„Irgendwo in Schweden“ – Eine bitterböse Komödie

Manchmal passiert auf einem Festival etwas ganz Wunderbares. Da sitzt man am dritten Tag auf den nicht unbedingt bequemen Stühlen des Kolosseums in Lübeck und wartet auf den Film „Irgendwo in Schweden“. Im offiziellen Programm als „starbesetztes Gesellschaftsbild mit kühner Optik“ angekündigt, habe ich gepflegte Langeweile in schönen Bildern erwartet – und einen wunderbar hintersinnigen Film gesehen, der mit „Oslo, 31. August“ und „King of Devil’s Island“ zu den besten Beiträgen des Festivals gehörte.

Regisseur Kjell-Ake Andersson stellte seinen Film in Lübeck vor (c) Sonja Hartl

Schon die Einführung ließ mich aufhorchen: Dieser Film sei sicherlich nicht jedermanns Sache, auch müsse man sehr gut aufpassen, um den Faden nicht zu verlieren. Als langjähriger David-Lynch-Fan kann mich eine solche Aussage nicht schocken, aber sie ließ meine Erwartungen ein wenig steigen.

Tatsächlich ist der Anfang von „Irgendwo in Schweden“ leicht verstörend: blutüberströmte Leichen sind zu sehen, eine Frau rennt in einem zerschlissenen Kleid durch den Wald, ein alter Mann wird von der Polizei verhört. Aber ebenso offensichtlich ist, dass diese Bilder irgendwie zusammenhängen. Im weiteren Verlauf des Films werden sie wiederholt gezeigt und dabei stets in einen neuen Kontext gerückt. Aufmerksames Sehen ist daher bei „Irgendwo in Schweden“ schon erforderlich, aber der Film ist nun sicherlich nicht derart komplex, dass er eines besonderen Hinweises bedarf.

Im Grunde genommen münden alle Handlungsstränge in einer Kleinstadt „irgendwo in Schweden“. In dieser Stadt lebt seit kurzer Zeit wieder die Friseurin Anneli (Helena Bergström), die besorgte Anrufe von ihrer Schwester bekommt. Einst war sie mit Anki (Marie Richardson) befreundet, die mittlerweile einen halbwüchsigen Sohn hat und sich nebenbei als Prostituierte verdingt. Aber ihr Verhältnis ist nicht mehr gut. Ankis Freier lebt ebenfalls in dem kleinen Ort, hat ein Alkoholproblem und ständig Streit mit seinem Nachbarn. Aber dann beginnt er einen Englischkurs – und hofft auf eine zweite Chance im Leben. Außerdem gibt es noch Stefan (Mikael Persbrandt), der auf dem Weg in seine alte Heimat ist und in einer Raststätte zwei Männer beobachtet. In einem erkennt er einen alten Mitschüler wieder, allerdings ahnt er nicht, dass dieser gerade einen Einbruch plant. Und natürlich gibt es in dieser Stadt auch einen Menschen, der alles weiß – und immer mit Kopfhörern durch die Gegend rennt. Anscheinend kann er das Gewäsch der Menschen nicht mehr hören. Die verschiedenen Erzählstränge treffen in einer Nacht aufeinander – und in der Hoffnung, dass diese feine Komödie doch noch einen Verleih findet, werde ich die Pointen nicht verraten.

Hans Gunnarsson (links) mit Produzent Peter Kropenin beim nachfolgenden Gespräch (c) Sonja Hartl

Die einzelnen Episoden und auch Schauspieler überzeugen auf der ganzen Linie. Der Film basiert auf einem Roman von Hans Gunnarsson, der auch das Drehbuch zu dem Film geschrieben hat. Leider gibt es das Buch weder in deutscher noch englischer Sprache, denn es interessiert mich sehr, wie es erzählt ist. Als Film ist „Irgendwo in Schweden“ eine schwarzhumorige Perle, die dem Zuschauer ein bitterböses Bild von einem vermeintlich durchschnittlichen Ort in Schweden liefert. Dabei springt der Film virtuos zwischen den Handlungs- und Zeitebenen, aber man verliert niemals die Orientierung. Und wer makabere Gesellschaftskomödien mag, sollte versuchen, diesen Film zu sehen. Für mich war er jedenfalls einer der Höhepunkte der Nordischen Filmtage in Lübeck.

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