Krimi-Kritik: „Ein feiner dunkler Riss“ von Joe R. Lansdale

(c) Golkonda

Diesen heißen Sommer im Jahr 1958 wird der 13-jährige Stanley Mitchel junior nicht so schnell vergessen. Sein Vater hat beschlossen, dass Autokino in der kleinen Ortschaft Dewmont zu kaufen und mit seiner Frau Gal, seinen Kindern Caldonia und Stanley sowie dem Hund Nub umzuziehen. Langsam lebt sich die Familie ein. Stanley hilft in dem Autokino, hat in Robert einen ersten Freund gefunden und entdeckt eines Tages die Ruinen eines Hauses. Dort ist vor 14 Jahren die Villa der vornehmen Familie Stilwind abgebrannt, deren Tochter Juwel Ellen kam im Feuer ums Leben. Und in derselben Nacht – so erfährt Stanley von der afroamerikanischen Haushälterin Rosy – wurde die kopflose Leiche ihrer Freundin Margret Wood bei den Bahngleisen gefunden. Seither soll Margrets Geist dort sein Unwesen treiben. Dann findet Stanley bei der Ruine ein Kästchen mit Briefen von Margret, die sie mit einem J. ausgetauscht hat. Nun will er der Sache nachgehen – und ausgerechnet der mürrische Alkoholiker Buster Smith, der für seinen Vater den Filmprojektor bedient, hilft ihm.

„In mir wuchs die Befürchtung, dass es – was auch immer es war – mich packen und mit sich ziehen würde, auf die andere Seite dieses feinen dunklen Risses: der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten.“

Der Fund dieser Kiste bewirkt den feinen dunklen Riss im Leben des heranwachsenden Stanley. Litt er am Anfang des Sommers noch darunter, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, wird er einige Wochen später nicht nur aufgeklärt, sondern auch dem Bösen begegnet sein. Dabei besticht die wohlkomponierte Geschichte des Romans, in der Beobachtungen der Gesellschaft in den späten 1950er Jahren, des alltäglichen Rassismus und des Erwachsenwerden Stanleys mit der Kriminalgeschichte sehr gut verwoben ist. Es ist Joe R. Lansdales Sprachkunst, mit wenigen Worten diese Zeit wieder lebendig werden zu lassen und zugleich die Spannungskurve aufrechtzuerhalten. Dadurch entsteht eine bestechende Mischung aus Lakonie und Düsterheit auf der einen und Komik auf der anderen Seite. Auf diese Weise erhalten amüsante Nebenhandlungen – wie beispielsweise Rosys Kochkünste, die von der Familie bald mehr geschätzt werden als das Kochen von Stanleys Mutter oder der Callies harmlose Flirten mit den jungen Männern des Dorfes – einen bitteren Beigeschmack, wenn Rosy vor ihrem misshandelnden Ehemann flieht und Callie sexuell bedrängt wird.

„Auf manche Fragen gibt es Antworten, auf andere nicht.“

Joe R. Landsdale (c) 2012 by molosovsky

Im Zentrum von „Ein feiner dunkler Riss“ steht Stanley, aus dessen Perspektive die Geschichte auch erzählt wird. Daher beginnt dieser Kriminalroman wie eine Coming-of-Age-Geschichte, aber je weiter die Handlung voranschreitet, desto düsterer wird sie – und das Ausmaß mancher Bösartigkeiten trifft einen mit voller Wucht. Von Anfang an steht fest, dass die gesamte Wahrheit über die damaligen Ereignisse nicht nur schwer herauszufinden ist, sondern auch keine Konsequenzen haben wird. Denn niemand wird einem Teenager und einem afroamerikanischen Säufer Glauben schenken. Deshalb werden auch nicht alle Fragen beantwortet, wenngleich es ein befriedigendes Ende gibt. Stanley hat am Ende des Sommers vor allem gelernt, dass das Böse nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist – und es im Leben nicht immer gerecht zugeh: „Buster lag nicht mit allem richtig, und manchmal waren seine Antworten etwas konfus. Aber was mich stets begleitet, worauf man sich anscheinend getrost verlassen kann, ist seine Bemerkung darüber, dass das Leben nicht immer ganz befriedigend ist, und am Ende ist Fleisch und Dreck doch alles wieder eins.“ Und da ist ein guter Schlusssatz für diesen lesenswerten Kriminalroman.

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