Im August hat die New York Times die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die sie – ganz bescheiden – die 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts betitelt hat. Nun sind solche Listen natürlich Quatsch und dienen vor allem dazu, Diskussionen zu entfachen aka Clicks zu generieren, weil es immer ausreichend Menschen gibt, die das Ergebnis doof finden. Außerdem haben solche Umfragen etwas von einem Beliebtheitswettbewerb. Aber: Ich finde sie unterhaltsam. Und ausnahmsweise in diesem Fall den ersten Platz sehr schlüssig. Halte ich Gillian Flynns „Gone Girl“ für den besten Thriller des 21. Jahrhunderts? Nein. Aber der phänomenale Erfolg dieses Buchs hat ein ganzes Subgenre nicht nur wiederbelebt, sondern zu ganz neuen kommerziellen Höhen geführt. Durch dieses Buch (und seine Nachfolger) wurden unzuverlässige Erzähler*innen zum neuen Standard, Familie, Haushalt, Ehe wurden als Krimi-Sujets (wieder) entdeckt. Klar, all das gab es vorher, oftmals besser, differenzierter, auch mit einer ganz anderen, viel kritischeren gesellschaftlichen Haltung dahinter. Aber „Gone Girl“ hat es (wieder) populär gemacht. Vereinfacht gesagt: Ohne „Gone Girl“ keine Freida McFadden. Nun kenne ich weder US-amerikanische noch deutsche Verkaufszahlen im Einzelnen (in Deutschland kommt man an die Zahlen nur schwer heran), schaue ich mir aber an, welche Titel in Medien, auf Beststellerlisten und überhaupt in Verlagsprogrammen vorkommen, behaupte ich, dass viele ohne den Erfolg von „Gone Girl“ keinen Verlag gefunden hätten. Daher stelle ich mal die These auf: „Gone Girl“ ist bisher das für den englischsprachigen Krimimarkt einflussreichste Buch des 21. Jahrhunderts.
Darin liegt ein weiterer Grund, warum „Gone Girl“ auf Platz 1 gelandet ist: Schaut man sich die Liste derjenigen 291 Menschen an, die gefragt wurden, sind darunter viele, die sich selbst in dem „Gone Girl“-Segment bewegen. Ohnehin bringt die gesamte Liste eine Präferenz für psychologische Spannung zum Ausdruck: Gillian Flynn ist noch mit einem zweiten Buch unter den Top 20, auch Tana French ist zweimal dort zu finden, insgesamt sogar viermal. Ich lese Tana French sehr gerne – aber davon war ich doch überrascht. Jenseits der psychologischen Spannung ist S.A. Cosby der meistvertretene Autor mit drei Titeln. Nur wenige alte Granden kommen vor: Cormac McCarthy, John Le Carré. Nicht nur bei ihren Titeln fällt auf: Viele Bücher auf der Liste wurden verfilmt, einige sogar sehr gut. Ob sie das schlichtweg präsenter hält?
Der ganzen Liste merkt man an, dass sie von einer US-Zeitung erstellt wurde: Es gibt insgesamt drei übersetzte Titel. Unter den Top Ten ist Stieg Larssons „The Girl with the Dragon Tatttoo“ – auch hier halte ich „beste“ für das falsche Adjektiv, „einflussreich“ indes treffender. Überraschenderweise ist das der einzige nordeuropäische Titel. Stattdessen als übersetzte Titel noch Leïla Slimanis „Dann schlaf auch du“ und Silvia Moreno-Garcia „Der mexikanische Fluch“. Beide Bücher wurden hierzulande weniger als Kriminalromane rezipiert – wie so einige andere Titel auf der Liste –, daher kann man an der Liste wieder einmal gut die Unterschiede in der Genre-Wahrnehmung zwischen den USA und Deutschland sehen. Zahlreiche Titel würden man hierzulande noch nicht einmal als Thriller bezeichnen.
Natürlich fehlen bei so einer Liste immer Namen – auch das ein Nachteil an der Methode, mit der die Liste erstellt wurde. Bleibe ich bei US-amerikanischen Autor*innen, dann gehört Don Winslow mit „The Power of the Dog“ (2005) für mich auf eine Liste der 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts. Natürlich auch Sara Gran. Oder Ivy Pochoda, für mich zwei der aufregendsten Autorinnen des 21. Jahrhunderts. Und das sind nur die drei Namen, die mir als erstes eingefallen sind. Aber genau das gehört ja zu dem Spaß mit solchen Listen – mal sollte sie nur nicht mit Relevanz verwechseln.
