Einwurf: Über Blindstellen und Frauen, die Krimis schreiben

Ende Mai veröffentlichte die New York Times ihre „Summer Reading“-Empfehlungen, darunter sind auch sieben Thriller und Vanessa Friedman leitete ihren Überblick ein, dass sich nun auch in männlich dominierten Thriller-Welt etwas getan hätte:

„There have always been exceptions to this rule, of course — women who broke through and became part of the canon, like Agatha Christie’s Miss Marple and Patricia Cornwell’s Kay Scarpetta. But they were the minority, at least until the Girl books, Gillian Flynn’s “Gone Girl” (in 2012) and Paula Hawkins’s “The Girl on the Train” (2015). Since then the movement has turned into a bona fide trend, and plenty of authors are riding the wave into summer.“

Dass danach ausgerechnet Thomas Harris „Cari Mora“ als Beispiel dafür folgt, dass sich bei Frauenfiguren im Thriller etwas verändert – puh. Ist besagte Cari Mora doch eine ehemalige Kindersoldatin mit Daddy-Issues und eigentlich nur ein weiteres Beispiel dafür, dass sich viele unter einer starken Frau eine stark traumatisierte Frau vorstellen, die Gewalt anwenden kann.

Aber noch mehr ärgerte mich, dass immer so getan wird, als hätte es vor Gillian Flynn und Paula Hawkins keine Thriller von Frauen gegeben. Ein Ärger, mit dem ich offensichtlich nicht alleine bin, denn gestern stieß ich in der New York Times auf einen Leserbrief von Sara Paretsky, die sich ebenfalls geärgert hat.

„When I read that “the traditionally male-dominated world of the thriller” is finally “ceding ground to … a hero(ine),” I wondered what Friedman had been reading for the past 40 years. That’s how long it’s been since Marcia Muller put the first crack in the wall around male territory. She was followed quickly by Sue Grafton, Liza Cody, Linda Barnes — and me.
We were joined by Val McDermid and Nevada Barr, by Valerie Wilson Wesley and Ann Cleeves, by Rachel Howzell Hall and Maureen Jennings, and many others.“

Eigentlich wollte ich damit es bewenden lassen, doch dann lag ich gestern krank auf meinem Sofa und stieß über den Volltext-Newsletter auf einen Artikel in „Die Presse“, dessen Überschrift lautet: Der „Frauenkrimi“ ist tot. Nun freue ich mich ja fast schon darüber, dass der Begriff „Frauenkrimi“ in Anführungszeichen gesetzt ist. Ebenso freue ich mich grundsätzlich, wenn immer mehr Menschen darüber schreiben, welche großartigen Kriminalromane von Frauen kommen. Doch laut Untertitel fasst der Artikel zusammen, was sich in den vergangenen zehn Jahren im Krimi-Genre verändert hat. Dazu gehört, dass das Label „Frauenkrimi“ ausgedient hat und die Zeit „schrullig-braver Ermittlerinnen“ vorbei sei. Und natürlich ist das nur ein kurzer Artikel, ich schätze alle erwähnten Autorinnen, verfolge Peter Hubers Blog schon lange. Aber zweimal innerhalb so kurzer Zeit auf dieses Muster zu stoßen, dass es etwas Neues sei, dass Frauen gute Spannungsromane schreiben und es andere Ermittlerinnen gibt, ist zu viel. Ich habe es einfach so satt.

Es gab schon immer gute Autorinnen von Spannungsliteratur. Aber ihnen wurde in der Rezeption vielfach der Platz verwehrt, der ihnen zusteht. Das ist wie in der „Nicht-Spannungsliteratur“. In der Filmgeschichte. In der Kunstgeschichte. Usw. Die Gründe – sehr knapp – hängen mit Deutungshoheit, Diskursmacht und Perspektive zusammen. Ich kann gar nicht schätzen, wie viele großartige Werke von Frauen nicht kanonisiert wurden und wir deshalb nicht kennen. Deshalb ja: Lasst uns diese Fehler nicht wiederholen und Kriminalromane von Frauen feiern. Aber dabei doch bitte nicht die eigenen Blindstellen übersehen.

Die Filmkritikerin Julia Pühringer hat eine Keynote gehalten, in der sie über ihre Filmsozialisation schreibt und wie sich die verändert hat, als ihr bestimmte Dinge aufgefallen sind. Das hat dazu geführt, dass sie neu lernen musste. Das ist eine Erfahrung, die ich nahezu komplett teile. Und die ich in der Spannungsliteratur ebenfalls gemacht habe. Man muss hier Geschichte neu lernen und dann merkt man schnell, woran es hakt.

