Ich beobachte an mir gerade eine gewisse Tendenz zum Lektürewohlfühlwunsch. Erklären kann ich es mir – es ist in der Welt und bei mir gerade sehr viel los, leider nur wenig davon erfreulich –, wirklich neu sind diese Phasen auch nicht, immerhin habe ich jahrelang „Lewis“ geguckt. Dennoch beobachte ich meinen eigenen Wunsch mit einer Skepsis: Vom Wohlgefühl ist es zur Nostalgie nicht weit – und mit beidem geht eine gewisse Gefahr einher.
Dieser Wunsch nach Wohlgefühl sorgte nun dafür, dass mich die Ausgangssituation von Peter Graingers „Ein unglücklicher Tod“ durchaus angesprochen hat: Ein alter, eigensinniger, englischer Polizist bekommt in Norfolk einen Routinefall zugeteilt, der sich dann als etwas Größeres herausstellt. Das klang nach einem guten, alten englischen Ermittlerkrimi. „Ein unglücklicher Tod“ beginnt nun damit, dass Detective Sergeant DC Smith nach einem Ermittlungsverfahren zurück in den Dienst kehrt. In England würde man sagen: DS DC Smith kehrt in den Dienst zurück. Diese Verwirrung mit Rang und Vorname ist natürlich beabsichtigt (DC ist die Abkürzung für Detective Constable, eine Stufe unter Detective Sergeant) – und wird noch dadurch ergänzt, dass DS DC Smith wohl mal DI (Detective Inspector) war, aber freiwillig einen Rang zurück gegangen ist. Möglicherweise funktionieren solche Witze im Englischen besser als in der Übersetzung, ich fand es anfangs etwas verwirrend und konnte dann milde darüber lächeln.
Allerdings bleibt es nicht bei dieser Art … Humor. DS DC Smith soll sich das Ertrinken eines Siebzehnjährigen genauer ansehen, um zu entscheiden, ob der Fall als Unfall zu den Akten gelegt wird. Er findet Hinweise auf ein Verbrechen und bekommt den Nachwuchspolizisten DC Chris Waters an die Seite gestellt. Und erst als Smith das Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ einfällt, geht ihm auf, dass er Waters – also: Wasser – ja indirekt kennt: Er hat vor Jahren mit seinem Vater ermittelt! Dazu denkt Smith übers richtige Teekochen und andere englische Eigenheit nach.
Das ist also alles sehr betulich. Dazu passt die Hauptfigur: Ein Mann, der nicht in den Ruhestand gehen will, darüber nachdenkt, dass früher vieles besser war, mit dem ganzen neumodischen Kram von Smartphones bis Willkommensgespräch nach Suspendierung nichts anfangen kann. Seine Frau ist verstorben, er trauert auch um sie, aber ohne depressiv zu werden oder sonstigen Literaturkommissarsexistentialismus.
Manche mögen das unaufgeregt nennen, ich fand es langweilig. Interessanter ist die Geschichte dahinter: Peter Grainger – eigentlich Robert Partridge – hat als Englischlehrer gearbeitet, bevor er im Ruhestand sein erstes Buch geschrieben hat. Aber er fand keinen Verlag. Sein Sohn machte ihn mit Selfpublishing vertraut, Grainger erkannte, dass sich am meisten Geld mit Unterhaltungsliteratur machen lässt, und entschied sich, Krimis zu schreiben und verkaufte viele Bücher. Erst der 17. Band ist erstmals als gebundene Ausgabe erschienen, wie die NYT in einem Profil über ihn schreibt, will er sich aber weiterhin nicht von Verlagen hineinreden lassen. (Ich hätte mir beim ersten Teil an so einigen Stellen gewünscht, ihm hätte jemand „hineingeredet“).
Aber es erklärt auch, warum alles in diesem Roman recht gewöhnlich ist: Figurenname, Figurengestaltung, Beschreibung der Polizeiarbeit, letztlich auch der Fall an sich. Danach gibt es offenbar gerade eine große Sehnsucht. Auch hierzulande. Und auch hier gibt es eine gewisse Gefahr: Denn Smith ist auch ein Polizist, der sich nicht an Vorschriften hält. Das ist hoffentlich auch weiterhin nicht ‚gewöhnlich‘. So findet man ihn nur, wenn man seiner Sichtweise von Gerechtigkeit folgt. Und genau das ist eine der Gefahren von Krimi als Wohlfühllektüre: Verbrechen ist niemals harmlos.
Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod. Aus dem Englischen von Eva Regul. Diogenes 2026. 288 Seiten. 18,50 Euro.

