Jahresrückblick im CrimeMag

Bereits am 31.12. ist mein Jahresrückblick fürs CrimeMag erschienen, nun veröffentliche ich den Text auch hier – verbunden mit der großen Empfehlung, mal beim CrimeMag vorbeizuschauen. Der Mammut-Rückblick dort umfasst über 90 Texte u.a. von Andreas Pflüger, Ivy Pochoda, Liza Cody, Garry Disher, James Grady (der von „Drei Tage des Condor“), Frank Göhre, David Whish-Wilson, Regina Nössler, Matthias Wittekindt, Else Laudan, Thomas Wörtche, Alf Mayer undundund …

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Ich wäre gerne romcommunist. Auf Twitter habe ich geschrieben, ich sei es – aber bei genauerem Nachdenken muss ich zugeben: ich bin es nicht. Aber Ted Lassos unbeirrbarer Glaube, dass „everything’s gonna work out in the end“ hat mir nicht nur eine der schönsten Serienfolgen seit langem beschert, sondern auch eine Erkenntnis, die mir in den letzten Wochen des Jahres geholfen hat: Ich glaube zwar nicht daran, dass am Ende schon alles gut gehen wird. Aber ich will mich auch nicht einfach dem Zynismus oder Fatalismus ergeben. Ich mag meinen Idealismus, ich halte daran fest, ich will nicht verbittert durchs Leben gehen. Abgesehen davon ist die Serie „Ted Lasso“ tatsächlich sehr, sehr gute Unterhaltung mit sehr witzigen Anspielungen und guten Charakteren. Sie trifft in vielen – nicht allen – Belangen den richtigen Ton: bei den Absurditäten des Profifußballs, den Realitäten in zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem wie irritierend es sein kann, auf einen Menschen zu treffen, der alles positiv sehen will. Eine große Empfehlung!

Weitere gesehene Highlights in diesem Jahr: „Ich bin dein Mensch“, „Drive my Car“, „Summer of Soul“, „I May Destroy You“.

Lese-Erfahrungen in der gemachten Reihenfolge


Stephen Greenalls „Winter Traffic“ war das sechste Buch, das ich 2021 gelesen habe – und es hat mir das Hirn weggeblasen. Ich habe mir Verbindungen aufgemalt, das Buch ein zweites Mal angefangen. Wären all die selbst erklärten mad dogs und harten harboiled/noir-Schreiber dieser Welt ehrlich, würden sie zugeben, dass sie alle nur halb so irre und gut sind wie Greenall. Außerdem bewahrheitet sich wieder einmal der Satz, den ich zuerst im Zusammenhang mit Essen gehört habe, der aber auf Literatur genauso gut passt: Es gibt „food that comforts you“ und „food that excites you“. „Winter Traffic“ weckt von begeistern bis zu reizen alle Übersetzungsmöglichkeiten von excite bei mir.

Innerhalb eines Jahres habe ich zweimal „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić gelesen – und war beim zweiten Mal regelrecht überrascht, dass es nur 240 Seiten hat. In meiner Erinnerung musste diese Geschichte einer Familie, die aus Serbien nach Österreich ging und dort sich selbst und einander verloren hat, mindestens doppelt so lang sein, so dicht ist sie. Ein großartiger Roman, bei dem mich sehr wundert, dass er weder beim Leipziger noch Frankfurter Buchpreis eine Rolle gespielt hat.

Merle Krögers „Die Experten“ ist schlichtweg mein Krimi des Jahres. Die narrative Struktur ist sensationell, die Montage verschiedener Texte eindrucksvoll und mit Gesprächen über die Erzählperspektive, über die Konsequenzen für Spionage-, historische und Familienromane könnte ich mehrere Abende füllen.

Ich lese kaum identifikatorisch, ich mag Bücher, die mich herausfordern, aber Lena Goreliks „Wer wir sind“ ist mir vor allem aufgrund der Verbundenheit in Erinnerung geblieben, die ich beim Lesen trotz ganz anderer Biografie zu dem Ich in diesem autofiktionalen Buch verspürt habe. In ihrer Suche nach einem Selbst, nach ihrer Identität, ihrem Platz in der Familie fand ich einen Teil von mir wieder. Dieses Buch zeigt die große Stärke des autofiktionalen Erzählens: aus meiner bisherigen Einzelerfahrung wird etwas Universelleres, etwas, das zumindest eine weitere Person offenbar kennt. Und dadurch erhalten auch meine eigenen Erfahrungen mehr Gültigkeit.

