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Rückschau: Filme 2015

Nachdem Richard Brody sie mit seiner Liste enttäuscht hat, bat mich Lena bei Twitter, eine Liste meiner Lieblingsfilme 2015 zu veröffentlichen. Und wenn der New Yorker nicht hilft, ist das Zeilenkino natürlich zur Stelle! Allerdings mache ich keine Rangliste, sondern versammle die Filme, die mich 2015 beeindruckt haben – mit einer kurzen Begründung.

(c) SPHE

(c) SPHE

Whiplash“ – Weiterhin läuft der Soundtrack sehr regelmäßig bei mir, weiterhin lasse ich mich unglaublich gerne von J.K. Simmons anschreien. Ich erkenne die Fehler dieses Films, aber verzeihe sie ihm alle, weil er mich so gepackt hat.

Cobain – Montage of Heck“ – Als erst beim Abspann „Smells Like Teen Spirit“ durch den Kinosaal dröhnte, war ich mitgenommen und ergriffen von den zwei Stunden, die ich gerade mit der Verzweiflung von Kurt Cobain verbracht habe. Mitreißend, packend und aufschlussreich. Meiner Meinung nach die beste Musikdokumentation, die ich in diesem Jahr gesehen habe.

45 Years“ – In meiner ersten Reaktion auf der Berlinale habe ich völlig unterschätzt, wie sehr dieser Film nachwirken wird. Noch immer ist für mich der Schmerz dieses Ehepaares sehr zu spüren.

Victoria“ – Mich hat dieses One-Take-Wonder mitgerissen, ich mag den Mut, die Konsequenz und die Besetzung, so dass mich einige Haken und Unglaubwürdigkeiten in der Handlung nicht stören.

„The Look of Silence“ – Schmerzvolles Schweigen in perfekt kadrierten Bildern, hervorragend montiert.

„Son of Saul“ – Hätte ich nicht gewusst, was auf mich zukommt, hätte mich der Film sicherlich richtig fertiggemacht, aber ich war vorbereitet und wurde deshalb zwar hart getroffen, ging aber nicht zu Boden.

„Rams“ („Sture Böcke“) – Die Isländer machen nicht nur Komödien, sondern auch grimmige Dramen mit Humor – und einem herzzerreißenden Schlussbild.

Drei Filme, deren Bilder mich in diesem Jahr umgehauen haben: „The Falling“ (Kamera: Agnès Godard) „Macbeth“ (Kamera: Adam Arkapaw) und „Sicario“ (Kamera: Roger Deakins)

Ein Kameramann, dessen Bilder mich in drei Filmen umgehauen haben: Magnus Nordenhof Jønck („Key House Mirror“, „A War“, „Bridgend“)

Ergänzung: Seit ich diese Liste veröffentlicht habe, überlege ich, ob auch „The End of the Tour“ hier hin gehört. Und vermutlich schon. Immerhin ist er einer der interessanten Filme über einen Autor und das literarische sowie journalistische Schreiben, den ich seit langem gesehen habe. (Und ich habe noch nicht einmal eine besondere Jesse-Eisenberg-Affinität.)

Netzschau #3

Letztes Jahr bin mit der Netzschau nur auf zwei Ausgaben gekommen – und das kann ich so nicht stehen lassen. Also will ich in diesem Jahr diese Rubrik wieder beleben und so regelmäßig wie möglich einige kommentierte Links veröffentlichen. Ich starte: heute.

Verlagswelt

Bei SteglitzMind hat Gesine von Prittwitz eine sehr interessante Gesprächsreihe mit Kleinverlagen – so sprach sie Anfang Januar bereits mit Zoë Beck und Jan Karsten von CulturBooks, deren Arbeit und Engagement ich mit Begeisterung verfolge. Sehr aufschlussreich fand ich zudem das Gespräch mit Joachim Körber, der seit 1984 die Edition Phantasia führt und allerhand aus dem Alltag eines Verlegers zu berichten hat, der nicht nur einen kleinen Verlag hat, sondern auch noch Genreliteratur verlegt. (Und den Comicbuchladen in Bonn kann ich ebenfalls empfehlen. Ich kenne mich bei Comics gar nicht aus, wurde bisher aber immer äußerst kompetent und hilfreich beraten.)

Film

Ich würde ja niemals sagen, dass xy einen Film „nicht richtig verstanden hat“, da es impliziert, es gebe ein richtig und ein falsch. Aber da Richard Brody in seinem Beitrag behauptet, „Whiplash“ würde Jazz falsch verstehen, war ich für einen kurzen Moment versucht, ihm entgegenzuschleudern, er habe den Film falsch verstanden. Ja, dass Buddy Rich vielleicht nicht das beste oder originellste Vorbild für einen Jazz-Drummer ist, erkenne ich schon daran, dass sogar ich ihn kenne. Auch gibt es noch weitere Vorwürfe, die man hier dem Film machen kann: Jazz ist anscheinend zumindest an den Drums eine ziemlich homogene, weiße Angelegenheit; es gibt keiner Improvisationen, für Hauptfigur Andrew gelten nur die Disziplin und das ‚richtige‘ Tempo. Aber dass die Anekdote über Charlie Parker falsch wiedergeben und von Andrew so übernommen wird, fügt sich doch wunderbar in den Film und Andrews Autoritätshörigkeit ein. Er kommt schließlich lange Zeit nicht auf die Idee (vielleicht sogar gar nicht), dass Fletcher Fehler machen könnte. Und das einem Film anzukreiden, finde ich ein wenig zu einfach. Zumal Brody in seinem letzten Absatz ja selbst schreibt, dass es Film über Autorität ist. Und nicht nur das: Es ist auch ein Film über unsere Leistungsgesellschaft und den Preis, den man für Erfolg bereit ist zu zahlen. Das macht den Film nicht fehlerlos – aber ihm ausgerechnet eine fehlerhafte Anekdote und das mangelnde Erfassen des Jazz anzukreiden, liefert Brody einen tollen Schlusssatz – und mir einen Grund für Empörung (und Nachdenken über Filmrezeption).

