Finnland – Im Gespräch mit Marko Leino

Mit „In der Falle“ hat Marko Leino einen der besten finnischen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. In verschiedenen Perspektiven erzählt er von dem Polizisten Juha Viitasalo, der einst eine korrupte Tat begang, seiner depressiven Frau Sari und einem jungen Mann, der aufgrund der Entscheidung seines Vater in eine schwierige Situation gerät. Dabei setzt Leino auf psychologische Spannung und komplexe Figuren – außerdem wirft sein Roman auch interessante Fragen über Schuld auf. Und noch dazu ist Marko Leino ein äußerst angenehmer Gesprächspartner.

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Was ist für finnische Kriminalliteratur charakteristisch?

Ich bin eigentlich kein Experte für die finnische oder überhaupt für die Kriminalliteratur irgendeines Landes, denn ich lese kaum Prosa, die eindeutig als Kriminalliteratur klassifiziert ist. Aber mit meinen beschränkten Kenntnisse würde ich sagen, dass die typische finnische Kriminalliteratur durch Alltäglichkeit, Schäbigkeit, Klüngelhaftigkeit und Ernst geprägt ist. Diese vier Merkmale gelten für die aufzuklärenden Verbrechen ebenso wie für die Protagonisten – ob Gauner oder Polizisten. Kurz und gut, der finnische Krimi ist eine Art Miniatur Finnlands und des finnischen Wesens.

Und wo liegen die Unterschiede zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?

Ich glaube, dass gerade die oben genannten Merkmale die finnische Kriminalliteratur vom Rest der skandinavischen Krimifamilie unterscheiden. Dazu kommt noch, dass man in finnischen Krimis häufig nach Osten blickt, d.h. vor allem nach Russland oder in die ehemaligen Sowjetstaaten, wenn man in einem Buch Verbrecher der sog. internationalen Ebene braucht. Dagegen holen z.B. die schwedischen Krimiautoren ihre schweren Jungs lieber aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien.
Zum Teil erklären sich die Schwerpunkte natürlich aus der speziellen Migrationspolitik Finnlands und aus der Einstellung zu Migranten. In Finnland steht man der Multikulturalität und den Migranten seit jeher abweisend gegenüber, man betrachtet sie nicht, wie in den anderen skandinavischen Ländern, als wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung. Die unfreundliche, ablehnende Haltung Finnlands hat dazu geführt, dass man, überspitzt ausgedrückt, als Migrant nach Finnland gerät, während man nach Schweden gelangt.

Warum ist finnische Kriminalliteratur weniger erfolgreich als die schwedische?

Der geringe internationale Erfolg der finnischen Kriminalliteratur im Vergleich zum unleugbaren Siegeszug der schwedischen Krimiautoren erklärt sich zum Teil sicher aus den bereits erwähnten Besonderheiten des finnischen Wesens, aus der Einwanderungspolitik und daraus, dass die schwedischen Krimiautoren von vornherein gefälliger und mit Blick auf den internationalen Markt schreiben.
Auch sind die schwedischen Verlage unverkennbar bestrebt, neue schwedische Autoren zu finden, die im gleichen flüssigen Stil schreiben wie die bereits international erfolgreichen schwedischen Krimiautoren. Dass man in dieser Hinsicht auf Nummer sicher geht, hat bereits dazu geführt, dass in Schweden eigentlich seit langem kein neuer Name mehr aufgetaucht ist, der dem Erscheinungsbild des schwedischen Krimis wirklich etwas Neues hinzugefügt hätte.
Ich glaube, dass der internationale Markt allmählich von der vertrauten, sicheren und salonfähigen Kriminalliteratur unseres westlichen Nachbarlandes übersättigt ist. Vielleicht sind die knorrige Rauheit, das Alltagsgrau und die Wortkargheit der finnischen Kriminalliteratur der nächste heiße Trend weltweit, wer weiß. Hoffentlich.

Ich habe in einem Essay über finnische Kriminalliteratur gelesen, dass Ihr Buch „Epäilys“ eines der ehrgeizigsten Krimiprojekte der letzten Jahre war. Das hat mich natürlich sehr neugierig gemacht, aber leider wurde es weder ins Englische noch Deutsche übersetzt – und ich verstehe unglücklicherweise kein Finnisch. Können Sie mir etwas darüber erzählen? Hat es Ähnlichkeiten mit „In der Falle“?

