Interview: Enrique Angeleri über „La mosca en la ceniza“

Heute ist im Frauenmagazin ava mein Interview mit Enrique Angeleri erschienen, dem Produzenten des Films „La mosca en la ceniza“ und Witwer der im November 2010 verstorbenen Regisseurin Gabriela David. Leider konnte ich nicht das Interview in voller Länge verwenden, aber auf einige interessante filmspezifische Aspekte, über die wir gesprochen haben, möchte ich nicht verzichten.

Nancy und Pato (c) IFFF Dortmund|Köln

Der Film erzählt ja von den Freundinnen Nancy und Pato, die mit falschen Versprechungen nach Buenos Aires gelockt werden und dort in einer Wohnung in einer durchschnittlich-bürgerlichen Gegend zur Prostitution gezwungen werden. Dabei reagieren die Mädchen sehr unterschiedlich auf ihre neue Lage: Nancy fügt sich – und Pato trotz der Gewalt und rebelliert. Auf meine Frage, warum Nancy und Pato so verschieden reagieren, antwortete Enrique Angeleri, dass die Mädchen trotz ihrer ähnlichen Herkunft unterschiedlich seien. Außerdem beschrieb er, welche Aspekte seiner Frau, die die Drehbücher zu ihren Filmen immer selbst schrieb, besonders wichtig waren:

„Gabriela hat die Charaktere im Hinblick darauf entwickelt, dass sie verschiedene Gesichtspunkte von einem Thema verkörpern, das sie gerade bewegt hat. Ihr wichtigstes Anliegen, fast schon eine Obsession, war es, einen Kanal für diese Geschichten zu finden, bei denen die Entwicklung der Charaktere die Priorität gehört.“

Tatsächlich konzentriert sich die Erzählung in „La mosca en la ceniza“ sehr auf die Charaktere und das Geschehen innerhalb der Wohnung. Dabei hat mich besonders die Bildsprache beeindruckt, durch die die klaustrophobische Atmosphäre in dieser Wohnung eindrucksvoll zur Geltung kommt. Und da Enrique Angeleri auch für den Schnitt des Films verantwortlich war, hat er viel darüber erzählt:

Gabriele David (c) IFFF Dortmund|Köln

„Die Wohnung, in der die meiste Handlung stattfindet, wurde speziell für den Film gebaut. Dadurch hatte Gabriela, die auch das Setdesign entwickelt hat, viele Freiheiten in der künstlerischen Umsetzung. Sie hat viele kleine und geschlossene Räume geplant, von denen aus man nicht miteinander kommunizieren kann, und die in einen zentralen fensterlosen Flur führen, von dem aus man auch in das Wohnzimmer gelangt (Anmerkung: Dort suchten sich die Freier die Mädchen aus). Wir haben uns dieses Wohnzimmer als Vorzimmer zur Hölle vorgestellt. Der Flur war der Weg in die Hölle, so dass er auf der einen Seite einen dramatischen Effekt hatte, auf der anderen Site wurde bei einem Gang über den Flur das Geschehen in den Räumen suggeriert, die Vorstellung davon sogar potenziert werden. Auch die Farbauswahl, überwiegend Erd- und Rottöne, sollte diese Atmosphäre verstärken. Zudem untermalt der Soundtrack, der voller nicht-identifizierbarer Geräusche ist, dieses Ambiente noch. Der Kamermann, der Tonverantwortliche und ich wollten die Idee vermitteln, dass dieser Ort zeitlos ist, damit die bedrückende und ausweglose Atmosphäre betont wird.“

Dabei kommt auch dem Handlungsort eine wichtige Rolle zu.

„Die Erzählung konzentriert sich auf das Innere der Wohnung, weil wir auf diese Weise am ehesten unser Vorhaben umsetzen konnten. Gabriele wollte über ihre Figuren nicht urteilen, sondern sie hat sich als Beobachtende verstanden, nicht als Richterin. Aus dieser Innenperspektive würden sich die Zuschauer wie die Charaktere fühlen, sie wären nicht mehr nur Zuschauer. Die wenigen Male, die die Erzählung die Wohnung verlässt, macht sie eine Pause, sie zeigt, wie das Leben in einem normalen Weg weitergeht. Jedes Mal wenn die Kamera zurückkehrt in die Wohnung, ist die klaustrophobische Stimmung noch schlimmer. Gabriela sagte immer, dass diese Wohnung die perfekte Umgebung für ihre „Horrorgeschichte“ sei – so hat sie den Film einmal genannt.“

Doch trotz seines Themas ist der Film nicht düster und erzählt auch von einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Mädchen. Dabei war es Gabriela David wichtig, auch diese Seite der Geschichte zu erzählen:

„Es war ein Nachrichtenartikel, der die Idee zu dem Film gebracht hat. Aber Menschenhandel ist ein Tabuthema, das bislang nicht im argentinischen Kino gezeigt wurde. Außerdem hatte Gabriela bereits eine Idee zu einem Film im Kopf, der etwas über Frauen erzählt – präziser über Frauenfreundschaften.
Jeder Film sollte einen künstlerischen Horizont haben, ein Ziel und eine Geschichte, die sich um das Objekt dreht. Ein starker Konflikt, Charaktere mit klaren Zielen und Elemente, die Widerstände sind. In diesem Film hat Gabriela ihre Wünsche und dramatische Notwendigkeiten kombiniert. Sie hat eine Freundschaft als ihre zentrale Hypothese ausgesucht und sie einer extremen Situation preisgegeben. Aber ich stimme mit Ihnen überein, dass es kein dunkler Film ist, weil am Ende die unzerstörbare Bande obsiegt.“

Mit dem Interview und seinem Engagement für den Film möchte Enrique Angeleri auch dazu beitragen, dass das Publikum in „La mosca en la ceniza“ die Feinfühligkeit und das Talent seiner Frau erkennt. Und tatsächlich ist dieser Film sehr sehenswert – daher hier noch der Verweis auf die argentinische Seite zum Film, auf dem auch einige Aufführungstermine zu finden sind.

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