaubes Beitrag in der FAZ, in der über die Feststellung der Abwesenheit moralischer Urteile weit hinausgeht: „Die Spannung liegt bei ihr nie in einem sachlichen Rätsel oder in der Unbekanntheit von Tatmotiven. Sondern darin, was mit den Verbrechern oder den Unschuldigen geschieht, bevor oder nachdem sie wurden, was sie sind. Es sind Charakterstudien des abweichenden Verhaltens.“ Dazu blickt er auch auf Romane wie „Der Geschichtenerzähler“, „Das Zittern des Fälschers“ und „Tiefe Wasser“. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Dark“ von Candice Fox

Zehn Jahre hat Blair Harbour im Gefängnis gesessen, nachdem sie ihren Nachbarn erschossen hat. Seit einem Jahr ist sie nun auf Bewährung draußen und jobbt an einer Tankstelle. Sie tut alles dafür, es nicht vermasseln, denn sie hat einen Sohn, der bei einem befreundeten Ehepaar lebt und zu dem sie mehr Kontakt haben will. Dann wird eines Nachts die Tankstelle überfallen, in der sie arbeitet. Sie warnt die junge blonde Diebin, dass die Tankstelle einem Kartell gehört, aber das Mädchen ist so verzweifelt, dass es ihr egal ist. Blair indes ist im Grunde genommen ein guter Mensch. Also gibt sie der Räuberin, was in der Kasse ist, und füllt sie hinterher mit ihrem eigenen Geld wieder auf.

Dieser Überfall könnte eine kurze Störung ihres Alltags sein, doch dann taucht ihre ehemalige Zellengenossin Sneak auf. Sneaks Tochter Dayly ist verschwunden. Sie war es, die Blairs Tankstelle überfallen hat. Und Sneak will, dass Blair ihr hilft, sie wiederzufinden. Blair schuldet Sneak etwas, ohne sie hätte sie das Gefängnis kaum überstanden. Also stimmt sie widerwillig zu – und sucht abermals eine ehemalige Mitgefangene auf: die gefährliche Ada Maverick, die ein eigenes Gangsterimperium führt, aber Blair etwas schuldet. Und die Polizistin Jessica Sanchez, die gerade ein Sieben-Millionen-Dollar-Haus geerbt hat und deshalb von ihren Kollegen fertig gemacht wird.

Candice Fox hat mit „Dark“ das heimatliche Australien gegen Los Angeles eingetauscht und erzählt von vier sehr unterschiedlichen Frauen mit einem zumindest teilweise gemeinsamen Ziel. Blair ist die Nette, die Fürsorgliche, die sich kümmert, aber auch die Kontrolle und den Status vermisst, den sie früher als Ärztin hatte. Sneak ist chaotisch und dreist, sie stiehlt alles, was sie in die Finger bekommt. Ada ist skrupellos und hart – genau das fehlt den beiden andere Frauen. Die Polizistin Jessica Sanchez hat damals Blair hinter Gittern gebracht und fürchtet nun, sie könnte einen Fehler gemacht haben. Jede Frauen hat Eigenheiten, eigene Probleme und eine eigene Agenda, die sich nach und nach zeigt. Sobald sie aber ihre Erkenntnisse und ihr Wissen zusammenwerfen, sind sie nahezu unschlagbar.

Es sind sehr genau gezeichnete Charaktere, insbesondere Blair und Jessica bieten Anknüpfungspunkte für Leser*innen, Ada und Sneak vor allem für eigenwilligen, exzentrischen Charme. Dazu kommen weitere gute Nebenfiguren und – wie immer bei Fox – Tiere: eine Wühlmaus namens Hugh Jackman ist es, um die Blair sich kümmert.

Diese Konstellation erinnert an Elmore Leonard (auf den die Rückseite des Covers auch verweist) und George V. Higgings. Jedoch besetzt Fox nicht einfach männliche Figurentypen mit Frauen um – bei ihr spiegelt sich in allen Facetten wider, dass es Frauen sind, die sich hier zusammentun. Sie wollen eine Tochter retten, ohnehin spielen Kinder eine wichtige Rolle, es müssen aber nicht die eigenen sein, Nichten und Nachbarssöhne sind auch wichtig. Dass sich die Frauen um andere kümmern, ihnen helfen, macht sie nicht weicher oder schwächer, aber auch nicht per se zu besseren Menschen.

Die (Wahl-)Verwandtschaften sind ein entscheidendes Motiv in diesem Roman: sie stacheln an, führen ins Verderben oder ein besseres Leben. Und sie beschränken sich nicht auf die Beziehungen zu Kindern oder Jüngeren. Es ist die Vorstellung von der Polizei als einer Familie, die Jessica Sanchez zur Polizei gebracht hat. Sie dachte, wenn sie hart genug arbeitet, wird sie Teil dieser Familie. Aber sie lernt auf die harte Tour, dass diese Familie nur diejenigen aufnimmt, die nicht ausscheren, die weiß und männlich sind. Denn manchmal kann man sich eine Zugehörigkeit zwar wünschen und alles für sie tun, aber sie kommt nicht zustande.

Candice Fox: Dark. Übersetzt von Andrea O’Brien. Suhrkamp 2020.

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Der Fotorückblick des Jahres 2020

Über die Vorspeisenplatte bin ich auf die Aktion von Joel.lu aufmerksam geworden, einen Fotorückblick für das Jahr 2020 nach bestimmten Regeln zu machen. Und da mache ich gerne mit – allerdings mit zwei Abweichung. Die ausgewählten Fotos hatte ich vorher überwiegend nicht hochgeladen und in einem Monat habe ich nur ein Foto.

Januar

Als ich einen Fisch gelaufen bin

Bei meinen letzten Live-Konzert 2020

Februar

Kurz vorher darüber geredet, wie sehr ich als Kind Hildegard Hamm-Brücher bewundert habe – und nun gerne mal eine Biographie über sie lesen würde.

Manchmal lohnt sich im Museum auch der Blick an die Decke.

März

Parkbekanntschaft

April

Wenn Tulpen eine Nacht auf dem Balkon verbringen.

Küssende Kräne

Mai

Südgelände

Word!

Juni

Erster Besuch bei den Eltern im Jahr.

In der neuen Küche spricht die Geschirrspülmaschine mit uns.

Juli

Blumenpuder

Fliegen in der Pandemie

August

Wandern in Finnland

Abschiedsparade

September

Aktion vor dem Reichstag

Hannah-Arendt-Ausstellung

Oktober

Projekt Schneckenfotografie

Spooky Neighbours

November

Bergmannstraße

Lichter in Niedersachen

Dezember

Weihnachtslichter in Niedersachen

Letzte Fotorunde 2020.

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