Ja, mein Buch „Epäilys“ („Der Zweifel“) hat hervorragende Kritiken erhalten, aber es ist tatsächlich, zumindest bisher, in keine Sprache übersetzt worden. Es hat eigentlich keine Ähnlichkeit mit dem Roman „Ansa“ („In der Falle“). Ich finde es überhaupt nicht sinnvoll, „dasselbe” Buch mehrmals zu lesen, geschweige denn zu schreiben. „Epäilys“ ist der erste Teil meiner aus selbstständigen Bänden bestehenden Krimi-Trilogie; eine Trilogie bilden die Bände vor allem auf thematischer Ebene, nicht durch ihre Plots. Einige konkrete Einzelheiten habe ich zwar von einem Buch zum anderen mitgeführt, z.B. tritt eine der Hauptfiguren von „Epäilys“, der Kommissar Markus Falck von der Mordkommission, sowohl in „Ansa“ als auch in „Saasta“ („Dreck“), dem letzten Band der Trilogie, in einer Nebenrolle auf, aber ansonsten handelt es sich sozusagen um drei Tranchen derselben thematischen Welt.
Dieser Dreiteilung begegnet man auch in der Erzählweise der einzelnen Bücher der Trilogie. „Epäilys“ ist ein mehrschichtiger Kriminalroman, in dem die Ereignisse aus drei verschiedenen Perspektiven dargestellt werden, aus der Sicht von drei sehr unterschiedlichen Menschen. Aber vor allem erzählt „Epäilys“ die Geschichte einer Frau, die als Kind in einer religiösen Sekte namens „Kreuz von Golgatha” missbraucht wurde. Diese Frau hat die Missbrauchssituationen damals durchgestanden, indem sie sich zwang, sich auf die Lampe zu konzentrieren, die im Zimmer brannte. Allmählich hat sie aus dem Licht ihren eigenen Gott erschaffen, Haalo (vgl. Halo), der ihr Leben zunehmend beherrscht. Diese Frau ist also ein von der Sekte verstoßenes Opfer der Religion und wird in ihrer eigenen, von Sinnestäuschungen erfüllten Wirklichkeit zur Mörderin. Der Titel des Romans bezieht sich also speziell auf religiösen Zweifel, aber auch auf den Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Vorstellungen und Erinnerungen. Das Hauptthema des Buches ist die Frage, in welchem Maß vergangene Ereignisse, nicht verarbeitete Traumata, uns formen, in Fesseln legen und daran hindern, zu sehen, was wir in Wirklichkeit sind.
In allen meinen Werken gibt es einen starken Subtext, einen ungeschriebenen Teil, dessen Existenz eine andersartige Lektüre ermöglicht: Wer will, kann die Romane so lesen, wie sie geschrieben sind, aber für manche Leser ist die Ebene zwischen den Zeilen, unter der Oberfläche vielleicht ein größerer Genuss.

Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus?
Das Buch „In der Falle“ habe ich nicht eigentlich geplant, so wenig wie meine anderen Werke. Ich bin als Autor der Typ, der zuerst ein Thema sucht oder eher zufällig findet, das ihn interessiert, und sich die für die Behandlung dieses Themas passenden zentralen Figuren, ihre Welt und die Anfangsszene ausdenkt. Dann lasse ich die Protagonisten einfach die Geschichte vorantragen. Bei dieser Krimi-Trilogie z.B. habe ich insgesamt 12 Jahre gebraucht, um die Ideen reifen zu lassen, zu recherchieren und zu schreiben. Diese Arbeitsweise ist natürlich unvernünftig, vor allem in finanzieller Hinsicht, aber mir ist es wichtiger, das zu genießen, was ich tue, und mich gründlich mit dem Thema vertraut zu machen, als um jeden Preis jährlich ein Buch auf den Markt zu werfen. Das würde anspruchsvolles Schreiben verhindern und wäre für mich wie ein Gefängnis.

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Wie würden Sie „In der Falle“ charakterisieren?
„In der Falle“ beschreibt die kriminelle Unterwelt als gesellschaftliches Phänomen und untersucht zugleich die perspektivischen Unterschiede der Begriffe Richtig und Falsch, Gut und Böse auf der Ebene des Individuums. Der Ausgangspunkt dieses Buches war mein Wunsch, eine Reihe von Menschen zu schildern, die sich aus dem einen oder anderen Grund mit dem Rücken an die Wand, in die Falle, manövriert haben, aber weiterhin glauben, dass ihr Leben sich noch zum Besseren wendet.

Wird der dritte Teil auch in deutscher Übersetzung erscheinen?
Hoffentlich werden nach „In der Falle“ auch der Abschluss der Trilogie und der erste Band , auf Deutsch erscheinen. Warten wir es ab.

