Krimi-Kritik: „Miss Terry“ von Liza Cody

Dieses Buch hat mich unfassbar glücklich gemacht. Nicht, weil es eine Geschichte erzählt, die auf irgendeine Art und Weise glücklich machen würde, sondern weil es nach langer Zeit mal wieder ein Buch war, das ich tatsächlich nicht aus der Hand legen wollte. Und weil es ein Buch ist, in dem Frauen furchtbar naiv und schrecklich klug, unvorstellbar leichtgläubig und gnadenlos abgebrüht sind. Und weil es ein Buch ist, dass einen warmherzigen Kern hat.

(c) Argument

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Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri, aber ihr Nachname wird immer wieder falsch ausgesprochen. Nita korrigiert die Aussprache dann sanft, denn sie ist eine sehr freundliche und geduldige Grundschullehrerin, die gerade erst eine Wohnung in einem kleinen Haus in der Stadt gekauft hat. Langsam kommt sie mit den Nachbarn in Kontakt und lebt ihren sorgsam geregelten Tagesablauf. Doch dann wird in der Guscott Road gegenüber ihrer Wohnung ein Müllcontainer aufgestellt, in dem die Leiche eines Babys gefunden wird. Das Baby soll dunkle Haut haben – und weil Nita die einzige nicht-blütenweiße Frau in dieser Gegend ist und zudem vor kurzem Gewicht verloren hat, vermutet jeder, dass sie die Mutter und Mörderin ist. Es beginnt eine Hetzkampagne gegen Nita, als haben die Rassisten nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihre hässliche Fratze zu zeigen.

In diesem Buch stecken viele Themen: Gentrifizierung, Rassismus, Polizei-Vorurteile, überforderte Eltern, übereifrige Schulleiter und inmitten von allen steht Nita, diese junge Frau, in Leicester geboren, aber aufgrund ihrer pakistanischen Eltern stets als Ausländerin behandelt. Diese Lektion muss sie lernen: sie mag Engländern sein und besser Englisch sprechen als manche ihrer Nachbarn. Für die Polizei, einen übergriffigen Nachbarn und andere Anwohner wird sie niemals dazugehören. Dabei hadert auch Nita selbst mit ihrer Familie: Sie hat sich gegen deren traditionellen Vorstellungen gewehrt, aber dennoch steckt ihre Erziehung in ihr. Immer wieder muss sie sich selbst sagen, dass sie sich falsch beurteilt, dass sie bestimmte Dinge darf – und immer wieder wird sie allzu leicht Opfer ihrer Gutgläubigkeit. Dabei verkennt sie lange Zeit, dass diejenigen, auf die sie sich eher verlassen kann, die Frauen sind – ist sie doch in den Glauben groß geworden, nur Männer könnten etwas erreichen.

Es ist die gelungene Verbindung der einzelnen Erzählungsteile aus Vergangenheit und Gegenwart, das langsame Offenbarwerden von Nitas mühsam errungene und nur kämpfend aufrechtzuerhaltende Freiheit, die ihre Gutgläubigkeit und Sanftheit plausibel werden lassen. Man möchte ihr helfen, ihr zur Seite stehen – und zugleich das eigene Misstrauen ihr gegenüber niederkämpfen. Denn es gibt da etwas in der Vergangenheit, über das sie nicht spricht. Diese sehr leisen Zweifel, dieser unbedingte Wunsch, dass für Nita alles gut ausgeht, hält Liza Cody in ihrem Roman in einer sehr feinen Balance. Und dann findet sich irgendwann ein unwahrscheinliches Triumvirat von Frauen in Nitas Wohnzimmer ein und sucht nach einem Ausweg. Es sind solche Momente, die Hoffnung geben, dass die Welt vielleicht doch noch zu retten ist – und doch mehr Menschen im Zweifelsfall wissen, was sich gehört. Und so märchenhaft manche Figuren erscheinen mögen, dieses Buch ist doch in der Realität verankert. Und so braucht auch Nita letztlich nicht nur guten Willen, sondern auch beherztes Eingreifen und ein bisschen Glück.

Liza Cody: Miss Terry. Übersetzt von Grundmann und Laudan. Argument Ariadne 2016.

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