Manchmal gibt es so Bücher, da habe ich das Gefühl, sie rütteln mich komplett einmal durch und setzen mich hinterher neu zusammen. Vor einigen Jahren war das Deborah Levys „Was das Leben kostet“, in diesem Jahr Meg Masons „Was wir wollen“. (Vielleicht sollte ich nur Bücher lesen, deren Titel mit „Was“ beginnt?) Es ist ein hochkomischer und tieftrauriger Roman. Erzählt wird die Geschichte von Martha. Sie ist Ende 30 und verheiratet mit Patrick, der alles tut, damit sie glücklich ist. Aber sie ist nicht glücklich in ihrem Leben und mit sich selbst. Manche sagen, sie sei zu sensibel, Ärzte vermuten, sie habe eine Depression. Martha weiß nur, dass etwas nicht mit ihr stimmt, und sie muss herausfinden, was sie eigentlich vom Leben will. Martha ist unglaublich anstrengend und zugleich eine hinreißende Erzählerin dieses Romans. Sie hat einen ganz eigenen, schonungslos offenen, mit Komik und Tragik bestechenden Ton, dazu kommen in diesem Roman unvergessliche Charaktere und ein Gespür für genau die richtige Länge von Sätzen, Szenen und wiederkehrenden Situationen.

Völlig aus dem Nichts kam für mich Cara Hunters „No way out“, das ich eigentlich für einen Artikel über Domestic Thriller gelesen habe, in den es gar passte. Alles an diesem Buch erscheint generisch: die Inhaltsangabe, das Cover, der Titel – aber es entpuppt sich als spannender und sehr vielschichtiger Polizeiroman aus Oxford mit sehr gelungenen Figuren. Never judge a book by its cover and the text in the Verlagsprogramm!

Zum dritten oder vierten Mal in meinen Leben habe ich in diesem Jahr Derek Raymonds “Ich war Dora Suarez“ gelesen und es ist jedes Mal eine andere Erfahrung. Dieses Mal war die Gewalt noch „unerträglicher“ – in einem guten Sinn, denn über Gewalt zu lesen sollte unerträglich sein! -, gerade weil ich wusste, was kommt. Dabei war in meiner Erinnerung die Gewalt, die der Täter gegen sich selbst ausübt, weniger präsent, aber ich verziehe jetzt noch beim Schreiben mein Gesicht, wenn ich daran denke. Ein schlichtweg großes Buch.

Die Autorenentdeckung des Jahres ist Colin Niel. Sein „Nur die Tiere“ war durchweg eine große Überraschung, viel wurde über das Buch geschrieben, erwähnenswert ist aber noch, dass es voller wundervoller, empathischer Beschreibungen von Einsamkeit steckt. Im Herbst erschien „Unter Raubtieren“ – das Buch ist ganz anders, aber auch hier ahnt man nicht, wie es ausgehen wird. Niel hat in diesem Jahr kurzerhand gezeigt, wie man einen Whodunnit und einen Thriller in der Gegenwart schreiben kann, ohne dass es auch nur einen Funken Altbackenheit in seinen Büchern gibt. Beeindruckend.

Zum Abschluss noch drei Sachbücher, die mich beeindruckt haben: Beate Hausbichler hat mit „Der verkaufte Feminismus” überzeugend die Verbindung aus Feminismus, Kapitalismus und Self-Care dargelegt – und macht sehr deutlich, wie sehr wir von Medien und Werbung beeinflusst sind. Anja Röckes „Soziologie der Selbstoptimierung“ ist das seltene Exemplar einer sehr gut lesbaren Habilitationsschrift, die mich zudem mit allerhand Analysewerkzeug und klugen Beobachtungen hinsichtlich des Trends der Selbstoptimierung versorgt hat. Und „America on Fire“ von Elizabeth Hinton ist das Buch, das jede*r lesen sollte, der verstehen möchte, was systemimmanenter Rassismus ist.

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