Ich habe in letzter Zeit viele finnische Kriminalromane gelesen und dabei haben einige illegale Beschäftigung insbesondere in der Baubranche thematisiert. Woher kommt das Interesse für dieses Thema?
Ich wusste gar nicht, dass dieses Thema in ist. Vielleicht gab es in den Medien im Zusammenhang mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit Berichte darüber, und es wurde deshalb als interessant und aktuell empfunden. Zumal eine Ministerin zurücktreten musste, als sie dabei ertappt wurde, dass sie eine illegale ausländische Putzkraft und einen ebensolchen Handwerker beschäftigte. In dem Buch „In der Falle“ wird das Thema vor allem deshalb gestreift, weil ich durch die Situation der illegalen ausländischen Arbeiter die gesellschaftliche Kasteneinteilung in ihrer elendsten Form zeigen konnte.

Eine zweite Konstante ist – natürlich – die russische Mafia. Wie würden Sie diesen Einfluss beschreiben?
In Finnland ist es fast unmöglich, die russische Mafia zu vermeiden, wenn man über Drogen, Schmuggel, Menschenhandel schreibt. Der Größenunterschied zwischen Russland und Finnland als Staaten wie auch hinsichtlich der organisierten Kriminalität wird zwangsläufig sichtbar. In gewisser Weise gelten hier dieselben Bedingungen wie in der finnischen Außenpolitik: Bei der Beschlussfassung kann man Russland nie vergessen oder außer Acht lassen.

Sie sind auch ein Drehbuchautor, deshalb muss ich diese Frage stellen: Gibt es Pläne, ihre Kriminalromane zu verfilmen?
Für das Buch „Epäilys“ gab es bereits einen Filmvertrag, aber es ist leider nie in Produktion gegangen. Bisher jedenfalls nicht. Die Geschichte von „In der Falle“ war mit etwas anderen Akzentuierungen und mit leicht abgewandeltem Plot unter dem Titel „Vanki“ („Der Gefangene“) Teil der Fernsehserie „Unterwelt-Trilogie“.
Die Romane „Joulutarina“ („Wunder einer Winternacht“) und „Kotirauha“ („Life for sale“) wurden ja verfilmt. Ich wäre unbedingt daran interessiert, vor allem zu dem Roman „Saasta“, der die Trilogie abschließt, selbst eine Film-Adaptation zu erarbeiten, aber nicht sofort. Auf meinem Schreibtisch warten zwei andere Filmdrehbücher und ein ungeschriebener Roman.

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Finnland – Im Gespräch mit Leena Lehtolainen

Leena Lehtolainen ist die erfolgreichste finnische Kriminalschriftstellerin – sowohl in Finnland als auch Deutschland. Auch meine erste Begegnung mit finnischer Kriminalliteratur war ein Kriminalroman von ihr. Ich weiß nur noch, dass ich ihn in Hannover in einer Buchhandlung entdeckte. Nach “Alle singen im Chor” folgten noch drei, vier weitere Maria-Kallio-Romane, aber mir fehlte dann ein ausgefeilter Plot. Meist wusste ich allzu schnell, wer der Täter ist. In Erinnerung ist mir aber “Zeit zu sterben” geblieben – das ist für mich weiterhin ihr bester Kriminalroman. Über ihre Reihe und ihren Erfolg habe ich mit ihr gesprochen.

Leena Lehtolainen (c) Sakari Majantie

Leena Lehtolainen (c) Sakari Majantie

Was ist charakteristisch an finnischer Kriminalliteratur?
Sie ist üblicherweise recht realistisch und nicht so blutrünstig, aber gegenwärtig beginnen viele Autoren, eher im Noir-Genre zu schreiben. Weil Finnen vertrauen ihren Polizeikräften vertrauen,sind die Protagonisten oft Polizisten und Polizistinnen. Heute schreiben die meisten Autoren über Städte, und ihre Milieus werden mehr und mehr international. Die meisten Bücher könnten genau so in der Wirklichkeit spielen.

Und wo liegen die Unterschiede zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?
Unsere Grammatik ist anders, bei uns gibt es keine kurzen Sätze. Wir sind eine Brücke zwischen dem übrigen Europa und Ressland, in unserer Literatur spiegelt sich das wider. Eigentlich liegen Unterschiede aber zwischen Autoren und nicht zwischen Nationalitäten.

Weshalb ist finnische Krimilatliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Die Schweden vermarkten sich besser, das ist keine Frage der Qualität. Hinzu kommt, dass es einen Mangel an Übersetzern aus dem Finnischen gibt und ohnehin nur wenige Finnisch lesen können.

