Krimi-Kritik: Fred Vargas‘ „Die Nacht des Zorns“

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Dieses Mal muss Kommissar Adamsberg gleich an vielen Fronten tätig werden: Ein Unbekannter bindet Tauben die Beine zusammen und lässt sie elendig verenden. Ein reicher Industrieller wird in seinem eigenen Auto verbrannt und ein Unschuldiger soll dafür verantwortlich gemacht werden. Außerdem behauptet eine Frau, ihre Tochter Lina habe das Wütende Heer (die armée furieuse, in Deutschland bekannt als Die Wilde Jagd) gesehen, das den Tod vierer Bewohner des Städtchens Ordebec ankündigt. Noch dazu lebt Adamsberg nun mit seinem Sohn Zerc zusammen, den er erst im letzten Roman gefunden hat. Und aus diesen Elementen entsteht im typischen Fred-Vargas-Stil ein hervorragender Kriminalroman.

Fred Vargas (c) Louise Oligny

Die französische Schriftstellerin gehört längst zu den erfolgreichsten Autoren in Frankreich und Deutschland. Mit Kommissar Adamsberg hat sie einen unvergleichlichen Kommissar geschaffen, dessen Welt von Buch zu Buch komplexer und auch bunter wird. Seine Fälle löst er sehr langsam und intuitiv, in dem er viel spazieren geht. Sein engster Mitarbeiter ist Adrien Danglard, der sehr analytisch vorgeht und über viel Wissen verfügt und den mitunter unlogischen Gedanken seines Chefs nur schwer folgen kann. Aber Adamsbergs Umfeld hat sich längst mit dem „Wolkenschaufeln“ des Kommissars abgefunden – viel mehr noch: Mittlerweile hat er in der Brigade criminelle Kollegen um sich versammelt, die selbst ihre Eigentümlichkeiten haben – und ihn verstehen. Dabei ist es das besondere Verdienst der französischen Autorin, das sie sich niemals nur auf ihre Hauptfigur konzentriert. Stets kommt es zu unverhofften Wiedersehen mit Figuren aus vergangenen Büchern und die Nebencharaktere entwickeln sich ebenfalls weiter.

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Im Gegensatz zu „Der verbotene Ort“, in dem der Fall etwas zu ausufernd war, konzentriert sich Fred Vargas in „Die Nacht des Zorns“ auf Frankreich, stellt jedoch abermals eine alte Legende ins Zentrum der Handlung. Erneut zieht es Kommissar Adamsberg in die Normandie, dieses Mal soll der Seigneur Hellequin mit seiner Truppe bereits einen Mann getötet haben – und die zwei nächsten Opfer sind namentlich bereits bekannt. Den Vierten Namen konnte Lina Vendermort, die die Gabe hat, das Wütende Heer zu sehen, jedoch nicht verstehen. Gerne lässt sich Kommissar Adamsberg hineinziehen in diese Welt aus Aberglauben und Mythen, die aber niemals die Wirklichkeit verlässt. Das ist die Besonderheit an Fred Vargas: Sie errichtet in ihren Romanen eine eigene Welt, eine Art verschobene Wirklichkeit. Aber trotz aller kauzigen Charaktere und mitunter wunderlichen Eigenheiten und Ereignissen gibt es doch immer einen realistischen Kern. Es geht um das Böse an sich, den Kern allen Übels. Deshalb nimmt Kommissar Adamsberg den Mythos des Wütenden Heeres auch ernst, ohne an ihn zu glauben. Darüber hinaus hält Fred Vargas alle Fäden der Handlung zusammen und führt sie letztlich zu einer überzeugenden Auflösung. Hinzu kommt die wunderbare poetische Sprache, die von Waltraud Schwarze gut übersetzt wurde. Das macht „Die Nacht des Zorns“ zu einem ungemein lesenswerten Krimi. Nur eines würde ich mir wünschen: Dass Kommissar Adamsberg in seinem nächsten Fall in Paris bleibt und es nicht wieder mit einem alten Mythos zu tun bekommt.

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