Über „Der Anruf“ von Olen Steinhauer

Ein Mann und eine Frau treffen sich in einem Restaurant. Vor Jahren waren sie ein Paar. Er wollte damals mit ihr zusammenziehen, sie hat ihn verlassen. Die reduzierte Ausgangssituation in Olen Steinhauers „Der Anruf“ klingt nach einem Liebesroman. Doch Henry und Celia haben einst als CIA-Agenten in Wien gearbeitet. Damals kam es zu einer Geiselnahme auf dem Wiener Flughafen, bei der alle Insassen der entführten Maschine starben. Seither wird vermutet, dass es damals einen Verräter in dem Büro in Wien gegeben haben muss. Deshalb ist dieses Abendessen nicht nur das Wiedersehen zweier ehemals Liebenden.

Der Anruf von Olen Steinhauer

(c) Blessing

Mit zwei Ich-Erzählern entfaltet Olen Steinhauer auf jeweils zwei Zeitebenen das Geschehen: Es gibt die zurückliegenden Ereignisse in Wien und die Gegenwart in Carmel-by-the-sea. Und da Celia und Henry nicht nur miteinander gearbeitet haben, sondern auch eine Beziehung hatten, wird das übliche Spiel um Vertrauen und Verrat noch um Eifersucht und verletzte Gefühle erweitert. Das Abendessen wird zu einem nervösen Tanz, ein Abtasten und Erahnen des Wissens und der Gefühle des Gegenübers, je länger der Abend jedoch dauert, je mehr Wein getrunken und Gänge verspeist wurden, desto härter wird der Ton. Aus dem Tanz wird ein Verhör, das immer mehr Fragen aufwirft.

Im Gegensatz zu seinen vorigen Büchern konzentriert sich Olen Steinhauer auf zwei Schauplätze und zwei Figuren. Die Idee hatte er durch die BBC-Verfilmung des Lang-Gedichts „The Song of Lunch“, in der Emma Thompson und Alan Rickman ein frühes Paar spielen, das bei einem Mittagessen herauszufinden versucht, was sie damals verbunden hat. Dabei gelingt es Steinhauer sehr lange, die tatsächlichen damaligen Ereignisse und die Beweggründe von Henry und Celia in der Schwebe und um die alles entscheidende Frage kreisen zu lassen: Kann man jemandem vertrauen oder jemand gar lieben, dessen Geschäft Geheimnisse und Verrat sind?

Olen Steinhauer: Der Anruf. Übersetzt von Friedrich Mader. Blessing 2016.

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