Krimi-Kritik: „Bußestunde“ von Arne Dahl

(c) Piper

Nun ist es soweit: Das A-Team löst seinen letzten Fall. Von Anfang an hatte Arne Dahl festgelegt, dass seine Reihe – in Anlehnung an Maj Sjöwalls und Per Wahlöös „Kommissar Beck“ – zehn Teile umfassen wird. Und wenngleich er mit „Gier“ eine kleine Hintertür genutzt hat, ist „Bußestunde“ der zehnte und letzte Teil mit der Sonderheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter.

Das Buch beginnt mit einer wunderbaren Übersicht, ja, fast könnte man Rundflug sagen, über die vertrauten Figuren aus den neun vorhergehenden Büchern. Sara Svenhagen und Jorge Chavez sitzen auf einer Parkbank am Mälarsee, beobachten ihre Tochter Isabel und freuen sich auf ihr zweites Kind. Gunnar Nyberg genießt mit seiner Freundin Ludmila Lundkvist ebenfalls die letzten Sonnenstrahlen vor einer anderen Hütte am Ulvsundasee, Jon Anderson wartet in einem Café auf seinen Verlobten, Familie Söderstedt versammelt sich im Park und Arto denkt an Viggo Norlander, der in einer Klinik gegen den Krebs kämpft. Kerstin Holm besucht ein Grab, Paul Hjelm trifft sich mit seinen Kindern in einem Restaurant und Lena Lindbergh war gerade noch einem Café, gerät dann aber in einen Raubüberfall. Damit endet der letzte idyllische Spätsommertag – und das A-Team hat einen neuen Fall.

Ein gut gesetzter Schlusspunkt
Es ist ein schöner, fast melancholischer Beginn, der erst später seinen Schrecken entfaltet. Vorerst entwickelt sich langsam der neue Fall des A-Teams, dessen internationale Dimension sich erst im Verlauf der Ermittlungen zeigt. Während Paul Hjelm nach alter Spionagemanier den verschwundenen internationalen Experten der Säpo sucht, werden seine ehemaligen Kollegen in einen Fall hineingezogen, in dem pervertierte Schönheitsideale, Folter und Macht eine Rolle spielen. Bevor der Fall – und damit die Spannung – aber Tempo aufnimmt, werden sehr ausführlich Nebenhandlungen über andere Fälle ausgebreitet. Wer Arne Dahl kennt, ahnt natürlich, dass sie mehr oder weniger mit dem Hauptfall zusammenhängen werden. Aber insgesamt sollen hier wohl eher noch einmal die entwickelten Charakteristika der Figuren erwähnt als die Handlung vorangebracht werden. Dadurch fällt mit zunehmendem Verlauf auf, dass die Figuren allmählich auserzählt sind. Sie haben in den vorgehenden Teilen viele Krisen durchgemacht, die sie geprägt haben. Die Folgen ihrer Erlebnisse spielen in „Bußestunde“ eine Rolle, aber sehr viele neue Aspekte gibt es nicht mehr zu entdecken. Das fällt gerade bei Kerstin Holm auf, die es allerdings in den vorhergehenden Bänden besonders hart getroffen hatte. Deshalb ist ihre Müdigkeit verständlich – doch ebenso ist es eine gute Entscheidung des Autors, nach diesem zehnten Teil die Reihe um das A-Team zu beenden und sie in „Gier“ – von Ausnahmen abgesehen – lediglich als Randfiguren in Erscheinung treten lassen.

Abschluss und Neuanfang
Ohnehin ist „Bußestunde“ als abschließender Teil und Überleitung zur neuen Reihe gelungen. Arne Dahl nimmt viele Fäden aus letzten Fällen und aktuellen Geschehnissen auf, daher lässt sich die Länge des gut 460 Seiten umfassenden Buches vor allem mit den zahlreichen Themen erklären, die angesprochen werden: Sehr prominent ist der Überwachungsstaat sowie die Gefahren der modernen Technologien – darauf verweist schon der Originaltitel, der übersetzt „Himmelsauge“ bedeutet. Hinzu kommen Menschenhandel und Terrorismus. Besonders bemerkenswert ist, dass das Buch in Schweden bereits 2007 erschienen ist und somit bereits sechs Jahre alt. Hier beweist Arne Dahl enorme Weitsicht.

Arne Dahl (c) Sara Arnald 2011

Kommt der Fall des A-Teams nur schleppend voran, ist die Suche nach dem verschwundenen internationalen Experten der Säpo auf eine herrlich altmodische Art spannend. In bester Le-Carré-Tradition muss Paul Hjelm nach und nach die Hinweise des Spions entschlüsseln und entdeckt schließlich den sehr modernen Hintergrund des Verschwindens, der gut zu der Handlung in „Gier“ hinführt. Die Verbrechen des internationalen Charakters, deren Aufklärung das Ziel des A-Teams war, sind nämlich längst derart global, dass eine kleine Gruppe schwedischer Ermittler sie nicht vollends bewältigen kann. Vielmehr lassen sich die wahren Hintergründe oftmals nur ansatzweise vorstellen. Das zeigt ein weiteres Mal der letzte Fall des A-Teams, in dem sie es nicht nur mit einem Serientäter zu tun bekommen, sondern der sie zudem auf die Spur eines Zuhälterrings führt, der gegen Bezahlung jede widerwärtige Perversion zu stillen versucht. Dass Menschen zu solchen Taten imstande sind, schockiert, verwundert aber nicht mehr – und es verwundert auch nicht, dass einige Ermittler deshalb bereit sind, gegen Gesetze zu verstoßen.

Insgesamt ist das Buch anfangs etwas langatmig, dafür ist die Auflösung der Fälle dann spannend gestrafft. Lediglich auf den letzten Seiten – dem Abschied vom A-Team – hätte ich mir etwas mehr gewünscht. Aber dafür gibt es ja glücklicherweise „Gier“. Vor allem ist „Bußestunde“ aber ein gelungener Abschluss einer lesenswerten Reihe. Für mich geht damit auch meine erste Krimi-Reihe zu Ende, die ich tatsächlich im Rhythmus der Erscheinens gelesen habe – jedes Jahr einen Arne Dahl. Und glücklicherweise schreibt er ja weiterhin.

Eine Empfehlung sei noch ausgesprochen: Arne Dahls neue OpCop-Reihe lässt sich losgelöst vom A-Team lesen, wer aber chronologisch vorgehen will, sollte erst die A-Team-Reihe zu Ende lesen. Ich hatte „Gier“ bereits vor „Bußestunde“ gelesen und dadurch geht ein Teil der Spannung verloren.

Arne Dahl: Bußestunde. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper 2013.

Weiterführendes:
Meine Anmerkungen zu „Gier“
Bei krimi-couch.de ist ein Interview mit Arne Dahl zu lesen.

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