Neuverfilmungen stehe ich grundsätzlich ein wenig skeptisch gegenüber, da es meiner Meinung sehr viele Geschichte gibt, die entweder noch nicht verfilmt oder noch gar nicht geschrieben wurden. Bei Neuverfilmungen von Filmen, die ich als Kind sehr gemocht habe, teile ich Rochus‘ Einwände aus seiner Kolumne bei kino-zeit.de (obwohl ich den neuen „Cinderella“ sehr schön fand) – und sehe unter anderem dem Peanuts-Film mit sehr große Sorge entgegen. Dass nun die Muppets auf den Bildschirm zurückkehren, ruft bei mir ebenfalls keine Begeisterung hervor. Besonders schlimm hat mich aber die Meldung getroffen, dass Disney eine Live-Action – ich wiederhole: eine Live-Action – Fassung von „Pu der Bär“ produzieren will. Hier sind die meisten Filme schon sehr an der Schmerzgrenze, aber real will ich diese Helden meiner Kindheit nicht sehen. Sehr schön hat es auch Michael Cavna in der Washington Post ausgedrückt: „But seeing Tigger as a live-action character, even if it’s motion-capture hocus-pocus (“mo-ho-po”?), is just too far beyond my artistic skies, no matter the balloon commute. That’s an aesthetic hole from which I may not come unstuck.“

Eine gesunde Skepsis hege ich auch gegenüber James Francos (angeblichen) Plänen, Ellroys Underworld-Trilogie zu verfilmen. Zwar bewundere ich seine Ambitionen und seinen Mut bei den vielen Projekten, die er angeht, aber bisher haben mich die Ergebnisse nicht überzeugt. Deshalb war ich erleichtert, als ich in einem Interview vom September 2014 folgendes las: “I don’t believe a word. Nobody’s ever called me. I’ve never met Franco. I don’t think I’d know him if he walked in here now.“ James Ellroy zu dem Gerücht, dass James Franco „American Tabloid“ verfilmt. Ich hoffe, er hat zwischendurch nicht angerufen.

Kriminalliteratur
In den letzten Wochen habe ich mich einige Male sehr über die oftmals behauptete Gegensätzlich von Romanen und Krimis geärgert, in der nach meinem Empfinden stets eine Abwertung letzteren impliziert ist. Das führte bei mir zu Gedanken über Genre, Wahrnehmungen und Bewertungen, über die ich vielleicht hier noch einmal schreiben werde. Nun hat sich Zoë Beck ebenfalls einige Gedanken zur Kriminalliteratur gemacht und kommt zu dem Schluss: „Ich wünsche mir: mehr Mut bei den Autor*innen, mehr Entdeckerfreude bei Leser*innen. Und mehr den Blick nach vorn bei all den Stationen zwischen Autorin und Leserin, nicht immer nur nach hinten.“ Das sind Wünsche, denen ich mich unbedingt anschließe.

Anderen beim Lesen über die Schulter zu schauen, ist äußert vergnüglich – und im März war ich nahezu live dabei, als Nicole von My Crime Time Ellroys L.A. Quartett gelesen hat.

Fernsehserien
Bekanntermaßen mag ich die Kommissar-Beck-Fernsehreihe sehr gerne – ich bin sogar über diese sehr freie Adaption überhaupt erst zu den Büchern gekommen – und meine Lieblingsfigur ist (natürlich) Gunvald Larsson. Deshalb habe ich mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass Mikael Persbrandt nun aussteigt und sich seiner internationalen Karriere widmen möchte. Gänzlich unerwartet kommt es zwar nicht, aber ich hätte mir gewünscht, dass er die letzte Staffel zu einem Ende bringt.

Gespannt war ich hingegen auf den Neustart von „Twin Peaks“, der ja sogar in der Serie indirekt angekündigt wurde. Aber nun wurde bekannt, dass David Lynch aussteigt – und damit ist mein Interesse doch sehr gesunken. Ich vermute, damit sinkt das Surreale der Serie, wenngleich Mit-Serienmacher Mark Frost weiterhin am Projekt beteiligt ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Neustart der „Muppets“ im Fernsehen. Schon in den Filmen hat sich – so sehr ich den ersten mochte – angedeutet, dass die Muppets nostalgisch verklärt werden und damit das Anarchistische verlieren, das sie meiner Meinung nach auszeichnet. Dann soll das Geld doch lieber genommen werden, um etwas Neues zu schaffen, dass ähnlich bunt und wild ist.

Februar 2015 – Kinotipps

(c) Sony Pictures

(c) Sony Pictures

Es ist zwar schon Mitte Februar, aber für einen Kinotipp ist es ja nie zu spät. Und nachdem ich es im Januar versäumt habe, „Wild Tales“ und „Birdman“ zu empfehlen, will ich nicht unterlassen, meinen bisherigen Lieblingsfilm des Jahres hier anzupreisen. Heute startet „Whiplash“ in den deutschen Kinos, ein Film über einen Schlagzeugschüler und seinen psychopathischen Lehrer, ein Film über Besessenheit, Macht und Leistung und ein Film, der mich richtig mitgerissen hat. Trotz seiner Fehler. Er ist hinreißend gut gespielt, J.K. Simmons wird Sonntagnacht dafür einen Oscar erhalten, – und hat einen fantastischen Soundtrack. Eine ausführlichere Besprechung von mir ist bei spielfilm.de zu lesen.