Ein finnisch-estnischer Roman – „Fegefeuer“ von Sofi Oksanen

(c) Kiepenheuer & Witsch

Seit Erscheinen stand „Fegefeuer“ von der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen auf meiner Leseliste, an einem verregneten Nachmittag an der Ostsee begann ich es dann zu lesen – und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Auf knapp 400 Seiten erzählt Sofi Oksanen anhand zweier Frauenleben das Schicksal einer Familie in Estland und Russland im 20. Jahrhundert. Die Geschichte beginnt mit einem Bündel, dass die estnische Bäuerin Aliide Truu im Jahr 1992 in ihrem Garten findet. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Bündel als junge Frau. Zara wurde in der Hoffnung auf ein besseres Leben von ihrer Freundin nach Berlin gelockt und dort zur Prostitution gezwungen. Sie konnte fliehen und ist nicht zufällig bei Aliide gelandet. Vielmehr glaubt sie, dass Aliide die Schwester ihrer Großmutter sei. Auf zwei Ebenen entfaltet sich nun das Leben dieser zwei Frauen, die vor allem ein unbändiger Überlebenswille vereint.

Vom Überlebenswillen angetrieben

Sofi Oksanen (c) Toni Härkönen

Im Estland des Jahres 1936 verliebt sich Aliide in den schönen Hans, der jedoch ihrer Schwester Ingel den Vorzug gibt. Eifersüchtig beobachtet Aliide deren Glück, und im entscheidenden Moment beweist sie Intelligenz und Überlebensinstinkt: Nachdem die deutschen Soldaten Estland verlassen haben und die Russen zurückkehren, entsinnt sie ein geeignetes Versteck für Hans. Die russischen Besatzer wollen Hans finden, aber selbst unter Folter schweigen Aliide, Ingel und deren Tochter Linda.
In Wladiwostok im Jahre 1991 trifft Zara eine gute Freundin wieder und beschließt, ihr den Westen zu folgen. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen: Sie landet in den Fängen von Pascha und Lawrenti, einem ehemaligen KGB-Spion. Mit Misshandlungen und Demütigungen zwingen sie das Mädchen dazu, für sie anzuschaffen. Zara widerfahren – wie Aliida – Brutalitäten, die bis ins Mark erschüttern. Doch niemals weidet sich Sofi Oksanen an der Gewalt oder erzählt voyeuristisch von den Details. Stattdessen folgt sie den Erinnerungen der Frauen, in denen manches fehlt, weil es zu schwer zu ertragen wäre. Sie spürt den Folgen dieses Schmerzes nach, der sich in der Körpersprache der Frauen zeigt und sie zu dissoziativen Persönlichkeiten werden lässt. Sie laden selbst Schuld auf sich, und sind Erleidende, die an die Kraft der Umkehr glauben. Dabei ist Gewalt die konstante Erfahrung zu jener und dieser Zeit. Zugleich ist auf jeder Seite dieses Romans zu spüren, wie stark ein Überlebenswille sein kann. Das ist beeindruckend und auch erschreckend.

Reinigung durch Erinnerung
Geschichte ist in „Fegefeuer“ eine zirkuläre Erfahrung, die in Estland in den 1940er Jahren ihren Ausgang nimmt und nach dem Weltkrieg, Nationalsozialismus und Kommunismus über Russland, Berlin und Finnland wieder in Estland ein Ende findet. Diesen Einblick in die Geschichte Estlands verbindet Sofi Oksanen mit den Erinnerungen von Aliide und Zara, Auszügen aus Bespitzelungsakten und Briefen zu einer durchdachten Geschichte, in der nichts zufällig geschieht. Vielmehr wird von Seite zu Seite die „Reinigung“ – so die Übersetzung des finnischen Originaltitels „Puhdistus“ – deutlicher, der sich diese Frauen durch ihre Begegnung und Erinnerung unterziehen, und zugleich erzählt der Roman dank seiner gelungenen Konstruktion auch von den politischen und ethnischen „Säuberungen“ im Estland des 20. Jahrhunderts.

(c) Kiepenheuer & Witsch

„Fegefeuer“ von Sofi Oksanen ist ein unbedingt lesenswerter Roman, der aus einem Theaterstück entstanden ist und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Außerdem wird er nach einem Drehbuch von Marko Leino auch verfilmt. Im August 2012 wird zudem Sofi Oksanens Debütroman „Stalins Kühe“ in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen.

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