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Verbrecherische Frauen (3) – „Honey“ von Imani Thompson

Verbrecherische Frauen (3) – „Honey“ von Imani Thompson

Cambridge, England. Die Soziologie-Doktorandin Yrsa erfährt von ihrer Kollegin, dass sie mit ihrem älteren, verheirateten Professor eine Affäre hatte, er ihre Forschungsergebnisse gestohlen und sie anschließend abserviert hat. Wieder ein Mann, der seine Macht missbraucht und Frauen ausnutzt. Als Yrsa dann zufällig trifft und sieht, wie eine Biene an dem Flaschenhals seines Wassers entlang krabbelt, kann sie nicht widerstehen: Sie schubst das Tier in sein Getränk schaut kurz darauf zu, wie der Professor langsam erstickt.

Dieser Mord ist der erste Schreckmoment in Imani Thompsons Debütroman „Honey“, der bis zu diesem Zeitpunkt eher an eine launig-moderne Campusgeschichte erinnerte: Yrsa ist eine brillante junge Frau, genervt von dem Desinteresse der Studierenden, dem Datingleben und dem verleugneten Rassismus, dem sie als Tochter afro-karibischer Eltern ausgesetzt ist. Doch die Macht, die sie bei ihrer Tat empfunden hat, versetzt sie in einen Rausch.

Yrsa ahnt, dass sie wieder morden wird. Weil es ihr einen Kick gibt. Weil es genug Männer gibt, die den Tod verdient hätten. Und – das ist ein clevererer Kniff dieses Romans – weil sie Thesen für ihre Dissertation testen will. Sie schreibt darüber, wie Afropessimismus den Befreiungsdiskurs Schwarzer Frauen beeinflusst. Vereinfacht gesagt: Der Afropessmismus geht davon aus, dass Schwarze Menschen nicht nur diskriminiert und unterdrückt werden, sondern vom Menschsein ausgeschlossen sind. Rassismus sei deshalb kein Fehler des bestehenden Systems, sondern eines seiner Fundamente – und könne nicht durch Reformen allein überwunden werden. Yrsa stellt jedoch eine entscheidende Frage: Wenn diese Welt enden muss, damit der Rassismus endet – wessen Welt ist gemeint? Und wer soll dafür sterben?

Das ist ein starker, ein provokanter theoretischer Unterbau mit dem Yrsa versucht, ihre Taten zu rechtfertigen. Leichtgängig flicht Imani Thompson hier die Überlegungen von Wissenschaftlerinnen wie Saidiya Hartman oder dem Soziologen Stuart Hall in ihren unterhaltsamen Roman ein. Yrsas müheloses Referenzieren wichtiger Theorien macht sie als Figur glaubwürdig – und ist manchmal schlichtweg witzig: Als sie sich einen sehr teuren Eiskaffee kauft, denkt sie „dass es sich um einen Akt der Selbstliebe handelt, zu viel Geld dafür auszugeben, gelebte Wellness, radikale Selbstfürsorge. Lorde wäre stolz.“

Imani Thompson hat in Cambridge Soziologie studiert und danach als Buchhändlerin gearbeitet – und sie wusste, dass ein Roman über race, intersektionalen Feminismus und genderbasierter Gewalt mit einer Schwarzen Protagonistin es sehr schwer haben wird, überhaupt eine Verlag zu finden, geschweige denn Leser*innen. Und sie wollte, dass ihr Buch gelesen wird. Deshalb hat sie auf das Serienmordnarrativ zurückgegriffen – sie sind ungebrochen populär und eignen sich für Gesellschaftskritik. Oftmals aber haben diese Romane dann etwas Bemühtes, ja, fast schon essayistisches. „Honey“ nicht. Imani Thompson erzählt schnell, sarkastisch und mit viel Witz, sie micht starke Gesellschaftsanalysen mit Romantik und Thrill. Auch wenn manche Passagen etwas zu lang sind und sie am Ende für Yrsas verzwickte Situation keine überzeugende Auflösung findet, zeigt „Honey“, dass ein Roman kommerziell und klug sein kann.

