Krimi-Kritik: „Kings of Cool“ von Don Winslow

(c) Suhrkamp

„Leck mich am Arsch“. Aus diesen Worten besteht das erste Kapitel in Don Winslows „Kings of Cool“. Wer „Zeit des Zorns“ gelesen hat, dem wird dieser Einstieg bekannt vorkommen. Bestand dort doch das erste Kapitel lediglich den Worten „Fickt euch“. Und in der englischsprachigen Ausgabe lautet daher das erste Kapitel der „Kings of Cool“ folgerichtig auch „Fuck me“. In beiden Büchern werde diese Worte Ophelia, genannt O, zugeschrieben. Zusammen mit ihren Freunden Chon und Ben sitzt sie am Strand von Laguna Beach. Sie sind jung, sehen gut aus und leben den Hedonismus. Es ist das Jahr 2005, also ungefähr vier Jahre vor der Handlung von „Zeit des Zorns“. O ist – in Bens Worten – „erwachsene Unschuld gepaart mit kindlicher Sexualität“ und Ben und Chon sind gerade in den Verkauf des besten Marihuanas Kaliforniens eingestiegen. Aber es braut sich erster Ärger zusammen: Ein Verkäufer wird von einem Stammkunden zusammengeschlagen, außerdem wird Ben von einem Drogen-Syndikat und korrupten Polizisten bedroht.

Parallel zu der Vorgeschichte von Chon, Ben und O erzählt Don Winslow von den Anfängen des Drogenhandels in Kalifornien. Im Laguna Beach des Jahres 1967 wollen die Hippies Diane und Stan einen Buchladen eröffnen, „wo es außer dem Tibetanischen Totenbuch, dem Anarchist Cookbook und On the road auch noch Räucherstäbchen, Sandalen psychedelische Poster, Rockalben, Batik-T-Shirts und Freundschaftsbändchen (wie gesagt: kein Grund, sie zu hassen) gibt, den ganzen Happy-Quatsch eben. Und: Acid für die eingeweihten Angetörnten.“ Aber dafür brauchen sie einen Investor – und machen dem Surfgott Doc ein Angebot. Schnell entdeckt Doc, dass sich ein Surfbrett bestens zum Drogenschmuggel eignet und zieht den Handel professionell auf. Nebenbei kümmert er sich um den 14-jährigen John McAllister, der erst Geld für ihn durch die Gegend fährt und später selbst in den Drogenhandel einsteigt.

Der Stil folgt dem Inhalt
Im Wechsel mit den Ereignissen im Heute (das Jahr 2005) verfolgt der Leser Johns Karriere durch die Jahrzehnte, erlebt die Wandlung von Stan, Diane, Doc und dem Mädchen Kim. Dabei offenbaren sich nach und nach die Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart von Ben, Chon und O. Mitunter sind die Überschneidungen etwas zu perfekt und hier hätte Don Winslow auf die ein oder andere Verbindung verzichten können. Dabei ist die Gegenwartshandlung überzeugend, wenngleich sich mitunter die Frage stellt, inwiefern Ben und Chon dann in „Zeit des Zorns“ noch so naiv reagieren könnten. Aber hier gelingt Don Winslow am Ende ein Dreh, der diese Zweifel weitgehend ausräumt. Und diese kleinen Kritikpunkte ändern nichts daran, dass „Kings of Cool“ ein hervorragender Kriminalroman ist.

(c) Suhrkamp

Sprachlich führt Don Winslow seinen Stil aus „Zeit des Zorns“ konsequent weiter. Sehr kurze Kapitel, drehbuchartige Auszüge und kurze Sätze, die oft nur als einzelnen Wörtern bestehen. Dadurch ergibt sich ein schneller, stakkatohafter Leserhythmus, der einen regelrecht vorantreibt. Daneben durchziehen den Text Zitate und Anspielungen und es gibt ein kurzes Wiedersehen mit Bobby Z und Frankie Machine, beide aus den gleichnamigen Büchern von Don Winslow bekannt. Dadurch wird auch deutlich, dass bei der Don Winslow die Form dem Inhalt und er meisterhaft zwischen den verschiedenen Stilen wechselt. „Frankie Machine“ und „Bobby Z“ sind Geschichten von zwei Gangstern, die erzählerisch an Scorsese-Filme erinnern. Seine Surfer-Krimis um Daniel Boone („Pacific Paradise“ und „Pacific Private“) hingegen Detektivromane mit Surfer-Romantik, daher sind sie allein aufgrund des Präsens und der Surf-Metaphern lässig erzählt. In „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ spiegeln sich hingegen die Wut und die Coolness in der Sprache wider.

