Bachmann-Preis 2011 – Tag 1 der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Heute Morgen ging es los, das große Lesen um den Bachmannpreis. Und mein Fazit nach dem ersten Tag: Die Jury dachte vor allem an Thomas Bernhard, in den gelesen Texten kam immer mal wieder Hitler vor und in den nächsten Tagen folgt hoffentlich noch ein großer Wurf.

Gunther Geltinger (c) TDDL 2011

Den Anfang der Lesungen machte Gunther Geltinger mit einem Auszug aus einem Roman, indem sich ein stotternder Junge mit dem Trauma vom Tod seiner Mutter auseinandersetzt. Die ersten Absätze erinnern mich sehr an Peter Wawerzineks „Rabenliebe“, für einen Auszug aus diesem Roman hat Wawerzinek im letzten Jahr den Preis erhalten. Auch bei Geltinger gibt es diese kalte, dunkle Landschaft und die unvermeidlichen Krähen, aber mit fortschreitendem Text rückte der Vergleich mit Wawerzinek zunehmend in den Hintergrund. Denn in „Rabenliebe“ geht es um das assoziative Erinnern, das langsame Annähern an die abwesende Mutter; bei Geltinger geht es um die sterbende Mutter, Kotze und einige Provinklischees, die die Jurorin Daniel Strigl als Zutaten zum neuen Genre der norddeutschen Heimatliteratur („Blut-und-Kotze-Literatur“) ausmacht. Ein recht schwermütiger Auftakt, kein herausragender Text, aber Gunther Geltinger ist ein Autor, den ich mir merken werde.

Maximilian Steinbeis (c) TDDL 2011

Danach folgte Maximilian Steinbeis, dessen Roman „Pascolini“ mir im letzten Jahr gut gefallen hat. In Klagenfurt las er den abgeschlossenen Text „Einen Schatz vergraben“, den ich als böse Persiflage auf die Ratgeberliteratur und zynischen Kommentar auf die Gegenwart sehe. Dabei hat Steinbeis konsequent die Idee verfolgt, eine Anleitung zum richtigen Vergraben eines Goldschatzes zu schreiben, die quasi nebenbei allerhand Seitenhiebe auf Banker enthält. Sicherlich ist der Text an manchen Stellen ein wenig manieriert und auf die Pointe hin geschrieben. Aber für mich war Steinbeis‘ Text der beste des heutigen Tages.

Daniel Wisser (c) TDDL 2011

In der dritten Lesung stellte Daniel Wisser den Text „Standby“ vor, in dem ein zwangsgestörter Mann über sein Leben, die Waschmaschine und Möglichkeiten, seine Frau zu ermorden, sinniert. Neben einigen interessante Ideen hat mir der Versuch, fast vollständig im Passiv zu schreiben, gut gefallen, da auf diese Weise auch die Hemmnisse der Figur deutlich werden. Im Vergleich zu Steinbeis‘ Text erscheint mir „Standby“ weniger geschliffenen, ja, vielleicht weniger kalkuliert, aber auch weniger genau in der Sprache. Dabei halte ich es hier durchaus mit Burkhard Spinnen, der dem Konjunktiv I „einige Potenzen“ zuspricht, „die man noch wecken kann“. Und ich hoffe, dass der selbstgedrehte Vorstellungsfilm von Daniel Wisser als Parodie gemeint war.

Anna Maria Prassler (c) TDDL 2011

Nach der Mittagspause folgte die Lesung von Anna Maria Praßler mit „Das Andere“. In Ich-Form setzt sich die Erzählerin mit dem Tod ihres ehemaligen Geliebten auseinander, durch den sie, die Geisteswissenschaftlerin, erstmals mit dem Tod auf direkte und nicht symbolische Weise konfrontiert wird. Auch in diesem Text waren einige gute Ideen, mir hat – wie auch Hubert Winkels – insbesondere die Kennlernszene sehr gut gefallen. Allerdings war die Sprache dann noch zu gewollt, vor allem aber werden in diesem Text einfach zu viele Themen angesprochen – und auch ein Hauch Trivialität lässt sich nicht von der Hand weisen. Auch wenn Burkhard Spinnen diesen Vorwurf von Alain Claude Sulzer gerne niederreden wollte.

Antonia Baum (c) TDDL 2011

Die letzte Lesung des Tages bestritt dann Antonia Baum mit „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“. Dieser Text hat mir nicht sonderlich gut gefallen – und nicht nur wegen des ständigen „denke ich“. Das betont Pubertierende, diese bemühten Steigerungen von Wörtern und – um Paul Jandl zu zitieren – „verquasten Metaphern“ fand ich unglaublich anstrengend. Außerdem vollzieht die Geschichte eines Mädchens, das erst seinem Elternhaus, dann seinem Freund entfliehen will, zwischen dem ersten und zweiten Kapitel einen Sprung, der mich nicht überzeugt hat. Denn anscheinend will die Erzählerin einfach nur weg, hat aber noch nicht einmal das Ziel, ein eigenes Leben zu führen. Die Flucht ist das Ziel. Das kann in einem Roman funktionieren. Aber dafür braucht es mehr, denke ich. 😉

Den Bachmannpreisträger haben wir heute wohl noch nicht gehört – jedenfalls hoffe ich, dass in den nächsten zwei Tagen noch ein oder zwei sehr starke Texte zu hören sind. Und das Rahmenprogramm? Nun ja, die Moderation von Cécile Schortmann erscheint mir verbesserungswürdig und die Jury gefiel sich heute vor allem in Thomas-Bernhard-Vergleichen und Bezügen zu anderen Schriftstellern. Einige Jurymitglieder müssen auch immer mal wieder ihr Ego herausstellen, aber es gab auch durchaus interessante Diskussionen. Und morgen geht es dann weiter …

2 Gedanken zu „Bachmann-Preis 2011 – Tag 1 der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

  1. Johannes Steinberg

    Danke für die schöne Zusammenfassung.
    Ja, ich fand die Jury heute auch ärgerlich oft mit dem Herausarbeiten von Ähnlichkeiten mit anderen Autoren beschäftigt. Sehr unschön für die Autorinnen/Autoren.

    Antworten
  2. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » TDDL 2011 – erster Tag

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