Islands Oscar-Kandidat „Volcano“

Eldfjall / Volcano (c) DFI

Grau ist das Leben auf Island, das wird schon mit den ersten Bildern des berührenden Films „Volcano“ deutlich. Er beginnt mit dem letzten Arbeitstag des grantige Hannes (Theodor Juliusson), der bisher als Hausmeister in einer Schule gearbeitet hat. Nun verabschieden ihn seine Kollegen, sein Nachfolger erhält noch einige Hinweise und dann wartet der Ruhestand auf Hannes. Richtig fröhlich wirkt er nicht. Dann sieht man ihn in seinem Auto sitzen. Er blickt auf die schroffe, aber wunderschöne Landschaft der Insel und startet mit Überwindung den Motor, macht ihn wieder aus – und reißt die Fenster auf. Er wird sich doch nicht umbringen, wenngleich er nicht mehr glücklich in seinem Leben ist. Zu seinen Kindern Ari (Thorsteinn Bachmann) und Telma (Elma Lisa Gunndarsdottir) hat er kein gutes Verhältnis, auch gegenüber seiner Frau Anna (Margret Helga Johannsdottir) verhält er sich schroff und abweisend. Einzig für sein altes Boot scheint er noch Zuneigung zu empfinden. Doch Hannes weiß selbst nicht, warum er so grantig ist. Es ist einfach so.

Eldfjall / Volcano (c) DFI

Dann ist ausgerechnet sein Boot, das eine Veränderung in Gang setzt. Bei einem Angeltörn droht es auf dem Meer zu sinken. Hannes muss sich abschleppen lassen – und durch dieses Leck kehrt er früher nach Hause zurück. Seine Kleidung ist nass, also hängt er sie über die Wäscheleine und will schnell ins Haus gehen. Aber dann belauscht er ein Gespräch zwischen seinen Kindern mit an. Erschüttert hört er, dass seine Tochter überzeugt ist, ihre Mutter sollte ihn verlassen. Hannes fühlt sich schuldig – und tatsächlich kommt es in der Nacht darauf zu einer Annäherung zwischen Anna und ihm. Sie sind schon so lange verheiratet, da braucht es keine dramatischen Aussprachen mehr. Sie verbringen einige liebevolle Momente miteinander, alles scheint sich zum Besseren zu wenden. Doch dann erleidet Anna einen Schlaganfall und benötigt fortan rund um die Uhr Pflege. Hannes beschließt, sich zu Hause selbst um sie zu kümmern. Er gibt sich Mühe, doch Anna liegt meistens weinend und wimmernd im Bett. Ihr Zustand wird nicht besser werden – und so fasst Hannes eines Tages den Entschluss, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Hans und Anna (c) DFI

Regisseur Rúnar Rúnarsson entwirft mit wenigen Strichen das ganze Leben seines Protagonisten, der wie die isländische Landschaft schroff und abweisend wirkt. Und so wie Hannes‘ Leben einst von einem Vulkanausbruch durcheinander gebracht wurde, ist es ein weiterer unerwarteter Zusammenbruch, der ihn ins Leben zurückführt. Mit ruhigen und konzentrierten Einstellungen und einfachen, schnörkellosen Bildern schildert Rúnar Rúnarsson in seinem Spielfilmdebüt universelle Erfahrungen: den Schock des Ruhestandes für einen Mann, der sich über seine Arbeit definiert; die Schwierigkeiten eines älteren Ehepaares, wenn der eine Partner plötzlich zu Hause ist; die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und schließlich die schwierige Frage, ob ein Zustand, in dem die motorischen und mentalen Fähigkeiten irreparabel geschädigt sind, noch lebenswürdig ist.

Dabei bietet „Volcano“ einige Anknüpfungspunkte für Diskussionen: Pflegt Hannes seine Frau aus Schuldgefühlen oder Angst vor der Einsamkeit? Ist seine Sterbehilfe als Mord zu sehen – oder erlöst er sie von ihrem Leiden? Der Film verweigert sich eindeutigen Antworten und überlässt die Interpretationen den Zuschauern. Und dank seiner ruhigen Erzählweise ist Islands Kandidat für den Auslandsoscar das berührende Porträt eines traurigen alten Mannes – und ein Film, der lange nachwirkt.

7 Gedanken zu „Islands Oscar-Kandidat „Volcano“

  1. akadings

    EINE FRAGE:

    Wie kann man nur entscheidende Plotpoints in einer Kritik verraten? … Stichwort: Sterbehilfe.

    … nachdem man Deine Kritik gelesen hat, braucht man sich den Film nicht mehr anschauen. Tolle Leistung!

    … das nächste mal bitte mit „VORSICHT SPOILER“ kennzeichnen!!!

    … oder besser: … lernen wie man eine vernünftige Filmbesprechung schreibt, ohne den Film nachzuerzählen – denn das will keiner lesen!!! – stilistische Eigenheiten – Einordnung in den Kontext der Filmgeschichte (unter Umständen auf Filme/Filmschaffende verweisen ect.) – Stimmung des Films – sowie GROBER Umriß der Thematik. … mehr braucht es nicht.

    :M(

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    1. Zeilenkino Artikelautor

      Schade, dass Du der Meinung bist, man bräuchte sich den Film nach meiner Besprechung nicht mehr anzusehen. In meinen Augen ist „Volcano“ ein Drama, in dem nicht die Frage im Mittelpunkt steht, ob Hannes Sterbehilfe leistet oder nicht, sondern die Veränderungen und Herausforderungen im Leben eines alten Mannes thematisiert werden. Es ist daher nach meiner Meinung nicht zu vergleichen mit bspw. der Enthüllung eines überraschenden Twists oder des Täters in einem Krimi.

      Abgesehen davon gibt es verschiedene Annäherungen an einen Film – historisch, stilistisch, werkimmanent, semiotisch usw. – oder inhaltlich.

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  2. Chirs

    Ich finde es nebenbei gesagt ziemlich anrüchig von Herrn Haneke ein offensichtliches Remake (‚Amour‘) von dem oben besprochenen Film zu machen und sich anschliessend mit internationalen Lorbeeren schmücken zu lassen. Meines Wissens hat er nur ein einziges Mal erwähnt, daß er ‚einen Film‘ gesehen hat, der ihn sehr beeindruckt und an seine Tante errinnert hat, die ein ähnliches Schicksal erlitt. Die Parallelen der beiden Filme sind aber so gravierend, daß ich von Herrn Haneke wenigstens so viel Ehrlichkeit und Anstand erwartet hätte, die Inspiration in Vor- oder Abspann namentlich zu nennen.
    Ich hoffe Herr Haneke findet ebensowenig Schlaf mehr wie seine Protagonisten in ‚Amour‘..

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    1. Zeilenkino Artikelautor

      Als Remake von „Volcano“ sehe ich „Amour“ nicht. Sicherlich gibt es thematische Ähnlichkeiten, aber letztlich sind die Voraussetzungen doch sehr unterschiedlich: In „Amour“ ist es gerade die Liebe und das vertraute Zusammenleben eines älteren Paares, das einer großen Belastung ausgesetzt wird. In „Volcano“ findet hingegen Hannes erst durch die Erkrankung wieder zu Liebe und Vertrautheit. Auch in der Inszenierung unterscheiden sich die Filme, daher empfinde ich die Parallelen nicht als gravierend.

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