Allerdings sind Sie eine sehr erfolgreiche Krimiautorin. Weshalb sind in Ihre Romane in Deutschland und Finnland so populär?
Das kann ich nicht beantworten, wirklich. Wenn ich ein Buch mit der Absicht schreiben würde, es soll so erfolgreich wie möglich sein, dann würde ich kein gutes Buch schreiben. Vielleicht schreibe ich so ehrlich wie kann und versuche meine Ansichten über die Welt zu verbreiten, ohne gefallen zu müssen … Ich weiß es nicht, aber sicherlich bin ich froh, dass meine Bücher ihre Leser gefunden haben, die weinen und lachen und die Figuren mögen.

Von Ihrem ersten Roman mit Maria Kallio bis zu Ihrem jüngsten ist eine Menge geschehen: Maria hat geheiratet, zwei Kinder geboren, die Polizei erst verlassen und dann zurückgekehrt, nun erscheint alles gut zu sein. Als Sie mit dieser Serie begonnen haben, was war (und ist vielleicht immer noch) Ihre Absicht?
Als ich begann, hatte ich keine Vorstellung darüber, dass jemand mein Manuskript herausgeben würde oder dass ich vom Schreiben leben könnte. Ich wollte lediglich herausfinden, ob ich in der Lage bin, einen Krimi zu schreiben. Dann fühlte es sich wie selbstverständlich an, in Marias Leben Änderungen vorzunehmen. Es ist üblich in Finnland, das seine Frau Familie und Karriere hat. Aber es ist nicht immer einfach, und das wollte ich auch zeigen.

Haben Sie einen Plan, wie es mit Maria und der Reihe weitergeht?
Ja. Aber ich werde ihn nicht verraten …

Weshalb haben Sie eine zweite Serie um Hilja Ilveskero begonnen?
Ich wollte einen Roman über eine Person schreiben, die weder Polizei noch Verbrecher ist, aber sich in einem Graubereich dazwischen bewegt. Ich mochte Hilja so sehr, dass ich sie – oder eine andere Figur – nicht nach schon einem Roman verlassen wollte, also schrieb ich eine Trilogie. Und jetzt wollen die Leute mehr und mehr über sie lesen. Ihr Sinn für Humor und Sicht der Dinge ist anders als bei Maria, deshalb ist es erfrischend, über sie zu schreiben.

In Ihren Büchern ist die Schilderung des gesellschaftlichen Umfeldes und der Hintergründe genau so bedeutsam wie der Krimi-Plot. Wie haben Sie die Umgebung der Untersuchung ausgewählt?
Ich schreibe nur über Dinge, die mich wirklich interessieren, daher bin ich bei Entscheidungen egoistisch. Für mich sind Politik und soziale Themen schon immer bedeutend gewesen, ich ich finde, ein Krimi kann diese gut widerspiegeln, weil es um Gerechtigkeit geht. Manchmal sind Gerechtigkeit und Recht aber nicht das gleiche.

Maria ist eine der wenigen Protagonistinnen, die ein erfülltes Privatleben hat. Warum ist sie so außergewöhnlich?
Sie ist eine sehr typische Finnin, die zwischen Arbeit und Familie ausbalanciert. Ich wollte aufzeigen, wie diese Aspekte sich gegenseitig beeinflussen. Es ist schwierig, über die Ansätze anderer Autoren Antwort zu geben. Und in den Hilja-Ilveskero-Büchern kann ich über eine Einzelgängerin schreiben.

Haben Sie irgendwelche Rollenbilder in der Kriminalliteratur?
Bevor ich mit dem Schreiben anfing, wurde ich durch P.D. James und Sara Paretsky inspiriert. Sie zeigten mir, wie viele andere Aspekte als Rätselhaftes einen Krimi auszeichnen können, und dass Frauen wirklich interessante Protagonistinnen sein können. Ich lese viel und es gibt viele Autoren, die mir gefallen, aber ich versuche nicht, andere Autoren zu imitieren.