Beispiel Sara Paretsky, deren Ermittlerin übrigens alles andere als schrullig oder brav ist: Ihre zweifellos wichtige V.I.-Warshawski-Reihe ist in Übersetzung nicht vollständig erhältlich. Lange Zeit war sie bei Piper, dann Goldmann, dann ein Buch bei Dumont, acht Jahre nichts, nun ist bei Ariadne. In diesem Fall liegt ja nahe zu sagen, kein Problem, lese ich sie halt in Englisch. Aber was ist mit den Autorinnen, die in einer Sprache schreiben, die ich nicht beherrsche?

Beispiel Pieke Biermann. Sie hatte schon Ende der 1980er Jahre eine ziemlich eigenwillige Ermittlerin – und einen sehr originären Stil, dennoch hat sie innerhalb der deutschsprachigen Kriminalliteratur nicht den Stellenwert, der ihr zustünde.

Beispiel Dorothy B. Hughes. Sie hat einen der ersten Serienkillerromane geschrieben, dennoch reden wir mehr über Jim Thompson.

Indem beständig reproduziert wird, dass es etwas Neues sei, dass Autorinnen gute Spannungsliteratur schreiben, bestätigt man die Ignoranz der vergangenen Jahrzehnte. Außerdem erfolgt die „Entdeckung“ von Werken von Frauen allzu oft in Wellen und dann geraten sie wieder in Vergessenheit, bis sie abermals entdeckt werden. So kommt man aber nicht voran, so entsteht keine Fortschreibung der Geschichte.

In eigener Sache: In meiner Reihe “Women in Crime” schreibe ich über Frauen, der Kriminalromane in Vergessenheit geraten sind.

Diesen Beitrag teilen

Filmreihe: Pionierinnen des Film noir

Vor einiger Zeit schaute ich ein wenig neidisch nach Frankfurt, da dort im Juni eine Filmreihe zu den Pionierinnen des Film noir läuft – ja: Pionierinnen, nicht Pioniere. Und nun habe ich mich heute sehr gefreut, als ich die Pressemitteilung des Arsenal erhielt, dass die Reihe auch nach Berlin kommt. Terminlich werde ich einige Knaller nicht schaffen. Aber das Programm sieht wirklich großartig aus – sowohl für den Film noir als auch den skandinavischen Film.

Hier eine Übersicht über das Programm: Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Über “Lola” von Melissa Scrivner Love

Her name was Lola, she as a showgirl … nein, ganz falsch: Ihr Name ist Lola, aber sie ganz bestimmt kein Mädchen. Sie spielt nur das Mädchen an der Seite des Gangsters, eigentlich ist sie der Boss der Crenshaw Six in South Central, Los Angeles, einer Gang, die den Drogenhandel an ein paar Straßenecken kontrolliert. Lola Vasquez aber weiß, dass für Frauen im Drogengeschäft (und im Drogenthriller) eigentlich andere Rollen vorgesehen sind. Also bewegt sie sich im Verborgenen, sie will nicht, dass die Nachbarn wissen, wer das Sagen hat. Oder die Schwester des toten ehemaligen Bosses – und Lolas Ex-Freund –, denn dann würde sie eventuell auch ahnen, dass Lola bei dessen Tod eine wichtige Rolle gespielt hat. Doch dann verändern sich die Umstände: Ihre Crew bekommt das Angebot des regierenden Kartells, in der Hierarchie aufzusteigen, indem sie einen Drogendeal platzen lassen. Dieses Angebot kann man nicht ablehnen, aber der Deal geht schief und plötzlich sieht sich Lola allerhand widerstreitenden Interessen gegenüber – und muss nun ihre Führungsqualitäten beweisen.

(c) Suhrkamp

Melissa Scrivner Love verwendet einige Zeit darauf, dass Geflecht der Gangs, Nachbarn und Familien vorzustellen, in dem sich Lola bewegt. Dabei ist es eigentlich egal, ob sie im örtlichen Imbiss etwas bestellt oder auf einem Polizeirevier ist: Niemand glaubt, von einer zierlichen Latina gehe eine Bedrohung aus. Oft ist sie regelrecht unsichtbar, dann wieder weckt sie den Beschützerinstinkt. Denn Lola weiß, wie sie sich zu verhalten hat – sie wechselt zwischen den Rollen, zwischen den Frauentypen, die sie geben muss. Das ist raffiniert, aber eben auch Teil einer patriarchalen Gesellschaft. Erst im letzten Drittel des Buches wird Lola klar, dass sie eigentlich keine Lust mehr hat, diese Spiele zu spielen. Aber immer wird deutlich, wie sehr auch sie die verschiedenen Rollenmuster verinnerlicht hat. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Deutsche Krimipreis 2019

