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Thelonius Monk in Paris – Über „Rewind and Play“ von Alain Gomis

Selten habe ich so unangenehme und erkenntnisreiche 65 Minuten mit einem Film verbracht: In seinem Essayfilm „Rewind and Play“ montiert Alain Gomis Archivmaterial der Dreharbeiten eines Fernsehbeitrags über Thelonius Monk und entlarvt, wie die französischen Medien mit ihm umgegangen sind.

Im Jahr 1969 war Thelonius Monk auf Europatournee und wurde in Paris von dem französischen Pianisten Henri Renaud für ein Porträt interviewt, das im französischen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte. Der Film beginnt mit der Ankunft Monks in Paris – wie immer in Begleitung seiner Ehefrau Nelli Auf dem Weg vom Flughafen wird sofort klar: Thelonius Monk ist schüchtern, er redet nicht viel. Seine Frau antwortet auf die Fragen der Begleiter, betreibt Konversation. Monk raucht. Später im Interview wird genau das noch einmal thematisiert: Nellie ist diejenigen, die sich um alles kümmert.

Die Bilder zeugen davon, dass Monk keine Ahnung hat, was er tun soll, was das alles soll. Sie gehen in ein Bistro, da steht er etwas verloren an einer Bar, trinkt etwas, streichelt einen Hund. Danach geht es wohl in ein Fernsehstudio – und spätestens hier wird es dann wirklich unangenehm: Monk sitzt auf einer hell ausgeleuchteten Fläche an einem Flügel. Neben ihn stehen zwei Männer, die sich miteinander in Französisch, aber nicht mit ihm unterhalten. Aus dem Off sind weitere Stimmen zu hören. Niemand kümmert sich um ihn. Niemand sagt etwas zu ihm. Niemand sagt ihm offenbar wenigstens, was nun von ihm erwartet wird. Also beginnt Monk zu spielen – und es ist zu sehen, dass er sich nun wohler fühlt. Aber selbst als er spielt, reden die anderen weiter.

Dann beginnt der Interview-Teil mit Fragen, die sehr deutlich eine bestimmte Antwort erwarten – und wenn Monk diese Antwort nicht liefert, dann wiederholt Renaud die Frage, deutet an, was er hören will. Beispielsweise bei einer Frage zu Monks erstem Auftritt in Paris: Im Jahr 1959 wurde er – angeblich auf Renauds Betreiben – zu einem Festival eingeladen. Renaud fragt ihn danach und will vor allem wissen, warum das französische Publikum seine Musik wohl damals als zu „avantgardistisch“ oder zu „kompliziert“ wahrgenommen hat. Aber Monk antwortet anders: Er sagt, dass er damals auf dem Cover des Programmhefts war. Dennoch hat er keine Musiker gefunden, die mit ihm spielen wollten, manchen Musikern sei es sogar untersagt worden, mit ihm zu spielen. Und er habe deutlich weniger Geld erhalten als andere Musiker. Diese Antwort akzeptiert Renaud nicht. Sie könnten sie nicht nehmen, sie ist nicht „nice“ – so der Untertitel dieses Films „It’s not nice“ –, das könne man dem Publikum nicht zumuten. Unausgesprochen, aber klar: Der schwarze Künstler solle sich mal lieber etwas dankbarer zeigen, dass er überhaupt spielen durfte.

Der Film ist voll solcher Vorurteile und Rassismen, die heute – hoffentlich – offensichtlich sind: Renaud wollte ein bestimmtes, vorher festgelegtes Bild von Thelonius Monk abliefern, aber das gelingt ihm nicht. Stattdessen sitzt Monk eine Stunde lang unter diesen Lichtern, in einem Anzug, er schwitzt, aber niemand kommt auf die Idee, ihm ein Handtuch oder wenigstens etwas zu trinken zu geben (zumindest ist das nicht auf den Bildern zu sehen).

Die Deutung, die Erklärung überlässt Alain Gomis die Zuschauenden, er montiert diese Ausschnitte. Es gibt keine Einführung, kein Ende. Dafür lange Passagen, in denen Monk das tut, bei dem er sich am wohlsten fühlt. Klavier spielen. Und: Wie er spielt!

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Krimi-Kritik: „Schwarzblende“ von Zoë Beck

Manchmal ist Kriminalliteratur sehr nah an der Wirklichkeit. Als Zoë Beck ihren Roman „Schwarzblende“ geschrieben hat, waren die Anschläge in Paris noch nicht geschehen. Und doch stellt sie die Frage, die seither viele beschäftigt: Was passiert mit einer westeuropäischen Gesellschaft, wenn der Terror auf einmal vor der eigenen Haustür stattfindet?

(c) Heyne

(c) Heyne

Eigentlich wollte Dokumentarfilmer Niall nur Recherchen für einen Film über die unterirdischen Flüsse Londons betreiben, als ihm auf einer Brücke zwei Männer mit Macheten auffallen. „Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.“ Niall kann kaum glauben, was er sieht – und da es anscheinend niemandem anders auffällt, zweifelt er schon an seiner Wahrnehmung. Also geht er den jungen Männern hinterher, filmt sie und verfolgt sie bis in einen Park. Gerade als er glaubt, alles sei ganz harmlos und weggehen will, hört er Angstschreie. Niall sieht – und filmt – wie beiden Männer einen anderen jungen Mann mit der Machete malträtieren, schließlich auf ihn einhacken. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass Niall sie dabei filmt, sie sprechen sogar mit ihm und bekennen sich in seinem Film als Angehörige des Islamischen Staats. Schließlich kommen Sicherheitskräfte zum Tatort, überwältigen die beiden Attentäter und Niall. Es dauert über 24 Stunden, bis er wieder frei gelassen wird. In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie England Terrorverdächtige behandelt, sondern sein Video hat sich längst im Internet verbreitet. Er kommt zu seinen 15 Minuten Ruhm – und erhält das Angebot, einen Dokumentarfilm über die Attentäter zu drehen. Und bei seinen Recherchen stößt Niall auf unangenehme und gefährliche Wahrheiten.

Gleich drei Themen widmet sich Zoë Beck in ihrem Kriminalroman: den innenpolitischen Folgen der Angst vor dem Terror und den Fragen, wie aus Engländern Islamisten werden bzw. welche Verantwortung ein Einzelner trägt. Dabei findet sie überzeugende Szenarien, in denen die Wirkung von Frustrationen, Desillusionierungen und Angst bis hin zur bloßen Machtgier spürbar werden. Aber sie macht es sich niemals zu einfach: Nicht alle Polizisten in diesem Roman sind böse, nicht alle Medienleute gierig nach Schlagzeilen, nicht alle Gläubige verblendete Radikale. Vielmehr zeigt sie sehr eindringlich, wie schwierig es gerade für die gemäßigten Gläubigen ist, zu ihrer Religion zu stehen, aber beständig Ablehnungen ausgesetzt zu sein; wie schwierig es ist, über die Vergewaltigungen von englischen Mädchen durch pakistanische Männer zu berichten, ohne dass Hass zu schüren oder die Vorfälle zu ignorieren; und wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn man selbst von Angst erfüllt ist. Weiterlesen

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