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Eigenwerbung – polar-noir.de

Seit gestern ist ein neues Projekt online, dem ich in den letzten Wochen nicht nur viel Zeit gewidmet habe, sondern das mir auch sehr am Herzen liegt: polar-noir.de soll ein Portal werden, das sich verlagsübergreifend und unabhängig dem Noir widmet. Wir stehen noch ganz am Anfang, aber fortan soll jeden dritten Montag im Monat eine neue Ausgabe folgen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mal vorbeischaut – bei polar-noir.de

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Finnland – Im Gespräch mit Pekka Hiltunen

Nachdem ich am Freitag bereits über das Debüt von Pekka Hiltunen geschrieben habe, folgt hier nun das Interview mit ihm. Pekka Hiltunen, Jahrgang 1966, ist Autor und Journalist. Er schreibt für das Mondo Magazin. „Die Frau ohne Gesicht“ ist der Auftakt der Thriller-Reihe um das Studio, einer Gruppe von engagierten Leuten verschiedener Nationalitäten, die die Welt zu einem besseren Ort machen will.

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Was ist typisch für finnische Kriminalliteratur?
Es geschehen interessante Dinge: wir bekommen historische Kriminalromane, Finanz-Thriller, ‘cozy crimes’ und Kriminalroman-Parodien. Das ganze Genre wird nun abwechslungsreicher. Üblicherweise waren es geradlinige Geschichten, die durch unsere dunklen Winter, Kleinstadtkriminelle und Opfer sowie Stereotypen wie depressive Alkoholiker und russische Mafia-Rüpel beherrscht waren. Heute können Kriminalromane nahezu alles sein.

Und wo liegen die spezifischen Unterschiede zwischen finnischer und sonstiger skandinavischer Kriminalliteratur?
Die Kriminalliteratur in anderen skandinavischen Ländern geht bewusster auf soziale und politische Themen ein. Dort wird oft recht starke Kritik an der Gesellschaft geübt, während sich Geschichten in Finnland eher auf Individuen konzentrieren. Zum Beispiel war der populärste Autor des Genres, Stieg Larsson, als Journalist politisch und auch in gewissem Ausmaß auch in seinen Thrillern; in Finnland ist das recht selten.

Weshalb ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist durch die Geschichte geprägt. Schweden ist ein größeres Land mit einem größeren Literaturheimatmarkt und einer langen Tradition beim Schaffen internationaler Erfolgsgeschichten in vielen Beziehungen: Musik, Mode, Sport, Filme und so weiter. Sie sind es gewohnt, größer zu denken und an höheres Ziel anzustreben.
Seit Jahrzehnten haben sie mehr Krimiautoren als Finnland, und deren Bestseller-Autoren können ihre Zeit voll dem Schreiben widmen, denn sie verkaufen sich schon in Schweden gut. In Finnland können nur wenige Autoren von ihren Büchern leben. Vielleicht nur fünf bis zehn Krimiautoren genießen diesen Luxus, andere müssen sich mit einem Alltagsjob über Wasser halten.

(c) Berlinverlag

(c) Berlinverlag

Weshalb haben Sie zwei Protagonistinnen in Ihren Thrillern? (Was mir sehr gefällt)
Weil ich die Stärke finnischer Frauen liebe. Für mich war von Anfang an klar, dass es in dieser Serie besonders um die Freundschaft zwischen diesen beiden Frau geht, und die Verbrechen, in die sie verwickelt werden.

Warum haben Sie sich für London als Ort der Handlung entschieden?
Das ware eine andere instinktive Entscheidung: Es musste London sein, meine Lieblingsstadt außerhalb Finnlands. London ist groß genug, dass dort ernsthafte Verbrechen und geheime Operationen stattfinden können, über die ich schreibe. Und ich wollte über Leute schreiben, die ihre Wurzeln in einer anderen originalen Kultur wie Finnland haben, aber ein globales Leben führen. So ist mein Leben. Ich denke, viele von uns fühlen genau so: Wir sind zwar Bürger eines bestimmten Landes, aber doch Geschöpfe mit globalem Lebensstil.

Im ersten Teil unterhalten sich Lia und Mari über finnische Frauen. Was ist an ihnen so besonders?
Finnische Frauen sind sehr unabhängig, aber nicht in einer lauten oder oberflächlich-glamourösen Weise. Sie sind tüchtig. Sie sind klug und gebildet, und sie mögen es, mit ihren Fähigkeiten anderen zu helfen und nicht nur an ihre eigene Karriere zu denken. Und sie verstehen es, zu trinken und Spaß zu haben. Kein Wunder, dass Finnland, eigentlich ein sehr männerorientiertes Land, zunehmend von Frauen geführt wird.

