Der erste Teil der Hap-und-Leonard-Reihe – „Wilder Winter“ von Joe R. Lansdale

Wer hierzulande Joe R. Lansdale lesen möchte, muss sich auf einige Suchen einstellen. Seine Bücher erscheinen in fünf Verlagen (aktuell: Golkonda, Dumont und Klett-Tropen; Rowohlt und Shayol), an Chronologie ist dabei kaum zu denken. In seiner Heimat ist der amerikanische Autor sehr bekannt, das Deutschlandradio schreibt gar von einer Kultfigur. Hierzulande ist er wohl noch eher ein Geheimtipp, der lediglich durch die Verfilmung seiner Kurzgeschichte „Buppa Ho-Tepp“ und dem Edgar-Allen-Poe-Award für „Die Wälder am Fluss“ etwas Aufmerksamkeit bekam (Anmerkung: In einer ersten Version stand hier fälschlicherweise, dass „Die Wälder am Fluss“ verfilmt worden seien. (siehe Kommentare)) – und kürzlich haben ihm insbesondere die Veröffentlichungen seiner Romane „Gauklersommer“, „Kahlschlag“ und „Ein feiner dunkler Riss“ im Golkonda Verlag eine größere Bekanntheit verschafft. Außerdem habe ich die leise Hoffnung, dass es in diesem Jahr Joe R. Lansdale ähnlich ergeht wie Daniel Woodrell im letzten Jahr und auch größere Medien diesen Autor entdecken.

In den USA hat Joe R. Lansdale über 80 Buchveröffentlichungen vorzuweisen, darunter sind Western-, Science-Fiction- und Kriminalromane – teils Einzelgeschichten, teils Reihen. Handlungsort seiner Romane ist häufig Osttexas. Dort sind auch Hap Collins und Leonard Pine zu Hause, die Protagonisten von mittlerweile acht Romanen, von denen fünf ins Deutsche übersetzt worden. Allerdings ist derzeit nur der vierte Teil („Schlechtes Chili“) ohne größere Mühen zu bekommen, die anderen übersetzen vier Teile mit viel Glück, das ich in der Krimibuchhandlung Hammett hatte, (und Geld) antiquarisch – oder man muss auf die englischen Originale zurückgreifen. Vielleicht erfährt die Reihe ja hierzulande eine Neuauflage, wenn sie tatsächlich verfilmt werden sollte.

Hap Collins und Leonard Pine
Mit Hap Collins und Leonard Pine hat Joe R. Lansdale ein großartiges Krimi-Duo geschaffen. Hap Collins ist weiß, heterosexuell und Kriegsdienstverweigerer. Leonard Pine ist schwarz, schwul und Vietnam-Veteran. Beide haben schon bessere Zeiten gesehen und schlagen sich in dem ersten Teil der Reihe, „Wilder Winter“, mit Gelegenheitsjobs in Texas durchs Leben. Dann taucht Haps Ex-Frau Trudy auf – und Leonard weiß eines: Wann immer Trudy in Haps Leben trat, war der Ärger nicht weit. Tatsächlich lässt sich Hap auch dieses Mal überreden, Trudy und ihrem Freund Howard bei der Suche nach der Beute aus einem Banküberfall zu helfen, dass angeblich im Sabine River – dort ist Hap aufgewachsen – bei einer eisernen Brücke liegen soll. Leonard kann seinen Freund da nicht alleine lassen, also schließt er sich der illustren Runde an. Zusammen mit Trudy, Howard, dem therapiert-verständnisvollen Chub und dem undurchsichtigen Paco stürzen sich Hap und Leonard in ein wildes Abenteuer.

Der Auftakt der Reihe bietet bereits alles, was das Werk von Joe R. Lansdale auszeichnet: Seine Figuren sind einfache Leute, die Lansdale mit wenigen Zügen und einer sehr eigenen Sprache zu charakterisieren vermag. Sie werden in einen spannenden Fall verwickelt, der dem Autor dazu dient, zeit- und gesellschaftskritische Themen zu behandeln. Ging es in seinem bekanntesten Roman „Wälder am Fluss“ oder auch in „Ein feiner dunkler Riss“ vor allem um Rassismus und Gewalt, rechnet Lansdale in „Wilder Winter“ mit den Idealen der 68er-Bewegung ab. Trotz dieser Parallelen findet er in seinen Büchern stets einen eigenen Ton, der zu der Zeit und den Figuren passt.