Die Geschichte Kalifornien
Don Winslow erzählt rasant, bildreich, brutal und ungemein spannend. Mit „Kings of Cool“ entlarvt er die erstaunliche Naivität, mit der die Hippie-Zeit in Kalifornien verklärt wird und fügt zugleich seiner Geschichte über den Drogenhandel in Kalifornien ein weiteres Kapitel hinzu. „Kings of Cool“ ist ein eigenständiger Roman, der auch ohne die Kenntnis von „Zeit des Zorns“ gelesen werden kann – wenngleich ich empfehlen würde, erst „Zeit des Zorns“ und dann „Kings of Cool“ zu lesen. Zum einen gehören diese Romane zu den besten Krimis der letzten beiden Jahre, und zum anderen nimmt sich Don Winslow in „Kings of Cool“ weniger Zeit, Ben, Chon und O als Charaktere zu etablieren. Hier haben „Zeit des Zorns“-Leser von vorneherein eine größere Nähe zu ihnen und können mit „Kings of Cool“ einige Blindstellen in ihren Biographien schließen.

Don Winslow: Kings of Cool. Suhrkamp 2012. Übersetzt von Conny Lösch.

Don Winslow geht auf Lesereise und ist in folgenden Städten zu sehen:

Buchpremiere
Berlin
Donnerstag • 01.11.2012 • 19:30 Uhr
Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130
Moderation: Peter Twiehaus
Eine Veranstaltung der Krimibuchhandlung Hammett und des Suhrkamp Verlags
Eintritt: € 7,-. VVK in der Krimibuchhandlung Hammett

Hamburg
Freitag • 02.11.2012 • 18:30 Uhr
Kampnagel, Halle K2, Jarrestraße 20
Moderation: Philipp Schwenke
Im Rahmen des »Hamburger Krimifestivals«
Eintritt: € 14,-. VVK unter Tel.: 040-480930

München
Samstag • 03.11.2012 • 20 Uhr
Amerika Haus, Karolinenplatz 3
Moderation: Anette Lippert
Eintritt: € 10,- / erm. € 8,-
VVK unter Tel. 089-55 253 713 oder 01801-484 484

Hamm
Sonntag • 04.11.2012 • 18 Uhr
HoppeGarden, Oberonstraße 20/21
Moderation: Regula Venske
Im Rahmen des Festivals «Mord am Hellweg«
Eintritt: im VVK: € 11,- / erm. € 9,-. Abendkasse: € 13,- / erm. € 11,-
Tickets online

Braunschweig
Montag • 05.11.2012 • 20:15 Uhr
Braunschweigische Landessparkasse, Dankwardstraße 1
Moderation: Antje Deistler
Eine Veranstaltung im Rahmen des »Braunschweiger Krimifestivals«
Eintritt: € 16,- / erm. € 14,-
VVK unter Tel.: 0531-48 08 948 oder unter www.krimifestival-bs.de

Hannover
Dienstag • 06.11.2012 • 20 Uhr
Literarischer Salon, Universität, Königsworther Platz 1
Moderation: Conny Lösch, Übersetzung: Jutta Busch
Eintritt: € 9,- / erm. € 5,-

Ein Gedanke zu „Krimi-Kritik: „Kings of Cool“ von Don Winslow

  1. Hannah

    Toll, jetzt muss ich das Buch wohl doch lesen. 😉 Eigentlich wollte noch ein wenig warten, weil es ja auch ein Hardcover ist. Aber nun bin ich zu neugierig geworden, zumal ich ja „Zeit des Zorns“ schon sehr gut fand.

    Antworten

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