Ich habe jüngst eine Menge finnischer Kriminalliteratur gelesen, und eine Sache, die mir auffiel, ist, dass die Figuren in vielen Romanen großes Vertrauen in die Polizei haben. Aber in ihren Büchern sorgt ein “privates Unternehmen” für Gerechtigkeit. Gibt es einen generellen Meinungsumschwung bei dem Vertrauen in Polizeibehörden?
Nein, das denke ich nicht. Der Polizei wird in Finnland immer noch sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Was sich aber definitiv wandelt sind die Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat und die Regierung im Allgemeinen. Den Menschen wird mehr und mehr klar, dass die globale Wirtschaft sie verändert. Viele wollen dabei nicht tatenlos zu sehen, sondern etwas Gutes tun, anderen Empathie entgegenbringen, zuweilen auch grenzüberschreitend. Wir leben in einer Zeit, in der hedonistische und eigensinnige Trends gedeihen, und gleichzeitig viele Menschen nach Wegen suchen, bessere Menschen zu werden und sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Dies kann in sozialen Netzwerken oder alltäglichen Aktivitäten geschehen, und meine Studio-Reihe greift dieses moderne, grundlegende Streben, Gutes zu tun, auf.

(c) Berlinverlag

(c) Berlinverlag

Woher stammt die Idee für das “Studio”?
Ich wollte über kluge Leute mit Herz, humanistischen Werten und kreativen Fähigkeiten schreiben und diese zu Helden und Heldinnen für eine Wandel machen, und nicht die Typen mit den dicksten Muskeln und Knarren. Ich mag wirklich die Vorstellung, mit dem Kopf kleine Veränderungen anzustoßen. Und offensichtlich ist das “Studio” ziemlich cool; würden Sie nicht wollen, dass diese Leute im Herzen von London mit all ihren Fähigkeiten auf Ihrer Seite stehen, oder sogar Teil von ihnen sein?

Sie behandeln in ihren Thrillern aktuelle soziale Themen wie Menschenhandel. Warum?
Ich bin ein Softie! Ich glaube daran, dass über die Probleme der Welt zu sprechen und davon zu wissen gut für einen ist. Und ich hasse Action-Thriller, bei denen man den Kopf abschalten kann. Schwierige Fragen und politische Themen, diese machen Thriller interessanter und vielschichtig.

Ihre Bücher wurden dafür gerühmt, eine neue Phase finnischer Kriminalliteratur eingeläutet zu haben. Wie sehen Sie dies?
Viele Leute sagen das, und ich denke das ist so, weil ich Teile der finnischen Mentalität mit einem globalen Handlungsrahmen und urbanem Lifestyle verbunden habe. Meine “Studio”-Thriller sind manchmal näher an internationalen Dramen- und Thriller-Fernsehserien als andere finnische Thriller. Darauf habe ich es gar nicht planvoll angelegt, es ist einfach das, was mich interessiert, und ich fühlte mich in der richtigen Stimmung für diese Art Bücher.

Wissen Sie schon, wie viele Teile die “Studio”-Reihe haben wird?
Ich habe immer gedacht, es braucht mindestens vier bis fünf Bücher, um die Geschichten mit Lia und Mari und dem “Studio” zu erzählen. Nun, da ich das dritte Buch schreibe, wird mir klar, dass ich mich nicht auf eine Anzahl festlegen kann. Die Handlung entwickelt sich weiter und wächst, während ich sie schreibe, und so sollte es auch sein. Also, ich versuche, jedenfalls vier bis fünf Bücher über das “Studio” zu schreiben, aber: Dinge geschehen! Abwarten, was passiert.

Haben Sie irgendwelche Vorbilder in der Kriminalliteratur?
Nein, nicht wirklich. Ich versuche bewusst zu vermeiden, anderen Stilen zu folgen. Ich habe überwiegend gute fiktive und nicht-fiktive Bücher gelesen, Krimis eher nicht.
Aber natürlich mag ich verschiedene Krimis. Mein Lieblings-Thriller aller Zeiten ist “Frau Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg. Es ist ein ziemlich einzigartiges Buch, und ich mag auch seine andere Bücher sehr. Die französische Autorin Fred Vargas ist auch eine meiner Favouriten in diesem Genre. Und verschiedene andere.
Der Großteil der Kriminalliteratur ist Mist, und ich habe an diesen Büchern kein Vergnügen. Ich bin mit all den großen Hit-Thriller-Büchern, -Filmen und –Fernsehserien aufgewachsen, habe gesehen, wie sie eine bestimmende Form der Unterhaltung wurden, und einige haben mich beeinflusst wie viele andere Autoren. Ich sehe mich aber nicht als einen Krimi-Autoren: Ich bin ein Autor, der unter anderem Kriminalliteratur schreibt. Ich habe auch andere Erzählungen recht erfolgreich veröffentlicht.