Hart und witzig – „Wilder Winter“
Hap und Leonard sind desillusionierte Gelegenheitsarbeiter, die sich derzeit als Erntehelfer auf Rosenfeldern verdingen. In ihrer Freizeit schießen sie auf Tontauben, züchten Hunde und hören Hank Williams. Ihre Sprache ist schnoddrig, mitunter derb und es gibt einen entsprechend rauen Humor. Ihre Dialoge sind staubtrocken, und die mitunter aberwitzigen Wenden fordern lautes Lachen, das aber schon auf der nächsten Seite im Hals stecken bleiben kann. „Wilder Winter“ ist auch ein hardboiled-Roman, in dem es viel Gewalt gibt. Aber er ist eben auch eine knallharte Abrechnung mit den Idealen der Friedensbewegung. Hier findet Joe R. Lansdale überspitzte, deshalb aber umso prägnantere Figuren, die zeigen, was verratene Ideale und Enttäuschungen mit Menschen machen können.

(c) Shayol

„Wilder Winter“ ist ein ganz anderes Buch als mein erster Lansdale „Ein feiner dunkler Riss“, es ist derber, rauer und auch witziger. Dabei ist es vor allem Lansdales sprachliches Talent, dass auch einem mittelmäßigen Plot – eine Schatzsuche endet in einem blutigen Showdown – einen unterhaltsamen Kriminalroman macht. Vieles ist vorhersehbar, auch sind die Figuren noch nicht ausgefeilt. Aber als Auftakt für eine Reihe ist „Wilder Winter“ vielversprechend.

Es ist ein ganz anderes Buch als beispielsweise „Ein feiner dunkler Riss“, das mich sehr beeindruckt hat. „Wilder Winter“ ist ein witziger Kriminalroman, in dem eine eigentlich harmlose Schatzsuche in einem blutigen Showdown endet. Vieles ist vorhersehbar, auch sind die Hauptfiguren noch lange nicht ausgefeilt. Als Auftakt für eine Reihe ist es aber in Ordnung – und vor allem hat Lansdale das sprachliche Talent, auch aus einem mittelmäßigen Plot einen unterhaltsamen Kriminalroman zu schreiben.

Die Hap & Leonard-Reihe im Überblick:
„Wilder Winter“ („Savage Season“, 1990). Im Shayol-Verlag erschienen; im Buchhandel oder antiquarisch erhältlich
„Texas Blues“ („Mucho Mojo“, 1994) Bei Rowohlt erschienen, höchstens noch antiquarisch erhältlich
„Mambo mit zwei Bären“ („Two-Bear Mambo“, 1995) Bei Rowohlt erschienen, höchstens antiquarisch erhältlich
„Schlechtes Chili“ („Bad Chili“, 1997) Im Dumont-Verlag erschienen.
„Rumble Tumble“ („Rumble Tumble“, 1998) Im Shayol-Verlag erschienen; im Buchhandel oder antiquarisch erhältlich
„Captains Outrageous“ (2001)
„Vanilla Ride“ (2009)
„Devil Red“ (2011)
Hyenas: a Hap and Leonard Novella (2011) (limited edition)
Dead Aim (novella coming Jan. 2013)

Außerdem versammelt „Veil’s Visit: a Taste of Hap and Leonard“ (1999) Kurzgeschichten und Anmerkungen zu Hap Collins und Leonard Pine. Unter anderem führt der Autor laut Wikipedia ein Interview mit seinen Protagonisten.

Als Einstieg in das Werk von Lansdale würde ich „Wilder Winter“ eher nicht empfehlen. Hier eignen sich „Die Wälder am Fluss“ oder „Ein feiner dunkler Riss“ besser.

5 Gedanken zu „Der erste Teil der Hap-und-Leonard-Reihe – „Wilder Winter“ von Joe R. Lansdale

    1. Zeilenkino Artikelautor

      Huch nein, da habe ich mich vertan. Es gibt zwar ein Drehbuch zu „Die Wälder am Fluss“ und seit 2009 heißt es, Bill Paxton solle Regie führen, aber es gibt keinen Film. Danke für den Hinweis!

      Antworten
  1. David

    Danke für die chronologische Auflistung der Hap & Leonard – Reihe. Ich werde nun versuchen, „Wilder Winter“ zu bekommen, um dem vom Autor vorgegebenen Ablauf der Reihe zu folgen.
    Den Erstkontakt mit diesem Autor hatte ich übrigens mit „Gluthitze“. Ebenfalls ein empfehlenswerter „Einstieg in das Werk von Lansdale“.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.