Finnland – Im Gespräch mit Leena Lehtolainen

Leena Lehtolainen ist die erfolgreichste finnische Kriminalschriftstellerin – sowohl in Finnland als auch Deutschland. Auch meine erste Begegnung mit finnischer Kriminalliteratur war ein Kriminalroman von ihr. Ich weiß nur noch, dass ich ihn in Hannover in einer Buchhandlung entdeckte. Nach “Alle singen im Chor” folgten noch drei, vier weitere Maria-Kallio-Romane, aber mir fehlte dann ein ausgefeilter Plot. Meist wusste ich allzu schnell, wer der Täter ist. In Erinnerung ist mir aber „Zeit zu sterben“ geblieben – das ist für mich weiterhin ihr bester Kriminalroman. Über ihre Reihe und ihren Erfolg habe ich mit ihr gesprochen.

Leena Lehtolainen (c) Sakari Majantie

Leena Lehtolainen (c) Sakari Majantie

Was ist charakteristisch an finnischer Kriminalliteratur?
Sie ist üblicherweise recht realistisch und nicht so blutrünstig, aber gegenwärtig beginnen viele Autoren, eher im Noir-Genre zu schreiben. Weil Finnen vertrauen ihren Polizeikräften vertrauen,sind die Protagonisten oft Polizisten und Polizistinnen. Heute schreiben die meisten Autoren über Städte, und ihre Milieus werden mehr und mehr international. Die meisten Bücher könnten genau so in der Wirklichkeit spielen.

Und wo liegen die Unterschiede zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?
Unsere Grammatik ist anders, bei uns gibt es keine kurzen Sätze. Wir sind eine Brücke zwischen dem übrigen Europa und Ressland, in unserer Literatur spiegelt sich das wider. Eigentlich liegen Unterschiede aber zwischen Autoren und nicht zwischen Nationalitäten.

Weshalb ist finnische Krimilatliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Die Schweden vermarkten sich besser, das ist keine Frage der Qualität. Hinzu kommt, dass es einen Mangel an Übersetzern aus dem Finnischen gibt und ohnehin nur wenige Finnisch lesen können.

Allerdings sind Sie eine sehr erfolgreiche Krimiautorin. Weshalb sind in Ihre Romane in Deutschland und Finnland so populär?
Das kann ich nicht beantworten, wirklich. Wenn ich ein Buch mit der Absicht schreiben würde, es soll so erfolgreich wie möglich sein, dann würde ich kein gutes Buch schreiben. Vielleicht schreibe ich so ehrlich wie kann und versuche meine Ansichten über die Welt zu verbreiten, ohne gefallen zu müssen … Ich weiß es nicht, aber sicherlich bin ich froh, dass meine Bücher ihre Leser gefunden haben, die weinen und lachen und die Figuren mögen.

Von Ihrem ersten Roman mit Maria Kallio bis zu Ihrem jüngsten ist eine Menge geschehen: Maria hat geheiratet, zwei Kinder geboren, die Polizei erst verlassen und dann zurückgekehrt, nun erscheint alles gut zu sein. Als Sie mit dieser Serie begonnen haben, was war (und ist vielleicht immer noch) Ihre Absicht?
Als ich begann, hatte ich keine Vorstellung darüber, dass jemand mein Manuskript herausgeben würde oder dass ich vom Schreiben leben könnte. Ich wollte lediglich herausfinden, ob ich in der Lage bin, einen Krimi zu schreiben. Dann fühlte es sich wie selbstverständlich an, in Marias Leben Änderungen vorzunehmen. Es ist üblich in Finnland, das seine Frau Familie und Karriere hat. Aber es ist nicht immer einfach, und das wollte ich auch zeigen.

Haben Sie einen Plan, wie es mit Maria und der Reihe weitergeht?
Ja. Aber ich werde ihn nicht verraten …

Weshalb haben Sie eine zweite Serie um Hilja Ilveskero begonnen?
Ich wollte einen Roman über eine Person schreiben, die weder Polizei noch Verbrecher ist, aber sich in einem Graubereich dazwischen bewegt. Ich mochte Hilja so sehr, dass ich sie – oder eine andere Figur – nicht nach schon einem Roman verlassen wollte, also schrieb ich eine Trilogie. Und jetzt wollen die Leute mehr und mehr über sie lesen. Ihr Sinn für Humor und Sicht der Dinge ist anders als bei Maria, deshalb ist es erfrischend, über sie zu schreiben.

In Ihren Büchern ist die Schilderung des gesellschaftlichen Umfeldes und der Hintergründe genau so bedeutsam wie der Krimi-Plot. Wie haben Sie die Umgebung der Untersuchung ausgewählt?
Ich schreibe nur über Dinge, die mich wirklich interessieren, daher bin ich bei Entscheidungen egoistisch. Für mich sind Politik und soziale Themen schon immer bedeutend gewesen, ich ich finde, ein Krimi kann diese gut widerspiegeln, weil es um Gerechtigkeit geht. Manchmal sind Gerechtigkeit und Recht aber nicht das gleiche.

Maria ist eine der wenigen Protagonistinnen, die ein erfülltes Privatleben hat. Warum ist sie so außergewöhnlich?
Sie ist eine sehr typische Finnin, die zwischen Arbeit und Familie ausbalanciert. Ich wollte aufzeigen, wie diese Aspekte sich gegenseitig beeinflussen. Es ist schwierig, über die Ansätze anderer Autoren Antwort zu geben. Und in den Hilja-Ilveskero-Büchern kann ich über eine Einzelgängerin schreiben.

Haben Sie irgendwelche Rollenbilder in der Kriminalliteratur?
Bevor ich mit dem Schreiben anfing, wurde ich durch P.D. James und Sara Paretsky inspiriert. Sie zeigten mir, wie viele andere Aspekte als Rätselhaftes einen Krimi auszeichnen können, und dass Frauen wirklich interessante Protagonistinnen sein können. Ich lese viel und es gibt viele Autoren, die mir gefallen, aber ich versuche nicht, andere Autoren zu imitieren.

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3 Gedanken zu „Finnland – Im Gespräch mit Leena Lehtolainen

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