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Finnische Kriminalliteratur – „Die Frau ohne Gesicht“ von Pekka Hiltunen

Finnland ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt und deshalb habe ich für das Magazin BÜCHER einen Beitrag über finnische Kriminalliteratur geschrieben, der – ihr werdet es euch denken können – in der Oktober-Ausgabe pünktlich zur Buchmesse erscheinen wird. Beim wochenlangen Wühlen durch finnische Kriminalliteratur habe ich tolle Bücher und Autoren entdeckt, außerdem habe ich gute Interviews geführt, die nicht alle in den Beitrag einfließen konnten. Deshalb starten heute die finnischen Kriminalwochen im Zeilenkino! Bis zur Buchmesse wird jeden Dienstag ein Interview mit einem finnischen Autor erscheinen, außerdem werde ich einige Bücher besprechen. Und als Anfang habe ich sehr bewusst Pekka Hiltunens „Die Frau ohne Gesicht“ ausgesucht.

(c) Berlinverlag

(c) Berlinverlag

„Die Frau ohne Gesicht“ ist der Auftakt zu einer Thriller-Reihe, in deren Mittelpunkt ein Spezialistenteam namens „Studio“ steht. Im ersten Teil lernt die finnische Graphikerin Lia, die in London bei einer Zeitung arbeitet, in einer Bar scheinbar zufällig ihre Landesfrau Mari kennen. Sie kommen ins Gespräch, freunden sich an und schon bald erfährt Lia, dass Mari ein Talent hat: Durch genaues Beobachten und dank ihrer psychologischen Ausbildung kann sie Menschen regelrecht ‚lesen‘. Diese Fähigkeit setzt sie zusammen mit einem Team anderer Experten ein, um die Welt ein wenig besser zu machen. Lia gefällt diese Idee, also lernt sie die Mitglieder des „Studios“ kennen und schon bald wollen sie zusammen einen korrupten Politiker stürzen und einen Zwangsprostitutionsring aushebeln.

Normalerweise hätte ich bei der Formulierung „Mari könne Menschen lesen“ nicht nur einen skeptischen Gesichtsausdruck bekommen, sondern das Buch gar nicht gelesen – solche besonderen Fähigkeiten erscheinen mir im (Kriminal-)roman meist als einfache Lösung für potentielle Unstimmigkeiten im Plot. Nun ist aber gerade der zweite Teil („Das schwarze Rauschen“) der Reihe erschienen, den ich für meinen Beitrag in Betracht gezogen habe. Also griff ich zum ersten Teil – und entdeckte einen Thriller, in denen Frauen keinen Mann brauchen, um das Richtige zu tun oder mutig zu sein (ja, Lisbeth Salander, das geht!). Identifikationsfigur für den Leser ist Lia, sie hält sich für unsicher, allerdings weiß sie sich ganz gut zu behaupten und wird durch die Freundschaft zu Mari und die an sie gestellten Herausforderungen selbstbewusster und stärker. Mari ist geheimnisvoller, sie ist sehr analytisch, außerdem verfügt sie über Geld. Sie wünscht sich eine Freundin, an deren Seite sie sich auch einmal entspannen kann – und sie glaubt, sie in Lia gefunden zu haben. Durch diese Freundschaft werden beide Frauen stärker und ausgeglichener, sie füllt eine Lücke. Wie zuletzt schon in „Wie sollten wir sein?“ wird daher in diesem spannenden Thriller auch von einer überzeugenden Frauenfreundschaft erzählt. In einer Szene treffen sich Lia und Mari, um sich zu betrinken. Sie bezeichnen es als Kännit „Sie wollten nicht drunk, einfach nur betrunken werden, und auch nicht pissed, ein unangenehm und unkontrollierter Zustand, in den sich vor allem Jugendliche soffen. Sie waren erwachsene Frauen, und sie betranken sich planmäßig.“ Kännit ist „ein kameradschaftliches Saufen“, stellt Lia fest, sie trinken und diskutieren alle möglichen Themen.

Aber nicht nur diese Hauptfiguren sind bemerkenswert, sondern „Die Frau ohne Gesicht“ ist eines der wenigen Büchern, die ohne Voyeurismus von Verbrechen erzählen, bei denen Frauen mehrheitlich die Opfer sind. Als die Nachforschungen in einem Mordfall zu Zwangsprostitution führen, verliert sich Pekka Hiltunen nicht in Schilderungen der Erlebnisse der Prostituierten, die letztlich dazu dienen, sich an dem Leid zu ergötzen oder Ekel zu erzeugen, sondern belässt es bei knappen Ausführungen, die den Schrecken aber nicht vermissen lassen. Auch ist am Ende dieses Thrillers die Moral nicht einfach gegeben, sondern bleibt die Frage offen, wie viel Lüge die Wahrheit verträgt. Aufgrund dieser vielen positive Aspekte nehme ich es auch gerne, dass einem Team von Spezialisten vieles gelingt. Denn man ehrlich – in wie vielen Thrillern gibt es schon starke weibliche Hauptfiguren?

