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Krimi-Kritik: „Die Wut“ von Gene Kerrigan

(c) Polar Verlag

(c) Polar Verlag

Lange Zeit schien es, als habe Irland wirtschaftlich den Anschluss verpasst, doch dann setzte Mitte der 1990er Jahre ein Boom ein: Arbeitsplätze wurden geschaffen, überall schossen neue Häuser und schicke Restaurants aus dem Boden. „Celtic Tiger“ wurde der sagenhafte Aufschwung genannt, der das Land veränderte. Dann kam die Finanzkrise von 2008, die Wirtschaft Irlands brach zusammen und hat sich noch lange nicht von dem Kollaps erholt.

Vor diesem Hintergrund spielt Gene Kerrigans Kriminalroman „Die Wut“, 2012 mit dem Gold Dagger Award ausgezeichnet. Im Mittelpunkt stehen drei Personen: Detective Sergeant Bob Tidey, ein guter Polizist, der mit den Jahren gelernt hat, dass die Wahrheit nicht immer richtig ist; der kleine Gauner Vincent Naylor, der gerade aus dem Gefängnis gekommen ist und versucht, falsche Dinge nur noch für viel Geld zu tun; und die ehemalige Nonne Maura Cody, die falsche Taten aus der Vergangenheit bereut. Sie alle versuchen ihren Weg in der neuen irischen Gesellschaft zu finden. Lange verlaufen ihr Handlungsstränge parallel und werden aus verschiedenen Perspektiven geschildert, dann bringt ein Zufall sie zusammen: Bob Tidy untersucht Bob den Mord an einem Banker, der zu Hause überfallen und mit einer Schrotflinte erschossen wurde, als ihn ein Anruf von Maura erreicht. Vor ihrer Haustür steht seit einigen Tagen ein Lieferwagen, der ihr verdächtigt vorkommt. Und dieser Lieferwagen spielt wiederum eine Rolle in dem Überfall, den Vincent Naylor mit seinem Bruder plant.

Gene Kerrigan (c) Derek Speirs

Gene Kerrigan (c) Derek Speirs

„Die Wut“ ist ein intelligenter Kriminalroman, der von einigen Mustern des Irish Noir wohltuend abweicht. Hier gibt es keinen ständig betrunkenen, kaputten Ermittler, sondern Bob Tidey, einen hilfsbereiten, pragmatischen Polizisten, der Kontakt zu seinen Zeugen und Spitzel hält, stets das Richtige tun will, aber nicht immer mit legalen Mitteln weiterkommt. Im Gegensatz zu anderen hartgesottenen Ermittlern in Noir-Romanen will er Teil des Systems bleiben – und zögert deshalb bei einer Handlung, die ihm richtig erscheint, ihn aber seinen Job kosten könnte. Hier gibt es auch keine schillernden Verbrecher, die lange Reden schwingen, sondern Vincent Naylor ist ein Dieb, der gerade acht Monate im Gefängnis saß, weil er sich von einem „Freak“ provoziert fühlte. Seither will er seine Wut unter Kontrolle halten und seine Verbrechen kalkuliert angehen, deshalb widersteht er der Versuchung, eine Verkäuferin zu vergewaltigen und arbeitet weiter an seinem Plan, einen Geldtransporter zu überfallen. Besonders gewalttätig geht er dabei nicht vor, und so werden auch die Verbrechen nicht in allen grausamen Details geschildert.

Am Beispiel eines Cops, eines Diebs und einer Nonne spürt Gene Kerrigan somit den gesellschaftlichen und politischen Implikationen in einem Land nach, das den Katholizismus gegen den Kapitalismus eingetauscht hat, in dem Aufrichtigkeit eine altmodische Eigenschaft zu sein scheint, Moral die Existenz bedroht und an die Stelle der Reue bei vielen die Wut getreten ist. Nach Einschätzung von Bob Tidey und Maura Coady sind die Iren besonders gut darin, Unrecht zu vergessen und zu verdrängen, bis es so hoch kocht, dass sie es nicht mehr übersehen können. Deshalb reicht nun der Mord an dem Banker aus, dass schon bald erste Molotov-Cocktails auf Banken fliegen und Immobilienmakler verprügelt werden. Und hier weit „Die Wut“ auf Ereignisse voraus, die Gene Kerrigan beim Schreiben des Romans kaum erahnen konnte. Denn gerade gehen die Iren auf die Straße, um gegen eine ‚Wassersteuer‘ zu protestieren, und lassen ihrer Wut freien Lauf.

Gene Kerrigan: Die Wut. Übersetzt von Antje Maria Greisiger. Polar Verlag 2014

Disclaimer: Mit dem Polar Verlag stehe ich in geschäftlichen Verbindungen, die haben aber keinen Einfluss auf diese Rezension gehabt.

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