Dazu hat ihr Roman eine weitere, sehr clevere Ebene: Ein verbreitetes rassistisches Stereotyp ist die black angry woman – die wütende Schwarze Frau. Auch Yrsa hätte angesichts der alltäglichen Mikroagressionen, der konstanten Sexualisierung und Exotisierung allen Grund, wütend zu sein. Das weiß sie. Aber sie ist eben auch eine Narzisstin mit psychopathischen Tendenzen. Deshalb ist sie nicht wütend. Sie ist – wie alle literarischen Serienmörder*innen – überzeugt, sie ist besser als alle. Außerdem verhindert Imani Thompson auf diese Weise auch, dass Yrsa zu einem Opfer wird – einem Opfer der gesellschaftlichen Umstände oder gar von Männern.

Es ist interessant, dass gerade junge Autorinnen – Imani Thompson ist 27 Jahre alt – wieder anfangen, über gewalttätige Frauen zu schreiben. Und wie im Fall von Thompson klar auf Unterhaltung ausgerichtet. Über 36 Jahre nach Helen Zahavi und Pieke Biermann können mordende Frauen noch immer provozieren. Sie sind aber auch eine Reaktion auf eine Welt, in der Männer Frauen konstant abwerten und angreifen.

Imani Thompson: „Honey“. Aus dem Englischen von Asal Dardan. Rowohlt, Hamburg 2026, 416 Seiten, 25 Euro

Dieser Beitrag gehört zu einer losen Reihe über verbrecherische Frauen. Teil 1 und und Teil 2

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Verbrecherische Frauen (2) – „Sing mir vom Tod“ von Ivy Pochoda

Zwei Frauen gegen den Rest der Welt – nein, halt, stimmt gar nicht: Zwei Frauen gegeneinander und irgendwie auch gegen die Welt. Aber nur eine gesteht es sich ein: Diana „Dios“ Sandoval kommt aus Queens, ist ziemlich schlau, hatte deshalb ein Stipendium, aber hat dann einen Kommilitonen angegriffen. Das wollte dessen wohlhabende Mutter bestraft sehen und deshalb sitzt Dios nun im Gefängnis. Sie steht dazu, was sie getan hat, sie gefällt sich als unberechenbare gewalttätige Frau.
Anders indes Florence „Florida“ Baum. Blond, privilegiert, aus Kalifornien. Im Gefängnis, weil sie das Auto gefahren hat, mit dem ein Dealer von einem Mordschauplatz abgehauen ist. Sie ist eines dieser unschuldigen weißen armen reichen Mädchen, die aus Langeweile mit Drogen anfangen und dann in eine Sache geraten, die zu groß für sie ist. Oder nicht? Dios ist überzeugt, Florida spielt diese Rolle nur. Und mehr noch: Sie will sie dazu bringen, diese Rolle abzulegen und endlich dazu zu stehen, dass sie ebenso gewalttätig ist wie sie selbst.

Das ist der Ausgangspunkt von Ivy Pochodas sensationellem Kriminalroman „Sing mir vom Tod“, in dem das Aufeinandertreffen von Dios und Florida wie ein episches, kompromissloses Duell inszeniert ist. Die heiße, verlassene Westernstadt ist Los Angeles im Covid-Lockdown, statt Siedler findet man dort Obdachlosencamps, das finale Duell findet an der Straßenkreuzung in Koreatown statt – und im Nachhinein erzählt ein Wandgraffito davon.

Von Anfang an arbeitet Pochoda mit kultureller Überspitzung: die Gewalt ist wie im Comic bis ins Groteske gesteigert. Dios singt Narcocorridos – jene Lieder über hispanische Drogengangster und Gewalt. Gleich am Anfang in einer unvergesslichen Szene in der Gefängniscafeteria ruft sie: „Entweib mich!“ und rammt dann einer ruhigen Gefängnisinsassin eine Gabel in die Wange, nur um ihre Macht zu demonstrieren. Schockierend, brutal – und ungemein präzise: „Entweib mich“ ist ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ – genauer gesagt: Lady Macbeth ruft es aus. Es verweist auf Dios‘ Begier: So wie Lady Macbeth die Macht wollte, will sie Florida ins Dunkle reißen. Damit markiert Pochoda Dios‘ Bildungsgrad – und wie Männer darauf blicken. Im Gefängnis sind es die Wärter. Sie schauen nur zu: „Sie können nicht verbergen, dass sie auf prügelnde Frauen stehen, besonders auf jemanden wie Dios, die Männer wie sie draußen keines Blickes würdigen würde, hier aber durch ihren Status gezwungen ist, die Anzüglichkeiten der Schließer über sich ergehen zu lassen.“