Die Preisträger des Deutschen Krimipreises wurden heute bekanntgegeben:

NATIONAL:
1. Platz: Simone Buchholz: Mexikoring (Suhrkamp)
2. Platz: Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles (Edition
Nautilus)
3. Platz: Max Annas: Finsterwalde (Rowohlt)

INTERNATIONAL:
1. Platz: Hideo Yokoyama: 64 (64)
deutsch von Sabine Roth und Nikolaus Stingl (Atrium)
2. Platz: Tom Franklin: Krumme Type, krumme Type
deutsch von Nikolaus Stingl (Pulp Master)
3. Platz: Denise Mina: Blut Salz Wasser (Blood Salt Water)
deutsch von Zoë Beck (Ariadne bei Argument)

Ich habe zum ersten Mal mit abgestimmt – und heute im Radio über die Preisträger gesprochen. Nachzuhören in der DLF Mediathek unter diesem Link

Diesen Beitrag teilen

Über „Mexikoring“ von Simone Buchholz

Frühmorgens kam der Anruf. „Ein brennendes Auto. Schon wieder. Wir müssten das mit den brennenden Autos mal langsam in den Griff kriegen, hieß es. Die brennenden Autos interessieren mich nicht besonders. Du weißt genau, warum deine Autos brennen, Hamburg.“ Doch dieses brennende Auto ist anders. Es brannte eben nicht aus Wut oder Zorn oder Dummheit. In diesem brennenden Auto war ein Mensch.

(c) Suhrkamp

Da ist er, gleich auf den ersten Seiten von „Mexikoring“ von Simone Buchholz, der Unterschied, der bei Gesprächen über Gewalt aus linken oder rechten Ecken oft vergessen wird. Es ist ein Unterschied, ob jemand aus Wut Autos anzündet oder Menschen. Der Fall, die Geschichte, führt zu anderen Verbrechen, da wird es um Clankriminalität, organisiertes Verbrechen und Familienfehden gehen. Aber dieser Anfang ist ein Beispiel dafür, dass in diesem Buch auf jeder Seite eine Haltung gegenüber der Welt zu erkennen ist, die nicht ausgestellt oder gar ausbuchstabiert werden muss. Schon deshalb lassen sich die Bücher von Simone Buchholz nicht einer Kategorie zuordnen – sie sind keine Lokalkrimis, keine St. Pauli-Romane oder Hamburg Noirs. Das sollte doch schon dadurch klar werden, dass die Handlung in diesem Buch zu weiten Strecken in Bremen (of all places) spielt. Verortung ist wichtig, AutorInnen brauchen ein Gefühl für den Handlungsort haben, sie sollten wissen, warum sie ihre Handlung dort und nicht woanders ansiedeln. Aber bei guter Kriminalliteratur – und „Mexikoring“ ist das zweifellos – ist der Handlungsort eben nur ein Aspekt, ein Teil, aber sicherlich nicht die Kategorie, in die man diese Reihe einsortieren sollte (wie man ohnehin vorsichtig mit Kategorien sein sollte). Hier ist jedoch das ganze Gegenteil der Fall: Simone Buchholz beweist mit jedem Buch ihrer Reihe noch mehr, dass es in der deutschsprachigen Kriminalliteratur sehr viel mehr gibt als Regional- und Tourismuskrimis. Und bei all dem Regen, bei all den düsteren Verbrechen, bei aller Desillusion steckt in den Chastity-Riley-Büchern auch viel zu viel Hoffnung für einen Noir. Das mag jetzt kitschig klingen, bei Simone Buchholz ist es das aber nicht. Vielmehr ist es die Hoffnung, die die Realität, Schmerz und Traurigkeit nicht verleugnet, die die Tapferkeit betont, die Weiterleben oftmals braucht, und gerade dadurch erkennen lässt, dass es irgendwie weitergeht. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Im Radio – Ein Gespräch mit Susanne Saygin

Bereits voriges Jahr habe ich mit Susanne Saygin in einem Café in Neukölln getroffen und über ihr Krimi-Debüt „Feinde“ gesprochen. Nachzuhören ist ein Teil des Gesprächs in der Mediathek von Deutschlandfunk Kultur.

Diesen Beitrag teilen