„Gauklersommer“ von Joe R. Lansdale

(c) Golkonda Verlag

Mit „Gauklersommer“ kehrt Joe R. Lansdale nach „Kahlschlag“ wieder nach Camp Rapture im Osten von Texas zurück. Erzählte er damals von Sunset, die ihren missbrauchenden Ehemann erschoss und zum Deputy wurde, steht nun ein entfernter Verwandter von Sunset im Mittelpunkt: Ihr Enkel, der traumatisierte Irak-Kriegsveteran und Pulitzerpreis-nominierte Cason Statler, hat in Houston seinen Job verloren, weil er mit der Frau und erwachsenen Tochter des Chefredakteurs eine Affäre hatte. Nun hat er eine Anstellung beim Lokalblatt in Camp Rapture gefunden und hofft auf einen Neuanfang. Schon an seinem ersten Tag entdeckt er einen spannenden Vorfall: Die wunderschöne Geschichtsstudentin Caroline ist vor Monaten spurlos verschwinden. Mittlerweile hält man sie für tot – aber Cason wittert in ihrem Verschwinden eine Story, die ihn wieder aus der Provinz hinauskatapultieren könnte.

Es ist bemerkenswert, wie selbstverständlich und ohne moralischen Zeigefinger Joe R. Lansdale in seinem country noir die Bogen von dem 11. September und Irak-Krieg zum tief verwurzelten Rassismus in Texas und medialen Spielen spannt.  Geschichtliche Ereignisse werden nicht überhöht, sondern fügen sich als Teile der Biographie in die Figuren ein. So leidet Cason Statler unter seinen Erlebnissen im Krieg, aber sie spielen lediglich in kurzen Erinnerungsfetzen eine Rolle und lassen ihn als versoffenen Zyniker glaubhafter erscheinen. Er erinnert an die Anti-Helden des hardboiled-Romans, die beruflich und privat gescheitert sind und nun einen Fall aufklären wollen. Allerdings hat Cason Statler eine Familie, die sich um ihn Sorgen macht – und ist ein ausgeprägter Zwangsneurotiker.

Joe R. Landsdale (c) 2012 by molosovsky

Vieles an „Gauklersommer“ ist gelungen: Lansdale baut eine satirische Episode über einen weißen und einen schwarzen Hassprediger ein, die nicht nur für bitterböse Unterhaltung sorgt, sondern zugleich sehr deutlich macht, wie sehr die jeweilige Existenzberechtigung von dem anderen abhängt. Außerdem verweist er auf den Wert einer Familie, ohne sentimental zu werden – und unterzieht seinen Helden letztlich einer Läuterung, die makaber, böse und etwas übertrieben ist. Auch die Nebenfiguren überzeugen: Allein schon der Sheriff, der unumwunden zugibt, dass er inkompetent ist, seinen Job hasst und einer Karriere als Literaturwissenschaftler hinterher trauert, ist großartig. Auch Booger, Casons Kriegskumpel ist einzigartig. Er foltert und tötet, weil es ihm Spaß macht, aber er kümmert sich auch um Cason, an dem er aus unbekannten Gründen einen Narren gefressen hat. Selbst Cason hat etwas Angst vor Booger – allerdings weiß er auch, dass er auf ihn zählen kann.

Doch die gelungenen Handlungselemente und Charaktere lassen nicht darüber hinwegblicken, dass sich die Geschichte in „Gauklersommer“ etwas schleppend entwickelt und in ihrer Ausformung am Ende übertrieben grausam ist. Normalerweise ist bei Lansdale die Gewalt zwar drastisch, aber stets der Handlung und Atmosphäre untergeordnet. Doch hier überspannt er den Bogen. Auch verliert er manche Handlungsstränge aus den Augen und greift sie am Ende überhastet wieder auf.

Alles in allem ist „Gauklersommer“ nicht Joe R. Lansdale bester Roman, aber ein Buch, das Genre-Fans unterhalten wird. Das vorangestellte Zitat von einem „H. Collins“ (wer denkt da nicht an Hap Collins) besagt bereits „In Osttexas sind Mythen, Lügen, Legenden und Wirklichkeit alles dasselbe“ – und so wissen die meisten Lansdale-Leser, worauf sie sich mit einem Buch von diesem spannenden Autor einlassen.

Joe R. Lansdale: Gauklersommer. Übersetzt von Richard Betzenbichler. Golkonda 2011.

Joe R. Lansdale im Zeilenkino:
„Ein feiner dunkler Riss“
„Wilder Winter“ – Der erste Teil der Hap-und-Leonard-Reihe
„Kahlschlag“

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Kriminalakte über „Gauklersommer“ und „Ein feiner dunkler Riss“

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