Thomas Mann und der Film – „Der Zauberberg“

(c) Neue Visionen Filmverleih

„Der Zauberberg“ ist einer jener Romane, die kaum zu verfilmen ist: zu viele abstrakte Dialoge, zu wenig Handlung und ein schwächlicher Held erleichtern das Vorhaben nicht unbedingt. Darüber hinaus ist Thomas Manns Werk eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts, so dass die Verfilmung sehr hohe Erwartungen zu schultern hatte .

Womöglich aus diesem Grund sollte ein Regisseur mit internationalem Ruf die Verfilmung verantworten. Sehr früh brachten die Erben Thomas Manns Luchino Visconti ins Spiel, eine Weile wurde auch Peter Zadek gehandelt. Letztendlich übernahm aber Hans W. Geißendörfer – mittlerweile vor allem als Vater der „Lindenstraße“ ein Begriff – die Regie. Produzent war Franz Seitz, der sich seit 164 für eine Reihe von Thomas-Mann-Adaptionen verantwortlich zeigte. Weder Geißendörfer noch Seitz wollten einen das Buch abfilmen, sondern den Stoff mit Bezügen auf die Gegenwart durchziehen.

Hans Castorps Nacht mit Clawdia Chauchat (c) Neue Visionen Filmverleih

Tatsächlich enthält der Film „Der Zauberberg“, den ich am Sonntag im Rahmen der Thomas-Mann-Reihe im REX-Kino in Bonn gesehen habe, einige Hinweise auf die 1970er Jahre: die im Roman in die Fantasie des Lesers gestellte mögliche Liebesnacht zwischen Hans Castorp und Clawdia Chauchat ist recht explizit, gegen Ende des Romans erscheint Hans Castorp immer mehr wie ein Aussteiger. Diese Abweichungen erscheinen allerdings unmotiviert, zumal sie keine weiteren Bedeutungsebenen eröffnen. Weitaus gelungener sind die Veränderungen, die wohl dramaturgischen Ursprungs sind: Beispielsweise wurde die berühmte Bleistift-Szene an den Anfang des Films gestellt, wodurch ihre Bedeutung akzentuiert wird. Auch andere durchaus bedeutsame Nebenereignisse wie die verzweifelte Verweigerung der Abreise einer Patientin, der blutige Tod eines anderen Mitpatienten werden in dem Film gut komprimiert und verstärken die Darstellung des Verfalls dieser moribunden Gesellschaft auf dem Zauberberg.

Ohnehin legt Geißendörfer den Schwerpunkt seines Films eindeutig auf das morbide Fest, das in diesem Sanatorium stattfindet – und sein Kameramann Michael Ballhaus, dessen Handschrift in nahezu jeder Einstellung erkennbar ist, findet tolle Bilder dafür. Kamerafahrten, große Schwenks über die Kulissen, wunderbar beleuchtete Innenräume und detailliertes Dekor machen die Schönheit dieses Tanzes der Todgeweihten deutlich. Dadurch ignoriert der Film zwar die Widersprüchlichkeit dieser Zeit, die im Roman stets präsent ist, aber er zieht seine Zuschauer in die dekadente Atmosphäre tief hinein.

Leider wird die abstoßende Faszination, die diese vor sich hin treibende Gesellschaft ausüben könnte, durch die Charaktere unnötig erschwert. Einige Nebenfiguren sind nur zu verstehen, wenn man die Romanvorlage kennt – andere leiden an den desolaten Schauspielerleistungen. Vor allem Christoph Eichhorn ist eine misslungene Besetzung. Er erscheint als naseweiser, ungestüm aufbrausender und arroganter Hans Castorp, dem die Zweifel seines literarischen Urbildes fehlen. Seine Gesten sind ebenso wie seine Betonung oftmals übertrieben, dagegen nimmt sich Alexander Radszun als Castorps Vetter Joachim Ziemßen wohltuend zurück.

Settembrini belauscht Frau Stöhr (c) Neue Visionen Filmverleih

Auch Settembrinis homoerotische Neigung zu Hans Castorp wird von Flavio Bucci platt akzentuiert, Charles Aznavours Besetzung als Leo Naphta ist wohl eher der Berühmtheit seines Namens als seinem schauspielerischen Talent geschuldet. Marie-France Pisier spielt Clawdia Chauchat hingegen mit dem nötigen Hauch Frivolität, die Drehbuch und Regie in diese Figur gelegt haben.

Sicherlich kann ein Film den Motivreichtum, die vielen Anspielungen, die zahllosen Bedeutungsverschiebungen des Romans von Thomas Mann nicht auf die Leinwand transponieren. Aber man muss Geißendörfer und Seitz zugutehalten, dass sie dank der dramatischen Raffung und den starken Bildern einen soliden Film gedreht haben. Vielleicht hätte Luchino Visconti mehr aus dem Roman gemacht – aber insbesondere an den Bildern dieses Films konnte ich mich zweieinhalb Stunden erfreuen.

Heute Nachmittag ist „Der Zauberberg“ erneut im REX zu sehen. Die Filmreihe wird am Sonntag, den 15. Mai 2011, mit „Lotte in Weimar“ fortgesetzt.

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