Dios ist eine Frau, die gewalttätig ist. Damit erzählt „Sing mir vom Tod“ von Frauen, die Gewalt ausüben. Und zwar: Gewalt. Keine Rache! Das ist wichtig. Üblicherweise wird Frauen in der Kriminalliteratur lediglich Gewalt aus Rache zugestanden. Sehr, sehr oft rächen sie sich, nachdem sie vergewaltigt wurden oder einer anderen Art sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Von einem Mann. Anders formuliert: Erst nach dem ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat, hat sie die Berechtigung, mit Gewalt zu reagieren. Als sei die Tat eines Mannes die einzige Möglichkeit, warum eine Frau sich so verhält. Oder wie Pochoda es beschreibt:

„Lady Killers. Femmes Fatales. Schwarze Witwen. Thelma & Louise. Bitches mit Problemen. Lobos kann es schon hören. All die niedlichen oder sarkastischen Bezeichnungen, mit denen man die Taten verharmlosen wird. Um die Verbrechen der Täterinnen ins Lächerliche oder Unbedeutende zu ziehen, um Männern die Vorstellung zu ermöglichen, dass Frauen töten können.“

Und Dios liegt hier richtig: Anlasslose Gewalt bleibt in Literatur und Film weit überwiegend männlichen Figuren zugestanden. Für Dios‘ Gewalt aber gibt es keine Erklärung. Sicherlich könnte man Anknüpfungspunkte finden, warum sie so reagiert, wie sie reagiert: Durch ihre Intelligenz war sie eine Außenseiterin in Queens; möglicherweise spielte sie dann auf dem College wieder eine Rolle: die der sozialen Aufsteigerin. Vielleicht hatte sie die Anzüglichkeiten der Männer satt. Aber all diese möglichen Erklärungen verweisen nur darauf, dass das die Narrative sind, die wir kennen. Im Text selbst gibt es keine kausalen Begründungen, keine Psychologisierung ihres Verhaltens. Und das ist – auch in der gegenwärtigen Kriminalliteratur – ungemein radikal.

Dazu kommt, dass Ivy Pochoda es nicht bei Dios‘ Gewalt belässt. Sie zieht den Bogen weiter: Als Dios und Florida in Los Angeles ankommen, kommt eine dritte Figur hinzu: Detective Lobos – sie hat keinen Vornamen – vom LAPD. Geplagt von dieser patriarchalen Copmännerwelt, behauptet sie sich bei der Polizei. Man kennt Figuren wie sie aus Kriminalromanen, kennt die Erzählung von der Frau, die sich durchsetzt bei ihren Kollegen. In allem erscheint sie nahezu wohltuend „normal“ und vertraut in dieser von der Pandemie heimgesuchten Stadt. Und das ist eine weitere bittere Pointe: Sie wurde von ihrem Mann misshandelt, fürchtet, dass er zurückkommt und fragt sich, wie sie hat zulassen kann, dass er sie so behandelt. Die traumatisierte, misshandelte Ehefrau ist also die Vertraute, die „Normale“. Und das ist ein weiterer Verweis auf gewohnte Rezeptionsmuster: Frauen, die Gewalt erleiden, sind uns viel vertrauter als Frauen, die grundlos Gewalt ausüben.

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod. Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Suhrkamp 2025. 328 Seiten. 17 Euro.

Im ersten Teil der losen Reihe zu verbrecherischen Frauen ging es um “Die Spielerin” von Isabelle Lehn.

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