Pekka Hiltunen: Die Frau ohne Gesicht. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. Berlin Verlag 2013.

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Veranstaltungshinweis: Der Krimi ist politisch II

Letztes Jahr fand im Herbst in Hamburg bereits die Veranstaltungsreihe „Der Krimi ist politisch“ statt, die nun in die zweite Runde geht. Hamburgs unabhängige Krimi- und Noir-Verlage haben sich zusammengeschlossen und stellen an vier Abenden und vier Stadtteilbuchhandlungen den politischen Kriminalroman in den Mittelpunkt. Würde ich in der Nähe von Hamburg wohne, verpasste ich keinen Abend.

1. Abend
Krimis als Fenster zur Welt
Maghreb/Levante: arabische Länder
Jörg Walendy und Alfred Hackensberger
Dienstag, 9. September, 19:30 Uhr
Buchhandlung Seitenweise, Hammer Steindamm 119, 20535 Hamburg

2. Abend
Wahrheit und Lüge
Wem gehört die Geschichte?
Dominique Manotti mit Iris Konopik
Montag, 6. Oktober, 19:30 Uhr
Büchereck Niendorf Nord, Nordalbinger Weg 15, 22455 Hamburg

3. Abend
Die Stimme am Drücker
Ein verrückter irischer Krimi und eine literarische Herausforderung
Declan Burke mit Robert Brack und Ulrich Pleitgen
Donnerstag, 13. November, 20 Uhr
Buchladen Osterstraße, Osterstr. 171, 20255 Hamburg

4. Abend
Der sanfte Thrill des „ganz Normalen“:
Milieuscharfe Schreibkunst, die das alltägliche Verbrechen beleuchtet
Anne Goldmann und Matthias Wittekindt
Donnerstag, 4. Dezember, 20 Uhr
Buchhandlung Recht-Ullrich, Fuhlsbüttler Str. 386, 22309 Hamburg

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Zum DVD-Start von „Mandela“ – Fünf Blogs, ein Interview

(c) Senator Home Entertainment

(c) Senator Home Entertainment

Seit „The Wire” schätze ich Idris Elba sehr. Als ich jedoch das erste Mal hörte, dass er Nelson Mandela spielen sollte, war ich skeptisch – er erschien mir schlichtweg zu groß und zu muskulös. Aber diese Skepsis war unbegründet, er spielt diese Rolle mit Bravour, auch der Film hat mir – trotz einiger Kritikpunkte – gut gefallen.

Anlässlich des DVD-Starts von „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ bekamen BloggerInnen die Möglichkeit, Regisseur Justin Chadwick eine Frage zu stellen, so dass im Ergebnis ein kurzes Interview entstehen sollte. Die Idee fand ich interessant, außerdem war ich sehr gespannt, welche Fragen letztlich zustande kommen. Hier ist nun das Ergebnis:

Die Antworten auf die ersten beiden Fragen findet ihr bei leselink.de und kino.tv, und hier ist meine Frage:

Ein Porträt von Nelson Mandela muss sehr viele Aspekte berücksichtigen – es gibt die Person Mandela, sein Leben als Politiker und den Mythos, der er geworden ist. Wie hast Du Dich dem überlebensgroßen Nelson Mandela genähert?

Justin Chadwick: Drehbuchautor William Nicholson und ich haben uns sorgsam einem ganzheitlichen Porträt genähert. Ich habe ein Storyboard von dem Film entwickelt, und wir haben sehr sorgfältig ausgewählt, was in den Film kommt und gedreht wird. Dabei haben wir versucht, so ökonomisch wie möglich vorzugehen und Entscheidungen vorab zu treffen.
Jeder weiß, dass Mandelas Leben sehr schnell war und eine Dynamik hatte, die ich in dem Film haben wollte. Aber letztendlich sollte es eine Verfilmung von seiner Autobiographie “A long walk the freedom” werden, die sich mit seinem privaten und politischen Leben von der Zeit seiner Präsidentschaft ist.

Weiter geht es mit Teil 4 bei Filmfutter und Teil 5 bei Die Nacht der lebenden Texte.

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