„Elsa ungeheuer“ von Astrid Rosenfeld

Lustige Bücher lese ich selten. Obwohl ich sehr gerne lache, haben es „komische“ Bücher und Filme meist schwer bei mir. Vieles ist mir zu platt, zu harmlos und zu einfach. Damit will ich auf keinen Fall sagen, dass ich einen besonders feinen Humor habe. Aber ich mag auch bei Witzen gerne etwas Absurdität, Düsterheit und Melancholie.

(c) Diogenes

Eines der wenigen Bücher, das mich wirklich zum Lachen brachte, war „Adams Erbe“ von Astrid Rosenfeld. Es war ein aufrichtiges Mit-Lachen mit den Figuren, ein Schmunzeln – oft durchzogen mit großer Traurigkeit. Hinzu kamen originelle Charaktere und ein guter Plot. Wenn eine Autorin mit ihrem Debüt solch ein interessantes und unterhaltsames Buch vorlegt, ist die Messlatte bei dem zweiten Roman hoch. Und ganz schafft es „Elsa ungeheuer“ nicht, diese Hürde zu nehmen.

Über das Leben in der Oberpfalz
Karl – Erzähler der Geschichte – und Lorenz Brauer wachsen in einem Dorf in der Oberpfalz mit einer exzentrischen Mutter auf, für die „die Erde einfach nicht der rechte Ort zu sein“ scheint und die sich deshalb das Leben nimmt. Ihr Vater Randolph Brauer betreibt eine Pension mit vierzehn Fremdenzimmer und trägt schwer an dem Tod seiner Ehefrau. Deshalb kümmern sich vor allem die schrullige Haushälterin Frau Kratzler und der Langzeitmieter Murmeltier um die Brüder, ansonsten sind sie sich selbst überlassen.

Es sind schrullige Charaktere, die dieses Dorf in der Oberpfalz bevölkern. Das Murmeltier ist ein alternder Schürzenjäger, der absurd-schlüpfrige Geschichten zum Einschlafen erzählt, Frau Kratzler ist unglaublich alt und störrisch. Dann stößt Elsa zu ihnen, das eigensinnige Kind der früheren Dorfschönheit Mathilde, die einen reichen Schweizer kennengelernt hat und nun mit ihm um die Welt reisen will. Für diese Zeit soll Elsa bei ihrem leiblichen Vater und dessen Bruder wohnen. Vom ersten Augenblick an ist Karl der exzentrischen Elsa treu ergeben, während sich – von ihm weitgehend unbemerkt – zwischen Elsa und seinem Bruder Lorenz eine eigene Verbindung entwickelt. Elsa beeinflusst die brüderliche Zweisamkeit, da beide Brüder bald jeweils ein Geheimnis mit Elsa teilen. Dann verlässt Elsa das Dorf – und die Brüder gehen ihren Weg: Lorenz wird zu einem gehypten Künstler und Karl gibt seine Pläne für ein eigenes Leben nach dem BWL-Studium auf, um weiterhin im Schatten seines Bruders – in seiner Entourage – zu leben.

Astrid Rosenfeld. Foto: Gaby Gerster (c) Diogenes Verlag

Erzählerperspektive und Zweiteilung
Mit Karl hat Astrid Rosenfeld einen schwieriger Erzähler gewählt. Er hat einen schwachen Charakter und hängst sich deshalb gerne an stärkere Menschen wie Elsa und seinen Bruder. Dabei ist die Kritiklosigkeit, mit der er ihnen begegnet, anfangs reizvoll. Aber im Verlauf der gesamten Lektüre fehlt eine Entwicklung, zumal Karl aus dem Rückblick – also mit Distanz und als Erwachsener – erzählt. Daher lässt sich seine Passivität lediglich mit seiner Schwäche begründen. Außerdem wird auch der Handlungssprung von Elsas Verlassen des Dorfes zu Karls Aufgabe seines eigenen Lebens nicht ausreichend eingeleitet, dadurch fügen sich die zwei Teile des Romans – die Kindheit in der Oberpfalz und die Zeit in der Kunstszene – nicht vollends zusammen. Während der erste Teil auf der ganzen Linie überzeugt, fehlt der Schilderung der Kunstszene die Bissigkeit. Hier bleiben Klischees Klischees. Hat beispielsweise Silke Scheuermann in ihrem Roman „Shanghai Performance“ die Manierismen und Funktionsweisen der Kunstwelt nicht nur in ihrer Lächerlichkeit beschrieben, sondern auch die dahinter liegenden Beweggründe enttarnt, verbleibt Astrid Rosenfeld in der Absurdität des Kunstmarktes. Dadurch tritt umso stärker hervor, dass Astrid Rosenfelds Stärke insbesondere in ihrem Sinn für das Komische im Tragischen liegt, aber die Kunstszene mit ihren selbstverliebten Gestalten dafür nicht den idealen Hintergrund bietet.

Es ist also weniger die Geschichte, die bei „Elsa ungeheuer“ überzeugt. Vielmehr besticht der Roman durch das sprachliche Talent von Astrid Rosenfeld, der überwiegend wohlfeinen Mischung aus Humor und Einfühlungsvermögen und die lebendigen Charaktere. Insbesondere die Titelfigur Elsa, das Mädchen mit Streichholzarmen, das sich adlige Waden wünscht, ist in ihrer Rätselhaftigkeit, Exzentrik und Traurigkeit gut eingefangen. Von ihr hätte ich gerne mehr gelesen. Damit ist „Elsa ungeheuer“ ein unterhaltsamer Roman über zwei Brüder, von dem letztlich vor allem die Liebe eines dicken Jungen in Erinnerung bleibt.

Astrid Rosenfeld: Elsa ungeheuer. Diogenes 2013.

Alle Termine zu Astrid Rosenfelds Lesereise sind bei Diogenes zu finden.

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